Beilage zu Nr. 237 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 15. Oktober 1893.
Zur Enthüllung des Hofer-Devkunales.
A AuS Tyrol, im Oktober 1893.
Spät, sehr spät, zumal für eine Z it, in der man mit Denkmälern sehr freigebig ist und sogar Revolutionäre würdig erachtet, in Erz und Stein zu verewigen, ist einem nationalen Helden und groben Patrioten, der fein Leben ließ für Kaiser und Vaterland und dessen Name mit goldenen Lettern in der Geschichte aller Zeiten prangen wird, das verdiente Monument geworden, als nachträglicher Dank seiner StammeSgenvssm und der Ehrung für den großen Todten.
Andreas Hofer, der Held von Pasfeier, der kaisertreue, für Kirche und Vaterland begeisterte Volksmann und Landesvcrtheidiger, hätte es verdient, daß ihm schon längst ein würdiges Denkmal in Erz oder Marmor an einer historisch bedeutsamen Stätte seines Kämpfers und Ringens für die Unabhängigkeit Tyrols gesetzt worden wäre. Nun ist e§ jetzt endlich geschehen, 83 Jahre nach seinem Tode, und am 28. September d. I. ist da- Denkmal am Berge Jsel, der Zeuge der Ru^mesthaten deS Sandwirthes gewesen, in feierlicher Weise ui Gegenwart Sr. Majestät deS Kaisers und zahlreicher Repräsentanten des Tyroler Volkes zur Enthüllung gelangt. Wohl hat das Monument vom künstlerisch m und ästhetisch« Standpunkte manche Anfechtung erlitten, die Auffassung des Künstlers gefällt nicht Jedermann. Dre Individualität Andreas Hofers ist nicht so wiedergegeben, wie sie sein sollte, man glaubt eher in der Natter'schen Kolossalfignr einen Brigantenchef zu erblicken, der mit theatralischer Attitüde das Banner schwingt, als den frommen, christlich ergebenen, bei allem Heldensinne doch stets einfach und schlicht gebliebenm Volksmann. Es ist auch vielfach darüber kritisirt worden, daß unter der Zahl der Bewerber just einem erklärt:n KonfessionSlofen die Aufgabe zufirl, das Hofer-Denkmal zu modelliren, und es sind üoer die Lösung dieser ehrenvollen Aufgabe die Stimmen fehr getheilt aber diese Erwägung« drängen sich zurück gegenüber der Thatsache, daß Tyrol nunmehr die Dankesschuld gegen seinen größten Helden und leuchtendes Vorbild wahrer Vaterlandsliebe und Kaisertreue abgetragen hat, und ein weithin sichtbares Denkmal seines edlen Sohnes besitzt. Wir begreifen bett Jubel, der die Theilnehmer der Enthüllungsfeier beseelte, und wir nehmen innigen Antheil an der gerechten Freude TyrolS über dieses durch die Gegenwart des Monarchen verschönerte Jubelfest, das sich zu einer großartigen und begeisterten Ovation für den nationalen Helden gestaltet hat. Gewiß hat mancher Herz höher gefchlagen, als die Hülle vom Denkmale fiel und die Gestalt deS schlichten Sandwirthes vom Passrier sichtbar wurde, der in einer schlimmm Zeit, too der Feind das Land verwüstete und es verlassen schien von Jedermann, die Fahne TywlS hochhielt und mit seinem Blute die Treue gegen Kaiser und Reich besiegelte. Es traten die alten Erinnerungen vor das geistige Auge und mit berechtigtem Stolze blickten die Tyroler Schützen zum Standbilde ihres einstigen Führers im heißen Kampfe um des Landes Freiheit empor. Gar mancher mochte im Stillen auch Betrachtungen anstellen zwischen einst und jetzt und wünschen, daß der Geist kerniger Entschiedenheit Andreas Hofers auch seine Epigone erfülle, und wahrlich dieser Wunsch hat seine guten Gründe.
Andreas Hofer war ein Mann von echter Alt« tyroler-Art, kindlich fromm und gläubig, seiner Kirche zugethan und die Priester ehrend, er vergaß niemals des Rosenkranzes und fehlte nicht am Tifche des Herrn, aber er hat nicht blos gebetet, fondern auch, wenn es galt, das Schwert zu ziehen für das Vaterland und seinen Kaiser, mit Muth und Energie gekämpft. Ec war kein Freund der Bücklinge, er anüchambrirte nicht in den Vorzimmern der Excellenzen und Minister, er war kein Streber und Hascher nach der Gunst der Hohen und nach äußeren Ehren, sondern er war und blieb ein echter Volksmann im Kampfe wie nach dem Siege, an dem sich gar manche unserer heutig« sogenannten Volksvertreter und Repräsentanten der öffentlichen Meinung ein Beispiel nehmen könnten. Andreas Hofer war auch kein Mann des Diplomati- sirens und Jntriguirens, er frug nicht erst lange, ob die Erhebung deS Volkes gegen die fremd« Bedrücker in dieser oder jener Ministerialkanzlei genehm sei, sondern er that, was er für daS Beste zum Wohle seines Volkes hielt, und ging mit aller Konsequenz und Geradheit seinen Weg. Wäre Andreas Hofer aus dem weichen Holze geschnitzt, wie so manche andere Politiker und sogenannte Volksvertreter, eS wäre niemals zu einer Erhebung des Volkes gekommen, Baye« und Franzosen hätten schalt« und walt« könn« wie sie wollten, und Tyrol würde daS Joch der Fremdherrschaft nicht abgefchüttelt hab«. Aber der Sandwirth der Pasfeier war eben ein ganzer Mann und ein Charakter in jeder Beziehung, der sich nicht locken
ließ durch Gold und Gunst, dem die Freiheit deS Vaterlandes höher stand als Judaslohn und der das einmal Begonnene auch mit aller Konsequenz durchführte, mochte es ihm auch Gefangenschaft oder den Tod bringen. Könnten wir heute noch auf folche prin« zipienfkste Volksmänner unb heldenmüthige Vertheidiger der Voikcechte hoffen? Wir wollen die Frage nicht unbedingt verneinen. DaS Bergland Tyrol birgt noch viele brave Söhne in sich, die den Geist der Entschiedenheit und Unabhängigkeit bewahrten und die Hoftr'sch« Traditionen Hochbalten. Diese Männer haben auf politischem Gebiete ernst und hart gekämpft, sie geben keine Prinzipien preis und weichen dem Liberalismus nicht um einen Zoll. Welche schwere Kämpfe hat Tyrol um die christliche Schule gekämpft, welch' zäher Widerstand wurde gegen Institutionen des Liberalismus geleistet. Aber es hat auch sehr weiche Politiker im Lande gegeben, das Hoftheolozenthum ist nicht ausgestorben, der Hauch des TaafffaniSmus hat lähmend auf dir katholische Thatkraft gewirkt und die einst berühmte Tyroler Entschiedenheit hat bedenklich nachgelassen. Möchte heute Andreas Hofer aus feiner Gruft aufstehen und auf sein Land herniederblick«, eS würde ihm viel, v'nl nicht gefallen. Die Tyroler Eigenart beginnt zu schwinden, der Liberalismus hat zersetzend gewirkt, die Sozialdemokratie nistet sich in dem einst durch und durch schwarz-gelben und stockkatholischen Lande ein und dir berusenen Vertheidiger der alten Tyroler Traditionen sind vielfach matt und lässig geworden, sie blicken mehr nach oben als nach unten, ihr Rückgrat ist biegsam geworden und eS gilt ihn« die Gunst der Machthaber mehr als die Prinzipien, dmen Tyrol seine einstige Kraft und Blüte zu verdanken hat. Da möchte man wünschen, es käme ein Andreas Hofer wieder mit seiner Ehrlichkeit, schlichten Geradheit und Prinzipientreue, ein Mann, der den offenen Kampf mit dem Gegner nicht fürchtet und der sein Herzblut dahingibt für seines Volkes Wohl. Dec Wunsch wird nicht leicht sich realisiren, aber im Angesichte seines Denk« maleS sollte man wenigstens die Traditionen deS Tyroler BolkShelden sich vor Augen führ« und darnach handeln. DaS Denkmal am Jselberge schaut nun weithin inS Land; möchte es ein Wahrzeichen werden für die Pflege der Tugend«, an dm« Tyrols kerniges Volk so überaus reich ist, möchte eS den Sinn und den Seist desselben erheb« und ihm die Leitsterne seiner Vorfahren in Religion und Vaterlandsliebe so recht vor Augen führen. Die Würdigung dieser Momente wäre die schönste Frucht der glanzvollen Feier und ein würdiges Lorbeerreis für das Denkmal am Jselberge.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(142. Korttetzung.)
