JW 221 Mittwoch, den 27. September 1893. 20. Jahrgang
F uldaer W Z e i t li ii g
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* Fine Wahl - Parole für das Gentrum gibt die,Köln. BolkSztg.' aus. In derselben lesen wir u. A. Folgendes:
WaS nun das Centrum betrifft, so haben wir, ehe wir zn den Problemen vorschreiten, welche die Allgemeinheit der Staatsbürger betreffen, zunächst Bedacht darauf znnehmen, unsere besonderen Beschwerden zu erledigen und die Hindernisse zu beseitigen, die nach unserer Rechtsgleichheit entgegen stehen. Auf dem Gebiete der Reichs-Politik gilt es, die Ausnahme- Gesetzgebung abzuschaffw, indem dar Jesuitengesetz aufgehoben wird. Erheblichweitgreifender ist, waS wir in Preußen verlangen. Hier verlangen wir, abgesehen von den Resten der preußischen Maigesetzgebung, die volle Durchführung der Parität, die wir noch niemals genossen haben, so lange die Westprovinzen an Preußen fielen. ES muß aufhören, daß die protestantischen Diaspora-Gemeinden von der Regierung unterstützt werden, aber die katholischm nicht. ES ist kein normaler Zustand, wenn in Schlesien 92 Prozent der katholischen, aber nur 17 Prozent der protestantischen Schulen der geistlichen Schulaufsicht entbehrm. ES kann nicht länger geduldet werden, daß so viele katholische Schulen protestantische Lehrer haben, von anderen Beweisen der Imparität auf dem Schulgebiete ganz zn schweigen. @8 muß endlich eine Aenderung darin eintreten, daß den Katholiken die hohen BerwaltungSposten verschlossen sind, daß alle Minister, Unter-Staatssekretäre, Minffterial-Direktoren, Oberpräfidenten, OberlandeS- gerichtS-Präfidentm ausschließlich Protestanten sind.
Dies sollte bei den bevorstehenden Landtagswahlen unsere Parole sein (freilich nicht die einzige, wir erinnern nur an die „Wahlreform"). Nicht weniger als alle Katholiken find dabei inttressirt, denn wenn die nationalltberale Presse auch bei jeder Gelegenheit versichert, nur die „Ultramontanen" schlöffe man auS, so sehen wir, daß auch die so beliebtm liberalen und „reichstreuen" Katholiken nicht Minister werden können. ES gibt nicht einmal „Auchkatholiken" darunter und vollends ein kirchentreuer Katholik wie Frecherr v. Schorlemer-Alst kann wohl Rittmeister, aber nicht Oberpräsident oder Minister werden. Ebenso sind bei dm anderen hier erwähnten Punkten alle Katholiken bethei- ligt, denn wir können eS uns nicht gefallen laffeu, wenn die Protestanten als Staatsbürger erster Klaffe betrachtet werden.
Und so meinen wir, daß es für uns heißm muß: „Vorwärts". WaS wir erstrebm, schadet nicht dem deutschen Reiche, der Monarchie oder dem Dreibunde, wir verlangen nur unser Recht. Auch Kaudidatm der übrigen Parteien können wir in zweifelhaften Wahl- kreism vor dir Entscheidung stellen, ob sie bereit find, zur Durchfühmng der Parität im Sinne der Gleichstellung der Katholiken mitzuwirken oder nicht. ES wird unter Freisinnige« und Konservativm viele gebm, die dazu keine ungünstige Stellung einuebmw. Sollte e- andererseits Leute geben, die in dieser Beziehung
Endlich eullarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(126. Fortfetznag.)
Das junge Mädchen rief in dm Ladm hinein:
„Mutter hier ist ein Herr, welchrr Dich zu sprechen wünscht."
Die Thüre einer hinter dem Ladm befindlichen Zimmers öffnete sich, und eine Frau von etwa fünfzig Jahren mit ziemlich auSdmckrvollen GesichtSzügm er- fchim.
„Sie wünfchm »ich zu fprechm, mein Herr?" begann sie.
„Ja, ich wünschte Sie persönlich zu sprechm."
Auf ein Zeichm seiner Mutter verschwand daS junge Mädchen.
„Bitte, mein Herr", fuhr die Modistin fort.
Ovide ging schnurstracks auf sein Ziel los und sagte:
„Sie habm fiüher einmal ein Ladenmädchen, RammS Amanda Regamy gehabt."
„Ja, sie machte einen guten Eindruck, leider aber nur äußerlich, denn im Uebrigm war eS nichts mit ihr."
„Der Schein trügt ost Madame! Amanda Regamy hat Sie bestohlen, nicht wahr?"
