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JV 227

Mttwoch, den 4. Oktober 1893. 20. Jahrgang

uldaerMZeitiiiig

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

HesielllliUil

auf die ,Fuldaer Zeitung" für das 4. Quartal 1893 wer­den fortwährend von allen Post­

anstalten, den Boten und in der Expedition angenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 2 Oktober.

* Dm heute veröffentlichte Wahlaufruf der Leutrumsfraktion ist bereits vom 4. Juli, also fast genau ein Vierteljahr vor seinem Erscheinen datirt. Er geht eben, wie stets, von der Fraktion aus (während der vom 24. S ptember narionalliberale Aufruf von zahlreichen Mitgliedern der Partei unterzeichnet ist) und wurde wenigstens in f ünen Grundzügen, vielleicht sogar im Wortlaut vor Schluß der abgelaufenen Legis­laturperiode festgestellt. Zu Erörterungen wie bei dem Aufruf der ReichStagsfcaktion ist dies Mal nicht ein Mal ein Borwand geboten; allenfalls könnte man die Frage aufwerfen, weshalb das Aktenstück nur vom Vor­sitzenden der Fraktion in deren Auftrage unterzeichnet worden ist; aber selbst, wenn man hierin einen Nach­klang der innerhalb der CrntrumS-Frakrio» des letzten Reichstages hervorgetretenen Diff rmzen finden will — heute sind diese Schwierigkeiten jedenfalls vollständig überwunden. Beispielsweise würden die Herren Graf Ballestrem und Dr. Porsch, welche sich gegenwärtig an der Leitung der schlesischen Wahlen auf Grund dreses Aufrufs betheiligen, eben so unbedenklich wie Frhr. v. Heeremann ihre Unterschrift hergeben. Hinter diesen Sätzen steht die gesammte Fraktion und die gesammte Partei, und der Verlauf der Wrhl- bewegung wird den Beweis erbringen, daß diese wie jene in vollster Einheit und Geschlossenheit de» Kampf aufnimmt. Eines irgendwie eingehenden Kommentars bedarf der Aufruf nicht. Eine R ühe von Forderungen, die er nach Der pietätvollen Erinnerung an die großen Tobten der Fraktion aufstellt, ist selbstverständlich. Was er über die gesetzliche Regelung des Volksschul­wesens, über die R sie der Margesetzgebung, über die andauernde Verletzung der verfassungsmäßig gewähr­leisteten Parität, über die Unhaltbarkeit der sogen. Wahlreform sagt, ist bereits seit Monaten in der ge­summten CentrumSpreffe mit vollster Einmüthigkrtt ge­sagt worden. Die Fraktion hatte bereits anfangs Juli in knapper Programm-Form genau d-eselben Forde­rungen aufgestellt, die seitdem ohne Kenntniß der Auf­rufes aus der Partei heraus erhoben worden sind. DaS ist erfreulich; aber eS konnte kaum anders kommen, weil eS sich eben um selbstverständliche Ziele der nächsten Zukunft handelte. Ebenso dürfen die AuSführungm des Aufrufes über die Nothwendigkeit, die Rücksicht auf die berechtigten finanziellen Bestrebungen der Berufs­stände mit der Rücksicht auf die Steuerkcaft deS Volkes in Einklang zu bringen, sowie die Absätze über Wirth- schaftliche Fragen und über den Gegensatz zum falschen Liberalismus auf die volle Zustimmung aller Partei­genoffen rechnen. Einen sehr angenehmen Gegensatz bildet daS Aktenstück zu dem wenige Tage früher er­schienenen Wahlaufruf der nationalliberalsen

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(132. Kortse-nng )

29.

„Also, mein theurer Freund", frug daS junge Mädchen hierauf, indem sie eine möglichst heuchlerische Stimme annahm. „Sie verachren mich doch nicht gerade?"

„Weshalb soll ich Sie denn verachten?" antwortete Solrveau.

„Nicht im Entferntesten! Die Menschen sind nicht ohne Schwächen, glaube ich! Nur möchte ich Ihnen einen guten Rath geben, den Sie befolge« müßten, vertrauen Sie derartige D'.nge niemals dem Pa­piers an!"

Amanda erröthete und ließ den Kopf sinken.

Ovide fuhr fort:

„Was Sie gethan haben, ist ungeschickt und ge­fährlich zugleich! Wenn Ihre Handschrift in andere Hände gekommen wäre, fo wäre die Geschichte wahr­scheinlich nicht so glimpflich abgegangen — Sie hätten er mit Ihrer Freiheit bezahlen müssen!"

„Sie haben dieses Papier gelesen?"

„Ich tonnte -S ja nicht kaufen, ohne es gelesen zu haben."

