JV 233
Mittwoch, den 11. Oktober 1893. 20. Jahrgang
MaerMZkitilllg
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Far well! Far well!
So hat die Gruft sich über Dir geschloffen, Ein enger Raum umschließt ein reiches Herz; Die Thräne an der Wimper der Genossen Zeugt noch von ihrem tiefempfund'nen Schmerz l Du edler Freund, so zieh' denn hin in Frieden, Du! Der einen jeden Sterblichen geliebt! Barmherzigkeit sei ewig Dir beschieden, Dieweil Du hier Barmherzigkeit geübt!
Ach, mildverzweifelnd riß aus Deinem Arme Die Gattin sich in namenlosem Weh, Sie beut in ihrem herben Wittwenharme Ein Bild der Schmerzensmutter Niobe. Getrost! Die Theure möge nie verzagen, In ihres Schmerzens stiller Majestät, Auf sie sei jene Liebe übertragen, Bon der des Gatten Pilgerpfad besät!
Fulda, den 10. Oktober 1893.
Emil v. Boxberger.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Oktober.
* Seit einiger Zeit tauchten bald in diesem, bald in jenem Blatte Nachrichten auf von bedentenden Neu» forderungeu für die Marine. Anfangs wurden zwar diese Nachrichten, wenn auch meisten- nur in allgemeinen Wendungen, demeutirt. Trotzdem erhalten sich die Mittheilungen hartnäckig, ohne jetzt von den Dffi» ziösm in Abrede gestellt zu werden. Man kann demnach nicht daran zweifeln, daß eS mit den Neuforderungen seine Richtigkeit hat. Die ,Boss. Ztg.' weiß bereit- zu melden, in welcher Richtung sich diese Forderungen bewegen und wie hoch sie sich belaufen. Nach einer Zuschrift deS genannten Blatte- au- Stiel ist die deutsche Marine mit dem Bau von Panzerkreuzern sehr im Rückstände geblieben; um die nöthige Zahl derselben zu schaffen, werdm 50 Mill, al- nothwendig bezeichnet. Dar sind für den Steuerzahler äußerst „angenehme" Aussichten, um so mehr, als eS nach bekannten Vorgängen ganz sicher nicht bei dieser Summe bleiben wird, die sich vielleicht sogar verdoppeln kann. Und dar unmittelbar nachdem eine Reform des LandheereS erfolgt ist, die an jährlichen Mehrausgaben über 50 Millionen erfordert. ES scheint, als wollte man jetzt, nachdem man mit der Militärvorlage beim Reichstage durchgedrungen ist, ein gleiches auch hinsichtlich der Marine versuchen. Glücklicher Weise steht eS aber fest, daß die Regierung mit einer Marinevorlage nicht das gleiche Glück haben wird, wie mit ihrer Landheer-Reform.
* Hebet die dem nächsten Landtage zugehende« Vorlagen bringen die offiziösen ,Berl. Polit.' Nachrichten folgende Mittheilungen: „Es liegt in der Absicht, in der ersten Session dem Landtage nur die unbedingt nothwendigen Vorlagen zu machen, ; schon mit Rücksicht aus die großen im Reiche schwebenden gesetzgeberischen Fragen. Den wichtigsten Be- - rathungSgegenstand wird daher der Etat hüben; im
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(138. Fortsetzung.)
In traurigem Tone versetzte Mary:
»Ich begreife, daß ich meine Freundschaft, wenn ich sie gebe ohne jeden Hintergedanken gebe, ohne Einschränkung, ungeiheilt, bereit, mit Freuden alle Opfer zu bringen und jede Vergünstiguna zu bewilligen. Die- ist, wie mir däucht, meine Pflicht. Vielleicht übertreibe ich — ohne Zweifel fordere ich, in meiner Bereitwilligkeit, Alles zu geben, allzuviel. Ich will versuchen, vernünftiger zu werden und werde mich bemühen, mit Wenigem zufrieden sein . . . weil eS so sein muß."
Lucian empfand immer mehr Theilnahme mit dem armen Geschöpfe. Da er wirklich nicht wußte, waS er antworten sollte, so schwieg er.
Der Millionär brach das peinliche Schweigen.
„Sie verständigen sich ja Beide ausgezeichnet!" sagte er mtt etwa- gezwungener Begeisterung. „Lucian wird ganz gewiß Alles thun, was in seinen Kräften steht, um Dir angenehm zu sein."
„Sie können dessen gewiß sein, Herr Harmant," antwortete der junge Mann, „und ich hoffe ebenso, daß auch Fräulein Mary davon überzeugt ist."
