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JV 238 Dienstag, den 17. Oktober 1893. 20. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 14. Oktober.

* KriegSmimster General von Kaltenborn widmet dem im 77. Lebensjahre einer Lungentzündung er­legenen ftüheren langjährigen Kriegkminister General v. Kameke, einen Nachruf, in dem eS heißt: Am Schluß einer glänzenden militärischen Laufbahn hat der Verstorbene von 1873 bis 1883 an der Spitze des KriegSministeriumS gestanden. Die Armee betrauert in ihm einen im Frieden und im Kriege an den ver­antwortungsreichsten Stellen hervorragend bewährten General, daS Kriegsministerium einen Chef, der, schlicht und selbstlos, ein Muster und Vorbild gewesen ist in unablässiger, treuer Arbeit im Dienste seiner Königs und Kriegsherrn. In hohen Ehren wird sein Andenken fortleben.

• Die preußische StaatSeisenbahnverwaltung ist seit einiger Zeit in den Kohlengebieten an der Ruhr und in Oberschlesien nicht in der Lage, dm Ansprüchen auf Wageugestelluug für Kohlen und KokS rechtzeitig vollständig zu entsprechen. Doch liegt deshalb noch keine Kalamität vor, da erfahrungSmäßig vielfach über den Bedarf hinaus bestellt wird.

* Der wirthfchaftliche Beirath für die dentfch- rnffifchen Handelsvertrags-Verhandlungen tritt dieser Tage wieder zusammen. Man schließt daraus, daß russischerseitS endlich Vorschläge gemacht worden sind, über die sich überhaupt diSkutiren läßt.

* DaS Kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Cholerafälle bekannt: In Stettin wurde bei »eiteren acht Erkrankten (davon drei gestorben) Cholera nach­gewiesen. Von den früher gemeldetm Fällen sind drei tödtlich verlaufen. In Hamburg eine Erkrankung mit tödtlichem AuSgange, außerdem unt« den früher Er­krankten ein Sterbefall.

* Der Bundesrath überwies in seiner Sitzung am Donnerstag die Eingaben bett, die Ausdehnung der Unfallversicherung an den Reichskauzlrr. In der Sitzung soll auch, wie an der Börse verlautete, die Verdoppelung der Börsensteuer beschloss« worden sein. Da es sich nicht um die einfache Wiedereinbringung des vorjährigm Entwurfs, sondern um eine neu aus- gearbeitete Vorlage handelt, so dürfte die Nachricht vo» einer definitiv« Beschlußfassung verfrüht sein.

* Die Kommission für die zweite Lesung des bürger­liche» Gesetzbuchs für das Reich, die am 9. d. M. ihre Berathnngm wieder ausgenommen Hot, verhandelt zur Zeit über daS Hypothekenwesen.

* OffiziSS wird mitgetheilt: Die durch die Blätter gehenden Meldungen über die Umgestaltung des Jrrenwesens lassen vermuthen, die diesbezüglichen Erhebung« und Vorarbeit« gestatten bereits die Auf­stellung eines vollständigen ReformplaneS. DaS ist aber noch nicht der Fall; daß in Verbindung mit einer zu- künstigen Revision der Zivilprozeßordnung auch eine erneute Prüfung der Bestimmungen über das Ent-

enHarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(143. Fortsetzung.)

„Waffnen Sie sich mit Muth! Verzichten Sie auf eine Verbindung, welche Ihnen unter anständigen Leuten Niemand verzeihen kann, und durch welche Sie sich der allgemeinen Verachtung preiSgeben. Für Sie kann und darf Lucie von jetzt ab nicht mehr vor­handen fein — Sie sind frei, retten Sie mir meine Tochter!"

„Aber ich hege gar keine Zuneigung zu Fräulein Mary!"

„Was thut's? Die Zuneigung, welche heute noch nicht vorharch« ist, wird später kommen. Uebrigens, wie viele Ehen werden ohne wirkliche Neigung ge­schlossen? Und eS sind gerade nicht diejenigen, welche unglücklich zu nennen sind!"

37.

„Mein Herr . . .“, stammelte Lucian wie wahn­sinnig vor Schmerz, „Sie begreifen wohl nicht, welch' schrecklichen Schlag Sie mir versetzen! Erbarmen Sie sich meiner! Mein ganzes Leben beruht auf dieser Verbindung, und Alles stürzt jetzt zusammen! Ich hatte mich in einen schönen Traum eingewiegt und erwache jetzt angesichts einer schrecklichen Wirklichkeit! Lassen Sie mich Athem schöpf«, laflen Sie mich weinen... lassen Sie mich leiden."

mündigungsverfahren stattfinden dürste, kann als sicher bezeichnet werden.

* Der Kaiser hat dem Fürsten von Hohenzollern telegraphisch mitgetheilt, daß der Prinz Friedrich von Hohenzollern zum kommaudircude» General des III. Armeekorps ernannt worden.

