20. Jahrgang
Freitag, den 6. Oktober 1893.
MaerW Zeitung
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Deutsches Reich.
Berlin, 4. Oktober.
* Die Bevollmächtigten für die deutsch-russische« Handelsvertragsverhandlungen haben die eigentlich zolltechnischen Fragen einer Sutkommission überwiesen. Heute waren die Bevollmächtigten beim Staatssekretär des Auswärtigen Amts Frhr. v. Marschall zum Diener geladen.
* Die Lösung der Frage, ob die Entscheidung über die Berufung dm OberlandeSgerichten oder den Landgerichten zu übertragen sei, hängt der Post zufolge zunächst davon ab, wie sich der Herr Finanz. Minister zu der Angelegenheit stellt. Bis jetzt sei darüber Positives noch nicht bekannt.
* Betreffs der staatlichen Zulage« für Pfarrer beider Konfessionen, welche kein ausreichendes Stellen» Einkommen haben, herrscht bekanntlich nach verschiedenen Richtungen hin eine große Imparität. Namentlich erhalten die evangelischen Pfarrer nicht nur einen höheren Staatszuschuß, sondern sie kommen auch früher in den Genuß desselben, da sie nach ihrer Ordination größtentheils ein Pfarramt erhalten, während die katholischen Geistlichen bekanntlich durchweg eine Reihe von Jahren hindurch als Kopläne, Vikare u. s. w. fungiren wüfsen, bevor sie Pfarrer werden und nach 5 Jahrm im Pfarramt Anspruch auf die staatliche Zulage habm. Diese Imparität ist int Abgeordnetenhause bei den EtatSberathungen in den letzten Jahren wiederholt zur Sprache gebracht wordm. In diesem Jahre gelang es dem C-ntrum, auf Antrag der Abg. v. Strombeck eine Resolution durchzu- bringen, welche der Regierung eine ernmte Prüfung dieser Angelegenheit empfiehlt. Nunmehr hat der Kultusminister in Verfolg dieser Resolution die Regierung zu Erhebungen darüber veranlaßt, welche Mehr- belastung der Staatskasse eintreten würde, wenn bei der Feststellung des Dien st alters der katholischen Pfarrer zum Zweck der Gewährvng von Alterszulagen nicht nur, wie bisher, die im Pfarramt zurückgelegte, sondern die gesammte Dienstzeit zur Anrechnung gebracht würde, welche der Geistliche nach der Priester- weihe in einem kirchlichen Amte in Preußen und vor oder nach der Priesterweihe als ftstangestellün Lehrer in einem öffmtlichm Schulamte in Preußen zugebracht hat. Im Anschluß hieran hat der Kultusminister -jetzt auch die Regierungen weiterhin veranlaßt, thun- licyst bald unter Betheiligung der Diözesanbehörden festzustellen, welche weitere Mehrbelastung der Staatskasse eintreten würde, wenn auch die außerhalb Preußens in einem kirchlichen oder öffentlichen Schulamte zugebrachte Dienstzeit in Anrechnung gebracht würde. — Bekanntlich waren viele junge katholische Geistliche während des Kulturkampfes gezwungen, außerhalb Preußens eine Stelle in der Seelsorge an- zunehmen; es wäre eine Ungerechtigkeit gegen dieselben, wenn sie deshalb dauernd ungünstiger gestellt werden sollten, als ihre Konfratres.
* Geheimer Ober-Justizrath Viktor Rinte len hat foeben im Auftrage des katholischen Juristen-Ber- eins ein fast 500 Seiten starkes Buch erscheinen lassen: Der BolkSsch«lgesetz-E«twurf des Mini» sters Grafe« v. Zedlitz-Trützschler und die Ver- Handlungen über denselben im Plenum und in der BolkSschulgesetz-Kommission der preußischen Abgeord- netenhauses (Frankfurt a. M, A. Foefser Nachfolger). Seit dem Scheitern des Zedlitz'schen Entwurfs im März 1892 find anderthalb Jahre verfloffen, aber deshalb kommt diese sehr dankenswerthe Behandlung jener „Staats-Action ersten Ranges" doch nicht verspätet. War der Verfasser damit will, hat er int Vorwort kurz angedeutet: „Die Bearbeitung soll nicht nur dazu dienen, ein reiches Material für die Einstige Schulgesetzgebung Preußens — dieselbe mag in weiterer Ferne stehen; kommen muß sie, unsere sozialen Verhältnisse drängen unaufhaltsam darauf hin — zu gewähren, sondern auch den Stoff für ein Zeitbild von dem Ringen der modernen Weltanschauung mit der christlichen Weltanschauung zu Ende des 19. Jahrhunderts bieten." Diese Anfgabe hat der Verfasser in streng quellenmäßiger und ystematischer Darstellung gelöst. Sein Material sind die Entwürfe der Kultusministers v. Goßler und v. Zedlitz, die stmographischen Berichte über die Plenar-Verhandlungen des Abgeord- netenhaufes und über die Sitzungen der BolkSschulge- setz'Kommission, zu deren hervorragenden Mitgliedern Rmtelen gehörte. Dieses reiche Material ist so grup- pirt, daß „nach BorauSschickung einiger allgemeiner Erörterungen die einzelne» Vorschriften des Entwurfes der Reihe nach wiedergegeben sind, unter jedesmaliger Vergleichung der entsprechenden Bestimmungen deS v. Goßler'schen Entwurfes mit denselben, unter Berück- sichtigung der Motive und unter Wiedergabe der betr. Theile der Plenar- und Kommissions-Verhandlungen." Besonders im gegenwärtigen Augenblick ist diese gründliche Darstellung erwünscht, wo die Frage der gesetzlichen Regelung deS Volksschulwesens einer der Brennpunkte der Wahlbewegung ist. Beigegeben sind Bestimmungen der Unterrichtsgesetze von Baden, Sachsen (Königreich, Großherzogthum und Herzogthum Meiningen), Hessen und Würtemberg betr. die Berücksichtigung der konfessionellen Verhältniffe, den ReltgionS- Unterricht, die Privatschulen und den Schnlvorstand, sowie ein Sachregister und die Rednerliste der Plenar- Verhandlungen.