„Ja, um Spitzen im Berthe von vielen Tausmd Franken."
von einem „neuen klerikalen Ansturm" oder von „Agitation gegen dm Staat" redm, so läßt uns dar sehr kalt. Es gibt in Europa kein civilisirteS Land, wo die konfessionelle Minderheit so zurückgesetzt wird, wie in Prmßm — Rußland allein ausgenommen, wenn man daS zu den „civilistrtm Ländern" rechnen will. ES ist traurig üenug, daß wir für die volle Parität, die uns schon m der Verfassung verbürgt ist, erst noch kämpfm müssen; man hätte sie unS schon lange auf dem Präsen- tirteller entgegenbringen sollm. Wir leben aber in einem Lande, wo die Anschauung des evangelischen Bunde-, daß der Staat Preußen ein Exekutiv - Organ zur Durchführung der sogen. Reformation sei, bis in sehr hohe Kreise hinein verbreitet ist, unb daS erklärt Alles. Der zuwartendm Haltung waren die katholischen Wähler schon lange Überdrüssig; der Parole: „V»r- wärtS! Verlangen wir unser Recht!" werden sie frmdig folgen. _____________
Deutsches Reich.
Berlin, 25. September.
* Die neuen Reichssteuergesetze sollen der .Rordd. Allg. Ztg.' zufolge mitsammt einer Denkschrift dem Reichstage sogleich beim Beginn der nächsten Session unterbreitet »erben, wenigstens besteht „bis jetzt" biese Absicht bei ber Regierung. Schließlich wirb er aber wohl bavon abhängen, ob eS den beiden Steuerkonfermzen, die nun schon fast 3 Wochen lang tagen, gelingen wird, über die Weinsteuer und Tabakfabrikatsteuer eine Einigung herbeizuführen. Wie heute verlautet, wärm die Schwierigkeiten doch endlich überwunden und innerhalb der Stmer-Konferenzm eine Einigung über die^ wesentlichsten Grundsätze sowohl für. eine Tabakfabrikyt- als eine Weinsts-.er erzielt worben. Die ReichS-Wemsteuer soll bei Wein zum Preise von 50 Mark pro Hektoliter beginnm.
* Der Reichskanzler, in Vertretung Staatssekretär v. Boetticher. hat, nachdem Erhebungen über Arbeitszeit und Kündigungsfristen der Gehilfen und über die Verhältnisse der Lehrlinge in offenen Ladengeschäften stattgefunden haben, nunmehr Fragebogen an die interessirtm Kreise, Korporationen und Vereine versandt, um festzustellen, inwieweit die gegenwärtig üblichen Arbeitszeiten mit Rücksicht auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der in Ladmgeschäften thätigen Personen als Übermäßige anzusehen seim, auf welche Weise ohne Gefährdung der Existenzbedingungen des KanfmannSstandeS und ohne Schädigung berechtigter Interest?« der Publikums dis Kürzung gegenwärtig üblicher übermäßig langer Laden- und Arbeitszeiten sich ermöglichen lassen, und welche Gründe für ober gegen bie gesetzliche Einführung einer Minimal-Kündi- gungSfrist sprechen. Hierbei ist auch eine Berücksichtigung ber Verhältnisse ber als Geschäft-dimer, Packer, Markt- Helfer, Hausdiener u. f. w. im Handelsgewerbe thätigm Personen in Aussicht genommen. Rach Eingang ber beantworteten Fragebogen sollm dem,Conf.' zufolge
„Sie hatte versprochen, Alles zu bezahlen?"
„Freilich, aber sie ist bis znm hmtigm Tage ihren Berpflichtmigm nicht uachgekommm. Aber ich werde eS schon nicht vergeffev, darauf mag sie sich verlassen! Ich habe ihr eine Frist von einem Jahre bewilligt; sobald der letzte Tag dieser Frist verstricken ist, und es ist nicht lange mehr bis dahin, werde ich die Sache beim Staatsanwalt zur Anzeige Bringen und sie verhaften laffm. Ich weiß, daß sie in Paris in einem Konfektions-Geschäft angestellt; übrigens wird die Polizei sie schon findm, eS ist ein gefährliche Person. Sie hat hier einen braven jungen Mann zn Grunde gerichtet, indem sie schuld war, daß er chretwegm falsche Wechsel gemacht hat."
^„Sie meinen vielleicht dm Herrn Dnchemiv nicht „Ja, mein Herr."
„Dann gestattm Sie mir, zu bemerken, Madame, daß Sie sich in einem unfreiwilligen Jrrthmu befindm, Herr Duchemiu hat keine Wechsel gefälscht, dieses verleumderische Gerücht ist nur durch einen unzufriedenen Gläubiger in Umlauf gesetzt Worben, ber im Uebrigm augenblicklich befriedigt ist. Es handelt sich doch jcht nicht um Herrn Duchemin, als vielmehr um Fräulein Amanda Regamy. Sie habm ihr also wie Sie sagtm, eine Frist von einem Jahre bewilligt?"
