Einzelbild herunterladen
 

JV 231 Sonntag, bett 8. Oktober 1893. 20. Jahrgang

MdsterWZeitiliig

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprech«»« Stebott. vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen tn Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Hierzu eme Beilage.

Bestellungen aus die,Fuldaer Zeitung' werden noch fortwährend entgegengenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Oktober.

* In dem neuen ReichSweiusteuer-Entwurf welchen die Kommission im Reichsschatzamt vorschlug, ist von einer prozentualen Werthbesteuerung die Rede, die ,Nordd. «llg. Ztg.' schweigt sich aber voll­ständig darüber aus, wie man sich diese Skala zu denken hat. Die geringsten Weine sollen angeblich steuerfrei bleiben, aber wo die Steuerpflicht einzutrcten hat, wird dem Ermesien des BundeSraths anheimge- geben, welcher die Werthgrenze feststellen soll. DaS ist auch wieder ein BertegenheitS-AuSweg» welcher, wenn er betreten würde, zur größten Beunruhigung in den Interessentenkreisen führen müßte. Die Werthgrenze würde dann wahrscheinlich alle Jahre festgestellt, und je nach dem Ausfall der Wein-Ernte würde der Bun­desrath die Grenze herauf- oder herunterschieben, so daß Niemand im Voraus wüßte, wie es ihm im nächsten Jahre gehen wird. Und daS ist doch die mindeste Rücksicht, die ein Steuerzahler verlangen darf. Tine Aenderung des ZollvereinS-BertragS ließ sich schon mit Rücksicht auf den ausländischen Wein nicht umgehen, welcher bekanntlich fortan mitversteuert wer­den soll, aber die gleichzeitige Eröffnung der Aussicht, daS Feld für die Kommunal-Besteuernng der Weines freizumachen, wird zweifellos nicht überall be­grüßt werden. Die Entwickelung dürfte wohl dahin Wien, daß die Gemeinden sich alles desjenigen Weiner für ihre Besteuerung bemächtig;» werden, todo&er von Reichs wegen steuerfrei bleibt, die Besteuerung soll allerdings nur bis zu einem gewissen, wahrscheinlich gesetzlich festzulegenden Maximal - Steuersätze gehen dürfen. Genug aller Wein wird besteuert werden, sei eS vom Reich, sei eS von der Gemeinde, und diejenigen, welche wenigstens für die sauersten Sorten auf Stmer- freiheit hofften, möge» nicht zu früh jubeln, im Gegen- theil, die Gemeinden pflegen leider noch viel schärfer zuzugreifen, als selbst der Staat. Im Uebrigen be­stätigen die Mittheilunge» der ,Nordd. Allg. Ztg.', daß eine BerkehrSsteuer geplant ist, und zwar unter Anlehnung an die badischm und elsaß-lothringischen Muster mit einer Bersendungs-Kontrole durch Bezettel- ung. Aller soll möglichst ohne Belästigung zugehen, namentlich sür den Herbstverkehr in den Weinbezirken, aber derlei offiziöse BeruhigungSpillen werden ihre Wirkung verfehlen.

* Di- Bewegung gegen die geplante Tabakfabri­katsteuer greift immer weiter. So fand am Sonntag in Vallendar am Rhein eine Versammlung der Cigarren- und Tabakarbeiter statt, um gegen die Einführung einer Tabakfabrikatsteuer und eine Mehrbelastung der Tabaks Stellung zu nehmen. Au tausend Personen, auch eine Anzahl von Fabrikanten, waren erschienen. In einer Resolution, die dem Reichstag übersandt werden soll, wurde gegen die beabsichtigte neue Steuer Einspruch erhoben, weil sie die deutsche Tabak-Industrie und be- fonderS den dortigen Bezirk aufs schwerste schädige und Tausende vollständig erwerbloS mache. Auch in Nord­hausen waren am Montag die dortigen Tabakfabri­kanten fast vollzählig versammelt, um zu den Tabak­steuer-Plänen Stellung zu nehmen. Es wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in welcher eS heißt: „In Anbetracht, daß durch eine neue Belastung der Tabaks der Konsum wesentlich zurückgehen würde, daß ferner durch dieselbe, falls sie einen nmnenSwerthen Ertrag liefern soll, gerade die minder bemittelten Klassen der Bevölkerung verhältnißmäßig schwer be­troffen würden, sowie daß Tausende und Abertausende Arbeiter in der Tabaksbranche brodloS würden, ver­wahren sich sämmtliche hiesigen Tabaksfabrikanten gegen jede weitere Belastung deS Tabaks, in welcher Art und Form bitte auch geplant sein möge."

