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7^ 214 Dienstag, den 19. September 1893. 2V. Jahrgang

HilldaerWZkitiliig

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4. Guartal 1893

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Deutsches Reich.

Berlin, 16. September.

* Der Kaiser, die Kaiserin, das württembergische KönigSPaar, der Kronprinz von Italien und die übrigen Fürstlichkeiten wohnten gestern de« Manöver« deS XIII. Armeekorps bei Ludwigsburg bei. Abends verabschiedeten sich die hohen Herrschaften von einander. Die Kaiserin kehrte nach Wilhelmshöhe zurück; der Kronprinz von Italien trat über die Schweiz die Heim­reise an, während der Kaiser über München nach SünS reiste, woselbst die Ankunft heute Nachmittag er­folgt.

* DaS preußische Staatsministerium hält morgen eine Sitzung ab, in welcher «. A. Vorlagen an den BundeSrath berathen werden.

* Der Bnndesrath tritt Ende dieser Monats wieder zusammen, um überden neuenReichShauShaltS- etat vnd einen Antrag Preußens betreff. Abänderung § 35 der Gemeindeordnung zu berachen.

♦ Der .Rordd. Allg. Ztg.' zufolge sind die gut- achtliche« Amßerungen der Provinzial-Behörden über die Einführung von Berufung in Strafsache» nun­mehr ««gegangen. Bon 13 OberlandeSgerichtS-Präsi- benten erklärten sich neun, von 13 Ober-Staatsan» wälten zehn für die Verweisung der Berufung an die Oberlandesgerichte. Für die Landgerichte stimmten zwei OberlandeSgerichtS-Präsidenten und ein Ober- Staatsanwalt. Eine Mittelstellung nahmen ein zwei Präsidenten und zwei Ober-StaatSanwälte, indem sie beide Systeme für annehmbar erachten, aber aus ört­lichen Gründe« daS Landgericht vorziehen. Bei beit Oberlandesgerichten würden in Folge desien etwa 60 neue Richterstellen nothwendig einschließlich der neuen Senatspräsidentenstellen. Der Aufwand an Zeugeuge- bühren und Transportkosten jährlich wird für den ganzen Staat auf 500,000 bis 600,000 M. geschätzt. Auch die große Mehrheit der Oberpräsidenten erklärte

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(119. Forisetznng.)

„Eines Verbrechens?" wiederholte Mary, deren Neugier erwachte.

„Ja, Fräulein/

Mas für ein Verbrechen war er denn?“

„Man hat einen Mordversuch gegen mich gemacht — beinahe wäre derselbe geglückt."

„Sie sind also doch wohl verwundet worden?" frag Harmant mit der größten Kaltblütigkeit.

„Ja, mein Herr, ich leide noch an dieser SEBurtbe. Ich habe zuerst einen Messerstich erhalten, und ein zweiter Stoß hätte mir das Leben genommen, wenn die Waffe nicht an den Stangen meines KorsetS ab­geprallt wäre. Ich habe also nur einem Zufalle mein Leben zu verdanken."

„In der That ein glücklicher Zufall. Den Atten­täter bat man ohne Zweifel verhaftet?"

„Nein, noch nicht, aber ich hoffe, daß eS bald ge- fchehen wird."

Diese Worte trieben den kalten Schweiß auf die Stirne der Millionärs.

Er gelang ihm indessen, seine Verwirrung zu be­herrschen und fuhr dann ruhig fort:

sich für die Oberlandesgerichte und hält die Bedenken wegen der weitern Entfernung und der Kosten nicht für durchschlagend.

* Die Sozialdemokrate« wollen den preußischen Landtagswahlen zwar keine Kandidaten aufstellen, aber doch mehrere große Versammlungen abhalten, um gegen das Wahlsystem zu protestiren.