Hebrigen wird man sich auf solche Vorlagen beschränken, für die namentlich im Jntereffe der landwirth- schaftlichen Entwickelung des Landes ein dringendes Jntereffe anzuerkennen ist. Die Gestaltung unserer Verkehrsverhältnisse weise immer deutlicher darauf hin, daß die dem Verkehrsbedürfnisse entsprechende Einwirkung unseres Eisenbahnnetzes wesenttich nach der Richtung der Kleinbahnen sich vollziehen werde. Es liege daher im dringende« Jntereffe des Verkehrs, diejenigen Hindernisse zu beseitigm, welche nach der Richtung der rechtlichen Seite der Entwickelung dieses Verkehrszweiges zur Zeit noch entgegenstehen. In dieser Hinsicht komme namentlich in Betracht, daß es den Kleinbahn-Hvternehmungen schwer falle, den häufig schon zum Bau, in der Regel aber demnächst zur intensiven Gestaltung des Betriebes nothwendigen Kredit an be« geeigneten Stellen zu finden. Sowohl die öffentlichen Darlehensinstitute der Provinz- und anderer Körperschaften als auch die Hypotheken« und andere mit Darlehensgeschäften dieser Art sich befassenden Banken, welche für die Gewährung billigen Kredits in erster Linie in Frage kommen, dürfen regelmäßig an Privatpersonen oder Unternehmungen Kredit nur gegen reale Sicherheit gewähren. Eine solche Sicherheit könnten die Kleinbahnen und mit ihnen auch die in gleicher Lage sich befindenden anderen Privatbahnen aus dem Grunde nicht gewähren, weil es an der rechtlichen Möglichkeit fehlt, das Unternehmen als Ganzes für eine Forderung zu verpfänden. Durch ein besonderes Gesetz dürsten die Voraussetzungen und Formm für die Verpfändung ganzer Bahnunternehmungen zu schaffm sein, und könne auch angenommen werden, daß dem Landtage schon in der nächsten Session eine entsprechende Vorlage zugehev werde."
* Die Steuersätze bei der neuen Tabakfabrikat- steuer sind bekanntlich in den authentischen Mittheil- uttgen der ,Nordd. Nllg. Ztg.' verschwiegen worden. Rach der ,Südd. Tabakztg.' soll man jetzt die wiederholt abgeänderte« Steuersätze wie folgt beabsichtigen: Auf Cigarren und Cigaretten 33^/g pCt., auf Rauchtabak 662/3 pCt., auf Kau- und Schnupftabak 50 pCt. Der Zoll auf Tabakfabrikate wird erhöht: auf 400 M pro Kilo für Chanen (seither 270 M ), auf 250 M. pro Kilo für andere Fabrikate (seither 180 M.)
* Ma« schreibt der.Franks. Ztg.' von einer Seite, die sich bisher als gut unterrichtet zeigte: Nunmehr hat die »Nordd. «Ogern. Ztg.' die Grundzüge des Weinsteuergesetzeutwurfes mitgetheilt. Diese entfernen sich in der Hauptsache nicht von dem, was bereits in Frankfurt beschlossen ward. Heber die Werthgrenze ist man — ganz wie neulich an dieser Stelle mitgetheilt werdm konnte — zu einer Verständigung nicht gelangt. Nach der ,Nordd. Allg.Ztg? stellt der BundeSrath die Wirthgrenze sest. Diese Fassung könnte Mißdeutungm hervorrufm. Verstanden soll damnter jedenfalls werden, daß der Bundesrath einen bestimmten Vorschlag in Betreff der Höhe der Werthgrenze macht, nicht aber, daß eS dem BundeLrathe eS überlaffm bleiben sollte, nach Belieben — etwa alljährlich — eine Werthgrenze zu dekretirm. Die neu-
Mary dickte mit ihren großen, thränenerfüllten Augen Lucian traurig an. Besser als alle Worte schimm dieselben mit durchdringender Beredtsamkeit ihm zuzurufen: „Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe! Wie sehr würde eS mich freuen, wenn ich wüßte, daß auch Sie mich ebenso sehr liebten!"
Lucian entging dieser Blick ebenso wenig als seine Sprach-, er zitterte. In diesem Augenblicke meldete ein Dimer, daß das Mahl bereit sei.
„Gebm Sie meiner Tochter Jhrm Arm!" bat Harmant den jungen Mann.
Zitternd vor Liebe stützte sich Mary ans dm Arm von Lucie'S Bräutigam und schritt auf den Speisesaal zu. Die Tafel war mit Blumen bedeckt.
„Sie sehe«, mein Herr," murmelte das junge Mädchm mit traurigem Lächeln, „daß bei uns heute Festtag ist — aus Anlaß Ihrer Rückkehr!"
Lucia« dachte bei fich: „Genau so, wie gestern meine heißgeliebte Lecie eS machte, so feiert sie meine Rückkehr mit Blumen, daS arme Kind! Trotz dieser unsäglichen Zärtlichkeit, die sie mir gegenüber offenbar hegt, mit welcher sie mich verschwenderisch umgibt, trotz alledem kann sie in mein Herz keinen Eingang finden, mein Herz gehört ganz Lucie."
