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Freitag, den 13. Oktober 1893.

20. Jahrgang

uldaerMZeitiiiig

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W. Das Gewerbe der Goldschmiede eiust und jetzt.

Die Organisation des Handwerks in einer den heutigen Verhältnissen entsprechenden Weise ist und bleibt eine entschiedene Forderung aller derjenigen, welche es mit der Gesellschaft gut meinen. Darüber, wie die Organisation geschehen soll, gehen die Mein­ungen sehr auseinander. Dir Einen wünschen eine mehr oder weniger enge Anlehnung an die alten Zunft- ordnungm, ohne daß sie einzelne veraltete oder unhalt­bare Bestimmungen heute noch wiederhergestellt wissen wollen. Andere dagegen sind gegen Alles, was an die alten Genossenschaften erinnert, so sehr eingenommen, daß sie kaum den Namen Zunft hören können, ohne in die größte Aufregung zu gerathen. Die Leute hrben sich vollständig in den Gedanken hineingelebt, daß die Zunft eine fürchterliche Zwangsanstalt, eine Feindin jeglicher Freiheit und jeglichen Fortschritts gewesen sei. Deshalb erschrecken sie schon, wenn sie nur den Namen Zunft, Innung usw. hören. So ferne eS uns liegt, die Entartungen des Zunftwesens in der letzten Zeit vor seiner Aufhebung zu vertheidigen, so sehr scheint eS geboten und zeitgemäß, auf quellen­mäßige Darstellungen der alten Handwerkerordnungen zu verweisen. Denn diese Arbeiten strafen die land­läufige Vorstellungen über die mittelalterlichen Zünfte Lügen, bieten aber für die zukünftige Organisation des so wichtigen Handwerkerstandes sehr beachtenswerthe Fingerzeige,

Im Jahre 1887 veröffentlichte F. Crull eine quellenmäßige Geschichte über „DaS Amt der Gold- schmiede in WiSmar". Gegen dm Verfasser, einen hochangesehenen protestantischen Gelehrten in WiSmar, kann wohl nicht der Borwurf erhoben werden, daß er in mittelalterlichen Vorurtheilen befangen, der Wahr­heit nicht die Ehre gebe.

War sagt nun Crull über die Entstehung der alten Innungen? „Die Zünfte sind so wenig wie dar Ritter- thum von einem Einzelnen erdacht oder aus legis­latorischen Akten oder konstituirend^n Versammlungen hervorgegangen. Das Bedürfniß führte die durch gleichen Betrieb verbundenen Handwerker zusammen und die so entstehenden Gruppen nahmen vermöge der Ocganisationsfähigkeit der mittelalterlichen Welt als­bald feste Normen an und entwickelten aus ihrm Ge­wohnheiten bindende Satzungen." Zwei Gedanken ver­dienen hier Beachtung: nicht von oben her, durch StaatSgesetze, wurden die Zünfte ins Leben gerufen, sondern durch den natnrgemäßm Zusammenschluß der Gewerbegenoffen; das Mittelalter hatte in seinem Glaubensleben ein mächtiges Mittel, die Genossen der einzelnen Gewerbe zeitgemäß zu organisiren. Mit dem Verluste der Glaubenseinheit mußte auch die Organi- sationSfähigkeit Einbuße erleiden. Nachdem Crull genau dargelegt, welche Vorbedingungen der Geselle erfüllen mußte, um Meister zu werden, faßt er sein Urtheil in folgenden Sätzen zusammen: „Man siebt, daß früh- zeitig und gewiß schon, ehe urkundliche Beweise dafür

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(140. Fortsetzung

Samant fuhr, fort: „Ich habe es Ihnen bereits gesagt, heute wiederhole ich eS Ihnen. Ich habe Sie gebeten, sich die Sache zu überlegen. Ich habe Ihnen vorgeschlagen, Sie in mein Geschäft als Theil- haber aufzunehmen, zugleich Ihnen die Hand meiner Tochter zu geben. Heute biete ich Ihnen mein Ganzes Vermögen, wofern Sie mein Kind retten! Die Eifer­sucht verschlimmert ihr Ueöel nur noch. Weisen Sie sie zurück, so ist Alles vorbei. Wül sie, ohne Sie zu kennen, und zu einer Zeit, wo sie zu Ihnen noch nicht die geringste Zuneigung hegte, Ihre Fürsprecherin ge­wesen ist und ihren Einfluß bei mir benutzt hat, um Ihnen in meinem Hause eine Stellung zu verschaffen, welche Ihnen Ihre Zukunft sicherte — sollten Sie deshalb, sage ich, nicht einige Dankbarkeit gegen sie hegen? Sollten Sie wirklich kein Mitleid fühlen! Wollen Sie sie sterben lassen, und dies wegen des Mangels eines Bischen Liebe? Weigern Sie sich, sie als Gattin anzunehmen?"