Partei. Hier ein phrasenhasteS Gepolter gegen „An- \ griffe auf die geistige Freiheit und zeitgemäße Bildung unferes Volker, kirchlich-reaktionäre HerrschaftSgelüste", gegen daS „gefährliche" Centrum, welches „bald mit den radikal-demokratischen, bald mit den radikal-reaktio­nären Elementen sich verbindet," gegen „««deutsches Wesen" «sw. — dort klare Ziele in ruhiger, gemessener Sprache, welche den Gegensatz zum Liberalismus auf wenige Worte beschränkt. Es war auch nicht nöthig, mehr darüber zu sagen, wie es auch überflüssig war, daß die Nationalliberalen sich noch einmal als „un­versöhnliche Gegner" dessen erklärten, waS sie als „UltramoataniSmuS" zu bezeichnen belieben. In der s chweren LeidenSzeit der siebenziger Jahre hat die Crn- trumspartei die Natur dieser Gegner zu deutlich er­kannt, um von ihr in Forderungen der kirchlichen und bürgerlichen Freiheit etwas anderes als unversöhnliche Gegnerschaft zu erwarten, und im Kampf gegen diese liberalen Freiheitsfeinde wird sie einig, fest und treu hinter dm Männem ihres Vertrauens sicher.

* Zum «ationalliberaleu Wahlaufruf bemerkt die .Köln. Vo'ksztg.': Es ist bemerk-nSwertb, daß die trockme Langweiligkeit des langen Aktenstückes erst da in einen lebhaftm Ton übergeht, wo eS daS kirchliche Gebiet berührt: die anti-kirchliche Grundstimmung der Partei konmt gleichmäßig in den Bemerkungen über das Schulgesetz wie in den plumpm Redensarten gegen römisch-hierarchische Machtbestrevungen", Ultra- montanirmuS und Cmtrum zu ihrem Recht. Unter­zeichnet ist der Aufruf, abgesehen von allerhand sonstigen mehr oder minder gurtn Leuten, von einer R ihe auS- erlesmer Kulturkämpfer maigesetzlichen Angedenkens. Eigentlich hätten wir diesen Herrm nicht daS nöthige Maß von Grschmackiosigkeit zugetraut, um sich den Vorwurf der „Feindschaft gegen die katholische Kirche oder kirchliches Lrbm" zu verbitten; diese alten RedenS- artm sollten sie doch dm R ttern vom Evangelischen Bund oder den national-liberalm Wanderpredigern überlassen. Ganz einverstanden sind wir mit der offe­nen Kriegserklärung gegen das Centrum: die Sache beruht auf Gegenfeitigkeit.

* Die projektirte Weinsteuer ist im Jahre 1869 selbst von der preußischen Regierung in Trier in sehr energischer Form vrrurthellt wordm. Im genannten Jahre gab „im Auftrage der König!. Regierung zu Trier unter Bmutzung amtlicher Quellen" der Königl. RegierungS- und DepartementSrath für Landeskultur und Statistik, Otto Beck, ein im Sübfiv erläge der Königl. Regierung zu Trier erschienenes Büchlein heraus: „Der Weinbau an der Mosel und Saar." Beck war freihändlerisch angelegt, er redete Zollermäßchmrgen daS Wort; er ist eingetreten für italienische Trauben und Weine; er schreibt dann auf Seite 20 feines Büchleins: „Unter keinen Umständen ist zu befürchte«, daß neben der vorberegten Zollermäßigung eine neue, kaum erst aufgehobene Weinsteuer wieder eingeführt werden wird, weil der Weinbau sonst offenbar zuGrunde gerich­tet würde." — Wenn dir Steuerminister Miquel schon die feierlichen Zusagm deS Reichskanzlers, wie die pro­jektirte Wein- und Tabaksteuer beweist, herzlich

„WaS habm Sie mit demselben gemacht!"

„Ich habe es zunächst in meine Brieftasche gethan, und eS dann in einer wohlverwahrte« Schublade ver­borgen, Sie können gewiß sein, daß eS sich an einem sicheren Orte bi siedet."

„Sie gedenken doch, eS mir zurückzustellen?"

„Ich gedenke, eS im Gegentheil sorgfältig aufzu­heben."

Amanda schauderte zusammm.

„WeShach roollen Sie es aufheben?" frug sie.

„ES ist eine kleine Liebhaberei, ich liebe solche Handschriften sehr."

„Machen Sie keine Scherze! Geben Sie mir dieses Schriftstück zurück, das Ihnen ja doch nichts nützen kann."

„Im Gegentheil, dürfte eS mir sehr nützlich sein."

„Wollen Sie sich desselben vielleicht gegen wich be- dienm?"

„O. meine Theure, Sie wiffm doch, daß ich dazu nicht fähig bin!"

„Gut, aber waS für eine Absicht haben Sie denn nur eigentlich? Sie haben doch wohl jedenfalls eine solche I"

„Freilich, sie ist sehr einfach und sogar galant — ich will Sie dadurch an mich fisteln! Ich empfinde für Sie fehr lebhafte Gefühle, die Sie zwar zu erwidern

wenig berücksichtigt, so wird er dies gegenüber einem RegierungSrathe um so weniger für röch'g firden. Herrn Miq iel kann man nur durch den Druck der öffentlichen Meinung beikommen.