* Die politische Bade-UuterstützuugS-Verfüguug der Koblenzer Regierung steht leider nicht vereinzelt da. Auch im Regierungsbezirke Minden finden, wie dem ,Westf. Volksblatt' geschrieben wird, bei Gesuchen katholischer Geistlicher um Unterstützung für eine Bade- kur Nachforschungen statt nicht bloS nach den Ein­kommens- und Bermögensverhältnissen deS Äetteffenden, sondern auch nach der politischen Stellung. So ist mir ein Pfarrer bekannt, bei dem der Amtmann per- sönlich wegen der politischen Gesinnung nachfragte, der auch einen Kostenanschlag über die Ausgaben bei der Badekur vorlegen mußte, der dann von dem Herrn Minister 100 Mark bekam. Ein anderer Pfarrer er­hielt 150 Mark, ein dritter 200 und ein vierter nichts, well dieser nicht für unterstützungsbedürftig gehalten wurde. Darnach scheint nicht bloß die Feststellung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse, sondern auch die Inquisition der politischen Gesinnung auf einer generellen Anweisung des Herrn Ministers zu beruhen. Interessant wäre es, zu erfahren, ob man eine solche Behandlung auch wohl den protestantischen Pastoren angedeihen läßt. Die diesen zugewendeten Unterstützungen beginnen in der Regel mit 300 Mark (wohl mit Rücksicht auf die Berheirachung) und steigen je nach der Stellung deS Betreffenden. Früher bekamen die katholischen Pfarrer 300 Mark, HülfSseelsorger meist 200 Mark Jetzt scheint sich «n- Skal i heraus- zubilden je nach der politischen Gesinnnng und bet größeren oder geringeren Bethätiguvg derselbe«.

* Stuttgart, 17. Sept. Bei dem vorgestrigen Parade-Diner brachte der König von Württemberg bett Trinkspruch auf das Kaiserpaar aus, indem er auf den jubelnden Empfang hinwier, den dasselbe bei der Bevölkerung Württembergs gefunden. „Sie erblicken Alle in Ew. Majestät den Träger der deutschen Kaiser- kröne, den Hort des Friedens, und in Ihrer Majestät der Kaiserin das leuchtende Vorbild der deutschen Frau." Der Kaiser erwiderte mit herzlichen DankeSworteu und fuhr fort: „Die Stuttgarter und Ich sind alte Be­kannte und Ich habe unter den verschiedensten Gelegen­heiten die Möglichkeit gehabt, zu beobachten, in wie warmer und herzlicher Weise daS württembergische Volk an seinem Königshause und auch am Rüche hängt, fei eS bei Veranstaltung froher Festlichkeiten, sei es anch nnter dem Ausdrücke tiefsten Schmerzes über einen Heimgegangenen geliebten Souverain. Stets hat das württembergische Volk der hohen Eigenschaft entsprochen, deren sich dereinst schon ein groß« Vorfahre Ew. Maj. rühmen konnte, daß er überall, wo eS sei, sein Haupt getrost in den Schooß seiner Unterthanm legen könne." D« Kaiser zollte dann dem XIII. Armeekorps warme Anerkennung. „Das Korps steht in dem Kranze der Armeekorps, dir zum Schutze des deutschen Reiches,

„Sie haben jedenfalls sein Signalement der Polizei üb«gebm können?"

„Nein, mein Herr, ich habe ihn kaum im Dunkel der Nacht gesehm, e8 würde mir auch durchaus un­möglich sein, ihn wied«zuerkennen. @8 ist jedenfalls einer von den vielen Vagabunden, welche in diesem Augenblicke die Umgegend von Paris unsich« machen. D« Mord scheint bei ihm weniger Zweck als Mittel gewesen zu sein: er wollte tödten, um zu stehlen."

„Man Hot Sie also bestohlen?"

„Ja, meine Uhr, meine Kette und mein Portemouaie ist mir geraubt worben.“

Paul Harmant hatte das junge Mädchen, während sie da vor ihm stand, mit steigend« Neugi« betrachtet.

Er suchte sich die Linien ihres Gesichtes und dm Ausdruck ihr« Augen einzuprägm, und horchte ebmso aufmerksam auf dm Klang ihrer Stimme.

„Soud«dar," dachte « bei sich, e8 ist mir fast, al8 ob ich dieses Gesicht schon einmal gesehen und diese Stimme bereits irgendwo gehött habe.... Und den­noch sehe ich dieses junge Mädchm heute zum erstm Male, deß bin ich gewiß."

Plötzlich fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf.

„Jetzt weiß ich's," dachte er weit« bei sich, „es ist daS lebmdige Abblld Johanna Porti«'», als sie selbst noch jung war.“

zum Schutze des europäischen Friedens stets gewärtig find, glänzend da.“ D« Toast des Kais«S galt dem KönigSpaar, dem gesammten KönigShause und allen württembergischen kampferprobten Söhnen.

Ausland.