„Herr Harmant", rief St-ran in schwer zu be­schreibender Erregung aus, „Wenn Sie wüßten, welches Herzeleid Sie mir verursachten! Wenn Sie wüßten, wie sehr ich gelitten habe seit dem Augenblicke, wo die

I vorliegen, daS Amt der Goldschmiede sorgfältig darauf • bedacht war, nur solche Leute in seine Mitte aufzu­nehmen, welche dem Charakter nach vorwurfsfrei, ihrer Thätigkeit nach leistungsfähig und bezüglich ihres Ver­mögens sicher waren, und daß der Rath dasselbe in diesem Bemühen bereitwilligst unterstützt hat. Nur Un- kenntniß der Denkweise des Mittelalters, Jgroriren dessen, waS das Handwerk als seine Ehre ansah, kann die Anforderungen, welche an te<t Jungmeister gestellt wurden, als eben so viele Barrikaden betrachten, welche der Egoismus gegen die Konkurrenz errichtet habe." (S. 8.) Heute dürfen die vornehmen und gebildeten Stände darüber wachen, daß nur ehrenvolle Mitglieder ihrer Genossenschaft angehören, die Handwerker aber müssen Jeden, welcher ihr G schäft betreibt oder durch Gesellen betreiben läßt, neben sich als ebenbürtig dulden, wenn er auch zu den schärfsten Aussetzungen den größten Anlaß bietet. DaS ist ein Krebsschaden deS Handwerks und trägt viel dazu bei, daß dasselbe der einst so ehrenvollen Stellung in der G-sellschaft vielfach ent­behrt.

Nachdem Crnll die Stellung der Gesellen im Hause deS Meisters und in der Zunft eingehend untersucht hat, kommt er zu dem Schluffe: „Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß im Allgemeinen das Brrhältniß zwischen Meister und Gesellen vormals ein bei Weitem glücklicheres war als jetzt, wo beide allein durch das Lohnverhältniß verbunden sind, wo der Geselle aufgehört hat ein Mitglied des Hauses, der Familie zu sein, die gemeinsame AnüSehre ein unver­standener Begriff geworden ist." (S. 15) Wie lange Zeit war erforderlich, bis in unseren Tagen die Ge- Werbegerichte gesetzlich eingeführt wurden! Im „finsteren" Mittelalter weisen nahezu alle Rollen Streitsachen unter den Awts-(Zunft-) Genossen zur Erledigung an die Werkmeister, und erst wen« diese solche nicht beilegen können, sollte es gestattet fein, dieselben den GerichtS- vögten vorzubringrn. Würde ein Meister dies nicht beachten und seinen Widersacher sofort durch den Frohn vor den Stapel fordern lassen, so mußte der Kläger eine im Boran» festgesetzte Strafe bezahlen. (S. 21.) „So konstituirt, mit den gedachten Rechten ausge- stattet und unter den Beschränkungen, welche jene ein- engten, mochte die Zunft dec Goldschmiede zu Wismar ihr Handwerk auSüben, ihre Nahrung mit demselben suchen und Bürger und Gast wie nicht minder der Kirche dienen."

Mißbräuche, schwere Zeiten für die Einzelnen wie für ganze Gewerbe fehlten auch früher nicht; dafür erbringt Crull die Belege. Immerhin aber bot die in ihren Hauptsätz'N uralte Organisation den Meistern bei Fleiß und Redlichkeit durch lange Jahrhunderte ein gesichertes Auskommen und eine geachtete Stellung in der Gesellschaft, und trug viel zu jener Blüthe der Kunst bei, deren Werke heute noch hoch geschätzt wer­den. Indem Crull am Schlüsse Vergangenheit und Gegenwart der Goldschmiedegewerbes in WiSmar ver­gleicht, kommt er zu dem beachtenSwerthen Schluffe:

„Mit Arbeiten in Gold ist eS nunmehr feit lange

Zuneigung von Fräulein Mary mir offenbar wurde — dann würden Sie Mitleid mit mir empfinden, ich schwöre Ihnen! Habe ich nicht mit aller Freimüthigkeit zu Ihnen gesprochen? Habe ich Ihne» nicht gesagt, in welchem Zustande mein Herz sei?"

„Ja, eS ist wahr, Sie haben es mir frei und offen gesagt", versetz-e der Millionär, „aber ich war der Meinung, daß es eine jener vorübergehenden Neig­ungen sei, die man im Leben nicht ernstlich nimmt, und die nicht einmal eine Erinnerung zurücklaflen, so­bald dieselben vorübergegangen sind. Haben wir nicht alle, häufig wenigstens, einen Traum für die Wirklich­keit angesehen? Das Erwachen kommt, und der Ernst der Lebens drängt sich uns dann gebieterisch auf! Sie empfinden keine Zuneigung zu meiner Tochter — was thut's zur Sache? Ist die Freundschaft nicht gleich- werthiz mit der Liebe, und sind nicht die Ehen ohne Zeineigung oft die glücklichsten? Die Hochachtung, welche meine Tochter Ihnen einflößt, die Dankbarkeit, welche Sie gegen sie empfinden werden fiir's Erste ge­nügen, die Liebe wird dann schon kommen, wie sie auch bei mir gekommen ist, als ich die Mutter Mary'S hei- , rathete . . . Zögern Sie nicht mehr länger . . . und retten Sie meta Kind!"

