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Sonntag, den 1. Oktober 1893.

Endlich Marvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(130. Fortsetzung.)

Lucie blieb allein zurück, vollständig der festes Ueberzeugnng, daß die beiden Beamten sich auf falscher Fährte befänden.

Da sie das Bedürfniß fühlte, mit Madame Augustine zu sprechen, fo nahm sie sich einen Wagen und ließ sich nach der Rue St. Honore bringen.

Die Geschichte mit dem Unfälle, welcher angeblich Lucie betroffen haben sollte, und welche auf Veras- lasiung des Polizeitommissars von BoiS-ColombeS von Johanna Portier erzählt worden war, war von Lucie, ohne daß sie natürlich keine Ahnung davon hatte, Lügen gestraft worden.

Die Arbeiterin hatte nämlich der Madame Augustine den Sachverhalt so erzählt, wie er war, und diese Er« zählung war geschehen in Gegenwart Amanda's mtb zweier anderer Mädchen des Geschäfts.

Man war also ganz genau über den Mordversuch, dessen Opfer die Braut Lucian's geworden war, unter­richtet und kannte Einzelheiten desfelben.

Wohl hundert Mal hatte sich in Folge dessen Amanda gesagt:

„Welch' ein Glück habe ich gehabt, daß ich nicht mit Lucie gegangen bin! Vielleicht hätte ich auch einen kleinen Messerstich abbekommen."

Als Madame Augustine daS junge Mädchen heran­kommen sah, ging sie ihr entgegen und umarmte sie.

Einige andere Ladenmädchen, welche gerade an­wesend waren, erkundigten sich gleichfalls anfcheinend mit der größten Theilyahme nach ihrem Brsiuden.

Madame Augustine frug zunächst:

„Nün, mein Kind, hat man den Mörder noch nicht entdeckt?"

„Nein, Madame, noch nicht, ich bin auch überzeugt, daß man ihn nicht finden wird."

„Weshalb denn?"

„Wenige Minuten ehe ich zu Ihnen gekommen bi«, habe ich den Besuch des Herrn Untersuchungsrichters und des Chefs der Sicherheitspolizei erhalten."

„Und weiter?"

„Diese Herren befinden sich auf falscher Fährte."

„Wie so?"

„Sie sind der festen Meinung, daß der Diebstahl nicht die einzige Veranlassung zu dem Mordversuche sei und daß der Mann, welcher ihn gemacht hat, es gethan hat aus Haß oder aus Rache."

„Und worauf stützen sie ihre Meinung?"

„Auf einen etwas seltsamen Umstand: die Waffe des Mörders ist an meinem Corset abgeprallt und ist zerbroches. Das eine Stück des Messers hat man lange vergebens gesucht, endlich hat man es gefunden und hat außerdem die Gewißheit erlangt, daß dieses Messer am Tage vor dem Verbrechen zwischen acht und neun Uhr Abends durch einen gewissen, ziemlich gut ge­kleideten Herrn in dem Messerlabes gekauft worden ist, welcher sich in dem Hause befindet, in welchem ich wohne."

Amanda, welche sich in dem nämlichen Raume be­fand, hatte mit der größten Aufmerksamkeit zugehört.

„In der That sehr sonderbar, wirklich!" ries Madame Augustine aus. „Ich bin allerdings auch der Ansicht der Beamten, es könnte immerhin Haß dabei im Spiele sein."

„Wer sollte mich hassen? Ich thue Niemanden etwas zu Leide und verkehre ja mit Niemandem."

„Eine Rache vielleicht, mein Kind?"

„Weshalb sollte man sich an mir rächen wollen? Habe ich Jemanden beleidigt?"

Fräulein Amanda erinnerte sich in diesem Augen­blicke, daß einige Zeit zuvor ein Dienstmann bei der Schließerin über Lucie Erkundigung«» eingezogen habe. Sie sagte indeß nicht- hiervon, sondern bemerkte nur ganz laut:

„Bielleicht könnte die- ein enttäuschter Liebhaber sein . . . "

Lucie lächelte und antwortete:

„Ich habe niemals irgend Jemand enttäuscht, aus dem einfachen Grunde, weil außer meinem Verlobten Niemand mir Liebesanträge gemacht hat."

