JV 232
Ein Todtenkranz niedrrgklrgt am Grabe des Herrn Gberdürgermeisters Franz Rang.
Horch! wie so leise klagend das Friedhofsglöcklein ruft! Die düstre Trauerfahne schlägt Wellen in die Luft!
Rings bangverhalt'nes Schluchzen die Todtenflur entlang. Gleich Engelsftimmen mahnend der Kinder Grabgesang!
Dort wallt ein Zug von Männern, gehüllt in tiefsten Schmerz! Denn ach, es brach ja heute ein edles Männerherz.
Ein Herz, das heiß und innig stets für sein Fulda schlug. Ein Baum voll gold'ner Früchte, den jäh der Blitz zerschlug.
Er war ein Bauherr, thürmend den Dom zu Gottes Ruhm, Ein heldenmüth'ger Kämpfer im Volkesheiligthum, Ein treuer Zionswächter für Wahrheit, Recht und Licht, Für Tugend, Sittenreinheit, für Ehre und für Pflicht.
Und da er nur für'S Edle in heil'ger Gluth entbrannt. War er geliebt, geehret im ganzen Buchenland
Als Hort für die Bedrängten, des ächten Mannes Bild, Glänzt hohe ManneSehre aus seinem Ehrenschild.
Leb' wohl! brach auch für immer Dein treues Baterherz, Du lebst in Aller Herzen, ein Monument von Erz!
Leb' wohl! schau segnend nieder von lichtumfloff'nen Höh'n, Dein srühverklärter Schatten soll schützend uns umwehn!
Fulda, den 8. Oetober 1893.
Emil v. Boxberger.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Oktober.
* Das Hauptinteresse der Politiker wendet sich gegenwärtig den neue» Steuergesetzen zu, namentlich der Reichs - Weinsteuer und der Tabakfabrikat- Steuer. Ueber die „Grundlagen" beider Steuerprojekte hat bekanntlich die .Nordd. Allgem. Zeitung' als offiziöser Organ der Regierung in den letzten Tagen einige Aufklärungen gegeben, die leider über die wichtigsten Punkte dieser Steuerpläne, über die Höhe und d«e Abstufung der Steuern, keinen Aufschluß gewähren. Er muß einen eigenartigen Verdacht erwecken, daß die offiziösen Mittheilungen gerade ziffermäßige Angaben über die Steuersätze geflissentlich vermeiden, während sie über Nebendinge, wie über die Ausführung der Kontrolle u.s.w. in ausführlichster Weise sich ergehen. Fürchtet die Regierung etwa, daß ihre Sleuerprojekte überall Widerspruch finden werden, wenn sie volle Wahrheit und Klarheit über dieselben verbreiten werde? Oder glaubt sie etwa mit lückenhaften Mittheilungen die Aufregung vieler VolkSkreise
Wdüch entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(137. Fortsetzung.)
„Uns als Freunde zu behandeln?" fiel ihm dar junge Mädchen, feinen abgebrochenen Satz vollendend, mS Wort. „Mit uns auf vertrautem Fuße zu leben? Wirklich, Herr Lucian, Sie waren sehr im Unrechten! Sie sind em ausgezeichneter Mann, in jeder Hinsicht ein Gentleman. Wer sollte es sich nicht zur Ehre rechnen, Sie zu empfangen? Mein Vater betrachtet Sie, ich weiß es, als fein zweites Ich. Er läßt mich handeln, wie es mir beliebt, und billigt alles, was ich thue. Ich benütze diese Freiheit um Ihnen in seinem Namen Die Mittheilung zu machen, daß Ihr Couvert jeden Tag hier gedeckt fein wird, und daß wir auf Sie rechnen werden? Nicht wahr, Vater?"
„Ich kann mich Dir nur beugen, weil Du hier die alleinige Herrscherin bist," antwortete der Millionär lachend.
Die Verwirrung LucianS wuchs von Minute zu Minute; er befand sich in der größten Verlegenheit.
„So große Güte macht mich ganz verwirrt," stammelte er, um irgend etwas zu sagen.
Mary faßte diese Worte als Zustimmung auf, sie erstrahlte vor Freude und fügte rasch hinzu:
„Also abgemacht. Ich denke auch, daß Sie uns
Dienstag, den 10. Oktober 1893.
über die Steuerpläne besänftigen und Stimmung für ihre Projekte machen zu können? Mit offiziöser Schönfärberei wird die Regierung wenig auSrichten, der Zackerüberguß wird den bitteren Kern nicht schmackhafter machen. ES hilft kein Bemänteln und kein Verdecken: die Hauptlast der neuen Steuern wird beim Wein und erst recht beim Tabak die breite Masse deS Volkes tragen müssen, wenn auch beiden Steuern eine prozentuale Wnckh -Besteuerung vorgesehen ist.
