Einzelbild herunterladen
 

Erscheint

Sonw

JV 224

Samstag, den 30. September 1893.

20. Jahrgang

ulduer

Letzte Nr. des 3. Quartals

* Die Revolution in Brasilien.

i

I i

* Da? Kaiserlich« Gesundheitsamt mochte folgende Cholerafälle vekannt: In Hamburg wurden von gestern bis heute früh 6 Nmerkrankungm festzestellt. In Jtzehon eine N-uerkrankung. In Stettin em tödt- lich verlaufener Krankheitsfall (Arbeiter, am Bollwerk wohnhaf-).

* Auf dem am Sonntag in Marburg abge- baltenen Parteitag der antisemitische» deutschen Reformpartei, aus welchem fast alle ReichrtagSabgc- orbnete der Partei aus H-ssen und Sechsen vertreten tosren, und dem besonders die bäuerlichen Kreise HeffmS starkes Interesse entgegengebracht zu haben scheinen, ist auf Betreiben de» Abg. Dr. Böckl wieder eine scharfe Absage an di. Konservativen und dir antisemitischen Dentsch-Soz-alen erfolgt. Letztere wurden ebenso wie die Slöckn'zchcn Christlich-Sozialen als eine „Spielart und freiwillig« Schutztruppe" der Konservativen be­zeichnet, mit denen man kein Bündniß einqehen könne. Nur der „antisemitischen Bereinigung für Norddeutsch­land", deren Berliner Vertreter erklärten, daß sie im Allgemeinen auf dem Boden der R-formpartei ständen, brachte man Sympathien entgegen, in de: Hoffnung, daß die „naturgemäße Entwick-lang" diese Bereinigung ohnehin der R.formpartei zuführe« werde. Sonst wurde allen Parteien der Krieg erklärt. „Die deutsche Reform- Partei — so wurde auf Dr. BöckckS Antrag beschloffen

bekannt ist und in Folge dessen eine Wiederein- setzung der Dynastie Dom Pedro, sei eS auch nur nach einer kürzeren oder längeren Zwischenzeit, keineswegs für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten wird. Kaiser Pedro II. ist am 5. Dezember 1891 zu ParrS gestorben. Aus seiner Eh; mit der 1889 ver­storbenen Prinzessin Therese von Bourbon-Sizilien ist nur eine Tochter hervorgegangen, Isabella (geb. 1846),

, Seitdem im Jahre 1889 der Kaiser Dom Pedro semeS Thrones entsetzt und Brasilien aus einem Kaiser- reich m eine föderalistische Republik umzewandelt wurde, ist da« mehr noch als früher den wildesten Partemnge« preiSgegebene Land eigentlich nicht mehr zur Ruhe gekommen. Die neuistn Ereignisse, über die eS bei dem Mangel zuverlässiger und der Fülle widersprechender Nachrichten allerdings aus der Ferne

„Zu welcher Zeit haben Sie dies Messer vu kauft?" Ti: Frau geb den Tag an.

„Also genau an dem Tage vor demjenigen Tage, an weicht da-^Verbrechen verübt worden ist?"

„Haben Su ?-rgessm, wer der Ankäufer äiwesm ist?" frug der UntersuchWgSrichter.

„Durchaus nicht! ES war ein Herr."

. „Ein Herr!" wiederholten die Männer wie auS entern Munde.

„Ja, ein sutgekleideter Herr. ®r kam in den Laden herein, eS mochte zwischen 8 und 9 Uhr Abends sein. Er frug mich nach einem Kücheum»ss-r, wie die Metzger sie brauchen, um die Knochen auS dem Fleische zu ent- fernen. Dies ist sein eigener Ausdruck. Er wollte also wohl ein solide» M,ff-r haben."

„Könnten Sie daS genaue Aeußere de» Mannes angeden?"

„Unmöglich — e» gehen hier so viele Leute auS und ein, daß man auf den Einzelnen nicht Acht geben kann."

„War er jung?"