36.
„WaS soll ich Ihnen antwort«!" versetzte die Arbeiterin, „ich habe weder das Recht noch die Absicht, über daS Herz Lucian's zu verfügen!"
„Sie wollen alfo nicht von ihm lass«, Sie wollen ihn mir ranben!" antwortete Mary in einem Tone, welcher nicht mehr eine Bitte, sondern eine gewisse Wildheit verrieth.
„Ich will, was Lucian will. Noch ein Mal, ich lasse ihm freie Hand."
Die Tochter der Millionärs erhob sich rasch und sagte dann mit 6eb«ben Lippen und zorngerötheten Wangen
„Sie sind also ohne Erbarmen, nicht wahr? Sie weisen mein Anerbieten endgültig zurück?"
„Ich bebaute Sie von ganzem Herzen, Fräulein, aber ich habe eS Ihnen bereits gesagt, mein Herz ist nicht verkäuflich."
Mary fuhr unter ein« Geberbe des Wahnsinns mit beiden Händen an ihre Stirn.
„Ich werde mich rächen!" sagte sie.
Dann verließ sie raschen, hastigen Schrittes daS Zimmer ihrer Nebenbuhlerin.
Lucie befand sich allein: Händeringend murmelte sie vor sich hin:
„Was sie auch gegm mich thun, was sie gegen mich in'S Werk setzen möge, verzeihe eS ihr allgütig« Gott! Sie leidet, und der Schmerz verwirrt ihre B«- nunft. Ah! Traurige Ahnungen beftiirmten mich, als Lucian damals zum «sten Male in dem Hause des Herrn Harmant sich vorstellte! Ein bös« Traum hatte mich gewarnt. Meine Ahnungen verwirklichen sich — mein Glück ist bedroht!"
Ein Schaudern faßte sie an allen Gliedern. Nach kurzem Schweig« fuhr sie fort:
„Bedroht! Nein, nein! Dies nut zu fürchten würde ja heiß«, Lucian beleidig«, eS würde ja heißen, ihn fähig halten, daß er mich nicht liebe! Nein, ich habe nichts zu fürchten! Ich kann auf die Zukunft vertrauen, fest bauen auf die Liebe Lucian's."
zu
In diesem Augenblicke ging die Thüre auf und Johanna Portier, die Brodträgerin, erschien. Sie gewahrte sogleich, daß bas junge Mädchen bleich und heftig erregt war, daß ihre Augen geröthet, und ihre Gesichtszüge verstört waren unb eilte also heftig auf sie zu, währenb sie zugleich ausrief:
„Aber was gibt'S denn eigentlich, meine Theure! Was gibl's? Ihre Augen sind mit Thränen gefüllt! Was ist denn eigentlich vorgefallen?"
Lucie eilte in die Arme Johanna Portier's und begann so heftig zu schluchz«, als Mary es eben ge- than hatte.
„Weshalb diese Betrübniß?Weshalb dieseThränen?" fuhr die Flüchtige von Clermont fort."
„Ach, Mutter Lison . ." stammelte Lucie, „man will mir die Liebe Lucian's rauben!“
„Ihnen die Liebe Lucian's rauben?" wiederholte Johanna Portier verwundert. „Ist dies möglich, mein Kind? Soll Lucian Sie nicht etwa ans ganz« Seele, aus ganz« Kraft lieben? Sollten Sie ihn fähig halt«, daß er seinem Gelöbnisse untreu wird?"
