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JV 223 Freitag, den 29. September 1893. 20. Jahrgang

FllldaerWZeituiig

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Deutsches Reich.

Berlin, 27. September.

* Behufs Vorbereitung der am 2. Oktober begin­nenden Verhandlungen über einen deutsch' russische« Handelsvertrag sind heute Bormittag die bei den Verhandlungen interessirten Vertreter Der Reichrbehör- den und die als Zollbeirath einberufenen Sachverstän­digen aus den Gebieten des Handels, der Industrie und der Landwirthschaft im Reichstags-Gebäude zu einer Konferenz zufammentreten. Den Vorsitz führt Staatssekretär Dr. v. Bötticher. Der Zollbeirath um­faßt co. 80 Herren, darunter als Vertreter der Land- wirthschaft Fürst Hatzfeldt, Graf Kanitz, v Puttkam­mer, v. Plauth, Dr. v. Frege. Der Borwurf, daß die Landwirthschaft bei den Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit Rußland nicht gehört werde, kann hiernach nicht aufrecht erhalten werden.

* Der preußische Finauzmiuister hat, der .Elmsh. Ztg? zufolge, für zulässig erklärt, daß in den Ur- Wähler-Listen die Steuerbeträge der einzelnen Urwähler hinzugefügt werden, da nach den gesetzlichm Vorschriften wohl die Geheimhaltung der Quellen des Einkommens, nicht aber dieser selbst gemeint worden sei.

* Die ,Hamb. Nachr.' theilen mit, daß Fürst Bis­marck wieder hergestellt ist und bereits in den nächsten Tagen in FriedrichSruh eintreffen dürste. Der Fürst habe der ihm liebgewonuene» Gewohnheit, den Herbst in Barzin zu verleben, diesmal entsagt, weil die Reise dorthin nach eben beendeter Reconvalescenz ärztlicher­seits als zu weit und z« anstrengend widerrathen wurde.

* Das kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende Eholerafälle bekannt: In Hamburg wurden von S (Montag) bis heute früh 5 Neuerkrankungen, er einer mit tödttichem AuSgang festgestellt. In Berlin ist der in voriger Woche erkrankte Schiffer ge­storben.

* Eine Statistik der Selbstmorde in der Armee bringt eine dem »Vorwärts' zufolge demnächst im Verlag der Münchener Post, des Organs deS Herrn v. Bollmar, erscheinende Broschüre mit dem Titel: „O, welche Lust, Soldat zn sein! Ernstes aus den Ferienkolonien." Die Statistik umfaßt bett Zeitraum vom November 1882 bis Oktober 1892. Danach gaben sich in der preußi­schen, sächsischen und württembergischen Armee (Bayern ausgeschlossen) nicht weniger als 2353 Soldaten frei­willig den Tod. Das sind im Durchschnitt 235 Selbst­morde per Jahr. Charakteristisch ist dar Steigen und Fallen der Selbstmordfällr der einzelnen Monate. Die niedrigste Zahl weißt der Oktober auf: 142. In diesem Monar sind bereits die ausgedienten Soldaten verabschiedet, während die Rekruten noch nicht einge­zogen sind. ES findet sodann eine rasche Steigerung dis zum Januar mit zweihunderteinundzwanzig Fällen statt. In diesem Monat schließt dar Einzelexerzieren, das Quälendste und Anstrengendste für den noch unge­lenken Rekruten. Im Februar beginnt das Kompagnie- Exerzieren, die Qual der EtnzeldrillS ist vorüber, die Selbstmorde vermindern sich, um aber schon wieder mit dem nächsten Monat unaufhaltsam zu steigen bir

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(128. Fortsetzung.)

Die beiden GenSdarmen, welche ihren Kollegen, welcher sich noch jenseitr der Böschung befand, nicht sehen konnten, blieben stehen.

„Wer mag nur hier nach unS mit Steinen werfen?" sagte der Brigadier.

Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Der dritte Gensdarm erschien nämlich in diesem Augenblicke auf der Krone der Böschung und rief:

„Es sind keine Steme, Brigadier!"

„War ist eS denn?" -

„Oh, ein altes Stück Ersen oder Meffer, ich weiß eS nicht, was eS ist. Ich habe eS da eben in dem Bachsande aufgehoben. Da ganz in der Nähe liegt er ja!"

Die beiden GmSdarmen blickten ans die Stelle am Boden, auf welche der dritte Kollege mit der Hand deutete. Larchant gewahrte jetzt das Stück Messer, und hob er, einen Freudenschrei auSstoßeyd, auf.