DaS Mahl verlief in recht heiterer Weise. Trotz ihrer Eifersucht fühlte Mary sich glücklich, den Mann
liche Drohung der ,Nationalzeitung', daß man im BunbeSrathe die süddmtschen Staaten majorifiren werde, ist doch auch nur verständlich, wenn man annimmt, daß Preußen im BundeSrathe versuchen werde, die von ihm vorgeschlagme Werthgrenze von 50 Mk. pro Hektoliter durchzusetzm. Aus guter Quelle vemimmt man übrigen-, daß jene Drohung da, wo sie wirken sollte, nämlich bei dm süddeutschen Regierungen absolut keinen Eindruck gemacht hat; vielmehr scheint man an diesen Stellen sich mit der Hoffnung zu tragen, daß da- Weinsteuerprojekt überhaupt fallen gelassen werde, nachdem anzunehmen ist, daß man auch in Berlin nach und «ach die Schwierigkeiten zu erkennen begonnm hat, die ihrer Verwirklichung ent» gegenstehen.
• Bezüglich der Wiedereinführung der Berufung im Straf'Prozeß hatte« dieser Tage die ,Berl. Polit. Nachr/ gemeldet, die Art und Weise der Einführung hänge von finanzpolitischen Erwägnngm ab, die eben gepflogen würdm, die Angelegenheit sei deshalb etwas in's Stockm gerathen. Dem gegenüber versichert die .Magdeb. Zig.', das sei nicht zutreffend. Die Regie- sei entschlossen, die Medereinsühmug der Berufung dnrchzuführm, zumal auch die Mehrzahl der Bundesregierungen ihr Einverständniß damit erklärt habe. Heber die Einzelheiten schwebtm noch mehr oder weniger vor» geschrittene Erörterungen, deren Srgebniß noch nicht abzusehm sei. ES dürfe eine vielfach verbreitete Annahme, wonach bei Einführung der Berufung sowohl zu ben Sitzungen ber Straf- wie zu bmen ber Berufungs-Kammern Laien zugezogen werben sollten, min- bestmS als verfrüht bezeichnet werbm. — An eine Zuziehung des Laim-Elementes zu ben Straf- undBe» rufungs - Kammern dürfte bisher wohl kaum Jemand ernstlich gedacht habm.
* In Deutschland sind seit Sonnabmd früh neue Lholerafälle nicht vorgekommen. Rur von dem im Kieler Hafen liegmde» schwedischen Damvser „Hjalmar" wurde noch ein Cholerakrauker in die dortige Baracke überführt.
* In Betreff des Absätze- der Lotterie - Loose erklärt der Herausgeber der,Polemischen Korresp.' gegenüber der gestrigen Berichtigung in der.Nordd. Allg. Ztg.', daß die Mittheilung der Korrespondmz, es seim Loose der preußischen Lotterie Settens der Kollekteure unter dem planmäßigen Preise verkauft worden, unrichtig sei: die betr. Mittheilung stütze sich nicht auf ein unbegründete- Gerücht, sondern auf eine positive, in weiten Kreisen der Publikums bekannte Thatsache. Zugleich wird hinzugesügt, daß ein Ersuchen der preußischen Lotterie-Verwaltungen umAngabe des Gewährsmannes nicht unbeantwortet gelaffm, sondem diese Angabe nur abgelehnt worben sei, well die Korrespondenz eine ihr erwiesme Gefälligkeit nicht mit einer Devun- tiation habe belohnen wollen.
* Fürst Bi-marck ist in FriedrichSruh eingetroffen. Die ischiatischen Schmerzen sind beseitigt und die Folgen deS JnseftensticheS so weit gehoben, daß der Fürst die rechte Hand wieder gebrauchen tarnt.
* München, 6. Okt. Die wirthschastlicheu An
in chrer Nähe zu Hoben, ben sie liebte. Dazu gab sich auch ber Herr beS Hauses alle mögliche Mühe, daS Mahl zu erheitern was ihm auch so ziemlich gelang.
Gegen zehn Hhr verabschiebete sich Lucian.
„Bergeffm Sie nicht," sagte Mary zu ihm, „daß morgen Ihr Couvert gedeckt sein wird."
„Gewiß bente ich baran, Fräulein," antwortete er; „unb Sie können sicher sein, baß keines Ihrer Worte sich aus meinem Gebächtniß verwischen wird."
Damft ging er. — Als er sich draußen in der frischm Lust befand, dänchte eS ihm, als sei ihm ein schweres Gewicht vom Herzm gegangm; aber gleichwohl machte er fich zum Borwurf, daß er nicht ganz frei und offen gesprochen habe.
WaS wirb noch aus all' bem folgen?" frag er sich inbem er mit der Hand an die brennende Stirn fuhr. „Diest Lage kann nicht länger mehr so dauern! Bin ich nicht verpflichtet, dieses HauS zu verlaffen und mir anderswo eine Stellung zu suchen? Hnsere Ge- schäftSfrmnde in Bellegarbe haben mir ja thatsächlich durchblickm laffm, daß sie fich fernen würden, wenn ich bie von ihnen mir angebotene Stelle annähme, aber baS Gehalt, welches sie zahlm, ist weit geringer, als baijenige, waS Herr Harmant gibt. Dazu müßte ich mich so weit von Paris entfernen! Würde Lucie mit