JM 222
Donnerstag^den28. September 1893.
20. Jahrgcmp
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. September.
* Der Kaiser hat g>stern Abend Mobres verlassen und ist heute früh nach 8 Uhr in Schönbrunn bet Wien eingetroffen. Auf dem Bahnhofe in Hetzen- darf wurde unser Kaiser vom Kaiser Franz Joseph empfangen. Bald nach der Ankunft in Schönbrunn begab sich Kaiser Wilhelm auf die Pürsche nach dem Thiergarten in Lainz. Heute Nachmittag 4 Uhr trat der Kaiser die Rückreise nach Potsdam an, wo seine Ankunft morgen früh erfolgt. Bereits morgen Aben) reist der Kaiser nach Schweden ab. Die Reife geht über Swinemünde, wo die „Hohenzollern" zur lieber» fahrt nach Schweden bereit liegt.
* Fürst BiSmarck hat, wie j.tzt auch offiziös gemeldet wird, eine schwere Lungenentzündung neben der Ischias und Gürtelrose zu Überstehen gehabt. In der Lungenentzündung lag die Gefahr für fein Leben. Er soll in Folge dieser Krankheit 20 Pfund verloren haben und jetzt nur noch 184 Pfund wiegen. (Vor 10 Jahren wog Fürst BiSmarck 240 Pfund.) — Der Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Fürsten BiSmarck ist noch nicht seinem Wortlaut nach veröffentlicht worden, ebenso fehlt es noch an einer zuverlässigen Darstellung der de« Depeschenwechsel begleitenden Nebenumstände. Alle«, was bis jetzt über die Veranlassung des kaiserlichen Schrittes mitgetheilt worden ist, beruht lediglich auf Kombinationen, und es verlohnt sich wirklich nicht der Mühe, diese Bermuthungen und Legenden nachmerzählen. Eine offiziöse Zuschrift an den ,Hamb. Corr/ hält eS auch für verfehlt, nach einer besonderen Vorgeschichte des Depeschenwechsels zu forschen, und schreibt dann: „Wie daS Verhältniß, wie es sich seit 1890 entwickelt hat, ohne Berücksichtigung und Boranstellung psychologischer Motive und Charaktereigenschaften nicht erschöpfend zu erklären ist, so mag auch jetzt vor allem daS menschliche Gefühl mitgewirkt haben. Es ist nicht so schwer zu denken, daß Fürst BiSmarck trotz all seiner Uubeugsamkeit in den letzten bitteren Leidens- tagen der tiefe Wunsch nach Versöhnung überkam und daß der Gedanke, vielleicht von Hinnen zu scheiden, ohne noch einmal den Händedruck deS Mannes, dem er io nahe g> standen hat, gefühlt zu haben, für Augenblicke und Gründen schwer auf seiner Seele lastete. Ebenso erklärlich ist eS anderseits, wenn beim Kaiser,
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(127. Fortsetzung.)
Ovide entging die» nicht. Er srug ihn also:
„Wenn ich nicht irre, scheint es mir, als ob Sie «och etwas von mir wissen wollten?"
„Allerding»."
„Um was handelt eS sich? Sprechen Sie frei und offen: Sie Waffen ja wohl, daß ich Ihr Freund bin."
„Ich wollte Sie bitte«, mir die derben Wechsel zu geben, welche Ihnen Herr Petitjean zurückgegeben hat."
„Ich habe sie verbrannt," antwortete Soliveau lakonisch.
„Wirklich?"
„Sie zweifeln doch nicht etwa an meinem Worte, denke ich?"
„Oh, mein Herr . . ." stammelte der Beamte.
„Sie begreifen, daß man solche Dinge nicht aufbewahrt."
Zwei Uhr schlug eS in diesem Augenblicke auf der Dendule im Salon. Ovide stand auf.
„TS ist Zeit für Sre, zum Bureau zmückzukehren," sagte er dann. „Ick muß nach Paris zurück; ich werde den Zug um zwei Uhr fünfzig Minuten benutzen. Wir müssen also von einander scheiden. Ich habe Sie aus einer unangenehmen Lage befreit — nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht wieder in eine ähnliche ge-
als er erfuhr, daß Fürst BiSmarck dem Tode nahe war, die angeborene hochherzige Natur alle Bedenken, die der Herrscher über den ersten Schritt hatte und haben mußte, bei Seite schob und daS reinste menschliche G-fühl alle bitteren Erfahrungen vergessen ließ. Unter diesen Gesichtspunkten haben die Spekulationen über die Rückkehr des Fürsten zur Mitwirkung an den StaatSgefchäften keinen Raum, ganz abge- sehen von seinem körperlichen B-finden, daS zur Zeit noch große Schonung erfordert." Es ist bemerkens- werth, daß hier regierungsoffiziös der Gedanke nahegelegt wird, der erste Schritt zur Versöhnung könnte ebenso gut vom Fürsten Bismarck ausgegangen sein, und daß weiterhin dem Gedanken der Boden entzogen wird, Bismarck könnte jetzt wieder Reichskanzler werden. Daran glaubt man selbst in der Umgebung des Fürsten BiSmarck nicht, und die Bismarckschwärmer, welche thöricht genug waren, solche Hoffnungen zu hegen, erhalten von dem Bismarck'schen Leiborgan ,Hamb. Rachr/ die wenig schmeichelhafte Bemerkung, sie hätten „daS richtige Augenmaß verloren."