* Wien, 15. Sept. Der erzbischöfliche Stuhl von Agram ist schon üb« zwei Jahre verwaist, weil die ungarische Regierung mit d« Kurie sich über die Be­setzung bisher nicht zu einigm vermochte. Run ist auch b« bisherige BisthumSverweser, Weihbischof Pävlesevich gestorben und tritt dadurch die Noth- wmdigkeit dn Besetzung wieder in bett Vordergrund. ES verlautet nunmehr, daß in der Pnsonmfrage ein Uebereinkommm «zielt wurde und demgemäß die Be­setzung baldigst zu gewärtigen wäre. Die Kurie hätte nämlich auf die von ihr bisher vorgeschlagme TranS- ferirung deS Erzbischofs Dr. Stadler auf den erz­bischöflichen Stuhl von Agram, nachdem das ungarische Ministerium hi«gegm fortgesetzt opponirte, verzichtet und sei nunmehr Armeebischof Dr. Belopotocki in Wim für dm Agram« Sitz mit Zustimmung d« ungarischen Regi«ung auSersehm. — Für dm erz­bischöflichen Stuhl von St. Pölten wndm jetzt als ernsthafte Kandidaten genannt: Propst Dr. Marschall an d« Botivkirche, Hofburgpfarr« May« und Rektor Dr. Nagl. Die Entscheidung d« Regierung soll im Laufe des Monats Oktober «folgen.

* Budapest, 15 Sept. Die Encyklika des heiligen Batns üb« die ungarische Kirchenpolitik hat in hie- sigm Regierangskreisen einm weit tieferen Eindruck wachgerafm, als die Parteipreffe bekennen will. Rammt- lich der Hinweis in der Encyklika auf Se. M. dm M-rno-chm hat verblüffen'' gewirkt und die H«rm liberalen Kulturpank« etwas «nüchtert. Da es ab- folut nicht angeht, die Krone btrett zu intnpelirm und auch eine andere Jnt«prett«ung d« Worte d« En- cyklika nicht möglich ist, so herrscht große B«legmheit im Kreise uns«« lib«alm Excellmzen. So viel steht aber fest, daß d« am 25. v. M. zusammeyttetmde ungarische Reichstag die Vorlage über die Civllehe nicht auf dnn Tisch deS HaufeS finden wird. Die päpstliche Kundgebung hat zumindest eine Vertagung hnbeigeführt, allein man darf hoffen, daß das ganze Civilehe-Projekt überhaupt gescheitnt ist.

* Der .Dziennik Poznanski' v«öffmtlicht einen ihm aus Tobolsk, b« Hauptstadt WestfibirienS, zu­gegangenen läng«n Brief, dem Wir Folgendes ent­nehmen: In dem eine Million Quadratwerst großen Gouvernemmt Tobolsk lebm 7000 Katholiken (Polen), bavon über 400 in bet 23,000 Einwohner zählenden Subnnialstabt Tobolsk am Jrtifch. Die Katholiken leben meist znstrent üb« das ganze Gouvernemmt, doch find jetzt zwei polnische Dörf« in der Bildung begriffen. Die zerstreut lebmdm Katholikm werden von reisenden Kaplänen besucht; indeffm kommt eS bei der gewalttgen Entfernung vor, daß einzelne katholische Familim oft 10—12 Jahre keinen Priest« bei sich sehm. So müssen viele Familim ihre Kind« selb« taufen vnd die Tobten auf den russischen Friedhöfm

Wirklich täuschte sich Jakob Garand in sein« An- nähme nicht. ,

Wer Johanna Porti« vor zwanzig Jahrm gefarmt hatte und jetzt Lucie sah, mußte sofott eine ganz aus- fallende Sehnlichkeit zwischen Seibert entdecken, eine Sehnlichkeit, deren Granh unsere Les« kmnm.

In dem «Smlichm Äugmblicke, in welchem Jakob Garand 'die Sehnlichkeit zwischm Lucie und Johanna Portier ausfiel, «irmerte er sich, daß zur Zeit deS Brandes von Alfortville die Tochter Johanna'- sich in Joigny in Pflege befunden hatte; die ersten J-chre Lucien'S Waren im Findelhaufe vnfloffen, wie ihm Mary gefugt hatte. ,

Er «innerte sich jetzt auch diefn Einzelheit.

Ein plötzlich« Gedanke kam ihm.

„Wmn sie es wäre?" frag « sich.

Lucie, vor Müdigkeit wie gebrochen, schien einen Gegmstand zu suchen, auf welchen sie sich stützen könnte.

Paul Harmant bem«kte die Schwäche deS jungen Mädchens und schob ihr rasch einen Stuhl hin.

„Sie sind wohl etwas müde, Fräulein," sagte «, „nehmen Sie Platz."

Mary schien diese Ausrnnksamkeit ihrer BaterS keines­wegs angenehm zu betühtm.

„Ich werde heute meine Kostüme nicht bttühren,“