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JW 237 Sonntag, den 15. Oktober 1893« 20. JahrglMp

FuIimerWZeitillig

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fV Hierzu eme Beilage.

Zweierlei Missionen in Deutsch-AftiKa.

Bekanntlich trat Herr Major W.ssmann vor 3 Jahren nach Niederschlagung des Ausstandes der Araber ; an der ostafrikanischen Küste wegen geschwächter Ge- j sundheit eine UrlaubSreise nach der Heimath an. Zu Brindisi hatte er eine Besprechung mit einem Bericht­erstatter der .Müchener Allgemeinen Zeitung' gehabt, an welche derselbe u. a. folgende Aeußerungen mittherlte:

„Major Wissmann betonte vornehmlich die unberechtigte und unheilsttstende politische Rolle, welche sich die englischen, wie gleichfalls die deutschen evangelischen Missionäre anmaßen, und er verglich deren intriguantes Treiben nicht eben Vortheilhaft mit den guten Werken, christlichen Einfluß, Kultur und Sitt­lichkeit fördernden Bemühungen der opferfähigen und unermüd­lich wirkenden katholischen Missionären. Während er die Letzte­ren als GrundpfeÜer der Civilisation bezeichnete, versicherte er mir, daß die englischen, wie die deutschen protestantischen Missio­näre geradezu sein Werk erschwerten und hinderten, so daß die großen auf Missionswesen verwendeten Summen in der That weggeworfen seien, ja daß diese Herren, statt zu nützen, durch ihre politische Agitation nichts wie Unheil anrichtcten

Solche Worte aus dem Munde eines pcstestantischen Stabsoffiziers gingen wie ein Feuerlärm durch's Land und er hagelte Borwürfe und Angr ffe. Unter Hinweis auf feine Erkrankung gab Herr v. Wissmann nur eine vorläufige Erklärung in der Berliner ,Post'. Bloß bezüglich deS einen Punktes, daß er den Bor­wurf der „politischen Beeinflussung" auch auf die deutschen protestantischen Missionäre ausgedehnt habe, berichtigte er die Korrespondenz. Im Uebrigen bleibe er bei seiner Behauptung stehen, wobei er bemerkte: „Ich weiß, daß alle Kenner Afrikas, Kaufleute, Forscher und Soldaten, Deutsche, Engländer oder welcher Na­tion sie auch angehören, mit mir in alle erwähnten Punkte übereinstlmmen. Biele Andere haben sich in diesem Sinne geäußert, Biele haben er Unterlasten, um nicht in eine unbequeme Polemik hineingezogen zu werden. Ausführlicher wie in Brindisi äußerte er sich in der Zuschrift an die ,Post' über seine persönlichen Erfabrungen wie folgt:

„Das Hauptmoment meines Gespräches bildete der Werth der Missionen als jetzt bestehender Kulturfaktoren in Deutsch- Ostafrika. In diesem Punkte verdient ohne Zweifel die katho­lische Mission bei Weitem den Vorrang und zwar sprach ich meine Ansicht dahin auS, daß hieran nicht nur das lange Be­stehen und die große Erfahrung der katholischen Missionen Schuld trägt, sondern auch die Leitung derselben. Die Diszi­plin der katholischen Kirche scheint mir ein Hauptfattor für die Erfolge der römischen Missionen zu sein; der Umstand, daß die katholischen Missionäre hinausgehen, um bis an ihr Lebensende zu wirken, und die Thatsache, daß der Kultus der römischen Kirche mit seinen Aeußerlichkeiten den Wilden leichter einen Eindruck hinterläßt, als die nüchternen Formen der evangelischen Religion, begründen die bei weitem größeren Erfolge der rö­mischen Missionen. Jeder Kenner der Afrikaner oder wilder Völker überhaupt wird mir beipflichten, daß ein Berständniß der christlichen Religion der Liebe bei den Völkern aus derartig niedriger Kulturstufe nicht zu erwarten ist, daß also der richtige Weg für die Missionen der sein muß, daß man den Wilden zu einem höheren Wesen erzieht und ihm dann das Berständniß für die Religion beizubringen sucht ... Ein anderer äußerst wichtiger Punkt der großen Erfolge der römischen Missionen ist das von vielen Seiten angegriffene Ankäufen von Sklaven-Kin- dern. Zunächst ist schon an und für sich dieses Vorgehen ein gutes Werk, wenn man bedenkt, was sonst aus den weit von ihrer Heimath weggeschleppten Kindern werden würde, und dann setzt büfer Kaufgang allein die Missionen in die Lage, noch zu leitende, zu formende Wesen derartig in ihre Obhut zu bekom­men, daß etwas aus ihnen zu machen ist. Ich kenne keine evangelischen Missionen in Aequatorial-Ostafriko, die derartiges Material für ihre Arbeit zur Verfügung hätten. Selbst da, wo evangelische Missionäre Eltern dafür bezahlten, daß sie ihre Kinder zum Unterricht, wenn auch nur auf Stunden, den Mis­sionären überließen, waren doch keine Erfolge zu erzielen. Ich habe junge Missionäre kennen gelernt, die in Afrika angekom­men, einzig ans diesem Grunde, weil bitter enttäuscht, sich wie­der in die Heimath wünschten, wo ihnen ganz andere Aufgaben eine lohnendere Arbeit versprächen."