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„Wir haben heute Glück!" sagte er indem er den Gegenstand bettachtete. „Ich will eia Schuft sein,

zum Juni: 247 Selbstmorde. In diesem Monat ist Schluß der Bataillonsexerzieren, das Aergste ist über­standen, allerdings auch mit Erreichung der höchsten Anstrengung und der höchsten Zahl der Selbstmorde. Es beginnen nun der Etnteurlaub und der Kasernen­dienst und damit ein Sinken der Selbstmordfälle bis zum Oktober. Diese Zahlen, meint der ,Vorwärts, sprechen stark für die Abhängigkeit der Selbstmorde in der Armee von der steigenden und nachlassenden Inten­sität der Drill« — und nicht etwa von der „ver­schmähten Liebe" oder von „Leidenschaften" aller Art. Diese unheimliche Statistik ist gewiß geeignet, die Be­achtung, wie der zuständigen militärischen Behörden, so auch all' Derer zu erregen, welche der Ansicht sind, daß er nicht ein unabwendbares Anhängsel des Militär­dienstes und der Kaserne sein dürfe, daß Jahr für Jahr viele Hunderte von Soldaten dem moralischen Rum verfallen oder in der Verzweiflung über die ihnen widerfahrene Behandlung Hand an sich selbst legen. Jeder, der eS mit dem Volke und insbesondere mit deffen unter den Waffen stehenden Söhnen gut meint, möge, soviel er kann, dazu mitwirken, daß das traurige Kapitel, sowohl der Soldatenmißhandlungen wie der Soldaten-Selbstmorde, immer wmiger von sich reden macht. Insbesondere die Volksvertretung darf nicht aufhören, auf Regierung und Heeresver­waltung entsprechend einzuwirken.

* Die Borstandschaft des uuterfränkischeu christ­liche« Bauern-Vereins erläßt an die christliche Bauern­schaft von Unterfranken und Aschaffenburg einen Auf­ruf, in welchem eS heißt:

Der christliche Bauern-Berein versendet in diesen Tagen sein Programm und Statut. Bei der nächsten General-Versammlung wird derselbe ein ausgearbeitetes landwirthsckaftliches Programm vorlegen, dessen Aufstellung das Werk ber gelamm­ten unterfränkischen Bauernschaft sein soll dadurch, daß dasselbe vom Ausschuß der Gesammtheit der Obmänner der Ortsgruppen gründlich vorberathen und dem Gutachten der General-Versamm­lung unterstellt wird. Liebe StandeSgenossen I Es gilt einem hohen Ziel, der Erhaltung, Gesundung und Kräftigung deS Bauerstandes. Einigt euch zum großen Werke. Nicht von Außen soll das Werk der Reform hineingetragen werden; nein, von Innen, aus Euch heraus fall daS Werk erstehen. Da­her berathet Euch in jeder Bauern-Gemeinde, fordert Programm und Statut, stellt Obmänner auf und schließt Euch uns an. Der Rahmen ist geschaffen, das HauS steht bereit! Tretet ein! Ein Beispiel nehmt Euch am Haßgau, an Eidhausen, wo katho­lische und protestantische Bauern einmüthig sich zu­sammengefunden und frohgemuth sich zu einer Obmannschaft deS christlichen Bauern-Vereins vereinigt haben. Christliche Obmän­ner beider Konfessionen arbeiten für uns. Die christliche Bauernschaft unseres Frankenlandes und deS bayerischen Vater­landes steht in kurzer Zeit unter dem schützenden Dache des christlichen Bauern-Vereins. Durch den christlichen Bauern-Berein wird die Bauernschaft den ihrer hohen nationalen und wirth- schastlichen Bedeutung gebührenden, bisher versagten Einfluß sich erobern; der christliche Bauernstand wird eine Macht im öffent­lichen Leben.

Ausland.

• Paris, 25. Sept. Die Stimmen, welche den Freudentaumel der Franzosen aus Anlaß des ruf- fischen Flottenbesuches in T o u l o n zu dämpfen suchen, mehren sich. So schreibt Henri des ovx im „Motin" zu den ftanzösisch-rvssischen Festlichkeiten: „Auch wir

wenn dieses verrostete Ding nicht das Messer ist, waS wir jetzt seit mehreren Tagen vergeblich gesucht haben. Sehen Sie einmal näher zu, Brigadier."

Der Brigadier nahm das Meffer in die Hand und betrachtete es genau.

„Wirklich, wirklich." sagte er dann. „Ich glaube ganz sicher, daß die Bruchstelle dieser Klinge genau zu dem Stücke paßt, welches der Herr Kommissar gefun­den hat. Es sollte wenigstens auffallend fein, wenn dies nicht der Fall wäre!"

„Schnell also zu ihm!"

„Ja, wir müffen eS ihm sogleich bringen," fuhr der Brigadier fort, und setzte dann, indem er sich an bett Gensbarmen wanbte, welcher noch immer auf der Krone der Böschung stand, hinzu:

„Wenn dies wirklich der Gegenstand ist, welchen wir vermuthen. dann dürfen Sie sich rühmen, mein Bester, einen hübschen Fund gemacht zu haben. Später sehen wir uns wieder!"

Während der letztgenannte GenSdarm seines Weges weiter zog. begaben sich Larchaut und der Brigadier sogleich nach Bois-ColombeS, woher sie auch gekommen waren, zurück.