* Die Abreise deS Fürste« BiSmarck von Kissin- gen wurde einer ,Herold' - Meldung zufolge aus dem Grunde auf Samstag verschoben, weil der Fürst die ganze Reise ohne Aufenthalt in einem Extrazvge zurück- zulegen wünscht, dieser aber vor Samstag nicht gestellt werden kann.
* In der polnischen Schulfrage sollen, wie auf einer Berfammlung der fog. polnischen Hofpartei, laut der .National-Zeitung', der Abgeordnete Prälat Dr. von Jozdewski mittheilte, Verhandlungen zwischen dem Reichskanzler und der polnischen Fraktion stattgefunden
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(134. Fortjetzung.)
„Der Diener verließ da- Kabinet und der Direktor fuhr, sich wieder zu Ovide wendend, fort:
Nach dem in dem Protokolle enthaltenen Datum ist daS damals übergebene Kind heute großjährig. Seit dem Tage feiner Großjährigkeit haben wir kein Recht mehr über daSfelbe, nicht einmal das Recht der Aufsicht mehr. Wir können Ihnen also nur bis zum Datum der Großjährigkeit Auskunft geben."
„Ich begreife dies, mein Herr," antwortete Ovide, „aber wenn daS junge Mädchen noch lebt, werden Ihre Mittheilungen, wenn sie auch unvollständig sind, mir vielleicht ein Mittel a» die Hand geben, eS wiederzufinden."
„Ich glaube dies ebenfalls."
Einige Minuten verflossen, dann erschien der Büreau- diener wieder mit einem mächtigen Regifterband, welchen er vor dem Direktor auf den Tffch niederlegte.
Der Direktor öffnete daS Register. Jede Seite enthielt die Abschrift eines Protokolle- über die liebet» gäbe eines Kindes.
Der Direktor suchte daS Datum, welcher auf dem Protokolle von Joigvy angegeben war.
Als er bei diesem Datum angelangt war, hielt -$x inne.
„Hier, haben Sie, was Sie interesfirt," sagte er dann, „das kleine Mädchen, welches man hier am 16. April 1862 untergebracht hat, ist unter Matrikel- Nummer 9 eingetragen worden."
Ovide wußte seine Freude kaum zu beherrschen.
Jakob Garand hatte sich nicht geirrt, als ihm die zufällige Aehnlichkeit aufgefallen war. Lucie, die Arbeiterin der Madame Augustine, Lucie die Nebenbuhlerin der Math Harmant, Lucie, die Braut Lucian Labrone's, war in der That die Tochter der Johanna Portier, der Berurtheilten, der Flüchtigen von Klermont.
Alles Andere, was man ihm weiter etwa mittheilm konnte, hatte selbstredend kein Interesse mehr für ihn.
Aus der Rückseite des Protokolls, welches Ovide vorgezeigt hatte, vermerkte der Direktor die Matrikel- Nummer des Registers, die Stelle, wo da» junge Mädchen in Lehre gegeben worden war, sowie endlich die Adresse der Wohnung, welche sie seit ihrer Großjährigkeit inne hatte, und unterzeichnete alsdann.
„Jetzt," sagte er zu Ooide, „bleibt noch eine Förmlichkeit zu erfüllen."
„Welche wäre dies?" .
„Meine Unterschrift muß roch vom Direktor deS öffentlichen Armenwesens beglaubigt werden."
„Sie wollen damit gewiß sagen, daß ich dieses Schriftstück heute nicht mitnehmen kann und die Erledigung der fraglichen Förmlichkeit abwarien muß?"
haben, worüber er (v. JazdzewSki) aber Stillschweigen beobachten müsse. Diese Verhandlungen daüren schon aus der Zeit vor Annahme der Militärvorlage; ob sie nach der Annahme fortgesetzt worden find, ist aus der Meldung nicht ersichtlich.