* Die polizeiliche Schließung der Nacht-Caf«s in Berlin um 2 Uhr ist bekanntlich auf Anweisung deS Ministers des Innern nach elftägigem Jnkraftsei« wieder auf gehoben worden. Er ist noch nicht völlig klar, ob die Verfügung deS Polizei-Prästdenten seiner Zeit auf ministerielle Anordnung ergangen ist, aus Anordnung desselben Ministers, der sie jetzt aushebt. Wie dem auch sei, unerfreulich ist eS auf jeden Fall, daß die obersten Behörden sich so deSavouiren müssen in Fragen, welche daS Erwerbsleben zahlreicher Personen empfindlich berühren. Es scheint, als habe der Polizei-Präsident sich allzu nachgiebig gegen den Wunsch einer hochgestellten Dame gezeigt. Für unsere Verwaltung wäre eS sehr bedenklich, wenn dergleichen sich wiederholte. Derartige Wünsche dürfen in solchen Fragen nicht ausschlaggebend sein. Erreicht ist durch die Verfügung weiter nicht-, al» daß viel Erbitterung erzeugt, .manche Existenzen schwer geschädigt, das Ser» trauen zu der Einsicht und Stetigkeit unserer Verwaltung erschüttert worden ist. Es ist für jeden Kenner großstädtischer Verhältnisse unfaßbar, wie man, um eine bestimmte Sorte von Nacht-Casüs zu treffen, alle über einen Kamm hat scheeren können.
* lieber die gestern abgeschlossenen Berathungen der Tabaksteuerkommisfio« wird offiziös mitgetheilt: Es? würde eine weitgehende Uebereinstimmung in Betreff der hauptsächlich in Betracht kommenden Gesichtspunkte erzielt, und eS läßt sich erwarten, daß der nunmehr im ReichSschatzamt nach Beendigung der kommissarischen Berathungen und noch Anhö.ung der Sachverständigen auszuarbeitende Gesetzentwurf auch die Zustimmung deS BundeSraths fordern werde. Die in Aussicht genommene Besteuerung der Tabaksfabrikate will nichts weniger als in die bisherige Art der Produktion und des Handels zei störend eingreifen. Sie lehnt sich im Grgentheil an die Formen derselben durchaus an. Insbesondere soll auch die Hausindustrie
rathen. ES ist nicht gerade wahrscheinlich, daß Ihne« auch dann der Zufall zum zweiten Male einen unerwarteten Retter schickt. Ich sage Ihnen nicht Adieu, Herr Duchemin, vielleicht werden wir unS eines Tage» Wiedersehen."
„ES würde mich dies sehr freuen."
„Mich ebenfalls. Ich sage Ihnen also auf Wiedersehen!"
Nachdem beide Männer sich herzlich die Hand gedrückt, begab sich der Riffe der ehemaligen Bürgermeisters auf den Weg zu feinem Bureau.
Ooide verlangte die Rechnung und stieg dann zu seinem Zimmer hinauf, um sich zur Abreise fertig zu machen. Hier zog er abermals seine Brieftasche hervor und steckte in eine Tasche die Papiere, welche er mit nach Paris nehmen wollte: eS waren die zwei Wechsel, welche er von Herrn Petitjean erhalten hatte, daS Be- kenntniß, welches Amanda Regamy unterzeichnet hatte, sowie endlich die Erklärung der Mathurine Fremy.
„Ich habe meine Zeit nicht verloren," sagte er lächelnd zu sich selbst. „Freilich hat es einige Noten von tausend Franken gekcstet, aber immer ist ei schließlich noch nicht zu theuer erkauft! Auch habe ich ein Mcktel in der Hand, um Duchemin den Mund zu verschließen, wenn vielleicht eine Untersuchung folgen sollte; ebenso auch, um Amanda in Schach zu halten, wofern sie wegen der Sache mit 2ucie etwa Verdacht schöpfen sollte, ich kann sie so mir vollständig unterwürfig
erhalten bleiben, und zwar ebenso da, wo Arbeiter für Fabriken zu Hause arbeiten, als da, wo Uebernehmer mit wenigen Personen für eigene Rechnung Tabaksfabrikate Herstellen und selbst vertreiben.
