JW 236 Samstag, den 14. Oktober 1893. 20. Jahrgang
FiMerMZeitnng
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-Gr. Zur Lage der niederen Kramte».
Man schreibt Friedrich II. den Satz zu, das Volk müsse leben, aber frugal. Da ihm Vieles zugeschrieben wird, woran er nicht gedacht, so wollen wir keineswegs behaupten, daß er den Satz gesprochen, aber da- behaupten wir, daß er in Deutschland ziemlich allgemein zur Maxime geworden ist. Vorab in Preußen waren nicht bloß die niederen Kategorien der Beamten ungenügend salärirt, sondern auch diejenigen Beamten- Klassen, die eine Vorbereitung forderten, womit man die höchsten Stufen ersteigen konnte, waren auf den unteren Stufen schlecht bezahlt, während die höheren Stufen sehr gut, meistens besser als anderswo dotirt waren.
Daß das ein gesundes volkSwirthschaftlicheS Prinzip ist, wird wohl heute Niemand mehr zu behaupten wagen. ES mag seither seine schlimmen Seiten noch nicht so hervorgekehlt haben. TS wird sie aber um so mehr hervorkehren, je stärker der unleugbar vorhandene materialistische Zug der Zeit austritt. Früher herrschten vielfach andere Ansichten, die gesicherte Lebensstellung, die Aussicht auf ein ruhiges Alter versüßten bei den niederen Beamten-Kategorien auch frugale Brocken. Dazu kam daun noch die Ehre, im besondere« Dienste deS Königs zu stehen; daS galt ja in den patriarchalischen Zeiten sehr viel und jeder Kanzleidiener bildete sich ein, er sei der Vorgesetzte deS verehrlichen Publikums, das versöhnte schon in etwas mit der Thaisache, daß nur an Sonn- und Festtagen, namentlich aber am Königs Geburtstage, Fleisch auf den Tisch kam.
Kidlich dürfen wir nicht als wichtigen Faktor die Religion außer Acht lassen. Der Glaube lehrte Katholiken wie Protestanten, daS eigentliche Ziel der Men- schm jenseits der Grabes zu suchm. Es gab für ihn Höheres, die Tugend hatte einen sehr realen Werth und in Folge dessm trat der Werth der materiellen Gmüsse fckbstredend um Vieles »ehr in dm Hintergrund. Auch die Möglichkeit, sich die Protektion eines höheren Vorgesetzten zu erwerbm und mit seiner mächtigm Hilfe die Kinder in die Höhe zu bringm, lag nahe, und so wirkten sittliche und materielle Beweggründe zusammen, um diese niederen Beamten-Kategorien mit ihrem bescheidenen Loose zufrieden zu stellen.
Aber wenn aus diesen außerhalb deS Prinzips liegenden Zufälligkeiten üble Folgen lange hintanaehaltm wurden, fo wird dadurch daS Prinzip dieser frugalen Beamten-Äesoldungen volkSwirthschaftlich noch nicht richtig. Wir halten trotzdem dafür, daß der Staat, welcher die volle Kraft und Thätigkeit deS ManneS in Anspmch nimmt, diesen unter allen Umständm so stellen müsse, daß er mit seiner Familie ein sorgenfreie- AuSkommm habe, denn die Arbeit muß ihrm Mann nähren. Und wenn er sich um Stellen handelt, für welche der Staat eine besondere Vorbildung verlangt, dann muß er nach billiger Schätzung die Aufwmdungen dafür an Zeit und Geld bei Bemessung der Erhaltes über daS bloße Existenz-Minimum hinaus in Anschlag bringen. Er darf niemals darauf re flektirm, ob seine Beamten persönliches Vermögen besitzen; denn daS geht ihn nichts an; und
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(141. Fortietzung.)
Im nämlichen Augenblicke, wo diese Szene sich in Courbevoie in dem Kabinette deS Industriellen vorfiel, hielt ein herrschaftlicher Wagen vor dem Hause Quai Bourbon Nr. 9, wo Lucie wohnte.
Mary verließ den Wagen, begab sich unter dar Thorgewölbe, durchschritt den Hof und frug dann die Schließerin:
„Ist Fräulein Lucie zu Hause?"
Auf die bejahende Antwort ging Mary die Treppe hinauf und klopfte an die Thüre der Arbeiterin.
Lucie war wie gewöhnlich mit ihrer Arbeit beschäftigt. Sie legte den Stoff, welchen sie gerade in den Händen hatte, neben sich auf den Arbeitstisch, verließ ihren Sitz und öffnete. Als sie Mary'L ansichtig wurde, deren verletzende Worte sie keineswegs ver» geffen hatte, prallte sie mit Erstaunen, fast mit Schrecken zurück.
„Sie . . . Fräulein ... Sie, bei mir!" stammelte sie.
Damit that Mary zwei Schritte vorwärts. Sie schien ruhig, aber fest entschloffen zu sein.