* uebet das Befinden des Fürsten Bismarck waren gestern schlimme Nachrichten verbreitet; dieselben bestätigen sich, wie direkte Erkundigungen in Kissiagen ergeben, nicht. Die Rückkehr des Fürsten nach Fried- richSruh erfolgt voraussichtlich morgen.

* Bervcastel, 4. Okt. In der gestern dahier stattgehabten Bertrauensmänner-Bersammlung für den Wahlkreis Berncastel - Wittlich wurde der bisherige langjährige Vertreter unseres Wahlkreises, Hr. Christian Di eben aus Uerzig, einstimmig als Kandidat für die Landtagswahl wieder aufgestellt. An Stelle des eine Wiederwahl bestimmt ablehnenden Hrn. Anton Thanisch einigte sich die Versammlung auf den Hrn. Weingutsbesitzer Dr. Hugo Thanisch auS Cues- Berncastel als CentrumS-Kandidaten.

* Aus Bade», 5. Ott. Der Wahl-Aufruf des badischen Centrums ist erschienen und er wird bei den Katholiken des Landes zweifellos mit Beifall aufgenommen wollten. Wo stehen wir? — DaS ist die Frage, und wie werden bie Wahlen für unS auS- fallen? Da ist wohl ein objektiver Umblick gestattet, und wir meinen, daß das Centrum unter recht gün­stigen Aussichten in den Wahlkampf eintritt. Be­sehen wir unS die Wahlbezirke näher, die für das Cent rum zur Neuwahl stehen, so müßten sich ganz merkwürdige Dinge ereignen und die CentrumSwähler müßten über alle Maßen flau und träge in der Wahl- Agitation sein, sollte auch nur Einer an die liberalen Gegner verloren gehen. DaS ist die Ansicht aller Män­ner, die mit Leuten und Verhältnissen bekannt und vertraut sind. Wenden wir uns zu den Wahlbezirken, die für daS Centrum erobert werden können. Wenn die Rührigkeit nicht erlahmt, so hat bei den letzten Wahlen daS Centrum in all' diesen Bezirken ganz an- sehnliche Minoritäten erzielt, die sich von Wahl zu Wahl steigerten; sollte sich der volle Erfolg nicht schließlich erzielen lasse»? Und waren nicht einzelne davon in früheren Zeiten bereit» im Besitze des Cm- trums? Wir wollen unsere Erwartungen zügeln; aber wir blicken doch mit Zuversicht in die Zukunft. So viel steht jetzt schon sest, daß sich das Angesicht des neuen Landtages wesentlich in einem anderen Lichte zeigen wird. Die enragirten Kulturkämpfer Lamey- Karlsruhe und Friedrich-Durlach werden nicht mehr kommen. Böse Zungm sagen: auS Aerger, weil ihre liberalen Frmnde ihnen den Präsidentmstahl verwei­gerten! — Auch Kiefer wiro wohl nicht wieder im Ständesaale rumoren: er gehört bereits zu den Alltags- geistern, die gern vergessen werden und welche die eigenen Parteigenossen im Stiche laffen. Fieser, der bisher in Donaueschingen gewählt war, wird nicht mehr dort, sondem wahrscheinlich in der „musterstaatlichen" Residenz aufgestellt. Wenn auch er nicht mehr wieder- kehren würde, so wären die schlimmsten Kulturkämpfer beseitigt.