* Die Vorarbeiten für den ReichShauShaltSetat sind nach einer offiziösen Meldung weiter vorgeschritten, als man fiüher angenommen hat und dürften Ende dieses Monats zum Abschluß gelangen. Der Bundes- rath könnte bei dieser Voraussetzung Anfang November die Berathung des EratS in Angriff nehmen. Der Einberufung des Reichstags würde zum 15. November kein Hinderniß im Wege stehen.
* Der Wahlaufruf der freikouservative» Partei ist nunmehr ebenfalls erschienen. Er ist nach dem bekannten Rezept „Ja — aber" gearbeitet. Hervorgehoben sei die Forderung des baldigen Erlasses eines Schul- dotatiouSgesetzeS, nach Durchführung emer planmäßigen Agrarpolitik und nach voller Ausnutzung und entsprechender Erweiterung unseres Verkehrswesens. Ueber das Schulgesetz wird bemerkt: „Vorschläge, welche der preußischen Volksschule den Charakter einer Veranstaltung deS Staates zu nehmen und sie von ihrer jetzigen Höhe herabzudrücken drohten, sind erfolgreich abgewehrt." Bemerkenswerth ist, daß der freikonservative Aufruf in kirchenpolitischer Beziehung den kultur- kämpferischen Tiraden in dem Erguß der national- liberalen Freunde durchaus nicht beittitt. Es heißt da: „Drückend empfundene Rückstände aus dm staatskirchlichen Kämpfen find sowohl für die evangelische wie für die katholische Kirche beseitigt. Berständnitz- volles Zusammenwirken von Staat und Kirche zur Bekämpfung der auf den Umsturz beider gerichteten Bestrebungen muß fortan auf staatSkirch- lichem Gebiete das wichtigste Ziel sein." Wenn die s Herren aus dieser Eekenntniß nur die röthigm prakti- | scheu Folgerungen zechen und der Kirche die zum Kampfe I nöthige Bewegungsfreiheit gewähren wollten. Aber wo • es sich hierum handelt, sind sie mit ihren national- I liberalen Freunden ein Herz und eine Seele. Zum Schluß kommt natürlich: Sammlung der gemäßigten patriotischen Männer von rechts und links zur Abwehr gegen sozialistische, radikale und rückschrittliche Bestrebungen jeder Art. An dem mittelparteilichen Kartell wird also festgehalten, trotz der ergötzlichen Absage, welche ein Blatt der „Freisinnigen Bereinigung" kürzlich an die „Partei der guten Leute" erließ, die Gott einen guten Mann sein lassen und sich des Börneschen Wortes freuen, daß Minister immer wie die Butter- brode auf die geschmierte Seite fallen.
* Am 21. April 1890, also bald nach dem Schei- den der Fürsten BiSmark aus seinem Amte, erging an den Professor Schweninzer, der ,Kreuzztg.' zufolge, nachstehende Kabiuetsordre des Kaisers:
recht oft ins Theater begleiten werden. Mein Vater wird sehr erfreut fein, zu sehen, wie Sie mir den Arm geben, um mich nach Hause zurückzubegleiten. Nicht wahr, Vater?"
„Ohne Zweifel, meine Thenre."
„Also abgemacht, Herr Lucian, nicht wahr?"
„Meine Stellung ist zu bescheiden, um die beneidete Rolle als Kavalier annehmen zu können, Fräulein."
„Das ist ein Rückzug, welchen ich nicht zulassen kann, Herr Lucian! Wenn Sie mir meine Bitte abschlagen, so verursachen Sie mir Kummer . . . großen Kummer, und ich bin gewiß, daß dieser nicht Ihre Absicht ist. Nehmen Sie also ohne Furcht an, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Güte nicht allzusehr in Anspruch nehmen werde."
Die Gesichtszüge Marys drückten eine derartige Angst aus, der Ton ihrer Stimme war so bittend, daß Lucian nicht die Kraft zu besitzen glaubte, das junge Mädchen durch eine förmliche Weigerung zur Verzweiflung zu bringen.
„Ich nehme also an, Fräulein," sagte er, „iudeß werden die Anforderungen meiner Stelle nicht sehr viel Freiheit übrig lassen."
„Wenigstens läßt Ihnen Ihre Stellung die Sonntage vollständig frei, und ich senke, daß Sie uns dieselben in Zukunft widmen werden."
Lucian erbleichte ein wenig.
20. Jahrgang
I
Nicht nur das deutsche Volk, sondern alle Nationen der cultivirten Welt nehmen lebendigen Antheil an der Gesundheit und dem Wohlergehen des Fürsten v. Bismarck, Herzogs von Lauenburg. Mir persönlich liegt es besonders am Herzen, den Mann nut Gottes Hülfe möglichst lange erhalten zu sehen, der sich so unvermeßliche Verdienste nm das Vaterland und mein Haus erworben hat. Ich weiß, daß Sie mit ebensoviel Hingebung und Treue als Geschick und Erfolg seit einer Reih« von Jahren den Fürsten ärztlich behandelt und auch in kritischen Momenten den Gesundheitszustand desselben zu erhalten und zu befestigen gewußt haben. Es ist daher mein Wunsch, daß Sie auch fernerhin die ärztliche Behandlung des Fürsten leiten und, so weit erforderlich, selbst ausüben. Indem ich Sie mit diesem Aufttag betraue, will ich von Zeit zu Zeit Ihrem Bericht über das Befinden des Fürsten entgegensetzen.