„3ch glaube, daß er so etwa 50 Jahre alt sein mochte. Ec hatte bereits etwas graue Haare. Er war sehr sorgfältig gekleidet, sage ich noch einmal, er trug

| endet und bei seinen Eltern in Boulogne-sur-Seine bei - Paris lebt. Der oben bezeichnete Diplomat meint, daß - dre Stärke der monarchischen Anhängerschaft unter ; der brasilianischen Bevölkerung in Europa durchweg = unterschätzt wird. Er theilt mit, daß in der größten s und mächtigsten Pcov'nz San Paolo neun Zehntel der | Bevölkerung monarchisch gesinnt feien, in der zweit- größten Provinz R o Grande do Sul zwei Drittel. Dre gesammte besitzende Klasse zähle zu den Anhängern der Monarchie. Dazu komme, daß die ganze, sehr be­deutende Marine, deren Führer sich an die Spitze der aufständischen Bewegung gesetzt habe, von Haus aus monarchisch gesinnt sei und dem Admiral Mello völlig zur Verfügung stehe.

deutsches Reich.

Berlin, 28. September. ,. * Der Kaiser hat dem Prof. Dr. Schweninger sein Mißfallen darüber kundqeben lass'», daß der Leib­arzt der Fürsten Bismarck es verabsäumt habe, ihm, dem Kaiser, rechtzeitig von der schweren Erkrankung des Fürsten Kenntniß zu geben.

* Offiziöser Versicherung zufolge hat daS Staats- Ministerium die Berufung des preußischen Land- tagS auf den 15. oder 16. Januar in Aussicht ge­nommen. Für den nächstjährigen Etat sei die Bewilli­gung erheblicher StaatSbeihilfe für Meliorationen in der Eifel vorgesehen.

* 3m ,BorwärtS' veröffentlicht der Abgeordnete Singer mit NamexLunterschrift einen Leitartikel, welcher gegen Bernstein'- bezüglichen Aufsatz in der ,Neuen Ze,t' polemistrend, scharf gegen jede Betheiligung der Sozialdemokraten an den Landtagswahlen auftritt. Einerseits würde die Sozialdemokratie dabei nur hereinfallen, andererseits dürfe ft; zielbewußt keinem Kandidaten anderer Parteien zum Siege verhelfen. t ,* Die Hanptkonferenz de» deutschen Eisen- bahn-VerkehrSverbandes tritt am 8. November in München zusammen. DieTagerordnu g ist sehr um- fangreich und umfaßt eine Reihe wichtiger Fragen und Anregungen.

* Gegenüber den neuen Gteuerpläne« stellt die .Germania' nachstehende grundschliche Gesichts- Punkte auf:

„1. Durchaus keine Bewilligung von Steuern auf Vorrath, sondern nur Bewilligung deS zwingend Röthigen.

„ ..Sie spotten in Wahrheit jeder Beschreibung. Unter dem Dräfidium Peixoto - er ist eigentlich bloß Biceprästdent der Konstitution nach und führt nur den Titel eines Präsident-n — wurden ungezählte Millionen vergeudet. Der Präsi­dent führt eine Günstlingswirthschafr ein, von der man sich kaum eine richtige Vorstellung macht; einzelne seiner Freunde, die vor einem Jahre noch mittellloS, ja fast arm waren, ver­fügen letzt über ein Vermögen von fünf, sechs, einer sogar von acht Millionen Franken. Eine junge Dame, welche sich der besonderen Gunst Peixotos erfreut, hat sich im «erlaufe seiner verhaltmßmäßig kurzen Präsidentschaft etwa zehn Mill-onen zurückgelegt. . . . Sem Einfluß erstreckte sich naturgemäß überall hin, in ledem Amte begegnete man seinen Kreaturen, die besten Stellen besetzte er nut den von ihm begünstigten Leuten, in beiden Kammern, Senat und Parlament, welche aus den von Provinzen und der Hauptstadt entsendeten Deputirten zusammen- gesetzt sind, sitzen zum großen Theile Männer, welche Peixoto'S Pagoden sind und deren Wahlen mit dem Gelbe der Regieruna gemacht wurden.

