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Zähnen.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. September.

* Der Kaiser empfiig gestern Abend in Günr den ungarischen Ministerpräsidenten Dr. Weckerle in Audienz. Heute Vormittag wohnten die beiden Kaiser und der König von Sachsen wieder den Manövern bis zum Schluß bei und traten daun am Nachmittag die Reise nach MohnS an, wo die Ankunft morgen früh gegen 2 Uhr erfolqt. Nach der Ankunft in MohnS begibt sich Kaiser Wilhelm sofort an Bord der Dampfers „Orient", um daselbst Wohnung zu nehmen. Nach kurzer Erholung nehmen dann die Pürschjagden sofort ihren Anfang. Soweit bis jetzt bekannt, gesenkt unser Kaiser biS zum nächsten Montag zur Jagd in der Douauviü>erung zu verbleiben. Die Nrchricht, daß er bereits am Sonnabend Abend in Kiel eintresie, erweist sich damit als hinfällig.

* Anläßlich der Erkrankung der Fürsten BiS- marck wurde in verschiedenen Blättern von Neuem

„Dies kommt sehr häufig vor. Ja der heutigen Zeit wird man so oft betrogen. Gewiß wissen wir von solchen Geschrchten zu erzählen, leider!"

„Haben Sie nie von einer gewissen Johanna Por­tier sprechen bören?"

Madame Roiret schien nachzusinnen.

„Johanna Portier. . - Johanna Portier. . ." antwortete sie, „wer war eS?"

„Eine Wittwe."

„Ah, eine Wittwe! Wie lange ist eS her?"

„Einundzwanzig Jahre."

„Allmächtiger Gott! E nundzwanzeg Jahre — da müßte man ja eia riesenhaftes Gedächttnß haben, um sich feit so tanger Zeit noch an Namen zu erinnern. Seit dreiundzwanzig Jahren habe ich etwa dreihundert Kinder in Pflege gehabt. Da würde man ja eine aanze Menge Namen von Eltern zu behalten haben! Wmn Sie nicht- Anderes wisien, als nur den Namen, so kann ich Ihnen keine Auskunft gebm."

„Doch, ich weiß noch Anderer."

„Gut, so sagen Sie eS."

„Die Wittwe Portier wurde damals vor emund- zwanzig Jahren wegen de- dreifachen Verbrechen- de- Morde-, de- Diebstahl- und der Brandstiftung ver« urtheilt." ., ,.

„Gerechter Gott, di.ft- Scheusal!" ruf die Frau mit gefaltcnen Händen auS. „Jedenfalls ist sie doch hingerichtct worden?"

loren." ™ ~

Und wo wohnt die Mutter Fremy?"

"Auf dem Kirchhofe .... sie tft tobt!"

Ovide hatte anfangs tttten Hoffnungsstrahl gehabt, | jetzt war seine Enttäuschung um so größer.

' „Todt l" wiederholte er. „Aber sie hatte doch wohl Verwandte, welche mir sagen könnten, waS aus dem Kinde geworden ifl?" .

„Sre hatte nur einen Sohn . . . ernen TaugeruchtS, welcher sich in der Danae ertränkt bat."

„Alles mißglückt mir," knirschte Ovide zwischen den

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Ein weitere- Hinderniß einer gedeihlichen Erziehung de- Lehrlings bilden nicht selten die eigenen Eltern desselben. Anstatt mit dem Meister Hand in Hand an der Ausbildung mitzuarbeiten, verhetzen sie den Jungen, oder sind doch mindestm- zu empfänglich bei Klagen, welche bei Licht besehen, meistens ganz unbegründet, oder doch geringfügig, und ost genug nur veranlaßt sind aus Gründen, welche sich von einer ordnungS« mäßigen Erziehung und Ausbildung nicht trennen lassen. Leider gibt eS sogar viele Eltern, welche der Ansicht find, ihr Junge habe nicht nöthig noch die Fortbildnngs- chule zu besuchen, und nach der säuern Woche müsse rerselbe am Sonntag seinem Vergnügen nachgehen, an­statt in den Nachmittags-Gottesdienst. Da ist allerdings »er Meister in den meisten Fällen auch beim besten Willen machtlos; denn in der Regel sind solche Lehr­linge auch seit ihrer frühesten Jugend nach diefem Re- zepte erzogen worden und nur in den seltensten Fällen gelingt eS, aus ihnen noch etwas Taugliches zu machen.

Daß der Staat wohl Geld hat für Vermehrung de- Heere-, uicht aber dem Bedürfnisse entsprechend zur Unterhaltung von Fortbildungsschulen, sei hier nur nebenbei bemerkt. Im Uebrigen wurde die Last einfach auf die Innungen abgewälzt, die allerdings Vieles in dieser Beziehung geleistet Haden. Allein bei dem fakul­tativen Charakter der Innungen ist e- unmöglich, etwa- Einheitliches und Nachhaltige- zu schaffen; denn wenn dem Einen oder Ändern dieser oder jener Beschluß nicht gefällt, welcher auf die Erziehung und Ausbildung der Lehrlinge Bezug Hot, dann meldet er einfach seinen Au-tritt auS der Innung an. Selbst die Rechte des § lOOe haben in vielen Fällen hier­gegen sich machtlos erwiesen. Nicht- ist bezeichnender für den Geist der Zeit, al- diese Gleichgiltigkeit gegen­über der Erziehung der Arbeiterjugend, wie sie theilS von Seiten de- Meisters, th.^ls von Seiten der Eltern und theilr seitens de- Staates zu Tage tritt!