Professor Schweninger, der während der letzten Krankheit des Fürsten Bismark die Berichterstattung an den Kaiser unterließ, erklärte auf eine Anfrage, er sei durch die Pflege des Fürsten derart in Anspruch genommen gewesen, daß er den kaiserlichen Auftrag nicht habe erfüllen können.
* Fürst Bismarck ist am Samstag Mittag von Kissingm nach FriedrichSrnh abgereist. Er begab sich in offenem Wagen nach dem Bahnhofe.
* Der kommandirende General des III. Armeekorps General v. Versen, Generaladjutant des Kaisers, ist am Sonnabend Nachmittag gestorben.
* Die Redaktions-Kommission für den Schlußbericht der Börse»-Enquete-Kommission hat am Freitag ihre Arbeit beendet. Zur enbgiltigen Feststellung des BerichtSe wird das Plenum der Kommission auf den 10. November berufen.
* Der ,Boss. Ztg.' zufolge beabsichtigt daS Kultusministerium, in jeder Provinz ein evangelisches Prediger Seminar zu errichten, sobald die nöthigen Geldmittel flüssig sein werden.
* DaS Kaiser!. GesundheitS-Amt macht solgende Cholera-Fälle bekannt: In Kiel wurde von dem schwedischen Dampfer „Hjalmar", welcher am 6. d. M. von Petersburg eingettoffen war und 2 Personen während der Reise an Cholera verloren hatte, ein Erkrankter in die Baracke aufgenommen. Jn Steitin eine Erkrankung in Altdamm ein tödtlich verlaufener Krankheitsfall (von Stettin eingeschleppt).
* Professor Beyschlag hat sich berufen gefühlt, einen „Offenen Brief an den Hoch«. Büchof von Trier, Herrn Dr. Komm" (Leipzig 1893, Verlag der Buchhandlung des Evangelischen Bundes von C. Braun), zu erlassen, welcher einen neuen Beitrag zur Naturgeschichte dieses liebenswürdigen Gelehrten bildet. Ver> anlaffung des Briefer ist, dem Presbyterium der evan- gelischeu Gemeinde in Trier Hilfe zu leisten in der bekannten KrankenhauS-Aff nre, eine Hilfe, die allerdings ziemlich überflüssig erscheint, da ans katholischer Seite Niemand dem Bau dieses Krankenhauses sich entgegenstellt, vorausgesetzt, daß man aus Anlaß desselben uns Katholiken und unsere katholisch?» Orden nicht in öffentlichen Aufrufen beleidigt. Dr. B-Yschlag glaubt sich zu einem solchen „Offenen Brief" berufen u. a. als Doktor der Theologie, ähnlich wie fein Amtsvorgänger Luther als Doktor berufen gewesen sei, dem Papst Leo X. öffentlich entgegenzutreten. Nun! Einen
Er dachte an Lucie, und schon wollte er den Mund öffnen, um eine völlig verneinende Antwort zu geben. Aver Mary ließ ihm keine Zeit, auch nur ein Wort zu sprechen.
„Wir werden dann mit meinem Vater die Sonntage auf dem Lande zubringen," fuhr sie fort, „daS wird Ihnen gut thun und Sie entschädigen für die fitzende Lebensweise, welche Sie biej ganze Woche hindurch führen müssen. Ein Leben ohne irgendwelche Zerstreuung würde etwas allzu eintönig sein, man muß eben etwas Abwechselung haben. Unsere Landparthien werden reizend sein, nicht wahr, Herr Lucian?"
Die Tochter deS Millionärs hatte die letzten Worte mit unnachahmlicher Feinheit ausgesprochen. Sie erwartete selbstverständlich eine bejahende Antwort.
Lucian war eS indessen geglückt, einen Passendm Borwand zu entdecken, um den Vorschlag abzulehnen.
„Mein Sott, Fräulein," sagte er, „erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich einige Freunde besitze, welche mir sehr ergeben sind und denen ich meinerseits sehr ergeben bin. Ich habe nur den Sonntag zur Verfügung, um sie zu besuchen und meine Beziehungen zu ihnen zu pflegen, worauf ich, wie Sie begreifen werden, sehr viel halte. Wenn ich diesen einzigen Tag opferte, so könnte ich meine Jugendgenossen nicht mehr sehen, und würde mich der Gefahr aussetzen, mit ihren
MükrWZeitillig
Erscheint täglich, Sonn- und Feiettage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswättS 1 Mark 50 Pfennig.