* lieber die bestehende« LaudeSsteuer« o«f Wei« stellen wir zu den Erörterungen über daS Reichsweinsteuerprojekt folgende Noüzen zusammen. Eine innere Weinsteuer wird zur Zeit in Baden, Elsaß- Lothringen, Hessen und Württemberg erhoben. In Preußen ist sie auf Grund deS Zollvereinsvertrags mit dem 1. Juli 1865 in Wegfall gekommen. In Baden besteht eine Emzelsteuer von 3 Mark pro Hektoliter neben der Besteuerung des Kleinverkaufs durch die Wirthe. Sie beträgt jetzt 2 Mark für daS Hektoliter. Die Gefammteinnahme belief sich 1888 aus der Ein» lagesteuer und der Besteuerung des Kleinverkaufs, dem Ohmgeld, auf 1,820,000 Mark. In Heffen, wo gleichfalls eine Einlagesteuer, hier Tranksteuer, neben einer Kleinverkaufsabgabe, Zapfgebühr, besteht, ergab sich aus der Weinsteuer überhaupt im Durchschnitt der Jahre 1884—1889 ein Betrag von 286,000 Mark. In Württemberg besteht eine AuSschankabgabr neben einer Sportel für TranSportbezettelungen und einer in fünf Abstufungen festgefetzten Sportel für die Konzessioniruvg des WirthfchaftsbetriebeS. In Elsaß-Lothringen hat man feit 1873 eine einheitliche Bersandtsteuer von 3 Mark für daS Hektoliter Traubenwein und 0^0 Mark für das Hektoliter Obstwein. Die Einnahmen beliefen sich im Durchschnitt der Jahre 1880—1887 ans 890,000 Mark.
* Die Merkuria/ daS Organ der katholischen kauf- männischen Vereine, erklärt: Die von Seiten verschiedener CentrumSblätter ergangene Anregung» die katholische» kaufmännischen Vereine möchten auf ihren Kongresfen sich auch mit den Mitteln zur Beseitigung deS Unwesens in Handel und Gewerbe be» fchästigen, habe dankbarste Anerkennung gefunden. DaS genannte Blatt will anch nunmehr den Mitgliedern deS Verbandes feine Spalten zur eingehenden Besprechung derartiger Frageu öffnen und hofft, daß dieser Gedanke auf guten Boden fallen wird.
* Die Thronrede, mit der die bayerische Kammer eröffnet wurde, zeigte etwas allzu augenfällig das Be- streben, strittigen Fragen aus dem Wege zu gehen und durch geschäftSmäßig-trockenen Ton einer etwaigen Adreß- Debatte keinerlei Anhaltspunkte zu bieten. Auch die beiden großen Parteien deS LandstagS scheinen wenig Neigung zu empfinden, sich gleich zu Beginn der Tagung mit den neuen „Emdringlingm" in daS Haus an der PrannerSgaffe prinzipiell auseinanderzusetzen, wie daS geschehen müßte, wenn man über eine Adresse a» die Krone debattirte. So sehr aber auch der Wunsch vorhanden sein mag, die Kammer vor Stürmen zu bewahren und auch künftighin die Geschäfte gemächlich abzuwickeln. so wird doch das „neue Blut" im Landtag dafür sorgen, daß die Wellen der BslkSwünsche bis in den Sitzungssaal branden. Die sozialdemokratische
„Ja, indrß w-rd diese Verzögerung nicht von langer Dauer sein. Morgen, int Laufe deS Tages, wird Alles erledigt sein."
„Ich werde also morgen zurückkommen. Um tote viel Uhr?"
„Etwa gegen zwei Uhr."
Ooide grüßte höfltch und verließ das Kabmet.
ES lag ihm natürlich wenig daran, daß er noch einen Tag warten mußte. Vierundzwanzig Stunden früher oder später hatten für ihn keine Bedeutung, er wußte, was er wiffen wollte, und dies war die Hauptsache. ' ,,, „ , _
Gegen fünf Uhr NachmtttagS erschien Paul Har- mant bei ihm in seiner Wohnung, und Ovtde machte ihm von seiner Entdeckung Mittheilung.
„Endlich!“ rief der Millionär aus. „Jetzt weiden wir sehen, ob Lucian Lavrone noch daran denken wird, dieses Mädchen zu heirathen! *
Der Zustand Maty'S hatte sich inzwischen immer mehr verschlimmert. Diese nervöse Ueberreizung schien ste allein noch aufrecht zu erhalten. Sie ging, kam, ging aus, kehrte wieder, war aber im klebrigen sozusagen nur der Schatten ihrer selbst.
An dem verabredeten Tage hatte sie bei dem Maler Stephan Castel die Sitzungen zu ihrem Silbe begonnen. In einer gewiffen fi iberhaften Weise suchte si; Zerstreuungen, um sich soweit als möglich den Ge-