Der äuß-re Anstoß zur Empörung wird iy einer außerordentlich ungünstam Bnäudenmg der Wirth- schäft lach en Verhältnisse dis Landes gesehen. WaS aber der ganzen Bewegm-g eine besondere politische Bedeutung gibt, ist der U-r stand, daß Admiral M llo al« Anhänger der monarchistischen ©taatlreform

! Handschuhe, tote ein junger koketter Herr, außerdem ? drückte er sich sehr gut aus." *■

«tttä^sM iahen sich die beiden Beamten am I Der W»ann, „en en Bild ihnen die Ladenfrau soeben flüchttg aezeichuet hatte, konnte nicht der Mörder der jungen Arbeiterin sein.

^^Df-r Uuter suchu ligSrichter sprach diese Meinung auch

„Wer weiß," meinte indeß der Chef der Sicher­heits-Polizei. „ES kommen in der Welt sonderbare Dinge vor."

„Allerdings. Aber welchen anderen Beweggrund al» Diebstahl könnte den Mörder zu seiner That ver­anlaßt haben? Run aber gleicht doch der Mann, den un» Madame da beschrieben Hst, gerade nicht Jeman­dem, welcher vvm Straßenroube lebt."

„Sie übersehen, daß auch noch ein anderer Beweg- gründ als gerade Diebstahl obgewaltet haben kann."

„Wirklich glauben Sie dies?"

„Einstweilen glaube ich noch nichts, aber ich suche."

„Der Untersuchungsrichter shieu einen Augenblick lang nachzusinmn, er sagte indeß kein Wort, sondern vrrlnß, nachdem er der Geschäftsinhaberin gedankt, mit fernem B gleit» den Laden.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(129 Fortsetzung.)

Der C;:f der Sicherheit» - Polizei leate der Kra» d:e beiden Bruchstücke deS Messers vor und sagte bann- wahres ^ffer * Ihnen gekauft worden nichi « "Allerdings," antwortete die Frau, nachdem sie die ^uck- genau betrachtet hatte. Hnr ist ja unser Name, «t-f.-re Adr-ff- und unser Fabrikzeichen."

„Trotz des Roste», welcher dar Miss:r deckt, scheint «S ganz neu zu sein." '

«Ohne Zweifel."

„Sie erinnern sich der Person, welche eS gekauft hat ?"

„Ww verkaufen v:el, mein Herr, ich, ober mein A .unser Kommt». Es ist mir deshalb nn- most!ch, dieS genau anzugeben, indcß werden alle B-r- käuse mtt ihrem Datum in bent TageS-Journal eing - tragen. Ich will dteseS Journal Nachsehen und werde oann schon ersehen, ob nach mir noch mein Mann oder Otr Kommis ein derartiges Messer verkauft haben."

Die Frau sah daS Journal nach und sagte bann:

„Nach dem von mir verkrusten Miffer ift keinS ! weh: verkauft wo-den." >

Denn erfahrungsgemäß und auch nach der natürlichen Lage der Dinge enthalten Steuern auf Borrath die Versuchung zu weiterer Erhöhung der Ausgaben. Letztere ist ja auch thatsächlich ^ leichtcrt, falls daS Geld vorhanden, wenn auch vorerst anderen aber nicht zwingenden Zwecken überwiesen ist. Man braucht dann nicht neue Mettel erst zu suchen und so die unangenehme Auf­gabe einer weftern Bolksbelastung zu übernehmen. 2 Neue Lasten dürfen nur auf die tragfähigsten Schultern v,.,v uc.ujLucuuHutn, iitaoeua laev IV4V I I t9^V8iL®£. "k, «Ordert die Gerechtigkeft und Nächsten- w-lüb- s-it ifiAzi ’ W rn • IteBe' da dle Mittlern und untern Klassen wahrlich aenua be-