Nach einigen Wochen erschien in Berlin die ange­kündigte Schritt W ssmannS gegen die auf ihn loSge- laflenen Angriffe. Neues enthielt die Schrift nicht, aber er wiederholte den Gedanken, bei dem Vergleich zwischen protestantischen und katholischen Missionen verdienten letztere den Borzug. Der Zorn auf pro­testantischer Seite war maßlos. Die Gefühlsrohheit der zahllosen Zuschriften zog dem leidenden Manne einen neuen Fieberanfall zu. Widerlegt wurde Herr Wissmann ausschließlich durch Schmähungen auf die katholische Kirche; doch die katholisch; Pc'sse kam ihm kräftig zu Hilfe mit einer Wolke unverdächtiger Zeugen, fast aurnahmSlok protestantischer Afrikakenner. Einer derselben hatte eben noch über einen Autflag nach Bagamoyo geschrieben: „Die neuen und zweckmäßigen Methoden deS Feld- und Gartenbaues, der Handwerke

und Fertigkeiten, welche die Väter Pflegen, die ärztliche Hilfe, welche sie jedem Neger gewähren: dies Alles wirkt auf die Schwarzen viel stärker und nachhaltiger als Jahre langer Predigen und Ermahne». Welch' hohe Achtung die Mission in Bagamoyo genießt, zeigte sich am deutlichsten bei dem jetzigen Aufstande, wo die arabischen und schwarzen Insurgenten während der wüthendsten Kämpfe um Bagamoyo die nahezu wehr­lose Mission völlig ungestört ließen und ihren Boden nur als letzte Zuflucht benutzten." Der Reisende kam dann zu einer englischen Missionsstation: Hier sei Alles anders, von ausgedehnteren Kulturen ist nichts zu bemerken; die Patres von Bagamojo würden ein kleiner Paradies daraus machen, wenn die Station, wie eS hieße, an sie verkauft würde. Von besonderem Interesse sind dann auch die Nachweise aus den eng­lischen Blaubüchern, daß mit Maßregeln zur Unter- drückung deSSklavenhandels betraute britische Gesandten katholische Missionen bevorzugten und mit Staats­geldern unterstützten.

Selbst die ,Kölnische Zeitung' hatte damals einer warmen Anerkennung, namentlich der „französischen Mission von Bagamoyo", ihre Spalten geöffnet, sie sagte dabei: er herrsche Einstimmigkeit darüber, daß die Leitung dieser französischen Missionen, sowohl der ost- wie der westafrikanischen eine musterhafte fei. Viele Hunderte von Sklaven und Waisenkindern seien zu nützlichen Mitgliedern erzogen worden; die Zahl der in der französischen Mission ausgebildeten Hand­werker ist Legion. „Auch der Nichtkatholik", sagt die Berliner,Post' muß das Wirken dieser frommen, wohl- thätigen Männer segnen. Dasselbe erkannte auch Emin Pascha an. „War die Missionen betrifft", schreibt er, „so habe ich nur solche im Sinne, die, statt ihren Zöglingen nur mechanisches Bibellesen beizubringen, und sie auf Kosten frommer Seelen in Europa mit karrirten Hose» zu versehe», tijnen nützliche Kenntnisse btibringen."

