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Mittwoch, den 20. September 1893. 20. Jahrgang

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Die Stimmung im christlichen Lager Gesterreichs.

-??- Wien, im September 1893.

In der schön« Bischosstadt am Main im bayeri­schen Frankenlande sand in den letzten Augusttagen der diesjährige deutsche Katholikentag, der 40. in der langen Reihe glänzender Versammlungen der deut­schen Katholiken, statt. Die Betheiligung war eine groß­artige, der Verlauf ein überaus erfreulicher und Herz- erhebender, die Vorhersagungen der Gegner, welche bereits von einem Zerfalle des mächtig« ThurmeS der CentmmSpartei faselten und dem Katholikentage selbst ein Fiasko prognostizirten, wurden gründlich zu Schan­den gemacht und die deutschen Katholiken könnm mit berechtigtem Stolze auf die Tage von Würzburg blick«, die ein schönes Ehrenblatt in der Geschichte der katholischm Bewegung bilden. Ihre Einigkeit in allm gemeinsamen Fragm ward aus'S Reue glänzend dokumentirt und neben herrlichen Reden, die weithin über die Grmzen des Landes ihr Echo fanden und neue Begeisterung wachriefen, wurde eine Fülle werth­voller Anregungen gegeben. Mit aufrichtigen Eym- pathien verfolgten die Gesinnungsgenossen auch bei unS in Oesterreich den erhebenden Verlauf der Bersamm- langen, an dem auch viele Oesterreicher theiluahmen. Der Präsident des HL österreichischen Katholikentages, Graf Sylva-Tarouca, nahm in Würzburg das Wort zu einer bedmtsamen Rede über die soziale Bewegung und er erkannte darin offen an, daß die deutschen Katholiken in Bezug auf die politische Organi­sation unS voraus seien. Es schwebte ihm dabei offenbar die mächtige Institution der deutsch« Cm- trumS vor Augen, die auch auf dem Würzburger Katho- likentage wieder zu gebührender Ehre kam. Man sollte nun meinen, daß die Lrscheinungm, die jene glänzende Versammlung in so reicher Fülle bot, auch in unserem Vaterlands einige praktische Würdigung finden würden und daß man sich bei uns vor Allem dazu entschließen sollte, ein Centrum zu bildm nach dem herrlich« Borbilde im Nachbarreiche als Grundstock einer taten» fiven politischen Organisation der österreichisch« Katho- likm. Allein daS scheint leider wieder nicht der Fall zu fein. Unter dem Mächtigen Eindrücke der schönen Tage von Würzburg haben sowohl bei unS als auch in Deutschland mehrere katholische Blätter dem leb­haften Wunsche Ausdruck gegeben, es sei nunmehr an der Zeit, daß die christlichm Abgeordneten unseres ParlammteS sich zu einer selbständigen Partei zusammenschließen und ein Centrum bildm möchten, wie die» schon seit Jahren von unabhängigen katholischm Politikern intendirt wurde. Mau berief sich darauf, daß im Vatikan die Bildung eines solchen CmttumS leb­haft gewünscht und der neue Wiener Nuntius Msgr. Agliardi sogar instmirt sei, in dieser Richtung anregmd zu totalen, eine Meldung, die, nebenbei gesagt, bisher nicht demmtirt wurde.

Allein siehe da, kaum waren die diesbezüglichen

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(120. Fortfetzuna.)

Der Millionär setzte sich, und suhr fort:

„Hast Du mir nicht erzählt, daß diese finde weder Vater noch Mutter mehr hätte?"

„Sa.“

„Woher hattest Du dies erfahrm?“

„Bon chr selbst. Ich intereffirte mich etwas für sie, und so habe ich sie gebeten, mir ihre Geschichte zu erzählm.“

„Sie ist also im Findelhause erzogen worden?“

„Sa.“

„In Paris?“

„Jedenfalls. Sie ist dort unter Nummer 9 einge­tragen worden. UebrigmS habe ich Dir dies Alles bereits erzählt.“

„Möglich, ich erinnere mich nicht mehr. Sie hat niemals in Erfahrung gebracht, wer sie dem Findel- Haufe übergeben hat?“

„Niemals!“

„Sie hätte ober wohl suchen können?“

„Freilich, aber es hätte ihr vermuthlich nichts ge­holfen, beim man pflegt dm Findelkindern jeder Mittel zu benehmen, wodurch sie wertere Nachforschungen an­stellen können. UebrigmS — weshalb iutereffrrt Du Dich für diese Einzelheitm?“

Artikel erschienen und hatten vielfach frmdige Zustim­mung gefunden, als auch schon die kalten Wasserstrahlen zur Dämpfung des katholischen Eifers folgten. Sie kam« vom ministeriellen Preßbureau, daS so­fort mit vollem Hochdrucke alle seine verfügbarm Batterim gegen das CentrumSprojekt auffahren und es mit dm alten, längst schon durch die Thatsochm wider­legten Schetagründm bekämpfen ließ. Die Prager »Politik', der national-konservative .Czech', die sogm. ,Kouserv. Korrespondenz' deS Hannoveraners Riepen« Hausen und andere gesinnungSverwandte Organe setztm sich aus'S hohe Roß und sprachen den österreichischm Katholiken daS Recht ab, ein Centrum zu bilden, man warf dabei sogar mit der Phrase von den „Jung- katholiken“ herum und sprach diesen kurzer Hand die staatsrechtliche Besähigung deshalb ab, weil sie in der ständigen Einpferchung der katholisch-konservativen Abgeordneten im regierungsfreundlichen Hohenwart- Klub nicht ihr Ideal erblickm wollen. Man konnte in diesm Tagen wieder einmal so recht lebhaft den Einfluß des ministeriellen PreßbnreauS und dm Grad der Abhängigkeit gewisser als „kouservattv“ sich ge- rirmder Blätter von demselben in der Art und Weise erblicken, wie dieselben entweder daS CentrumSprojett bireft bekämpften ober sich hüteten, für baSfelbe einzu« treten. Wer Augen hatte zum Sehen, dem war Ge« legenheit gegeben, wieder einmal Studien zu machen. Die Frage des katholischm CmtrumS ist gewissermaßen ein Prüfstein für die moralische ober materielle Ab­hängigkeit konservativer Blätter von dem Taaffe'schen Preßbureau. Unser Herr KabinetSchef will kein Zentrum, das steht fest, fein Preßbureau gibt dieser Stimmung Ausdruck durch die heftige Befchdung jeder diesbezüglichen Anregung und versteht es auch jedesmal dieselbe zu verdteln. So war eS schon vor Jahren und eS hat sich bas Spiel in dm letzten Wochen nur aus'S Rme wiederholt. Die österreichischen Kacholikm sollen sich nicht selbständig otgamftren und ihre Ver­treter im Parlamente dürfen nicht die katholische Fahne mtfaltm, sie dürfm sich nicht mit den Christlich- Sozialen zu dnem Centrum vereinigen, sondern sie sollen olle berechtigten Eigmwünsche unterdrücken und einzig und allein nur als „Stütze" des Regimes in einem gouvernemmtalm Klub eine Statistmrolle spielm. So will es Graf Taaffe, so verkündm eS seine Preß- knappen und geben sich große Mühe, für diese Taktik OpportunitätSgründe ins Feld zu führm.

Graf Hohenwart ist ja der Alter ego Taaffe'S und als solcher für die Offiziösm der allein richtige Führer der Katholisch-Konservativen, dmm sie nur als ergebene Dimer der Regierung und pflichtschuldige Jasager dne Existenzberechtigung zuerkenum. Unab­hängige Katholiken habm aber eine andere Ansicht von der Aufgabe ihrer parlammtarischm Vertreter, sie schwärmen nicht für eine Führung, die ihnen bisher keinerlei pofittve Erfolge gebracht hat, sie vergessm nicht, daß derselbe Graf Hohenwart, unter dessen Klub- kommando jetzt die katholischen Abgeordnetm sich stellen

„Um mich um so fester zu überzeugm, daß Sudan fiabrone, welcher einer durchaus ehrmwerthm Familie angehört, ernstlicher Weise ein Findelkind, das weder Vater noch Mutter, noch einen Namen hat, nicht lieben kann.“

Paul Harmant hatte sich inzwischen erhoben.

„Auf Wiedersehen, meine Thmere!“ sagte er, „ich muß zur Fabrik, wo mdne Anwesenheit durchaus er­forderlich ist.“

„Wirst Du zum Mahl erschdnm?“

„Ja, wmn ich nicht durch unvorhergesehme Um­stände abgehaltm werde. Wmn ich nicht zur gewohnten Stunde hier bin, so brauchst Du nicht zu »arten, barm bin ich burd) Geschäfte abgehaltm.“

Er umarmte Mary zärtlich und ging.

Paul Harmant hatte sdne Tochter über die ersten Jahre finde'« deshalb auSgefragi, weil sich der Ge­danke, finde sei daS Kind der Johanna Portier immer mehr bei ihm befestigte.

Jetzt wußte er Bestimmtes.