* Mainz, 5. Okt. Bei dm heutigen Land­tags wählen wurden in der diesseitigen Provinz gewählt im Landtteis Mainz Rechtsanwalt Dr. Schmitt-Mainz (Centrum), in Alz-y Monom Römer (national-liberal), in Bingen Schriftsteller Wasserburg- Mainz (Cmtrum), in Niederolm Gutsbesitzer Wernher- Nierstein (veutsch-freisinnig). In sämmtlichm vier Wahlen die Gewähstrr. mit großer Mehrheit aus der Urne hervor. Mit Ausnahme des Dr. Schmitt gehörten die Genannten bereits dem Landtage an. (Weiter sind nach folgende Ergebnisse bekannt: Im Landbezirk Darmstadt Friedrich (nat.-lib.) mit 32 gegen 10 anti-semitische Stimmen, in Großgerau Osann (nat.-lib.) mit 20 gegen 18 meist sozial-demokratische Stimmen, in Sangen der Sozial-Demokrat Bramer, in Friedberg-Land Weith (nat.-lib.) mit 30 gegen 4.]

Ausland.

* Pest, 5. Okt. Michael CsolicS wurde wegen des gegen de» ungarischen Für st Primas versuchten Mordes, sowie wegen der vorsätzlichen Tödtung deS Sekretärs Kohl zu zehn Jahren Zuchthaus verurtheilt. Der Bertheidiger und der Staatsanwalt meldeten Be­rufung an.

* Crispi, der nach feinem Sturze in Italien L la Bismarck die Rolle einer „ReichsnörglerS" spielt, greift neuerdings die Regiervng auf daS Heftigste an. — DaS ganze Land sei in erbärmlichem Zustand, die Insel Sicilikn — seine Heimath — gehe in Folge der Mißwirthschaft zu Gmnde und werde sich bald vor die Frage gestellt sehen, ob sie überhaupt mit dem Königreich Italien vereint bleiben könne. Also Drohung mit der Rebellion! Und daS Schönste: er ist ein ehemaliger Hauptvertreter der rtalremschen Einheit, der diese hoch- und landeSv-rrätherrsche Droh­ungen ausfiößt. Lieber alles v-rruienirkn, als nicht

selber regieren — denkt der biedere Crispi nach be­rühmtem Muster.

* Aufsehen erregt in römische« Kreise« die Flucht des i» den Prozessen der Banca Romana verwickelten und, wie es scheint, sehr bloßgestellten AbtheilungSchefs im Handelsministerium, Herrn Mon- zelli, welcher einer der Unterhändler des letzten öster- reichisch-ungarischen-italievischen Handelsvertrages war. Monzelli wurde beschuldigt, daß er als Vertreter der Regierung bei der Inspektion der verschiedenen Banken, und namentlich der Banca Romana, im Einverständ- niß mit dem Gouverneur dieser Bank, Bernardo Tan- longo, und dem ebenfalls angeklagtev Kassirer Lazzarari gestanden sei, seiner Regierung den Zustand dieser Bank verheimlicht habe und, von Tanlongo bestochen, diesem mit seinem Rath und Einfluß bei den von ihm verübte» Unterschleifen geholfen zu habm. Im Verlaufe der Voruntersuchung wurde Monzelli gegen Kaution aus der Haft entlassen und während der Dauer der Voruntersuchung auf freien Fuß gestellt. Währen der Untersuchung häuften sich jedoch die Beweise der Schuld gegen Monzelli derart, daß seine neuerliche Verhaftung bevorstand. Derselbe wartete aber diese Verhaftung nicht ab, sondern ließ die von ihm geleistete Kaution im Stiche und entfloh. Nach in Rom eingetroffenm Meldungen soll er in der Schweiz in Lugano ange- kommen sein. Natürlich gibt diese Flucht zu mamtig» fachen Kommentaren Anlaß und eS fehlt nicht an Unterstellungen, welche behaupten, daß man Monzelli absichtlich habe entfliehen lassen, um dessen für mehrere hochgestellte Personen sehr bloßstellenden Aussagen zu verhindern. Manche Stimmen sprechen ihre Ver- wunderung darüber auS, daß die Polizei ihn nicht besser überwacht und so seine Flucht nicht unmöglich gemacht habe. Die Polizei entschuldigt sich damit, daß ihr in dieser Richtung von der Gerichtsbehörde keinerlei Weisung zugegangen sei und sie daher nicht die Pflicht, ja nicht einmal das Recht gehabt habe, den Ange- Staaten polizeilich zu überwachen. Wie dem nun auch immer sei — Thaisache ist, daß Monzelli vermißt wird und seine Flucht ist abermals einer der vielen so un­liebsamen Zwischenfälle in dem Prozeß gegen die Banca Romana.