- Dieser Unterschied zwischen katholischen und pro- tjüantifchen Missionen ist wohl selbstverständlich. Die Reformation Hal üus den Pnestenr „Diener ovuWorr gemacht bei ihrer Gemeinde als Trägerin des „allge­meinen PriesterthumS", zur Heidenmission haben sie eigentlich gar keine Sendung, und man muß gestehen, daß ihnen die praktischen Zumuthungen Wissmaun'S und der ganzen Reihe ihm zustimmenden Afrikakennerv mit Recht als ungehörig erscheine» können. Zur ächten Mission bedarf eS vor Allem der unbedingten Hingabe an den Lebensberuf, wie bei den katholischen Orden. „Der Streiter Christi", sagt die päpstliche Enciklika vom 17. Juli 1890, „verläßt sein HauS und sein Vaterland, um, von keiner anderen Liede mehr in An­spruch genommen» dem so edlen und göttlichen Dienste sich zu weihe», welchem er seine Kräfte und sein Leben hingegeben". Der protestantische Missionar geht »u» einmal ganz anders in die fremde Welt hinaus, als der katholifche, und über seine Ausdauer vermag er vielfach selber nicht zu bestimmen. Dazu bedürfte eS insbesondere des CölibaiS. Er aber ist nicht frei und nimmt meist schon eine» ganzen Ballast persönlicher Sorgen mit. ES mag ja sein, daß auch evangelische Misfionäre mit der Absicht hinauSgehen, ihr Leben in Afrika zu beschließen; immerhin bieten dafür die katho­lischen Brüder, die allen Freuden dieser Welt und deS Familienlebens entsagt haben, eine größere Gewähr als Erstere, die entschieden minder seßhaft sind, weil sie später die Sehnsucht nach einem Weibe wieder in die Heimath treibt; oder die Rücksicht auf die Gesundheit von Weib und Kind sie zwingt, die bisherige Stätte ihrer Thätigkeit mit einer anderen zu vertauschen." Um dieselbe Zeit, als diese Worte gleichfalls aus der Feder eines protestantische» AfrikaforscherS flössen, schrieb der Kanonikus Taylor in London über die Erfahrungen in seinen Kreisen: „Hätte St. Paulus vor Antritt seiner MissionSreisen mit St. Jakob und einem Ausschuß in Jerusalem stipulirt, ihm einen vierteljährig zu be- zahlenden JahreSgehalt auSzuwerfen, und sich einen Bungalow (Fächer), einen Porywagen und eine Frau auSbeduiige», so würde er die Weltgeschichte schwerlich verändert haben." , ,

Aus deutschen Missionen in Afrika haben bis fetzt weniger derlei Klagen verlautet, obgleich es unange­nehmes Aufsehen machte, als vor Jahr und Tag im Berliner .Reichsboten' eine Anzeige erschien, worin em Missionar in Südafrika für seine zwei Tochter eine Lehrerin mit 800 Mark G chatt und freier Station luchtt. Sh-

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Ostöber.

* Als Tag der Reichstags eröffnung wird jetzt der 21. November genannt. Bisher trat der Reichstag in der Regel im ersten Drittel deS November zu­sammen; offenbar waltet der Wunsch ob, dem Parla­ment gleich bei seinem Zusammentritt die Steuervor- lagm unterbreiten zu können.