„Ich zögere keinen Augmblick, Herr Harmant," antwortete Lucian in ernstem Tone, „Zögern würde ein Berrath fein gegen Diejenige, welche ich liebe. Es

vorbei, und das Publikum hat sich gewöhnt, mit dem mittelst Stanzen dutzendweise hergestellten billigen Schmucke sürlieb zu nehmen; mit der Arbeit in Silber aber sind wir gegenwärtig auch schon über den Anfang des Endes ^hinaus. Die in neueren Zeiten aufge» kommene Sitte, nach dem Jargon der Reporter aller­dings „werthvolle" oder gor „prachtvolle", in dec That aber ohne das Einfügen von Blei dem Winde oft ; kaum Standhaltende Pokale, Kannen und dergleichen bei Thierschauen, Jubelfesten u.s.w. als Preise oder Ehrengeschenke zu geben, hat für das Hönower! keine Förderung gebracht. In Formen gepreßt, unterscheiden jene sich nur durch eine Inschrift, und jetzt ist es bereits so weit gekommen, daß, wer seine Tafel nicht schon mit Alfemde ober Christoflle versieht, sogar Löffel und Gabel nicht mehr vom AmboS des Gold­schmiedes, sondern aus der Presse einer Fabrik erhält. Der Goldschmied, welcher mit Talent auSgestattet und mit Liebe zu dem edlen Handwerk erfüllt, hat keine Gelegenheit, solches zu bethätigen und kann nicht auf Lohn für seine Arbeit zählen. Nur ausnahmsweift findet ein begabter und strebsamer Meister Mocrne, welche zu kunstsinnig sind, um an jener Dutzenwaare Genüge zu finden, und zugleich reich genug, um Hand­arbeit zu bezahlen. Auf Reparaturen der liederlichen Fabrikate beschränkt, verliert auch der Fleißigste die Lust an der Arbeit und muß sich genügen lassen, zu verhöckern, waS Hanau und Pforzheim, Hemelingen und Berlin produziren, und zufrieden sein, wenn die Leute den Schaukästen seines „Magazins" ober „Lagers" den Vorzug geben vor beiten der Kcambuden. Ob hierin Sonntags • FortbilbungS- ober Gewerbeschulen, Ausstellungen, die Jnnimg und dergleichen Wandel schaffen werden, wird die Zeit lehren". (S. 54.)

So schrieb Crull im Jahre 1887. Seit jener Zeit ist eine Besserung gewiß nicht eingetreten. Hoffent­lich finden die gemeinsamen Bestrebungen der Hand­werker wieder jenen goldenen Boden, auf welchem das organifute Gewerbe durch viele Jahrhunderte dem so wichtigen und zahlreichen Stande ausreichend Arbeit und Verdienst, aber auch eine ehrenvolle, für Staat und Gesellschaft segensreiche Stellung gab.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Ostober.

* Betreffs der neuen Steuerprojekte sollten nach der Meldung einer hiesigen Telegraphenbureaus seitens der Regierung bei hervorragendsten Parteiführern private Umfragen ergangen sein, die ergeben hätten, daß sowohl Wein- wie Tabaksteuer auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen dürften und keinesfalls in jetziger Fassung auf Annahme rechnen könnten. Von berufener Seite wird mitgetheilt, daß solche Umfragen überhaupt nicht ergangen sind.

* Gegenüber den mehrfach aufgetauchten Nach­richten über besonders hohe Anforderungen für Marinezwecke kann die ,Nordd. Allg. Ztg.' auf Grund ihrer von zuverlässiger Seite eingezogenen Jn-

thut mir leid, baß ick Sie leiden sehe, und mit ge­brochenem Herzen, ich sage eS Ihnen, muß ich ablehnen und lehne ab."

Paul Harmant machte eine ©eberte, welche ebenso sehr seinen Zorn als feinen Schmerz verrieth.

Lucian fuhr fort:

„Sie sprachen soeben von Ihrer eigenen Person, Gut! Sie als ehrenhafter Mann, Sie, deffen Bieder­keit in der ganzen Welt bekannt ist; wenn Sie früher ein armes Kind geliebt, wenn Sie ihr geschworen hätten, daß Sie ihr Gatte sein werden, würden Sie Ihr Gelöbniß gebrochen, würden Sie von der Hand James Morümer's die Hand seiner Tochter ange­nommen, würden Sie Ihren Ehrgeiz höher gestellt haben, als die Liebe? Antworten Sie, ich bitte!“

„Was wollen Sie, baß ich Ihnen antworte?" rief Paul Harmant mit einer Art Verzweiflung aus. „Ich weiß nur eines, daß hier auf Erden meine Tochter mir alles ist, und daß meine Tochter sterben wird, toofern Sie bei Ihrer Weigerung beharren! Die Vergangen­heit kümmert mich nicht — nicht die ganze Welt außer ihr!"

„Beruhigen Sie sich, Herr Harmant, ich bitte Sie!"

„Mich beruhigen — kann ich es vielleicht? Die Existenz meines Kinder steht auf dem Sfiele, und Sie verlangen von mir, daß ich mich beruhigen soll! Sie