„Nein, gewiß nicht, ich halte ihn dessen nicht für fähig"
„Nun?"
„Aber man wird versuchen, ihn mir abwenbig zu machen . . . man wird ihm viel Geld ... ein ganzes Vermögen anbieten!“
„Wer soll dies thun wollm? Wer ist die Ursache Ihr« Thränen?"
„Diejmige, welche ich für das beste Geschöpf auf der Welt hielt.“
„Fräulein Harmant?"
„Ja, sie selbst.“
„Ist sie hier gewesen?"
„Vor wenigen Minuten war sie hier. Sie hätten ihr vielleicht noch in der Treppe begegnen können."
„Und was machte sie denn hi«?"
„Sie hat mir ein Vermög«, dreihunberttausend Franken angeboten, unter der Bedingung, daß ich Paris und überhaupt Frankreich verließe und mein« Ansprüchen auf daS Herz Lucian's entsage.“
Johanna Porti« zuckte die Achseln.
„Erschreckte Si- dies so sehr?" frug sie dann.
„Habe ich keine V«anlaffnng dazu?"
„Keineswegs, nicht im Geringsten, meine Theure. Die Handlung dieses jungen Mädchens ist ja nur reiner Wahnsinn! Sie haben von ihr nichts zu fürchten. Ich kenne He«n Lucian zwar nicht so lange, als Sie ihn tauten, aber immerhin lange genug, um ihn richtig zu beurteilen. Er wird nicht schwanken zwischen dem Gelde und d« Liebe, ich bürge Ihnen dafür! Setz« Sie sich also keine unnöthigen Grillen in den Kopf!“
„Er wird aber, falls « die Vorschläge adlehnt, die man ihm jedenfalls machen wird, feine Stelle »er« lieren.“ . c _.
„Gut, bann wird « eine andere finden. Seme Tüchtigkeit ist jetzt anerkannt, und eS wird ihm an Anerbieten von Stellen nicht fehlen. Sie haben also gar keine Veranlassung zur Trauer und Bekümmemiß!
„Ich wünschte nichts sehnlicher, als daß es Sonntag wäre, um Lucian Alles mitzutheil« und von ihm vernehmen zu können, daß ich keine Veranlassung zu irgend ein« Befürchtung habe.“
„Binnen drei Tagen wird eS Sonntag fein, und drei Tage vergeh« schnell. Sie w«den alsdann mit ihm sprechen unb er wird Sie schon beruhig«. Ab« einstweilen dürfen wir nicht den Muth verlier«, dazu liegt nicht der geringste Anlaß vor. Also, auf Wiedersehen meine Theure!“
„Sie wollen geh«, Mutt« Lison?"
„Ich habe meinen Rundgang beendigt unb muß zum Geschäfte zurück, um Abrechnung zu halt«."
„Werben Sie im Laufe beS Tages noch einmal vorsprechen?“ ,, ,
„Nein, ich habe noch einige Gänge für mich selbst
machen.“
„Also bis heute Abenb!“
„Ja, bis heute Abend, meine Theure!"
Johanna Porti« ließ Lucie allein.
» * * *
Wir haben Lucian in dem Augenblicke verlass«, wo er, aufs höchste über die Enthüllung bestürzt auf einen Stuhl gesunken war. Wenn er dem Millionär Glauben schenken sollte, so war also Lucie, die Tocht« der Johanna Portt«, der elend« Frau, welche zu beständig« Haft verurtheilt Word« war, wegen Ermordung seines Vaters und wegen Brandstiftung und Be- tonbung der Kaffe. Johanna Portier hatte also ihn, Lucian, zur Waise gemocht, ihn rninirt unb « liebte die Tochter bies« Fran? War eS auch wirklich wahr? Dann war eS aber geradezu ungeheuerlich.
Lucian konnte es nicht glaub«. Nachdem er sich einigermaßen von seinem ersten Schrecken erholt hatte, sagte er unter der größten Anstrengung:
„Es ist eine Berleumbung, was Sie ba sagen!" Paul Harmant lächelte.