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Dienstag, den 3. Oktober 1893. 20. Jahrgang
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Wahlaufruf!
Die 17. Legislatur-Periode des preußischen Landtages naht ihrem Ende. Bei dem Rückblicke auf diesen fünfjährigen Zeitraum erfüllen uns die Verlusts, die wir erlitten, mit tiefem Schmerze. Eine allzu große Zahl entriß der unerbittliche Tod unseren Reihen, darunter die Mitbegründer und hervorragendsten Führer des Centrums, Windlhorst und Peter Reichensperger. Ihre unvergeßlichen Verdienste nm die Vertretung und Wahrung der Prinzipien des CentrumS sind in unser Aller Gedächtniß. Wir ehren das Andenken der großen Tobten, indem wir geloben, das, was sie im heißen Kampfe erstcitten, treu zu bewahren, und den Weg, den sie unS vorgezeichnet, unerschrocken weiter zu wandeln. —
Haben wir doch noch Vieles zu erringen! Die zur Zeit wichtigste Frage d-'S öffentlichen Lebens, das Volks- fchulwesen, entbehrt noch immer der in der Verfassung verheißenen gesetzlichen Regelung. Wir sind nach wie vor wesentlich auf das Wohlwollen der Staatsregierung angewiesen. Der davkeuSwerthe Versuch, den konfessionellen Charakter der Volksschule gesetzlich festzulegen, scheiterte an dem Widerspruch der krrchenfeindlichen, liberalen Richtungen. —
Wir sind überzeugt, daß der immer mehr sich ausbreitenden revolutionären Strömung, den Gefahren für Thron und Altar, für Staat und Kirche nur ein christlich erzogenes, gottesfürchtiges Volk erfolgreichen Widerstand zu leisten vermag. Zur Gottesfurcht aber erzieht nur ein !nach Gottes Wort kirchlich geordneter Religionsunterricht." —
Wir erachten es deshalb für unsere heiligste Pflicht, bei jeder Gelegenheit mit allem Nachdruck zu verlangen, daß der konfessionelle Charakter der Volksschule gewahrt, dar natürliche Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder nicht beeinträchtigt, der ReligionS- unterricht den Kindern in ihrer Muttersprache ertheilt, und die Leitung der religiösen Unterrichts durch die Religions-Gesellschaften im vollen Umfange anerkannt werde. Mit der Verwirklichung dieser Forderung wird auch der konfessionelle Friede gesichert, besten Wahrung unser ernster Wille ist. -
Auf kirchlichem Gebiete ist mancher Unrecht beseitigt, manche Fessel gelöst worden. Zur segensreichen Wirksamkeit der Kirche für Staat und Gesellschaft ist jedoch ihre volle Freiheit und Selbständigkeit, wie sie früher durch die Verfassung gewährleistet war, erforderlich: Wir werden deshalb unausgesetzt die Beseitigung aller Beschränkungen derselben, namentlich auch auf dem Gebiete des Ordenswesens, und die Aufhebung der noch bestehenden Bestimmungen der Kulturkampf-Gesetze fordern und zu erkämpfen unS bestreben. —
Groß und mannigfach sind auch die Klagen der Katholiken auf dem Gebiete der Parität. Noch immer scheint die Annahme begründet, daß gläubige Katholiken bei der Besetzung von Staatkämtern, zumal in katholischen Gegenden, zurückgesetzt werden. Da» Crn- trum erblickt hierin eine durch nichts gerechtfertigte Benachtheiligung der Katholiken und wird nicht ruhen, bis auch dm katholischen Staatsbürgern die gleiche Berücksichtigung zu Theil wird. —
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(131. Fortirtzung.)
Sie setzten sich alsdann in ihrem gewöhnlichen Kabinete zu Tasche, und nachdem das Gericht abgetragen war, knüpfte Ovide die Unterhaltung genau an dem Punkte wieder an, wo sie vorhin abgebrochen worden war.
„Man sucht also," noch immer diesen angeblich gut gekleideten Herrn?"
,3a."
Mber weshalb soll denn Jemand, welcher nach seiner Kleidung zu schließen, gerade nicht der Klasse der berufsmäßigen Verbrecher angehört, auf dieser junge Mädchen einen Mordversuch gemacht haben?"
„Ich wiederhole, aus Haß oder Rache."
„Dann mußte er auch wohl Lucie bekannt sein."
„Sie behauptet, daß sie gar nicht weiß, wer eS sein könnte. Freilich, eS ist so eine heilige Person, die anders ist, als sie zu sein scheint, wie ich glaube, und übrigens schließe ich auS einer bestimmten Thatsache, deren ich mich genau erinnere, daß Jemand Lucie suchte und eS ihm sehr darum zu thun war, sie auch zu finden."