• Der anarchistische Attentäter Pallas, welcher gegen die Generäle bei der Parade Dynamitbomben schleuderte, ist in Barcelona erschossen worden. — Die Riffpiraten und die ihnen verwandten marokkanischen Stämme habm gegen Spanien be» „heiligen Krieg" proklamirt. <$8 stehen also sür Spanien sehr ernste Kämpfe bevor; die Regierung hat auch in Erkenntniß dieser Thatsache die Entsmdung größerer Truppenverbände nach Melilla angeordnet. ......

* England sieht sich in feinen afrikanischen Kolonien in recht schwierige und kostspielige Kriegsunternehmun­gen verwickelt. In Südafrika drohen die Matabele, in Westafrika die Aschanti. Gegen letzteren Stamm hat England schon mehr Truppen und Gelder aufgeboten, als Frankreich gegen Dahomey, und doch nichts erreicht.

* New-York, S, ykt. Rach einer .Herald'-De- pesche auS Rio be Janeiro r:2rß Nerroto {in Manifest, in dem er erklärt, er werde nicht abbaute«, sondern den Kampf fortsetzen, so lange er auf seine Truppen zählen könne. SantoS ist blockirt, der Handel mit Rio be Janeiro ist gelähmt, bie Stadt R o de Janeiro ist durch daS Bombardement thatsäch- lich zerstört.________________________

❖ Die Gleichberechtigung der Konfessionen in Preuße«.

Im Wahl-Aufruf der CentrumS-Fraktion heißt es: „Groß und'mannigfach sind auch die Klagen der Katho­liken aus dem Gebiete der Parrtät." Es tnfft sich gut, daß einige Tage vor der Veröffentlichung dieser Worte, am 22. September, eine liberale Korrespondenz, welche m vielen Blattern der Provinzen abgedruckt wird, Folgendes schrieb:

DaS Centrum ist um eine Wahlparole, um dm In­halt der Wahl-Agitation verlegen, wie sich jetzt zeigt. Die Köln. VolkSztg.' kam gestern in einem unsicher tastenden Artikel zu dem Ergebniß, die „Wiederherstellung der Pari­tät" müsse das Feldgeschrei sein. Hiernach tst die Ver­legenheit offenbar recht groß. Der Grundsatz der Parität herrscht in Preußen grundsätzlich [sic!]. Wenn das Cen­trum sich gelegentlich über Imparität beklagt, so muß ihm dazu ein Doppelspiel mit dem Worte Parität alS Mittel dienen, indem es darunter bald die Nichtberückstchtigung deS Bekenntnisses, bald die ziffermäßige Gleichheit versteht.

Der Satz: „Der Grundsatz der Pariät herrscht in Preußen grundsätzlich", ist kurios stilisirt, aber sein Inhalt ist noch mehr kurios. Wenn dieser Satz wahr sein soll, so müßte er in folgendes deutlichere Deutsch übersetzt werden: