20. Jahrgang
Donnerstag, den 5. Oktober 1893.
V 228
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Er ist also dem Findelhause übergcbrn worden?
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim. (133. Forrsehnng )
Solivxau dachte bei sich:
Ich kann wirklich von Glück sprechen! Ohne meinen Glücksstern besände ich mich jetzt in einer recht herkelen Lage! Diese Elende hat mich durchschaut, wenigstens wie es scheint, und ich werde mich vor ihr in Acht nehmen müssen. Glücklicher Weise habe ich ein Mittel in Händen, durch welches ich ihr die Zunge binden kann, wofern sie etwa Last verspürte, zu sprechen. Von dieser Seite her habe ich also nichts zu fürchten." ,. „ «. <■ c
Vollständig wegen Fräulein Amanda beruhigt, benäh sich Ovide zu Bette und war bald fest eingeschlafen.
Jakob Garand, der falsche Paul Harmant, wartete inzwischen mit leicht begreiflicher Ungeduld der Rückkehr seines Mitschuldigen oder wenigstens auf Nachrichten seitens desselben. .....
Ct hatte sich keineswegs die Schwierigkeiten ver- hehlt, welchen Soliveau vermuthlich begegnen wurde, um fein Ziel erreichen zu können
Bestellungen auf die,Fuldaer Zeitung' werden noch fortwährend entgegengenommen.
„So ist'4." „In Paris?"
„Sa."
„Durch die Amme?"
>in7 die Amme ist schon seit geraumer Zei todt, aber deshalb ist es mir doch nicht unbekannt geblieben,
* Katholische Universitäten
sind bald gezählt, denn der moderne Sioai hat fast , alle früheren katholischen Universitäten an sich gensfln I und „liberal", das heiße „gottlos gemacht. Aber unter thätiger Beihilfe d-S jetz gen Papftes Leo Xlll deS größten Beförderers der wahren Wissenschaften, erhob sich nun daS kacholische Volk allenthalben und baute wiederum auS eigenen Mitteln neue katholische I Universitäten, so z.B.inFreib u r am der Schwerz. So hat der durch und durch katholische Kontvn ^rer- dura in der Schweiz heroische Opfer gebracht sür tue Gründung einer katholischen Ümversfiät. Sn ein paar I Jahren brachte der fast ganz von Ackerbau lebende Kanton urter Beihilfe der Kantonregierurg mehrere Millionen zusammen, nur damit in Zukunft so mancher katholische Süngling nicht gezwungen würde, auf pro- testantifche oder liberale Universitäten zu gehen, wo
ihm ungläubige Professoren Glauben und Begeisterung | aus dem jugendlichen Herzen gerissen hätten. Sn Freiburg sind da« deutsche und daS französische Element gleich stark vertreten. , .
Eine ganz französische Universität ist die katholische Universität in Lille, im Norden von Frankreich Sie wurde gegründet tm Jahre 1876, als die französische Republik in die Hände der Freimaurerei fiel Schloßähnliche, monumentale Gebäulichkeiten entstanden in kurzer Zeit. Aus ganz Frankreich wurden die besten Kräfte gesammelt; keme Kosten wurden ge- scheut. Etwas Ganzes oder Nichts, hieß es damals, und der Erfolg blieb nicht aus. Die besten Familien Frankreichs sandten ihre Söhne; auch aus dem Aus- lande trafen bald viele ein, so daß heute tue Universität 500 Studenten zählt, obwohl in derselben Stadt noch eine liberale StaatS-Universität daneben besteht. Auch bei dem Staats'xamen glänzen chre Erfolge, so daß Staat-professvren, welche die Examen abnehmm, geradezu verblüfft darüber sind, daß die schönsten Auszeichnungen so ost den katholischen Studenten muffen ertheilt werden. . . r, ,
Alle fünf Fakultäten blühen an derselben, aber Medizin und Rechtswissenschaft zeichnen sich besonders aus durch das rafche Anwachsen der Studenteuzahl und dir tüchtigen Lehrkräfte. Während Freiburg als die wohlfeilste Universität gilt, kann Lille als die nobelste gelten. Die deutschen Studentenverbindungen sind hier ersetzt durch die sogenannten maisons de famille, wo erne Anzahl von Studenten in demselben Hause, manchmal mit Professoren zusammenwohnen, im Uebrigen aber alle nöthigen Freiheiten haben. Reben der Universität tritt jetzt mit dem Herbstsemester eine besondere „ecole politique" ins Leben, deren zweijähriger Stundenplan alle Facher enthält, die den jungen
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Oktober.
• Die Ausschüsse deS BundeSrathS nehmen ihre Thätigkeit wieder auf. Heute tagte als erst r der Ausschuß für Rechnungswesen.
* Fürst Bismarck wird, tote heute verlautet, am Sonnabend in FriedrichSruh erwartet. Die Reise von Kissingen geht über Eisenach, Bebra, Göttingen und $fln* 2)U preußischen Staatsbahneu haben in den ersten fünf Monaten deS laufenden Jahres eute @m- nahme von 402,4 Millionen oder 16,1 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum des Boi lahres erzielt. An dem Mehr sind der Personen-und Gepackoerkehr 2 3 der Güterverkehr mit 13,3 Millionen betheiligt. Aus sonstigen Quellen war eine Mehremnahme von 0,5 Millionen geflossen. Wozu werden d:e lieber- kchüffe benützt? Für den Militarismus; Kalturauf- gaben bleiben liegen. Für die niederen Beamten und die Arbeiter der Eisenbahnverwaltung geschieht wemg.
* Herr Ahlwardt, der im Reichstage den märkischen Wahlkreis ArnSwalde - Friedeberg vertritt, will in diesem Kreise auch für den preußifchen Landtag kan- didiren. Persönlich wird er seine Kandidatur kaum betreiben können, da er die ihm in dem „Judei flmten - Prozeß zuirkannte Gefängnißstrafe in den nächsten Tagen antreten soll. ES dürste indessen nicht an Sesinnnugs- I gevos en fehlen, welche seine Wahl betreiben und bet dieser Gelegenheit gerade seine ptz ge Grfakgmßstrafe agitatorisch verwertheu. Auch in Berlin sind antisemitische Kaudidaturen geplant, nur ist eS noch ungewiß, inwieweck die korsuvattvenBürgervereme mit den Antisemiten zusammengehm werden. Nach der scharfen Nb agr au die Konseivatlven, die sowohl aus dem letzten norddeutschen Antifemitentage, tote auf dem
Packeitaqr der Böckel'schen Reformer in Marburg erfolgte, stößt ein Zusammengehen auf Schwierigkeiten. Als antisemitischer Kandidat für den ersten Berliner Landtags-Wahlkreis wird der Reichstags-Abgeordnete Dr. Förster bezeichnet, dem jüngst die sozialdemokratische .Neue das Z-ugniß gab, daß er em geistig befähigter und persönlich ehrenwerther Mann sei, der in der That nur noch durch die ideologischen Schrullen deS gelehrten Schulmeisters vom Sozialismus getrennt sei". Im Hessischen si?d von der antisemitischen deutschen R.form-Partel dir,-tzt 3 Kandidaten sür d'e preußischen Landtagswahlen aufgestellt too-ben, nämlich für die Kreise Marburg und Kirchhain-Fran- tnbetq der Reichstags - Abgeordnete Dr. Bockel und für den Wahlkreis Biedenkopf der RelchStagS-Abgeord- nete Hirschei, Sekretär des mitteldeutschen Bauernvereins. Ob die Antisemiten diesmal bei den preußischen Landtagswahlen schon praktische Eifolge erreichen werden, muß dahin gestellt bleiben. Ziemlich sicher sind dagegen ihre Erfolge bei dm bevorstehenden Landtags- ErgänzungSwahlen im Königreich Sachsen, woselbst die Konservativen von den Böcke! - Zimmermann scheu Antisemiten rücksichtslos bekämpft werden. Bn den litzten Reichstagswahlen sind dort bekanntlich m sechs Kreisen die Konservativen von den Antisemiten bedrängt worden. Auf Sachsen setzen die Letzteren, überhaupt aroße Hoffnungen. „Da die dentsch-sozrale Par- ?L -sMeb jüngst "der Böckel'sche .ReichSherod' - in Sachsen vollständig abgehaust hat, so wird eS nicht auSbleiben, daß der größte Theil Sachsens imnachsten Reichstage durch Resormer vertreten sein wird.Schon jetzt regt eS sich überall und die Zukunft der Reform- Partei in Sachsen ist eine glänzende, um so mehr, als die sächsische Regierung, die an Verstand die meisten deut chen Regierungen thurmhoch überragt, schon letzt mit der Reform - Partei rechnet und ihr ledenfallS m absehbarer Zeit auch praktische Mitwirkung bei der Gr- setzgebung gestatten dürfte." Wie man sieht, schreibt die .Germania', tragen sich die sächsischen Antisemiten mit hochfliegenden Plänen; sie dürften rndess n gut chun, nicht zr sehr auf das Wohlwollen der sächfffchen Regierung zu pochen. Die Artikel, welche Mzst die offiziöse sächsische Presse gegen den radikalen Antisemitismus veröff utlichte «ad in welchen der Nur-Antl- semitismus direkt als eine „Borfrucht' der Sozialdemo- k aue bezeichnet wurde, sollten den Ant semcken doch etwas zu denken geben. .