Das wichtigste Reformwerk der abgelaufenen Legislaturperiode ist die Steuergesetzgebung. Wir haben dem ihr zu Grunde liegenden Prinzipe, eine gerechtere Ser« theilung der Steuerlasten herbeizuführen, zugestimmt und nach Kräften zu dessen Verwirklichung beigerragen. Wir haben eine Entlastung der bisher überbürdeten unteren und mittleren Klassen angestcebt. Wenn dabei eine größere Belastung der stärk.ren Schultern auch nicht zu vermeiden war, so sind wir doch einer unge- mess men Progression nach oben entgegengetreten.
Bei Berathung des Wahlgesetzes hat das Centrum alle Kraft eingefetzt, die durch die neue Steuergesetzgebung zu befürchtende plutokcatifche Verschiebung der Wählerklassen zu verhindern; leider ist diese Absicht trotz unserer einmüthigen Haltung nicht erreicht worden. Es wird daher auch 'n Zukunft unsere Aufgabe sein, diesen gegen unseren W:llen herbeigeführten Wirkungen nach Kräften entgegen zu treten und Abhülfe herbei- zufüdren. —
Für die noihwendige Aufbesserung der Gehälter der Beamten, für die auskömmliche Besoldung der Lehrer, für die Sicherstellung der pensionirten Lehrer und ihrer Hinterbliebenen sind wir mit Freude eingetreten. Wir werden auch in Zukunft die berechtigten Bestrebungen dieser Berufsstände unterstützen, so weit die Finanzlage es gestattet, und die Aufwendungen geschehen können, ohne die erwerbenden Stände zu überlasten. — Denn eS ist nicht zu bezweifeln, daß die Steuerkraft unseres Volkes, namentlich durch die fortwährend sich steigernden Ausgaben des Reiches, in schärfster Weise angespannt ist. ES muß deshalb bei Bewilligung auch der dringendsten Ausgaben eine weise Sparsamkeit walten. —
Für die Förderung der Wohles der Handwerker und Arbeiter, für die Befestigung des Grundbesitzes, für die Besserung der landwirthschaftlichen Verhältnisse, für die Erhaltung eines gesunden Mittelstandes und überhaupt für die Hebung des gesammten Volkswohlstandes wird daS C-ntrum, wie bisher, so auch in Zukunft energisch eintreten. —
Wohl kann und soll der Staat auch auf materiellem Gebiete nicht Alles selbst thun; doch wird die Umkehr von dm Wegen des falschen Liberalismus auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu ben ewig gültigen und stets bewährten Grundsätzen der wahren Freiheit und deS Rechtes auch das wirthschaftliche Gedeihen der verschiedenen Gesellschaftsklaffen heben und widerstreitende Interessen thunlichst auSgleichen.
Je stärker das Centrum ist, desto größer ist die Hoffnung auf Erreichung dieser Ziele. Damm erfülle Jeder in dem bevorstehenden Wählt m.pfe seine Pflicht! Wirke Jeder an seinem Orte und nach teilten Kräften mit, vor Allem fehle Keiner bei der Wahl. Der Sieg liegt in GotieS Hand! Er wird Denen nicht fehlen, die getreulich ihre Pflicht erfüllen.
Berlin, 4. Juli 1893.
Die Centrumsfraktion des Abgeordnetenhauses.
Im Auftrage:
Der Vorsitzende:
Dr. Freiherr von Heeremann.
„Welche Thatsache meinen Sie?"
„Den Schritt, welchen ein Dienstmann in unserem Atelier that."
Ovide fühlte, wie er ihm eiskalt ben Rücken hinunterlief.
„Ah, ah, ein Dienst mann!" wiederholte er, um seine Fassung in etwa wiererzugewinuen.
„Ja, in "seinem Arbeitskleide, mit seinem Abzeichen. Ec kam toegen Lucie'S ... ec brachte einen Brief."
„DieS kann doch nichts Auffallende» fein! Er sollte einen Brief, welchen man ihm übergeben hatte, besorgen."
„Da er Lucie nicht antraf, so hat sich nach ihrer Adresse erkundigt."
„Nichts natürlicher als dies . . ., weil er eben seinen Auftrag ausführen wollte. Was soll dies beweisen?"
„Es soll beweisen, daß Jemand an dieser Arbeiterin Interesse hat, daß Jemand sie kannte, obgleich sie daS Gegemheil behauptet." ,
„Ganz richtig, in der That. Aber essm Sie doch, meine Schöne, Sie plaudern fortwährend und denkcn gar nicht an unser kostbares Mahl."
„Ich dachte, es würde alles das, was ich da erzähle, Ihnen intereffavt sein," antwortete das junge
Deutsches Keich.
Berlin, 30. September.