* Heber den Stand der Cholera i« Deutschland theilt das kaiserliche Gesundheitsamt mit: In Hamburg wurden vom Sonnabend bis Sonntag Morgen 7 Neuerkrankungen, darunter 2 mit tödtlichem Ausgange, außerdem 7 Sterbefälle unter den früher Erkrankten festgestellt. Bon Sonntag bis Montag früh: 8 Neuerkrankungen, darunter eine mit tödtlichem Ausgang. Ferner 3 Sterbefälle unter den früher Erkrankten. In Altona 2 Neuerkrankungen und 2 Sterbefälle unter den früher Erkrankten; in Kiel eine Erkrankung. In Brunwerder, Kreis Hameln, eine solche mit tödttichem Verlauf. Bei Hardt, Kreis Neuß, auf einem aus Holland gekommenen, in Ruhrort angelaufenen Schiffe eine Erkrankung. Endlich auf einem von Stettin nach Schwedt abgegangenen Schiffe eine tödtlich verlaufene Erkrankung.
* Der Ausschuß zur Prüfung der Verhältnisse in den von Hochwassergefahren bedrohten Stromge- bieten, der gegenwärtig in Berlin tagt, wird demnächst daS Gebiet der unteren Oder besuchen.
* Eine Feier für Friedrich Engels aus London hat die Sozial-Demokratie in den Concordia-Sälen veranstaltet. Die Feier begann mit Musikstücken, welche eine sozial-demokratische Musik-Kapelle auSführte. AuS 200 sozial-demokratischen Gesang-Vereinen war je ein Delegirter entsandt worden zur Aufführung des Festliedes. Liebknecht hielt dann eine Rede auf Friedrich Engels. Man wolle keinen Personen-KultnS treiben, aber eS sei eines jeden Proletariers Pflicht, dem Dank S zollen, der die Waffen zum Befreiungskämpfe ge» miedet, der dem Volke den Weg aus der Knechtschaft gebahnt habe. Man wolle keine Parade aufführen und könne auch keine Heerfchau abhalten, dazu sei daS Tempelhofer Feld zu klein. In den 52 Jahren, die Engels nicht in Berlm gewesen, sei Berlin die Hauptstadt der deutschen Sozial-Demokratie geworden, und daS sozial-demokratische Berlin, daS sozial-demokratische Deutschland, repräsentire auch den Partei- Vorstand, und die Vertrauensmänner begrüßen heute den alten Vorkämpfer. Engels schilderte dann in seiner Dankrede den Eindruck, den Berlin nach so langer Abwesenheit auf ihn gemacht. Damals sei Berlin eine Hos- und Residenz-Stadt mit 350,000 Einwohnern gewesen, eine Stadt der Bureaukratie, bei Adels und MilitairS, — heute sei eS Industrie- und Handels-Stadt geworden, und der Hof mit dem MUi» tair könne Abschied nehmen, ohne daß ein Hahn danach krähe. Berlin habe eine vollständige Revolution erfahren. Der Redner gedachte daun deS Sozialistengesetzes, unter dessen Wirksamkeit er nicht nach Deutschland habe kommen können, und drS letzten großen Wahlkampfes. Berlin mit feinen 160,000 foz'al-demo- kratischen Stimmen marschire an der Sp tze sämmtlicher europäischen Großstädte. Die gute Disziplin, die Opfer
machen, wenn ich ihrer bedürfte. Man muß biejenigen fesseln, welche unS zu fesseln glauben! WaS aber für mich die Hauptsache ist, ich habe jetzt ein Mittel zur Verfügung, durch welche« wir feststellen können, ob ßucie in Wirklichkeit die Tochter der Johanna Portier ist. In der That, meine kleine Sammlung ist mehr werth, alS sie gekostet hat."
Nach dieffm kurzen Selbstgespräche nahm Ovide seine Reisetasche und bezahlte im Bureau deS Hotels seine Rechnung. Um zwei Uhr fünfzig Minuten bestieg er bett Expreßzug nach Paris.
Um 5 Uhr war er wieber in Paris angelangt, ES war ihm bereits zu spät, um heute noch Paul Harmant in seiner Fabrik in Courbevoie zu besuchen, und zu seinem Hause in ber Rue Murillo wollte er sich ebensowenig begeben.
Er verschob mithin seinen Besuch bei seinem an- geblichen Vetter auf den folgenden Tag und ließ sich zu seiner Wohnung in der Avenue Clichy bringen, wo er seine Kleider wechselte und sich wieder den äußeren Schein eines BaronS Arnold de Reiß gab.
„ES ist nützlich und heilsam," dachte er bei sich, „seine Vorsichtsmaßregeln zu treffen und an Alles zu denken. BiS jetzt habe ich von Amanda nichts zu fürchten, weil sie nichts weiß und die Geschichte mit ßucie irgend einem Vagabunden zur Last gelegt wird, aber man weiß nicht, war geschehen kann. Ich halte eS für klug, den Leuten, von denen mir eines Tages