Lucie sagte, um ihre Fassung in etwa wiederzu-
er darf ebenso wenig in Anschlag bringen, daß damit dem Amte verbundene Ansehen den Beamten bestimmen könne, mit geringerem Gehalte zufrieden zu fein und dak ©einige mit Rücksicht auf die Stellung in der Gesellschaft zuzusetzen.
Der Staat darf ebenso wenig den Grundsatz des Angebots und der Nachfrage, welcher fonst auf dem ArbeitSmartte herrscht, bei der Bemessung seiner Gehälter in Rücksicht ziehen; wenn er auch um billigeren Lohn Beamte finden kann, so darf dar für ihn kein Grund sein, die Gehälter niedriger zu setzen. ES ist ja Thatsache, daß um jede auSgebotene Stelle sich Dutzende, ja selbst Hunderte von Bewerbern melden; daraus kann man höchstens auf eine Verschlimmerung der volkswirthschaftlichen Zustände im Allgemeinen schließen und den Bortheil einer größeren Auswahl auS- nutze», aber bei dem Ausmaß seiner Gehälter hat der Staat als Minimum die Bedürfnisse einer Familie von einer mittlere« Zahl Köpfen zu berücksichtigen.
Heute treten bereits ganz andere Folgen zu Tage, als Ersparnisse für den Staatssäckel. Die altberühmte preußische Sparsamkeit bewährt sich nicht mehr in dem Maße, wie früher. Der materielle Zug der Zeit bringt selbstverständlich auch da» Streben nach materiellen Genüssen, und es liegt auf der Haud, daß man da, wo die ordentlichen Gehaltsbezüge nicht au-reichen, weniger geneigt ist, die Lebenshaltung herunterzuschrauben, als vielmehr diese Bezüge auf außerordentlichem Wege zu erhöhen.
DaS erste unter Umständen ganz unschuldige Erhöhungsmittel ist daS Trinkgeld, und wenn einzelne Spitzen von Beamtenkategorien bereits gegen das Trinkgelderwesen mit Verboten eingeschritten find, so muß dasselbe doch eine bedenkliche Höhe bereits erreicht haben. So liegt z. B. das Verbot für die Briefträger vor, welches fogar für den Fall der Annahme von Neujahrstrinkgeldern Dienstentlassung androht. Man hat da Oben gut reden, wo sich die Gehälter nach Tausenden von Thalern bemessen, und man würde sich sehr täuschen, wenn man dort der Ansicht huldigte, der untere Beamte halte mit Vergnügen die Hand auf, um ein Sefchenk in Empfang zu nehmen. Jedermann besitzt einen gewissen Stolz, und wer den Tag über arbeitet, der empfindet eS als eine Kränkung, wenn er die Hand aufhalte« soll, um sich etwas schenken zu lassen. Wer arbeitet, hat ein Recht, zu essen, und zwar nicht bloS Brod, sondern auch von den andere« Speisen, welche die Erde hervorbringt. ES ist ei» demüthigendeS Gefühl, daß die geleistete Arbeit nicht hinreichen soll, dieser berechtigten Forderung Genüge zu verschaffen. Betrachten wir aber die Gehälter, vergleichen wir damit die Preise der Wohnungen und der Lebensmittel, so könnm wir unS nicht verhehlen, daß hier ein Mißverhältniß obwaltet, das in der freiwilligen Selbstbesteuerung desjenigen TheilS deS Publikums, welches vorzüglich auf die Thätigkeit deS bett. Beamten angewiesen ist, ausgeglichen wird.
Wir billigen eS, daß man alles Trinkgeldernehmen verbietet; denn eS ist von den nacht heiligsten Folgen begleitet. Wenn es im Anfänge ein ganz unschuldiges
gewinnen: „Sie kommm gewiß, um zu sehen, ob ihre Kostüme fertig sind?"
Mary schüttelte den Kopf.
„Rein", sagte sie dann, „ich bin gekommen, um mit Ihnen über eine sehr ernste Angelegenheit zu sprechen."
„Eine sehr ernste Sache!" wiederholte Lucie, die sich einer wachsenden Unruhe nicht erwehren konnte.
„Ja. Wollen Sie mit gestatten, Platz zu nehmen?"
„Gewiß, gewiß," rief das junge Mädchen aus, indem sie Mary einen Stuhl binschob, „ich wat so erstaunt, daß ich die einfachsten HöflichkeitSformen ganz übersah, Sie begreifen dies."
„Gewiß, ich begreife es und entschuldige eS gerne."
Die Tochter des Millionärs nahm Platz, blickte dann der Arbeiterin fest in'S Auge und begann plötzlich die Unterhaltung mit den Worten:
„Sie haben mir gefugt, daß Sie Waise seien?"
„Ja, Fräulein."
„Also, ohne Vermögen, natürlich, ohne andere Mittel, als diejenigen, welche Ihnen angestrengte Arbeit bietet ?"