* Graf Herbert Bismarck war am Donnerstag und Freitag Gast der Kaiserin Friedrich in Hom­burg v. d. H. Die Kaiserin bekundete ein lebhafter Interesse an dem Befinden der Fürsten Bismarck.

* Die Jahresversammlung der Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke wurde in diesem Jahre am 12. und 13. Oktober in Düssel­dorf abgehalten. Sie war sehr erfolgreich und stark besucht. Zum ersten Male war auch die katholische Konfession unter Rednern und Zuhörern hervorragend betheiligt. Von dm Rednern nennen wir den Präsi­denten Oberbürgermeister Struckmann, LandeSrath Klau- euer, Weihbischof Dr. Schmitz, Pastor Cronemeyer, Direktor Ochr, Oberstlieutenant von Knobelsdorf und Pastor v. KoblinSki. Der Kongreß wurde mit einer Volksversammlung eröffnet, die glänzend verlief, fast die Hälfte der Zuhörer tonnten keinen Sitz finden und die Reden machten ersichtlich großen Eindruck auf die Anwksendm. In der Hauptversammlung vertrat der Präsident mit großem Nachdruck die Forderung, daß der Entwurf des Trunksuchtsgesetzes nicht weiter ver­schleppt und aufgeschoben werde, und daß dieser Ent­wurf im Sinne der früher vom Verein gestelltm For­derungen verbessert werde. Die Versammlung stimmte ihm einmüthig zu. Der Hauptgegmstand der Tages­ordnung bildete die Frage: WaS tömten die einzelnen Stände iu der Mäßigkeitssache thun und was haben sie gethan? Es sprachm dazu Werkmeister Zander, Pastor Dr. Meister, Pastor Grüneisen, Prof. Binz, Oberlehrer.WytzeS, Dr. Meinert und Richter Raben. Außerdem sprach Oberpfarrer MartinuS über die bis­her angewandten Ersatzgetränke für den Branntwein. Lebhafte Diskussion folgte.

* DaS bayerische Centrum hat bezüglich des herrschenden Nothstandes an die bayerische Staats- regierung folgende Interpellation gerichtet: „Welche Maßregeln außer den bereits getroffenen ist die k. StaatSregiernng gewillt zur möglichsten Abhilfe deS in mavchm Thrilen Bayerns in Folge der Trocken­heit dieses Jahres eingetretenen landwirthschaft- lichen RothstandeS weiter zu ergreifen, und ist dieselbe insbesondere gesonnen: 1. Aeiterghende Steuernachlässe und Stundung von Bodmzinsen, sowie von Holzstrichgeldem zu gewähren und beziehungs­weise die zu solcher Gewährung etwa nöthige Gesetzes­vorlage dem versammelt« Landtage zu unterbreiten. 2. Streu und Futter aus den Staatswaldungen dm durch Futter- und Streunoth heimgesuchten Land- wirthm unentgeidlich abzugebm. 3. Auf Grund der bisher gepflogenen und noch weiter mit möglichster Beschleunigung zu pflegenden Erhebungen dem ver­sammelten Landtag eine Gesetzesvorlage zu machm,

„Der junge Mann brach, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, in heftiges Schluchzen aus.

„Ich bedauere Sie wirklich", sagte Jakob Garand. „Aber zu gleicher Zeit möchte ich Sie mahnen, Muth zu fasien. Man kann nichts gegen vollendete Thai» sachen auSrichtev, eS ist also nur durchaus vernünftig, ihnen nmtbig in'S Angesicht zu schäum. Ich habe Ihnen, meute ich, einen großen Dienst erwiesen: ich habe Sie vor der Schmach bewahrt, mit welcher eine unwürdige Verbindung Sie bedeckt haben würde. Als Gegenleistung für diesen Dienst bitte ich Sie, meine Tochter zu retten. ES ist daS Glück, war ich Ihnen anbiete!"

„Und wenn ich es nicht annehmen tarnt?"

Die GesichtSzüge des falschen Paul Harmant zogen sich znsammm, und wild blitzte eS aus feinen Augen auf.

„Weshalb sollten Sie mein Anerbieten nicht an­nehmen?" rief er heftig aus. „Wenn Sie es ab­lehnen, tödtm Sie Mary, dieses Kind, welches Sie anbetet! Rein, mitt, Sie werden es nicht thun!" setzte er hinzu, indem er bittend seine Hände Lucian ent» gegenstreckte, „dies würde ein Verbrechen fein! Sie würden sich stets des Todes Mary'S anzuklagen haben! Vielleicht habe ich soeben grausam gegen Sie gehandelt, indem ich Ihre schönen Träume zerstörte, indem ich Ihr Herz zerriß, indem ich Ihnen den Abgrund zeigte, in welchen Sie sich, ohne daß Sie es ahnten, zu

wonach den durch die erwähnte Rothlage besonders bedrängten Landwirthen unverzinsliche Darlehen auf die Dauer von mindestmS 2 Jahren bewillig werden?" In Preußen Ware die Bewilligung ähn­licher Forderungen auch dringend nöthig.