„Alles dies ist unerklärlich," meinte Madame Augustine. „Nun, die Zeit wird auch ein derartiges Dunkel aufhellen. Jetzt theilen Sie mir mit, was Sie hierhin führt, mein Kind."

Lucie ließ sich verschiedene Garnituren geben, deren sie für die Arbeit bedurfte, welche sie zu Haufe fertig machen wollte, und entfernte sich dann.

Wir haben Ovide Soliveau unter dem angenom­menen Namen Arnold de Reiß in Begleitung der Fräuleins Amanda sich zum Gasthof Brebant begeben sehen, wo sie sich in ihrem gewohnten Kabinete nieder­ließen.

Während sie dahin gingen, plauderte« sie sröhlich miteinander.

„Nun, war haben Sie denn eigentlich während meiner Abwesenheit gemacht, meine Schöne?" frug Ovide.

„Ich war wüthend über Ihre unerwartete Abreise und eS war mir sehr unangenehm, Sie nicht zu Ge­sichte zu bekommen. Wenn ich daS Atelier verließ, so speiste ich ohne Appetit und ging dann zu Bette?"

„Wirklich?"

„Ja, natürlich, auf Ehrenwort."

„Ein wirklich beispielloses Benehmen, zu welchem ich Ihnen aufrichtig Glück wünsche!" Und wie geht'S mit den Geschäften bei Madame Augustine?"

„Arbeit über Arbeit!" Diese Frau hat wirklich einen unerhörten Zulauf. Binnen einem Jahre gedenkt sie sich vom Geschäfte zurückzuziehen, natürlich mit einem hübschen Stück Geld in der Tasche und will als- dann das Geschäft übertragen."

Verstohlen hatte Amanda Ovide Soliveau bei diesen Worten angeblickt und setzte dann hinzu:

„Dies wäre ein HauS, das so nach meinem Ge- schmacke wäre!"

Ovide begriff sehr wohl, was Amanda sagen wollte.

„Oh, Oh," antwortete er, „wer weiß, waS in einem Jahre nicht alles vorsallen kann."

Dann brachte er plötzlich daS Gespräch auf einen anderen Gegenstand und fuhr fort:

„Haben Sie guten Appetit, meine Schöne?"

„Einen ausgezeichnetes Appetit, Sie werden sehen, daß ich eine gute Klinge schlagen werde. Apropos, wisien Sie schon von Lucie?"

„Von Lucie?" wiederholte Ovide so unbefangen als ihm möglich war.

„Ja, Sie wissen ja, die Arbeiterin, bei welcher ich in Ihrer Begleitung zweimal gewesen bin, am Quai Bourbon wohnt sie, Nummer 9, jene Lucie, die ver­schwunden war."

„Hat man sie denn wiedergesunden?"

„Ich freue mich, daß ich mit heiler Haut davon­gekommen bin."

„Wie so — ich verstehe wirklich nicht."

„Nun, daß ich nicht mit ihr nach La Garenne de ColombeS gegangen bin."

„WaS ist denn geschehen?" frug Ovide in dem un- gezwungendsten Tone der Welt.

„Ein förmlicher Drama, wie im Theater!" Lucie wäre beinahe ermordet worden."

„Ermordet worden!" wiederholte Solivrau mit gut gespieltem Erstaunen. „Ich glaube, Sie treiben Scherz mit mir."

„Richt im Geringsten."

„Dann begreife ich nicht, wirklich — das arme Kind, ermordet!"

„Ja, durch einen heftigen Stoß mit einem Messer in die Brust!" fuhr Amanda fort. „Sie hat es nur den Stangen ihres KorsetS zu verdanken, daß sie mit dem Leben davongekommen ist."

28.

„Dann hat eS gewiß gut gegangen, muß ich sagen", versetzte Ovide; „leider gibt eS so viele Schurken auf der Welt, die sich nicht scheuen, solche schmachvollen Verbrechen zu begehe«. Hat man den Mörder ver­

haftet?"

„Nein."

„In der That, ein tüchtiger Polizeipräfekt! Seine Leute arbeiten sehr gut!" bemertte Ovide spöttisch.

„Wenn man ihn auch bis jetzt nicht verhaftet hat, so wirv man seiner doch schon habhaft werden," be­merke Amanda.