welche feit 1864 mit dem 1842 geborenen Prinzen lastet sind und schon schwer leiden; das ers°»dert die vEtifcke Gallon bnit iDrrpmta ffirnf»« v%n«cs« »>.— m-ti— Klugheit, da die Unzufriedenheit in diesen Kreisen nicht noch mehr gesteigert werden darf; das erfordert die wahre Staats Weisheit da die wirthschaftlichen und sozialen Schädigungen ! höherer Steuerlasten auch thatsächlich in diesen Klassen die ver­heerendsten sind; das erfordert die einfachste Ehrlichkeit da all­gemein bei Bewilligung der letzten hohen Militärlasten feierlich ver­sprochen worden ist, die breiten Massen des Volkes sollen nicht von den neuen Lasten betroffen werden. Ja, ohne dieses Versprechen hatte die Militärvorlage manche Stimmen nicht erhalten welche zur Bildung der knappen Mehrheit unentbehrlich waren. Hielte man daher dieses Versprechen nicht, dann wäre der ohnehin precaire Sieg der Militär-Borlage auch noch durch betrügerische Vorspiegelungen erschlichen. Es ist also eine Schande, daß schon längst wieder offiziöse und mittelparteiliche Stimmen Steuer- Projekte befürworten, welche jene feierliche Versprechen nicht be­achten, ja daß mittelparteiliche Blätter hier und da schon wieder so weit gehen, zu behaupten, große Summen ließen sich allein durch Heranziehung der b'eiten Massen der Bevölkerung auf­bringen. Aber warum denn nicht anders? Man braucht nur an den rechten Stellen mit festem Willen zuzugreifen! 3. Die neuen Steuern dürfen weder an sich noch durch occidenttelle Bestimm­ungen dahin führen, daß das Budgetrecht des Reichstags sein Einnahme- und AuSgabe-BewilligungSrecht, irgend welche Minderung erfährt, oder daß die bisher allerdings in der Regel sehr bescheiden ausgeübte Einwirkung der Einzelstaaten aus die Reichsfinanzen geschwächt wird. Ueber diese drei Grundsätze aber besteht volle Einigkeit in der Centrumspresse, und von ihnen aus steht sie den einzelnen Steuer-Projekten gegenüber die sie an sich herankommen läßt. Denn selbst solche zu machen hat sie keine Veranlassung, daS kann sie zunächst der Regierung über­lassen und denjenigen Parteien, welche für die Militär-Vorlage gestimmt haben."

Gaston von Orleans, Grafen vonSn, bem ältesten Sohne des HerzsgS vonN-mourS, v'rheirathet ist. Bei ; emer etwaigen „Restauration" würde als künftiger Her» ftfitoer"ift"fi* rin xtTk.T*’' v“ uci,!C - Wt Brasiliens in Betracht kommen der älteste Sohn

PÖN' bet einer der ersten Familien entfiammenbe Ad- nm al Mello hat ihre Führung in die Hand genom men, die Hauptstadt Rio be Janeiro ist schon feit mehreren Tagen der Beschießung auSgchtzt und die Tage des gegenwärtigen Präsidenten der R publik, Psixo'.o, sind, wenn nicht bereits gezählt, so er doch jedenfalls stark gefährdet. Aeußerlich knüpft die aufständifche Beweg- «ng an dir Thatsache an, daß der Präsident P-ixoto gegenüber einem ihm mißliebigen Kammerbeschluß von dem ihm nach der Verfassung zustehenden Vetorechte Gebrauch gemacht hat, aber eS begreift sich leicht, daß die Ursachen der Empörung tiefer liegen möss-m Ein Mitarbeiter des ,Reuen SB euer Tageblatt-' hat mit einem aus Brasilien heimgekehrten Diplomaten eine Unterredung über die treibende Veranlassung zu der brasilianischen Revolution gehabt, über welche er in dem genannten Blatte einen lesenSwerthen Bericht er» ftattet. ES, ergibt sich daraus, daß der ungenannte Diplomat die eigentliche Ursache deS Aufstandes in einer ungeheuerlichen SünstlingSwirthschaft er- blickt, welche sich unter bem gegenwärtigen Präsidenten ewg/bürgert habe. „Sind denn die Zustande Brasilien» Wirklich so zerrüttet?" fragte der Berichterstatter den Diplomaten, worauf dieser erwiderte: