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JV 234

Donnerstag, den 12. Oktober 1893.

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sich der Reichstagsabgeordnete Dr. Förster, Vertreter von Neustettm, und Redakteur,Dr. Bachler von der ,StaatSb. Ztg'. Für Friedeberg-AmSwalde haben die antisemitischen Vertrauensmänner einstimmig den Abg. Ahlwardt und den Rendanten Kutzer-Friedeberg als Kandidaten ausgestellt. Die dieser Tage in Kassel zu- sammeugetretenen Vertrauensmänner der deutsch-sozialen antisemitischen Parier haben sich bereit erklärt, bei den preußischen Landtagswahlen m«t der „antisemitischen Bereinigung für Norddeutschlomd" Hand in Hand zu gehen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch dec nächste preußische Landtag einige Antisemiten aufweisen wird. Im Königreich Sachsen kosten die Antisemiten bei den dort bevorstehenden Landtagsergänzungswahlen ein halbes Dutzend Mandate zu gewinnen.

* Der Kaiser widmet d?m Nubau der evan­gelische» Kirche i« Jerusalem lebhaftes Interesse. Er hat aus die Ausstellung oes Bauplanes nicht «ur entscheidend eingewirkt, sondern auch den Anstoß zu den jetzt beschlossenen Formen des Baues und zwar bis auf Einzelheiten hin selbst gegeben. Nachdem der mit der Bauleitung betraute Architekt und baS er­forderliche sonstige Personal sich an Ort und Stelle begeben haben, totrb auf allerhöchste Anordnung nun­mehr auch der Geh. Oder-Baurath Adler, welchem die Super-Revision der Pläne oblag, sich nach Jerusalem begeben, um die Einleitung der Bau-Ausführung zu überwachen und zu dirigiren.

* Die Kaiserin Friedrich reist nicht nach Rom, sondern bleibt bis Ende Oktober, vielleicht auch noch länger in Homburg und begibt sich alsdann nach Berlin, wo sie so lange bleibt, bis das frohe Familien- ereigniß, dem man bei der Prinzessin Viktoria von Schaumburg-Lippe entaegrnsieht, singetreten sein wird.

* Bromberg. 6. Okt. Am 4. Oktober hielt der antisemitische Abgeordnete Leuß aus Hannover auch hier einen Vortrag. Nach dem Vortrag bildete sich sofort ein demsch-fozialer Verein, dem 74 Personen beitraten. Auch in Samotichin war dieser Tage eine antisemitische Versammlung im Schützenhause anberaumt. Dieselbe war ziemlich gut besucht, der Abgeordnete Leuß aber, der die Rede halten sollte, depeschirte in letzter Stunde, daß er am Erscheinen verhindert sei. Leuß wird demnächst noch in verschiedenen andern Städten des Regierungsbezirks Bromderg antisemitische Volksversammlungen abdaiten.

* Kreuznach, 9. Okt. Zwei verschiedene Ber^ sammlungm von Weinbauern, welche gestern hier stattfauden, erklärten sich ganz entschieden'gegen jede Weinsteuer und beschlossen, Petitionen in diesem Sinne an den Reichstag zu richten.

* Düren, 8. Okt. In einer stark besuchten Wähler-Versammlung erstattete der bisherige Abge­ordnete Hr. v. Grand-Ry Bericht über die Landtags« S ffston und nahm unter lebhaftem Zuruf das Mandat wieder au. Die Hauptrede hielt «b^. Dr. Lieber. Derselbe besprach den national-liberalm Wahl-Aufruf, die Finanzlage Preußens und des Reichs unter sehr großem Beifall.

* Düsseldorf, 10. Ott. Gestern Nachmittag ver- schied der Centrumsabgeordnete Justizrath Biesenbach, i

„Mir beweist dasselbe," fuhr Harmant fort, „daß Sie die Zeit Ihrer Avwesenheit wohl benutzt haben — zu ernsthafter Ueberlegung."

„Ernsthafte Ueberlegung? In welcher Hinsicht?"

„Es hat mich gefreut," fuhr Harmant weiter fort, „daß sich mir Gelegenheit bot, Sie für einige Zeit von Paris zu entfernen und Sie durch das Alleinsein gleich­sam wjeder Herr über Ihre Gedanken werden zu lassen. Sie sind jetzt wieder zurückgekehrt und wir müssen jetzt frei und osten mit einander reden, keine Geheimnisse vor einander haben. Wie haben Sie meine Tochter gefunden?" setzte Jakob Garand hinzu mit einer Be­wegung, die durchaus ungekünstelt war, sobald er von seinem Kinde sprach. „Antworten Sie frei und offen."

„Ich habe gefunden, Herr Harmant, daß sie etwas abgemagert ist und daß ihr Gesicht sich verändert hat. Die Aerzte müßten sich, meine ich, in ernsthafter Weise um den Zustand ihrer Schwäche bekümmern."

„Sie haben also ebenfalls, ohne gerade Arzt zu sein, eine thatsächliche Verschlimmerung ftstgestellt?"