* lieber die Ergebnisse der bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhause werden statistische Erhebungen vorgenommen werden, deren Bearbeitung dem Königlichen Statistischen Büreau übertragen ist. Die Erhebung geschieht durch einen Zählbogen für die Urwahlen und eine Zählkarte für die Wahlen der Abgeordneten. Durch den Zählbogen wird die Zahl sämmt- licher berechtigter Urwähler, der Steuerbetrag sämmt- licher Urwähler und der Steuerbetrag des höchstbesteuerten Urwähler», ferner die Zahl der nicht zur Staatseinkommensteuer veranlagten Urwähler, für die nach dem Gesetze ein Betrag von 3 Mark angesetzt wird, nach den drei Abtheilungen ermittelt. Ferner ist auf demselben Formular die Theilnahme an der Wahl und die Vertheilung der Stimmen, endlich der Name des Abgeorbnetenkandidaten, für ben der Wahlmann gestimmt hat, einzutragen. Die Eintragungen über bie Wahlberechtigung unb Steuerleistung nehmen die Land- räthe und in den Städten die GemeindeverwaltungS- behörden, die Eintragungen über die Wahlbetheiligung und Vertheilung der Stimmen auf die WahlmannS- kandidaten nehmen die Wahlvorsteher, die Eintragungen endlich über die Namen der Abgeorbnetenkandidaten, für die der Wahlmann gestimmt hat, nehmen die Wahl- kommiffare vor. Durch die Zählkarte, die von dem Wahlkommiffar auszufüllen ist, »erben Name, Beruf, politische Richtung und Wohnsitz der gewählten Abgeordneten und der Gegenkandidaten, ferner die Wahlbetheiligung auf den gewählten Abgeordneten und seine Gegenkandidaten nach den drei Abtheilungen ermittelt. Die Wahlkommiffare haben die ausgefüllten Zählbogm und Zählkarten innerhalb 8 Tagen nach der Abgeord- neteu-Wahl dem Königlichen Statistischen Büreau ein- zusendeu.
* Die National-Liberalen waren mit ihrem Wahl-Aufruf für die preußischen Landtagswahlen dies Mal am ersten auf dem Platze. Der Aufruf bestätigt, daß sie noch immer von der Culturkämpfer ei leben. Neben den Schilderungen der eigenen Groß- thaten und den Versprechungen für die Zukunft beansprucht der mit ben „Ultramontanen" sich be« schäftigende Theil ben größten Raum. Ec ist ganz im Stile der Kundgebungen des „Evangelischen Bundes" gehalten. Nicht die katholisch; Kirche und die Katholiken bekämpft man — bei Leibe nicht! — sondern die „römrsch-hierarchischen Machtbestrebungen" und daS „undeutsche" Wesen der „Ultramontanen", die mit ben Polen im Bunde den preußischen Staat gefährden. Auch be» WühlgesttzeS rühmt man sich, weil man damit „dem ultramontanen Bestreben nach der Herrschaft in zahlreichen Gemeinden Widerstand geleistet" hat. So ganz wohl ist den Herren aber bei der Sache nicht, weshalb sie versichern, daß sie eigene Wünsche bezüglich d:S Wahlrechtes nur auf bessere Zeiten vertagt hätten. Welcher Art die „eigenen Wünsche sind, kann man sich nach dem Verhalten der National-Liberalen gegenüber der preußischen Wahl-Reform so ziemlich vorstellen. Ihre Wortführer
Mädchen, indem sie dem angeblichen Baron Arnold de Reiß in die Augen blickte."
Jndeß blieb Ovide durchaus ruhig.
„Gewiß hat mich dies Alles sehr interesfirt," versetzte er, „aber man kann sich nicht fortwährend mit einem unb bemselben Vorfälle beschäftigen unb ich habe in meinen Jahren eine Reihe ähnlicher Gefchichten erlebt unb gehört, welche noch viel feltsamer waren."
„Gut, lassen wir e» also bei Seite," sagte Amanda, „und sprechen wir von etwa» Anderem. War habm Sie denn eigentlich auf Ihrer Reise gemacht?"
„Ich habe so einige kleine Papiere gesammelt," antwortete Ovide lachend.
„Banknoten, nicht wahr?" , .
DaS nicht, obwohl diejenigen, die ich gesammelt habe, mir sehr theuer zu stehen gekommen find."
„Was sind es denn für Papiere?"
„Handschriften."
„Von berühmten Personm aus der guten alten Zeit?" „Rein, von heute noch lebenden Personm." „Die gewiß zu ben Berühmtheiten zählen?" „Durchaus nicht, sie sind vielmehr durchaus unbekannt."
„Ich verstehe nicht ... Wo haben Sie denn diese sonderbaren Papiere gesammelt?"