* Den Nachrichten über eine Erhöhung deS MarineetatS setzt die ,Nordd. Allg. Ztg.', wie schon erwähnt, in einem hochosfiziösen Artikel eine Art De­menti entgegen, welches in der Hauptsache darauf hin- auSgeht, „daß die Mehrforderunge» das durch die planmäßige Fortentwickelung der Marine bedingte normale Maß nicht überschritten werden" und „daß im Bereiche der Marineverwaltung ebenso wie in den anderen ReichScessorts, mit Rücksicht auf die Finanz­lage, die Ansätze auf daS durchaus Erforderliche be­schränkt werden". „Die Gesammtforderungen an ein­maligen Ausgaben werden den Betrag, welcher in dem Etatsentwurf für daS laufende Jahr zum Ansatz gekommen war, nicht übersteigen und bei den darunter einbegriffenen SchiffSbauten sogar nicht unerheblich dagegen zurückbleiben." Wenn die Regierung glaubt, mit dieser gewundene» und aus Schrauben gestellten Erklärung die öffentliche Meinung beruhigen zu können, so gibt sie sich einem fchweren Jrrthum hin. Was ver­steht denn die Marineverwaltung unter „planmäßiger Fortentwickelung der Marine" und unter „normaler Maß?" Für die „planmäßige Entwickelung" der Marine hatte die Regierung im Etatsentwurf für das laufende Jahr eine Reihe von großen Forderungen gestellt, von denen der Reichstag mit großer Majorität abgelehnt hat: die erste Rate für ein neues Panzerschiff im Ge- fammtbetrage von 12,580,000 Mk.» zwei Panzerfahr­zeuge, die Kreuzerkorvette K, einen Kreuzer und einen Avifo, sowie die Forderungen für zwei große Trocken­docks auf der Werst zu Kiel, die 17 Millionen Mark koste» fällten. Das offiziöse Dementi, welches.nur von bem vorjährige« (Stets entwurf, nicht von den Etats» Bewilligungen spricht, deutet offenbar a», daß die vom Reichstage abgelehnten Marineforderungeu im neuen Etat wieder erscheinen werde». DaS Extra- ordinarium des EtatsentwurfS (einmalige und außer­ordentliche Ausgaben) belief sich auf 40 Mill. Mark, wovon der Reichstag 31 Millionen bewilligt hat; jetzt follm wir uns damit trösten, daß das Extraordivarium den Betrag von 40 Millionen nicht überschreiten werde. Allem Anscheine nach will man seitens der Marine­verwaltung versuchen, alle im vorige» Jahre abge­lehnten Forderungen für die Marine im neuen Reichs­tage durchzudrücken. Die Ankündigung der „plan­mäßigen Fortentwickelung" der Marine ist auch keines­wegs unbedenklich. Zu dem im Januar seitens deS Marine-StaatSsekretärS Hollman» entwickelten Plan gchörte auch der Neubau von fünf großen Panzer­schiffen, welche mit einem Kostenaufwand von 100 Mill. Mark, innerhalb der nächsten 6 Jahre her gestellt werden sollten, und neue Pläne sind erst vor Kurzem dahin aufgetaucht, die Kriegsflotte durch leichtbewegliche Hoch- fee-Kreuzer zu verstärken. Und wenn der Etat nicht alle Forderungm der Marineverwaltung er­schöpft, wer bürgt denn dafür, daß nicht eine beson- bete Marine-Vorlage nach Art der Militärvor­lage die „planmäßige" Fortentwickelung der Kriegs­flotte zum Ausdruck bringen soll?

* Das Kaiserl. GesundheitS - Amt macht solgende Cholera-Fälle bekannt: In Stettin wurde bei sieben zwifchrn dem 4. und 9. Oktober erkrankte» Personen (davon eine gestorben) Cholera nachgewiesen. In Krotz- Wiek bei Stettin ein tödtlich verlaufener Krankheitsfall. Der in Nr. 243 des .Reichsanzeigers' für Grabow a.O. gemeldete Kranke ist gestorben. In Hamburg eine Neu»

* Die Kommission für die zweite Lesung deS büraerliche« Gesetzbuchs für das deutsche Reich ist seit Änsang dieser Woche wieder in Berlin versammelt. Im verflossene» Monat fanden nur komm,ffarische Borberathungen statt; das Plenum selbst tagte nicht. Ob wir wohl das Zustandekommen deS RerchS-Civil- GesetzbuchS noch erleben werden? Die Vorbereitungen haben nun nahezu ei» Dutzend Jahre in Anspruch ge­nommen.

* Ein evangelisches Predigersemmar soll, tote schon erwähnt, nach einem Plane des Kultusministers in jeder Provinz eingerichtet werden, sobald die