„Ich kann's nicht leugne» und eS nicht sehen wol­len, hieße mit offenen Augen blind fein."

Der Millionär stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und nahm den Kopf in die Hände. Zwei dicke Thränen entfiele» seinen Augen.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(139. Aorrietzung-)

34.

Mary verbrachte eine schreckliche Nacht, eine Nacht der Leidens, eine Nacht der Thräne« und der Drohun­gen gegen Sucre, chrer Nebenbuhler:». Sie schloß kaum ein Auge und als um 8 Uhr ihre Kammerzofe wie ge­wöhnlich ihr Zimmer betrat, wurste schon aufgestanden.

„Ist mein Vater bereits fort?" srug jv.

„Ja, soeben ist er gegangen."

„Gut, geben Sie Befehl, anzuspannen."

„Einen geschlossenen oder einen offenen Wagen?" „Einen geschloffenen Wagen."

Mary vollendete ihre Toilette und wartete. Nach Verlauf einer Viertelstunde kam die Kammerfrau und meldete, daß der Wagert bereit stehe.

Fräulein Harmant bestieg den Wagen und befahl dem Kutscher, sie nach dem Quai Bourbon zu fahren. , Der Millionär hatte inzwischen seinerseits ebenfalls eine schlechte Nacht gehabt. Dieser fortwährende Kampf um die Existenz seiner Tochter, die, wie er glaubte, öon der Liebe Lucian'L abhing, vernichtete ihn, ver­zehrte seine Kräfte, ja sein Leben. Er entfernte sich

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Oktober.

• Am Dienstag haben, wie bekannt, die deutsch- russische» Handelsvertrags-Verhandlungen be­gonnen. Wie tanze sie dauern und welches Ergebniß sie haben werden, steht noch dahin. Man glaubt neuer­dings vielfach, daß eine Verständigung gar nicht so schwer sein werde. Ans ein Provisorium, von dem die Rede war, wird maa sich aus deutscher Seite kaum einlaffen, weil das in das Erwerbsleben noch wehr Unsicherheit bringen müßte, als der Zollkrieg. Die Agrarier d-S Bauernbundes wollen gegen die Berhanb- lungen mobil machen und mit Versammlungen die Re- gierung einschüchtern, weil sie trotz des Zollbeiraths, der der Regiermig zur Seite steht, ihre Jnrereffen nicht genug gewahrt glauben. Die Landwirthe haben gewiß Recht, wenn sie sich dagegen wehren, daß der Vertrag aus ihre Kosten geschlossen werden soll, andererseits hat aber auch die Industrie Recht, wenn sie statt des ver­heerenden Zollkrieges ein vertragsmäßiges Abkommen wünscht. Es muß ein Ausgleich der widerstreitenden Interessen gemacht werden; das fordert das Interesse der Gesammtheit.

* Ueber die Antisemiten und die Landtags- Wahle» schreibt die »Germania': Bei den am 4. d. Mts. im Großherzogthum Hessen stattgefundenen LrndtagsergänzungSwavlen (eS handelte sich um die Erneuerung der Hälfte des Landtags) sind im Ganzen drei Antisemiten der Böckel'schen Richtung gewählt worden, darunter der antisemitische ReichStagSabgeordnete Landwirth Köhler zweimal. Die Antisemiten, welche es in einigen Kreisen außerdem zu beachtenSwerthen Minderheiten brachten (im Ganzen waren acht anti- semitische Kandidaturen aufgestellt), erzielten ihre Er­folge auf Kosten der Nationalliberalen. Das Centrum eroberte bei diesen Wahlen den Mainzer Landkreis, und zwar ebenfalls von den National- liberalen. Litztere verloren außerdem an die Sozial­demokraten einen Wahlkreis, so daß nunmehr in der hessischen Kammer im Ganzen vier Sozialdemo­kraten sitzen. Nachdem im Kurheffischen die Böckel- scheu Antisemiten für die preußischen Landtags- Wahlen in drei Kreisen Kandidaten aufgestellt haben, nämlich Dr. Böckel in den Kreisen Marburg und Kir chhain-Frankenberg und den Reichstagsabgeordneten Hirsche! im Kreise Biedenkopf, sind nun auch die deutsch-sozialen Antisemiten mit der Ausstellung von Kandidaten in sechs hessischen Kreisen Borge» gangen. ES kandidiren: die Reichstagsabgeordneten Leuß in Kassel - Witzenhausen und Eschwege - Schmal­kalden und Liebermann v. Sonnenberg in Homberg- Ziegenhain, ferner Dr. Schnutz-Hannover in Rinteln, Dc. Häberlein-Berlin in Wolfhagen - Hofgeismar und Pastor Jskraut in Fritzlar - Melsungen. Die meisten dieser Kreise find im Reichstag bereits antisemitisch vertreten. In Berlin wollen Konservative und Anti- semiten vereint vorgehen. Für den I. und DL Wahl- kreis ist eine Vereinbarung d«hin getroffen worden, daß Konservattve und Antisemiten je einen Candidaten ausstellen. Unter den anttsemitischen Kandidaten befinden

also von seinem Hause in der festen Absicht, der Sache ein Ende zu machen und den Sohn Julius Labronr's aufzufordern, die Hand Mary's anzunehmen.