„Auf ihr inständiger Bitten hin habe ich eS ge- than."
durch bestellte Kommissare mündliche Vernehmungen de Prinzipale und Gehilfm stattfinden. Durch den Fragebogen soll unter Anderem festgestellt werden, ob die Läden regelmäßig nur 14 Stunden offen gehalten werden dürfen, ferner, ob eS erwünscht und durchführbar ist, die tägliche Arbeitszeit von Gehilfm unb Lehrlingen auf 12 Stunden, ausschließlich ber ein für alle Mal bestimmtm Pausen sestzusetzm. ferner wünscht ber Reichskanzler Auskunft zu erhalten, ob eine gesetzliche Einführung einer für beibe Theile gleichen Minimal - Kündigungsfrist für Handlungsgehilfen von 4 Wochen, ober wenn bie« nicht für möglich gehaltm wirb, von zwei Wochen einzuführm ist.
* Das Abgeordnetenhaus hat bei Berathung des KommunalsteuergesetzeS bie Regierung ersucht, bem Landtage baldmöglichst einen Gesetzentwurf über bie Herauziehmtg des Gewerbetriebs im Umherziehe« zu de« Komm««alabgabe» vorzulegen. Auf Gmnd beffen ersuchen jetzt bie Ressortminister bie Regierungspräsibmtm um gutachtliche Amßerung so- wohl in Betreff ber Bebürfnißfrage wie ber etwa zu machmbm Vorschläge.
* Hin unb toieber kommt doch noch einer ber sozial- bewokratischm Wirrköpfe zu besserer Einficht. Der frühere Stubmt Walther May, ber in ben letzten Jahren in der sozialdemokratischen Bewegung in Berlin und Leipzig eine Rolle spielte und dann in Chemnitz ein sozialdemokratische« Blatt leitete, hat sich in einem an die Genossen gerichteten Schreiben vo« der sozial- demokratische« Partei abgesagt, weil er durch reifliches Nachdenken zur Ueberzeugung gekommm sei, die ihm die Zukunftsgesellschaft der Sozialdemokratie als Hirngespinst erscheinen ließen. Wir glaube«, daß noch so mancher der einsichtigeren Gmossm mit dem gleichm Geständniß herauSrückev könnte, wmn er dm Muth dazu sände und nicht durch Rücksichten der ver« schiedmstm Art, nicht zuletzt auf seine Existmz gebunden wäre.
* Eine Abhandlung über die durch die neue Heeres» Vermehrung geschaffene Lage bezüglich der Steuern und der neuen Truppmtheile schließt die .Frankfurter Ztg.' mit folgenden zutreffenden und scharfen Worten: „Hier der Militarismus, der mit klingendem Spiel in die ihm durch eine seltsam zusammengewürfelte Mehrheit der Volksvertretung, nicht bes Volkes, eilige« räumten neuen Positionen einrückt, dort die Finanz- männer, die im Schweiße ihres Antlitzes ans der schon so stark gepreßtm Cittone neuen Säst, sehr viel Säst herauSquetschen möchten, hier ber Jubel über unverhofftes Avancement unb neuerstandene Zukunft- aussichten, dort ächzend und stöhnend bie große Masse ber Steuerzahler, welche bie eigene Noch ber Gegenwart immer höher steigen sicht unb für ihre Nachkommenschaft mit nur allzu gerechtem Bangen in die Zukunft blickt — diese Jllustratton zu der „Kulturmisston" Deutschlands, die durch die An- nahrne der Militärvorlage gefördert sein soll, drängt
„Sie hat auch eine schriftliche Anerkennung gegeben, daß sie ben Diebstahl begangen hat?"
„Gswiß, sonst hätte ich sie sofort verhaften lassen. Mit biesem Schriftstück habe ich fie in ber Hand . . DaS heißt, ich weiß in der That nicht, welches Interesse alles das für Sie hat?"
„Ich hab- ei« großes Interesse an dieser Sache. Ich möchte Sie gerade bittm, mir dieses in Rcke stehende Schriftstück zu übergeben."
Madcyne Delion trat einen Schritt zurück und besah sich ihren Gast mit großen Augen, nicht ohne einm zewiffm Schrecken.
„Habe ich eS mit einem Irrsinnigen zu tijun?“ dachte sie bei sich.
Ovide schien ihre Gedanken zu errathen, und er beeilte sich zu tagen:
„Beruhigen Sie sich, Madame, wmn ich mir von Ihnen dieses Schriftstück erbitte, so habe ich dazu das Recht."
„Weshalb?"
„Weil ich eS Ihnen bezahlen werde."
„Ah — Sie bringen mir vielleicht bie Tonsmb Franken, welche Amanda mir schuldet?"
„So ist eS allerdings."
„Selbst die Zrnsm des Geldes auf ein Jahr?"
„Ich werde Jhnm zu dem Kapital auch die Zinsm zahlm, wenn Sie es wünschen, Madame,"
„Ich muß darauf befiehm."