E. Die Mich-religiöse Erziehung der Lehrlinge.*)

i.

Die große Zahl der jugendlichen Verbrecher, über­haupt die zunehmende Verwilderung u d Verrohung der Jagend — auch der Handwerkerjugend — ist eine allgemein bekannte, statistisch nachgewiesene Thatsache, die jeden Meoschenfccund mit Schrecken erfüllen muß. । Wie soll sich die Zukunft unseres lieben Vaterlandes und insbesondere des Handwerk rstandeSg« st alten, wenn diesem Uebel nicht mit alle» Mitteln gesteuert wird? Unter der Gewerbefreiheit Hal vor Allem die Hand­werkerjugend gelitten, indem die frühem stroffen Bande der Ordnung, die dem Meister eine bestimmte Autorität unter Aufsicht der Innung über den Lehrling verlieh, und den letztem zu einer heilsamen Hausordnung zwang, vollständig gelockert wurden. Auch dem Lehr­linge ist eS leider zu früh zum Bewußtsein gekommen, -aß wir im Zeitalter der „Freiheit" leben. Ihn bürdet ja keine Verpflichtung, nach abgelaufener Lehrzeit zu beweise», daß er als Geselle zu arbeiten fähig ist. Darum beantwortet er eine wohlverdiente Zurecht­weisung einfach mit Davonlaufen. Der Meister, der auf Grund eine» schriftlichen Vertrages allerdings da- Recht hot, den Lehrling event. mit Hilfe der Polizei zurückzuholen, wird bald einsehen, daß er im Wieder­holungsfälle den Jungen am bkstea taufen läßt, um allem Anger und weiteren Schaden vorzubeugen. Die Gewnbefreiheit hat ihm feine Autorität genommen, und ohne Autorität ist an eine gründliche und ordnungs­mäßige Ausbildung nicht zu denken.

Wir wollen nun nicht leugnen, daß eS leibet eine Anzahl Handwerksmeister gibt, welche mehr auf die Ausbeutung der Lehrlinge, als auf eine gründliche Ausbildung derselben Bedacht nehme». Jndeß sind die- aber meistens solche, welche den Titel Handwerks­meister nicht verdienen, oder die durch die Lehrlings» züchtetet der Nichthandwerker und deren Schmutz-Kon­kurrenz sich gedrängt füllen, den Lehrling bi- aus'S Aeußerfte auszunutzen, um sich über Wiffer zu halten. Wir können letzteres allerdings unter keinen Umständen m'fchuldigm, ober gar gutheißen; denn eS ist heilige Pflicht eines jeden Handwerkers, seinen Lehrling nach bestem Können uns Wisse» nicht uvt technisch und praktisch, sondern auch in sittlich-religiöser Hin­sicht auszubilden. Nach der Intention des Gesetzgeber- tritt der Meister an die Stelle de- BaterS ober Vor­munde- und übernimmt mit dem Augenblicke de-Ein­tritts des Lehrling- in das Lehrverhältniß voll und ganz die Pflichten eine-Batet- gegenüber seinem Kinde. Die Gewerbeordnung verlangt sogar ausdrücklich, daß dem Lehrlinge freie Zeit zum Besuche de- Fortbildungs- Unterrichtes und de- Gottesdienste- geloffen werde, woran- die Pflicht der fittlich-religiösm Erziehung sich schon von selbst ergibt.

*) Von einem in der Handwerkerbewegung hervorragend thätigen Handwerksmeister.

Endlich entlarvt I

Roman von R. von Wollersheim.

(123. Fortsetzung.)

„Nun," frag Frau Roiret, als sie neben einer schönen Kuh Platz genommen hatte und während die Milch in dm blechernen Eimer strömte, „jetzt können wir plaudern. WaS wünschen Sie also von mir?“

„Wohnen Sie schon lange hier in der Gegend?" frug Ovide.

„Siebenundzwanzig Jahre. Ich bin einundvierzig alt und zählte vierzehn Lebensjahre, al- meine Eltern diese- Hau« kauften, wa- wir jetzt gchört."

„Seit welcher Zeit befoffen Sw sich damit, Kinder zur Erziehung anzunchmen?" .

„Meine Mutter nahm schon welche tn Pflege, ich beaufsichtig'e diefelbm. «iS sie starb, that ich, was sie gethan." u

„Sie kennen also wohl all' die Seute hier tn der Stadt und in der Umgegend, welche einen ähnlichen Erwerbszweig habm?“

„Gewiß, man trifft sich schon dann, wmn toir dte Kleinen impfen Icffen."