In der Fabrik zu Coarbevoie «..gelangt, erledigte er rasch die laufenden Geschäfte, unterzeichnete verschie­dene Schriftstücke und ließ dann seinen Geschäftsführer rufen.

Lucian begab sich in aller Eile in das Kabinet des Chefs.

„Nchmm Sie Platz," bob der Letztere an, „wir haben ziemlich lange mit einander zu reden."

Der junge Mann nahm einen Stuhl.

„Gestatten Sie mir zunächst. Jynen meinen Dank auszusprechen," begann Harmant

„Ihrer- Dank?" wiederholte Luc an erstaunt. „Ich wüßre wirklich nicht weshalb ich . . ."

„Wegen Ihres Auftretens Mary gegenüber gestern Abend," fiel ihm der Industrielle rasch in'-» Wort. Der Bräutigam Lscie's zittene und unwillkürlich legte fich seine Stirn in Falten. Sollte abermals dir Rede von Mary sein?

„Mein Benehmen gestern Abend, Herr Harmant," antwortete er also, „war durchaus natürlich und ging nur uuL der dankbaren Zuneigung hervor, welch- ich gegenSie sowohl als gegen Ihre Fräulein Tochter hege."

* Trier, 9. Okt. Der Hochwürd. Herr Bischo Korum hat eine Reffe nach Rom angetreten und wird : voraussichtlich nach 5-6 Wochen wieder zuruckkehren.

* Freiburg, 9. Okt. Die vom Präsidenten des Landwlrthschafrlichen Vereins Badens einberufene Wein- bamru-Bersammlung unter dem Vorsitz von Klein- Wertheim nahm gegen die geplante Reichs wein­st euer folgende Resolutton an: 1. Jede Besteuerung । des Naturweins stellt eine schwere Belastung der Land- wirthschaft dar; 2. eine Reichsbesteuerung des Kunst­weins ist nothwendig.

Ausland.

* In Ungar» munkelt man von Ministerkrise». Das Selbftbewußtsein, welches der Ministerpräsident noch bei der Einbringung des Etats zur Schau trug, ist geschwunden, seitdem Weckerle vom Monarchen zu­rückkehrte, ohne die Unterschrift zum Civilchegesetz er­langt zu haben. Durch RücktrittS-Drohungen soll jetzt dem Kaiser die Pistole auf die Brust gesetzt werden.

* Brüssel, 9. Okt. Eine Versammlung der streiken­den Bergleute in Charleroi, an der 7000 Arbeiter Theil nahmen, beschloß die Fortsetzung des Ausstandes und die Erzwingung der Arbeitseinstellung in den wenigen Bergwerken, wo noch gearbeitet wird. In Folge dieser Drohung verfügte die Regierung die mili­tärische Besetzung der Bergwerke, sowie sämmt- kicher Zugänge zu diesen. Der Kommandant der Truppen im Streikgeviet erhielt die Weisung, jeden Anschlag auf die Freiheit der Arbeit mit Waffengewalt zu unter­drücken. Man sieht den weiteren Vorgängen mit großer Besorgniß entgegen. — Der .Patriot' meldet, daß in der Ortschaft Basti öre in der Provinz Namur eine Bande von 500Sozialisten mit dem Bürgermeister an der Spitze die dortige Pfarrkirche überfielen, ge­waltsam in das Gotteshaus eindrangen, daselbst die rothe Fahne entsalteten und unter Absingen der Mar­seillaise olle Heiligenbilder, Kirchengeräthe und Reli­quien auf die Straße warfen. Die GenSdarmerie mußte zur Wiederberstellung der Ordnung aufgeboten werden.

* In Nord-Amerika ist cs in der Bundesstadt Washington noch immer zu keiner Entscheidung über die Sherwan-Bill gekommen.

* In Argentinien ist dagegen, wenn man den offiziellen Nachrichten trauen darf, die Ruhe wieder­hergestellt. Der letzte Zufluchtsort der Aufständischen, die Stadt Rosario, soll sich ergeben haben. Lange wird die Ruhe wohl nicht dauern.

Stadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 11. Oktober.

* Ei» Trauerzug, wie ihn Fulda in gleicher Ausdehnung und Großartigkeit seit Jahren nicht mehr gesehen, bewegte sich gestern Nachmittag gegen 4 Uhr ,om Rathhause zum alten städtischen Friedhöfe, um >er sterblichen Hülle unseres vom Tode so unerwartet chnell dahingerafften Herrn Oberbürgermeisters FranzRang das letzte Geleite zu geben. Die außer­ordentlich zahlreiche Betheiligung aller Kreise der Be-