Im Laufschritte eilten sie dann, hier angelangt, auf daS Bureau deS Polizeiksrnmiffars zu und wurden so­gleich zu ihm vorgelaffen.

schließen uns der nationalen Bewegung an, in welcher Frankreich so viel Edelmuth, so viel herrliche Hoffnungen legt. . . . Aber ist eS nicht ein Zeichen der Zeit, ein sichtlicher Beweis des Umsturzes jeden Prinzips und jeden Rechts, des alles Andere ersetzenden Militarismus, daß ein Autokrat und eine Republik sich so fieberhaft umarmen, daß der Enkel deS Hauptes der heiligen Allianz und die Tochter der Revolution sich vermählen? Die Verbindung zweier Kräfte, zweier Heere, zweier Flotten, eine militärische Combination wird in Toulon gefeiert werden. Wen» es noch ein Europa, noch ein Recht gäbe, wenn daS Gleichgewicht möglich wäre, so würde man nicht eine so wunderliche Theilung sehen: auf der einen Seite der deutsche DeSpottSmuS, der das feudale Oesterreich und das demokratische Italien in'S Schlepptau nimmt, auf der anderen Seite das auto­kratische Rußland und das republikanische Frankreich. Hat daS noch einen Sinn? Entspricht eS den Wahl­verwandtschaften der Böller? Es gibt nur noch Ba­taillone, Gewehre, Kanonen. Man stellt sie hierhin, dorthin. In dem einstigen Europa gibt es keine po« litischen Positionen mehr, sondern nur strategische . . . Darum kann man sagen: Firns Europae.

* Paris, 25. Sept. Was der bewaffnete Friede Europa seit dem Jahre 1865 gekostet hat, das lehrt uns eine interessante Studie von Edmond Thierry, Direktor deS Economiste europeen. Die ein­fache Aufstellung der Ziffern dieser Studie bfldet eine der furchtbarsten und beredtesten Anklageschriften gegen den Überhandnehmenden und Alles verschlingenden Militarismus. Die Ausgaben für Heer und Marine betrugen für das Etatsjahr 1892/93: in Frankreich 890 Millionen, in Rußland 1,107.1 Millionen, in Deutschland 822.7 Millionen, in Oesterreich-Ungarn 421.8 Millionen, in Italien 855.1 Millionen, in Eng­land 832 Millionen, in Belgien 47 Millionen, m Spanien 170.3 Millionen, in Holland 75.3 Millionen, in der Schweiz 36.7 Millionen, d. i. für diese zehn Nattonen zusammen 4758 Millionen. Seit dem Jahre 1866 haben die Ausgaben um etwas mehr als zwei Milliarden Francs zugenommen. Die Zunahme betrug sür Deutschland (Preußen und die Bundesstaaten) 137 Prozent, für Italien 92 Prozent, für Oesterreich 85 Prozent, für Rußland 79 Prozent, für Frankreich 62 Prozent und für England 37 Prozent. Wenn man nur die sichtbaren, alljährlich in den Militärbudgets ange­führten Ausgaben berechnet (ganz abgesehen von beit Ausgaben für strategische Eisenbahnen, von ErgänzungS- trebitm, von den persönlichen Ausgaben, welche die militärischen Einberufungen den davon Bettoffenen ver­ursachen u. f. w.), so hat der bewaffnete Friede Europa seit dem Jahre 1866 ungefähr 38 Milliarden Francs gekostet, und in dieser Summe sind die furchtbaren Verluste, welche die Kriege von 1866 und von 1870/71 in der ganzen Welt verursachten, nicht mit inbegriffen. Die wirkliche Vermehrung der stehenden Heere in der Zeit von 1865 bis 1893 betrug für Frankreich, Ruß­land, Oesterreich, Dentfchland, Italien und England zusammen etwa 650,000 Mann; diese Vermehrung be- beutet für die Produktivität Europas einen jährlichen

„Run, was bringen Sie mir denn, meine Herren?" redete der Kowmiffar die Beiden an. „Haben Sie mir etwas Neues mitzntheilen?"

„Ganz gewiß, Herr Kommiffar, etwas Neues und sehr Wichtiges!"

„Um was handelt es sich?"

„Sehen Sie hier!"

Damit überreichte der Brigadier dem Kommiffar das Stück Messer.

Der Beamte besah eS von allen Seiten und sagte bann freudig:

„Aber das ist ja der Gegenstand, den wtt so lange vergebens gesucht haben!"

„Dies ist auch unsere Meinung, Herr Kommiffar. UebrigenS läßt sich dies ja sehr leicht feststellen."

Der Kommissar zog eine Schublade seines Schreib­tisches und nahm das Stück der Klinge heraus, welches man bei ßncte gefunden hatte. Und in der That, die beiden Stücke paßten genau zu einander.

„Es ist wttklich das vollständige Meffer," sagte der Kommissar bann.

„Jetzt werden wir auch wohl erfahren, wo dar Messer gekauft worden ist," hob der Brigadier wieder an, „vielleicht auch sogar, an wen eS verkauft worden ist. Die Adreffe deS Geschäfts ist hier dicht neben dem