„Meinen Sie?"

„Ja, gewiß habe ich Gmnd, die? anzunehmen. Bis jetzt hat man geglaubt, den Mordverfuch dem Gesindel zuschreiben zu müssen, das sich in der Nähe von Paris umhertreibt."

„Und man ist von dieser Ansicht zurückgekommen?"

„Wie es scheint, ja."

Ovide zitterte.

„Ah," sagte er etwas unruhig. „Wie so denn?"

„Man nimmt jetzt an, daß Diebstahl nicht der Beweggrund der That gewesen ist."

„Welcher Grund soll er bemi gewesen sein?"

„Rache oder Haß."

„So, so . . . Aber worauf gründet denn die Po­lizei diese Annahme?"

„Man hat einen Anhaltspunkt gesundes."

„Einen Anhaltspunkt?" wiederholte Soliveau aus- merksam.

„Ja."

„Welcher Art war derselbe?"

„Man hat dar Heft der Messers gefunden, welcher an den Stangen der Korsets abgeprallt ist, man hat auf dem an dem Hefte befindlichen Stück der Klinge die Adrefse der Fabrikanten gelesen und außerdem in Erfahrung gebracht, daß dar Messer am Vorabende der Verbrechens von einem gutgekleidetev Herrn ge­kauft worden ist."

Der angebliche Baron Arnold de Reiß war bleich geworden.

Amanda fuhr fort:

„ES foll ein Herr mit etwas grauen Haaren, von etwa fünfzig Jahren gewesen sein."

DaS junge Mädchen hielt plötzlich inne.

„Aber waS ist Ihnen eigentlich?" frug sie dann. „Ich fühle, daß Ihr Arm zittert . . . Sind Sie un­wohl?"

„Nein . . . Nein ... ES ist mir nichts . . . Ich bin durchaus wohl ..." tagte Ovide, indem er eine fast übermenschliche Anstrengung machte, um seine Ruhe wieder zu gewinnen. „Man ist also der Mein­ung, daß dieser gut gekleidete Herr das Mädchen habe tobten wollen?"

„Es scheint wohl."

„Angenommen eS verhielte sich so: welchen Zweck soll er beim dabei gehabt haben?"

„Bis jetzt weiß man dies noch nicht, aber mau wird eS wohl schon in Erfahrung bringen. Denk» Sie sich, daß dieser Ungeheuer das Messer in dem Laden im Erdgeschosse desselben HauseS gekauft hat, in welchem Lucie wohnt! Gr hat diesen Einkauf gemacht, während ich zum sechsten Stockwerk hinauf gegangen war und Sie auf dem Quai auf mich warteten."

„Ein seltsamer Zufall!" .

„Sie hätten aus dem Wagen, in welchem Sie sitzen geblieben waren, diesen Mann sehen können."

„Vielleicht habe ich ihn sogar gesehen, denn ich blickte gerade auf den Messerladen hin," antwortete Ovide ruhig, „aber ich hatte gerade keine Veranlassung, ihn genauer in's Auge zu fassen, und so erinnere ich mich seiner nicht." „

Amanda war es nicht entgangen, daß Ovide alle diese Worte in einem etwas eigenthümlichen Tone ge­sprochen hatte; neugierig beobachtete sie ihn also genau und gewahrte jetzt zum ersten Male feine Bläffe. In- deß waren sie mittlerweile bei Bröbant angelangt, und sie konnte ihn für den Augenblick nicht weiter fragen.

(Forts, folgt.)

Vermischtes.

* (Zum Sklavenhandel in Astika.) In der September- Nummer der Monatsschrift .Blackwood Magazine' befindet sich em Bericht über eine Unterredung mit Pater Ohrwald er. Nach des Letzteren Aussage ist der Sklavenhandel in Afrika im gegenwärtigen Augenblick ebenso lebhaft wie je. Der Sklaven­markt Omdurman (Khartum) ist der größte und besuchteste in der Welt. Es ist nichts Ungewöhnliches, dort 1000 Frauen und Mädchen zu sehen, welche an einem Tage zum Kaufe ausgestellt werden. Käufer kommen von allen Theilen, von Dafür, Kor- dofan und selbst von Marokko, und Sklaven werden von Abes- isinen, Dinka und Aequatoria gebracht. Selbst in dem Distrikte, in welchem Ohrwalder sich aufhielt, hat er ost eine große An­zahl von Sklaven beiderlei Geschlechts gesehen. Im Sudanist augenblicklich die Thätigkeit der Missionare zum völligen Still­stand gekommen, und unter dem gegenwärtigen Regime würde es schier unmöglich sein, eine solche wieder aufzunehmen.

* In Chicago prämiirt. Die Nähmaschinen- und Fahrrad- Fabrik Adam Opel in Rüsselsheim a. M. erhielt aus der Welt­ausstellung in Chicago die höchste Auszeichnung in ihrem Fache, und zwar Ehrenmedaille mit Diplom.

k Ein guter Obstkeller darf weder feucht noch dumpf fern, muß nicht zu tief liegen und eine möglichst gleichmäßige Tem­peratur haben; mit Rücksicht auf letzteren Umstand ist die Nord­lage der Südlage vorzuziehen. Um Licht und Temperatur des Raumes beherrschen zu können, muß ein richtiger Obstkeller mit Fenstern und Thür versehen sein, die sich leicht öffnen, aber auch so dicht verschließen lassen, daß Licht und Kälte nicht eindringen können. Ferner muß der Keller aus zwei bis fünf Ctm. starken Latten und Brettern bestehende Regale von circa 70 Ctm. Breite und 60 Ctm. Zwischenraum haben. Die Regale sollen nicht aus Nadelholz, weil harzig, sondern aus Laubholz angefertigt sein. Damit die Früchte vor Mäusen und Ratten ge- schützt bleiben, müssen die Stellagen von allen Seiten frei stehen und die Füße derselben in einer gewissen Höhe ringsum mit Blech oder Zink bekleidet sein. — Wer sein Obst auf diese Weise aufbewahrt, erhält es bis ins Frühjahr hinein gesund und wohl­schmeckend.

* (Soldatrnportäts.) Man schreibt aus Brüssel: Du belgischen Militärbehörden waren dahinter gekommen, daß Reser­visten, die außer Landes weilten, sich oftmals bei den jährlichen Kontrolversammlungen einfach durch einen Kameraden vertreten ließen. Um diesem Betrüge in Zukunft vorzubeugen, hat der Kriegsminister angeordnet, daß jeder Soldat während der Dienst­zeit und beim Weggang vom Regiment photographirt werde» muß. Jedes Mal werden zwei Bilder geliefert, von denen daS eine, mit dem Regimentsstempel versehen, in daS Militärbuch des Soldaten eingeklebt, und das andere der Stammtrolle bei­gefügt wird. Durch Vergleichung der Bilder bei den Kontrol- vcrsammlungen ist es dann ein Leichtes, die Jdentttät des Reser­visten festzustellen. tzM

* (Der Shlips des Herrn Miquel.) Aus Bentheim wird der Berliner ,Volkszeitung' eine heitere Episode berichtet, in der Herr Miquel die Hauptrolle spielt. Der Herr Finanzminister passtrte vor einigen Tagen auf seiner Reise von Schevemngen nach Osnabrück den Bahnhof Bentheim und war der Zollrevi­sion wegen genöthigt, seinen Wagen zu verlassen. Unter den Neugierigen, die den großen Steuerkünstler zu sehen wünschten, befand sich auch ein dorttger Kaufmann, der, nach längerer, scharfer Beobachtung der Excellenz zu den Umstehenden gewendet, in die denkwürdigen Motte ausbrach: „Trägt einen ShlipS für vierzig Pfennig." Wenn der seine Kenner der Kravatteu- branche mit seiner Schätzung Recht hat, so beweist der preußische Finanzwinister, daß er mit der von ihm seinen Kollegen im Ministerium empfohlenen Sparsamkeit wenigstens bei sich selbst in vorbildlicher Weise anfängt.

* Düten - Literatur. Wie das ,B. Fremdenbl.' mittheilt hat ein findiger Kopf sich die Idee, Düten und Einschlag-Papiere mit Gedichten oder mit Fortsetzungen eines spannenden Romans zu bedrucke», unter Nr. 16,394 der GebrauchSmuster-Liste durch Anmeldung vom 22. Juli d. I. „schützen" lassen. Die amtliche