Es blieb ihm jetzt nur übrig, mit Ovide Soli- veau zu sprech« und ihm mstzuthrilm, daß die ganze Sache verfehlt sei, und daß diejmige, welche er tobt glauben mußte, sich wohlauf und munter be­finde. _

Der Millionär nahm anstatt seines WagmS einen gewöhnlichen Fiaker und ließ sich nach der Avenue Clichy fahrm.

müffm, einst Statthalter von Oberösterreich war und unter seiner Amtshandlung der edle Bekenner- bischof Rudigier vor Gericht geschleppt wurde. An dieses Faktum pflegen die Offiziösm gewiß nicht zu erinnern, sie hüten sich wohl auch, ihn als einen Katho­likenführer in dem Sinne zu bezeichnen, wie der selige W i n d t h o r st eS sür Deutschland war, sie sprechen nur von der „staatsmännischen Einsicht“ deS Herrn Grafm, dem sich jeder noch so berechtigte Sonder« wünsch der österreichischen Katholiken unterordnen müsse. Ja gewiß, wir habm alle Achtung vor dieser „staats- männischm Einsicht“, aber wir müffm leider bekennm, daß sie uns bisher blutwenig prakttscbe Früchte ge­bracht hat und daß wir heute von der Realifirung be­rechtigter Forderung« gerade noch so weit mtfernt sind, wie zum Beginne der Aera Taaffe. Wir haben 13 Jahre verloren und diese sind nicht so leicht ersetzt. Hätten wir nicht die ohne offiziöse Patronanz ganz spontan mtstandene, ja offiziös bekämpfte, trotzdem so mächtig emporgediehene christlich-soziale Bewegung, wahrlich eS stünde sehr schlimm mit der katholischm Sache im öffentlich« fieben, dmn selbst die vielbe­rühmten „Konzession« im Verwaltungswege“ sind über­aus spärlich uuSgefall«, so daß selbst mit dem Ber- größerungsglase sehr wenig davon zu mtdecken ist. Die osfiziösen Soldschreiber und gewissen BeschwichtigungS« hoftäthe im konservativen Lager mögen sich zwar krampfhaft bemühen, diese Errungenschastm aufzu« bausch« und die Katholiken auf'S Reue zu verttösten, aber diese Taktik wird nicht mehr lange vorhaltm. Es gährt mächtig im christlichen Lager Oesterreichs, der größere Thril des KleruS und zwar nicht etwa der junge allrin fühlt mit dem Volke und wünscht eine entschiedenere Vertretung der kacholisch« Jntereffm, eS wird demselben zu «ge im Hohenwart-Klub und die Centtumsidee muß früher oder später siegreich zum Durchbruche gelang«. Vor fünf Jahren erschien eine Broschüre, die da lebhaft sür ein katholisches Centrum rintrat und die christlichen Wähler aufforderte, sich md« sich zu eutschrid« zwischen riner Partei Taaffe und dnem katholischen Centrum. Die Entschei­dung ist bis jetzt nicht erfolgt, aber immer und immer wieder durchzieht gleich einem rothen Faden diese Frage die Geschichte unserer inner« Polstil. So lange sie nicht gelöst wird, dürfen wir nicht auf dne Gesundung unserer Verhältnisse rechnen, wir „fretten“ unS fort, aber eS wächst auch die Versumpfung. Nmerlich rufen die herrlichen Tage von Würzburg kaut nach einer unabhängig« katholischen Fraktion und auf tausen- deu und taufenden von Lippen schwebt das Wort: Keine Partei Taaffe, sondern ein katholische- Cen« trum in Oesterreich.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. September.

* Der Kaiser ist am Sonntag Nachmittag in GunS eingetroffm, woselbst er von Kaiser Franz Joseph

Vergebens Hingelte er tadeß an der Hemm Woh­nung Solivean'S.

Niemand erschien. Offmbar war Soliveau nicht zu Hause.

Unwillig stampfte Paul Harmant mit dem Fuß. Nachdem die erfte Anwandlung seiner schlecht« Laune vorüber war, riß er ein Blatt aus seinem Nosizbuche und schrieb rasch die folgend« Seiten:

„Wenn Du vor fünf Uhr nach Hause kommst, so komme schnell nach Conrbevoie; wenn Du bagegm erst nach sechs Uhr hrimkehrfl, so erwarte ich Dich heute Sbmd um zehn Uhr im Cafe be la Paris, Place be l'Opera, drtagenb.“

Er schob dann daS Blatt in dm an der Thüre deS Hauses angebracht« Brieflastm. Dann ließ er sich wieder zur Fabrik bring«.

Seitdem Ovide Soliveau seine Beziehung« zu Fräulein Amanda gebrochm hatte, wril ihm diese Be­ziehung« jetzt durchaus lästig warm, trieb er sich viel- fach in den Spielhöhlen umher. Die Spielwuth war wieder bd ihm erwacht.

Da er keine Empfehlungen besaß, um in einem bes­seren Zirkel aufgenommm zu werden, so besuchte er die einheimisch« Spielhöhlen, wo ein Jeder ohne die ge­ringste weitere Förmüchkrit Zutritt hatte. Wir wol­len tadeß sogleich erwähn«, daß er als sehr vorsich­tiger Spieler auftrat und überhaupt nur unbedeutende Summen wagte.