Ausland.

äugte, daS einem

* Toulon, 14. Ott. Eine große Anzahl von Personen besuchte heute früh das Aomiralschiff „Kaiser Nikolaus!.". Später trafen an Bord die offiziell« Abordnungen ei», von betten diejenige des Pariser StadtratheS zuerst empfangen wurde, wobei der Präsi- dmt desfstbm, Humbert, dem Admiral Avelane die

* Er ist wohl tein Zufall, daß in derselben Stunde, in welcher Toulon von dm Hochrufen auf Rußland wiederhallte, in Petersburg im amtl chm Regierungs­blatte ein Schriftstück zum Abdruck gell takten Wasierstrahle gleicht. DaS Blatt druckt daS Vorwort der am Freitag erscheinend« französischen Prachtausgabe der Reise deS russischen Thronfolgers ab, wobei der Besuch des Thronfolgers an ben Höfen von Berlin, Wien und London erwähnt wird. Der Thronfolger habe seine Aufgabe mit großem Tatt erfüllt, nach seinem Besuch bei dem österreichisch« Kaiser sei sogar eine gewisse Annäherung zwischen dem Wiener und dem Petersburger Hof erfolgt. Für Eu­ropa, besonders für Frankreich, seien gefestigte Be- ziehungen zwischen diesen beidm Höfen im höchst« Grade wünschenswerth. Rur Frankreich Ijotie der Thronfolger nicht besucht, well der Empfang deS Cä- sarewitsch auf französischem Boden ein« gar zu stür­mischen Verlaus gehabt und die Begeisterung zu lärmend über den Kanal und den Rhein hinüberge­tönt haben würde. Diese Befürchtung diene zur Kenn­zeichnung der friedlichen Gesinnung deS Zaren, der aller vermeiden wolle, war als Herausforde­rung auf gefaßt werd« könnte.

Einladung des StadtratheS, Paris zu besuch«, über­mittele. Der Admiral dankte und fügte hinzu, die russischen Seeleute seien glücklich, nach Paris M komm«, da jeder Schritt, bett dieselben in Frankreich macht«, im Geiste von ganz Rußland begleitet würde. Auf da« Ansuch« der Präfekten von Marseille, daß daS russische Geschwader diese Stadt eb«sallS besuch« md-r, erwiderte Avelane, er werde hierüber seiner Re­gierung Bericht erstatt«. Hieraus folgte der Empfang von Abordnung« zahlreicher Städte Frankreichs, welche Geschenke überbrachten und Adressen verlasen.

* Mato Uork, 14. Oft. Gestern herrschte hier ein heftiger Sturm, welcher große Störungen im Post« und Telegrapben-Verkehr. besonders zwischen Phila- delphia, New-Jork und Washington verursachte.

* Krieg gegen das Frrimanrerthum.

Unter dieser Ueberschrist veröffentlicht der ,Osser« vatore Romano' folgende Kriegserklärung der christ­lich« Gesellschaft gegen diesen Feind der Kirche:

stürzen im Begriffe standen. Aber Sie werden mir deshalb nicht zürnen! Ich habe gehandelt, wie der Wundarzt, welcher mit Eis« und Feuer tief in die Wunde dringt, um sie zu heilen. Sie sind mir in Wahrheit Dank schuldig."

„Ich bin mir dessen wohl bewußt, mein Herr, denn mein Kummer macht mich ungerecht. Es ist wahr, der Abgrund gähnte vor mit . • • Sie haben ihn mir gezeigt, ich banke Ihnen."

Zu gleicher Zeit reichte ber junge Mann dem Elend« seine Hand, welcher sie nahm und herzlich in der ©einigen drückte, während zugleich ein Ausdruck des Triumphes über seine GesichtSzüge glitt. Er glaubte bereits des Sieges sicher zu sein.

Lucian fuhr fort:

„Sie begreifen es jedenfalls, die Wunde ist zu tief, als daß sie rasch verharscht; sie wird ohne Zweifel noch lange bluten. Ich werde Ihn« auf alle mögliche Art und Weife, natürlich so weit eS in meiner Macht steht, die Dankbarkeit beweis«, die ich Ihnen schulde; ober ich kann nicht heucheln, mein Gesicht zusammen- zieh« und den Ausdruck meiner Stimme ändern. Bitt« Sie also Mary, mir zu verzeihen, wenn ich eine Zeit lang von den Einladungen keinen Gebrauch machm kann, mit welchen sie mich vielleicht beehren wird. Wozu würde es dienen, wenn ich in ihrer Gegenwart ein düsteres Gesicht zur Schau tragen müßte, dar höchstens ihren Kummer nur noch vergrößern würde?