„Sie haben dann auch vielleicht Geschichten von Elrern erzählen hören, die bei der einen ober andern Frau Kinder in Pflege gegeben haben und welche die» selbm wieder mtlassev Haden, weil die Bezahlung aus­blieb?"

der Wunsch nach einer AuSföhnmtg de» Monarchen mit dem Altreichskanzler laut. Man könne, so heißt eS, nur mit Schrecken daran denken, daß Bismarck sterben solle, ohne daß vorher eine Aussöhnung mit dem Kaiser erfolgt sei. Währmd bis jetzt auf derartige Fühler die Osfiziösen sich schweigend verhieltm, kommt nunmehr aus Gün S eine offenbar von amtlicher Seite stammende Nachricht, welche nicht verfehlen wird, da- größte Aufsehen zu erregen. DaS Wolff'sche Telegr. Bureau verbreitet nämlich folgmde Depesche, welche wir bereits in der gestrigen Nummer unsere- Blatte- unter .Neueste Post' mitgetheilt haben:

„Dem Vernehmen nach hat Se. Majestät der Kaiser Wilhelm, welcher erst nachträglich von der schweren Er­krankung des Fürsten v. BiSmarck Keuntniß erhalten hatte, dem­selben von hier auS telegraphisch seine Theilnahme ausgesprochen und mit Rücksicht aus die ungünstigen klimatischen Berhältmffe in Friedrichsruh ihm in einem der Kaiserlichen Schlösser Wohnung angeboten. Fürst v. BiSmarck hat Sr. Majestät noch an demselben Tage in ausführlichem Telegramme seinen leb­haften Dank ausgesprochen, jedoch auf Annahme deS Kaiser­lichen Anerbietens verzichtet auf den Rath von Professor Echweuiuger, welcher sich gegen Aenderung des gewohnten Auf­enthaltes ausgesprochen hat." t

Ob zwischen diesem Schritt deS Monarchen und dem oben erwähnten Hinweis der BiSmarck nahestehen- dm Blätter auf die Möglichkeit eines baldigen Hin- scheidens des Fürstm ein Zusammenhang besteht, bleibe dahingestellt; jedenfalls hat der Altreichskanzler erreicht, was er durch feine Organe stets als die Vorbedin­gung einer „Versöhnung" hingestellt hat: der erste mtgegmkommmde Schritt müsse vom Kaiser auSgehm. Ob derselbe weitere Folgm habm wird, muß abge­wartet werdm. Fürst BiSmarck hat da- kaiserliche An­erbieten zwar mit lebhaftem Dank empfangen, aber gleichzeitig auch auf dasselbe verzichtet, freilich mit der Mottvirung, eS geschehe daS auf Anrathm deS ArzteS, also aus GesundheitSrückfichtm. Auffallend erscheint der »Germania' die Fassung der offiziösen Nachricht, wonach der Kaiser erst nachträglich von der schwerm Erkrankung deS'Fürsten gehört. Vielleicht ist der Nach­druck auf daS Wort „schwer" zu legen!

• Offiziös wird mitgetheilt, daß die Absicht bestcht, die Slenergefetzenlwürfe sammt einer Denkschrift dem Reichstage sofort beim B-ginn seiner neuen Tagung vorzulegen, ferner daß der Termin für die preußischen Landtagswahlen im Augenblicke noch nicht bestimmt feststehe.

• Dem Kaiser!. Gesundheit? - Amte wurdm auS Hamburg am 20. September 10 Nenerkranknngen an Cholera, darunter 2 mit töotlichem Ausgange, ge­meldet ; außerdem ein Sterbefall unter den früher Er­krankten. Auch in Altona ist ein Cholerafall festgestellt worden. (In Papiermühle bei Solingen scheint die Seuche glücklicherweise erloschen zu fein.)

♦ Die antisemitische deutsche Reformpartei wird am Sonntag einen Parteitag in Marburg haltm. Jrn Reichsherold werden die Patteigmossm gebeten, ihre Frauen und Töchter mitzudringm, vermuthlich, weil die Berhandlungm durch ein mit

Man hat sie zu lebenslänglicher Haft verurtheilt," antwortete Ovide, „und sie hatte hier in Joiqry ein kleines Töchterchen von einige« Monaten in Pflege."

„Bei wem?"

„Wenn ich'- wüßte, brauchte ichSie nicht zu ftagm.

„Wartm Sie, warten Sie . . . Eine Frau, die wegen Brandstiftung, Mord und Diebstahl verurtheilt wordm ist . . ."

„Sie erinnern sich v elleicht?" .

„Ja, so obmhiu, es ist von der Sache damals viel gesprochen wordm." .

„Sie erinnern sich, bet wem sich ihre Heute Toch­ter in Pflege befand?"

„O ja, bei der Mutter Fremy! Ihr war eS sehr unanaenehm, daß sie da- Kind einer solchen Verbrecherin in Pflege hatte und sie hat dadurch viele ßunben der-