* Dre Stempel Abgabe für Lotterie Loose soll, den ,Berl. Polit. Nach'/ zufolge, um 50pCt. erhöht werden. Der Ertrag aus diesen Abgaben ist im Etat für 1893/94 auf 7.879,000 M. veranschlagt. Legt man diesen Ansatz zu Grunde, so würde das eine Vermehrung der Reichs-Einnahmen zu Gun­sten der Einzelstaaten um 3.939 500 Mark bedeuten. Wir fürchten, wenn man das Lotteriewesen erst vom rein fiskalischen Standpunkte betrachtet, so wird daS Nebel noch schlimm r werden. Um auS dem Stempel noch mehr für die ReichLkaffe herauszuschlagen, wird man noch m hr Sotterieen genehmigen, wiewohl doch dieser Gelegenheiten, bei denen Die Dummen ihr Geld sedieren können, ohnehin mehr als genug ist. Die Zahl der Lottcrieen, bei denen die Aussicht auf Ge­winn lächerlich gering ist, ist so groß, daß strtS die Reklamen für die eins in den Zeitungen und in den Schaufenstern- u. f. w. Händler sich unmittelbar an die Ziehung der andern anschlichen, ununterbrochen das ganze Jahr hindurch. Ein hoher Stempel wird die Soterieen nicht vermindern, sondern, wie gesagt, ein Anreiz sein, noch, mehr zu genehmigen und den Dummen noch mehr Geld auS der Tasche zu ziehen.

* lieber die Zunahme der Wandergewerbescheine an Haufirer werden offiziös folgende amtlich festge­stellte Zahlen mitgetheilt: „Die Gesammtzunshme der W mdergewerbescheine hat in der Zeit von 1884 bis 1889 für daS ganze Reich 6 67 Prozent betragen. In Preußen war die Zahl derselben von 117 579 auf 126,460, in Sachsen von 10,720 auf 11,130, in Hessen von 2778 auf 6323, in Sachsen-Weimar von 1482 auf 2099, in Oldenburg von 962 auf 1088, in Braunschweig von 3854 auf 4830, in Elsaß-Loth- ringen von 8919 auf 11,589 gestiegen. Ein wesent­licher Unterschied bat sich dabei allerdings zwischen den Legitimationskarten für Handlung-reis en de und den Wandergewerbescheinen bemerkbar gemacht. Bei den ersteren haben die größeren Bundesstaaten durchweg eine Zunahme aufzuweisen gehabt, bei den letztere« g'ebt eS eine ganze Anzahl größerer und mittlerer Bundesstaaten, welche einen Rückgang zu ver­zeichnen gehabt haben. So wurden in Bayern im Jahre 1884 an Wandergewerbescheinen 20,663, im Jahre 1889 nur 19 131 in Baden 12,256 und 11 268, in Mecklenburg-Schwerin 3195 und 2099, in Bremen 502 und 382 in Hamburg 402 und 352 ertheilt. Auch für Würtemberg, für welches die Zahlen nur bis 1888 vorliegen, war ein Rückzanz festzustcllen. Während sich also bei den LeMmationSkarten für Handlungsreisende die Zunahme auf das ganze Reich, wenn auch nicht völlig, fo doch einigermaßen gleich­mäßig vertheilt hat, so find von der für den genannten Z itraum festgestellten Zunahme der Wandergewerbe- fcheine einz'lue Staaten, z. B. Preußen, Hessen und Eisaß-Lothringen, in gaiz besonderer Weise betroffen worden."

scheinen. Jndeß traue ich, durch die E-fahrung ge­witzigt, den Frauen nicht allzu sehr, ich halte sie für unbeständig, besonders wenn sie jung und hübsch sind. Sie könnten ja eines Tages de« Emfall haben, mir Ihre Z meigung zu entziehen — mit diesem kleinen Papiere in der Hand habe ich dies nicht zu fürchten. Jeden Abend kann ich mich mit der Gewißheit zur Ruhe begeben, daß Sie mir nicht am anderen Tage untreu geworden finb."

„Sie wollen mich mit andern Worten in Ihrer Ab­hängigkeit erhalten?"

„Fürwahr, so ist's ... Nur ist diese Abhäng,gleit sehr leicht zu ertragen, falls ich nicht über Sie z« klagen brauche."

Amanda begriff, daß der angebliche Baron sie in feiner Gewalt hatte und daß sie am Besten daran thun werde, zum böse« Spiele gute Miene zu machen.

„Aber wie haben Sie alle- dies, was in Joigny geschehen ist, ersehen?" frug sie.

„Der Zufall spielt ost wunderbar! Ich habe eS er­fahren. ohne eS zu suchen, ich versichere eS Ihnen."

„Eoenso wenig als der Mörder Lucia'S in dem M fftrladen am Quai Bourbon da- Messer suchte, mit welchem er den tödtliche« Streich führen wollte," versetzte das junge Mädchen, indem sie Ovide scharf anblickte.