* Nach offiziöser Versicherung wird eine Erhöhung deS Zolls auf die im Ausland gefertigte« Cigarre« beabsichtigt, so daß die heimische Industrie eSen Theil der bisher im Ausland verarb nieten Tabake ihrerseits zu feineren Cigaren verarbeiten und und den Arbeitern Ersatz für die etwa durch einen Rückgang deS Konsums verminderte Arbeitsgelegenheit gewähttn^ k^nne b Heranziehung deS ReichsfiS- kuS z« de« Komm««aUasten, bie von einigen Ge- I meinben mit starker Militärindustrie seit Jahren int \ Fluß gehalten wird, unterliegt, wie auS Spanda^e-
Studenten, besonders den Rechtsstudirenden, in alle Fragen der heutigen Politik einführen. Auch von den andern Fakultäten kann jeder sich ein oder das andere Fach auswählen nach Belieben. Der eigeutuche Zweck dieser neuen Fakultät, wenn man sie so nennen bars, ist, tüchtige Jornalisten und charakterfeste Ab^ordnete heranzubilden; im Uebrigen jedoch reicht dre Wohlthat dieser neuen Einrichtung viel weittr. — DaS lahrliche Budget beläuft sich auf 700,000 Franken undwird beschafft nur durch die Opferwilligkeit französischer Katholikeni Ein einziger Bürger von Lille zeichnet jährlich seine 300,000 Franken; eine großartige Bierbrauerei derselben Stadt ihren gesammten Reingewinn zum Gedeihen der Universität ab. UnD ttne freuen sich diese edlen Familien, solche Opfer bringen zu können, nur um junge Studenten auf dem guten Wege zu be
Wann wird wohl endlich eine einzige freie katholische Universität in D e u t s ch l a n d (F n l d a) entstehen, oder wann wird wenigstens die längst geplante trete katholische Universität zu Salzburg in Oesterreich gegründet und begonnen werden.
Lucie wirklich jener Herknnst entstammte, aus welche eine gewisse Sehnlichkeit mit der Wcttwe Pcker Por« tier's hmzndeuten schien? Wir können daher seine Erregung begreisen, als am folgenden Morgen m Cour- bevoie der Besuch Ovide'S gemeldet wird.
Dak er so rasch zurückkehrt, kann nur beb Uten, daß« wcht das Geringste erreicht hat," dachte er 6e‘ E? qab also Beseh!, die Persönlichkeit, welche man in der Fabrik für eiten englischen oder amerikanischen Ingenieur hielt, sogleich vorzulassen.
Sobald die beiden Männer sich allem befanden, frug Jakob Garand neugierig:
„ES hat fchlecht gegangen, nicht wahr?
„Im Segentheil, ausgezeichnet," antwortete Ovide. ^Ausgezeichnet?"
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„S)ii hast die Tochter der Johanna Portier gefunden?"
„Dann ist also die Nebenbuhlerin meiner Tochter wirklich Lucie Portier?" „
„Halt — Du gehst zu schnell voran.
„Wie so?" x k
„Wir müssen noch wissen, ob die Tochter der Johanna Portier wirllich die Lucie ist, welche toir teItn^ber die Arhnlichkeit, welche doch nicht zu längnen e^ehnlichkeit ist eine Annahme, kein Beweis!"
"Du bringst also diesm Beweis nicht?"
"Keineswegs. Ich bringe ein Protokoll, welches die Einzelheiten enthält betreffend die Uebergabe des kleinen Mädchens an daS Fmdelhaus. Ich besitze dadurch das Recht, im Findelhause mich zu erkundigen und zu erfahren, ob daS Kind, welches unter Nummer 9 des Abgabe-Verzeichnisses eingetragen ist, welches wir meinen." „
^Erkläre Dich deutlicher.
Ovide zog seine Brieftasche heraus, zog die echte Urkunde hervor, welche er von dem Beamten der Bürgermeisterei in Joigny erhalten hatte nr.d reichte sie Harmant hin. Harmant laS den Inhalt derselben mit Auf- meiiiamleit durch und rief dann aus:
„Aber wie hast Du eS denn eigentlich angelegt, um dieses Papier zu erhalten?"
Johanna vor zwanzig Jahren ihr Kind anverttaut hatte — würde er unter diesen Umständen die Spur deS jungen Mädchens, sowie den Beweis finden, daß