„DaS ist wahr, aber ich bin gleichwohl glücklich."
„Glücklich!" wiederholte Mary in saft spöttischem Tone. „Ich möchte eS einigermaßen bezweifeln?"
„Ich versichere es Ihnen," begann Lucie.
Geschenk ist, so führt eS im Verlaufe dahin, daß der Beamte denjenigen am raschesten und besten befördert, welcher ihm Trinkgelder bezahlt oder von dem er Trinkgelder erwartet, und daS führt wiederum dahin, daß Jeder, der eine schnelle Md pünktliche Beförderung wünscht, Trinkgelder geben muß, und diejenigen Geschäfte, welche keine Trinkgelder abwerfen, bleiben dann liegen.
Aber die Ergänzung dieser Verbotes, Trinkgelder anzunehmm, ist ein ausreichendes Gehalt. Wenn es daran fehlt, so heißt daS vom die Leute auf Trinkgelder anweisen, «nd hintennach sie verbietm; und daS ist denn doch unter anständigen Menschen kaum zulässig.
ES darf unS nicht Wunder nehmm, wenn in jenen Beamtmkreism die Sozialdemokratie um sich greift. Die Dämme, von benen wir oben gesprochen, welche ein selbst dürftiges Lebm der außergewöhnlichen Vervollständigung der Bezüge gegenüber als Vorzug- licher erscheinen ließm, sind nicht mehr in dem Maße vorhanden. Man strebt mehr nach Genuß, unb wenn bie Genüsse sich auch immer in bescheidenen Grenzen halten gegenüber dem von Obm gegebmm Beispiele, so übt daS doch eine bei Weitem größere Anziehung aus und führt praktisch zu dm von un8 beklagten Mißständen. ES ist doch gewiß nicht gleichgültig, ob die niederen Beamtenkategorien mehr oder minder der Sozialdemokratie in die Arme fallen oder nicht. Wir stehen bereits auf einem Vulkane, dessm Decke viel dünner ist, als mMche ahnm. Aber da muß bei mtS ieptidje» Ressort Erträgnisse liefern, und daran fchettert wie eine Menge Kulturaufgaben auch die Verbesserung der Lage der unteren Beamtm. Wir brauchen u«S nicht näher darüber auSzulassm, wamm Alles Erträge liefern muß; wir wissen ganz genau, wie sehr uns der Kommisstiesel drückt, aber über die Gefahr, welche aus dieser Lage der niederen Beamtenkategorien der Gesellschaftsordnung droht, dürfen wir deshalb doch kein diskretes Schweigm beobachten.
Deutsches Keich.
Berlin, 12. Ottober.
* Der Tod hält reiche Emte unter dm preußischen Generalen: kaum ist gestern General v. Versen zur Ruhe bestattet, da trifft heute die Nachricht ein, daß der ehemalige KriegSminister v. Kameke plötzlich hier im „Hotel zu den 4 Jahreszeiten", wo er seit einiger Zeit weilte, verschieden ist. General v. Kameke ist am 14. Juni 1817 geboren, er hat mithin ein Alter von 76 Jahrm 4 Monaten erreicht.
* Die Grönland-Expedition der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin ist gestern nach l'/zjähriger Abwesenheit glücklich in Frederikshave (Sattegatt) eingelaufen. Die Expedition war speziell zum Studium der volarm Gletscherwelt auSgesaudt.
* Die deutsche Handelsmarine hat wiederum Zuwachs zu verzeichnm. Der Norddeutsche Lloyd in Bremen hat vor kurzem abermals eine neue Linie nach Amerika eingerichtet. Die (Roland-)Linie geht von
„Es mag die« Ihre Ansicht sein", fiel ihr Mary in'S Wort, „aber ich kann'- nicht glaubm. Sie mögen sagen, waS Sie wollen. Nun wohl, hörm Sie, Waich Ihnen sagm möchte: ich bin reich . . . sehr reich . . . ich will Ihne» Ihre Zukunft sichem."
Immer wmiger begriff dir Braut Lucian'-, war Maty sagm wollte, und sie konnte au- den Worten, welche sie bis jetzt gesagt hatte, bett Zweck ihres Besuches bei ihr nicht errathm.
„feie wollen meine Zukunft sichem?" stammelte Lucie.
„Sa.“
„In welcher Art und Weise?"
„Auf bie einfachste unb bequemste Art und Weife. Ich biete Ihnen ein Kapital von breihunberttausend Franken an."
„Ist sie wahnsinnig," frug sie sich.
„Habm Sie mich verstauben?" frug Fräulein Har- mant.
„Ich habe ei gehört, aber ich verstehe eS nicht."
„Weshalb ich Ihnen ein Vermögen anbiete?"
„Allerdings."
„Sie dmken vielleicht, daß ich in dem Augenblicke wo tch zu Jhnm spreche, nicht dm Gebrauch meiner Vemunft besitze, nicht wahr?"