Beilage zu Nr. 214 der „Fuldaer Zeitung
Sonntag, den 17. September 1893.
Literarisch«».
Praktisches LehrbRchlri» der GesaudhritS- und Kranken- pflege. Für HauShaltungspenfionate sowie für kluge uns wohl- thätige Hausfrauen. Von Matth. Kinn. Rektor tm Kloster der Dominikanerinnen in ArenSberg bei Koblenz Zweite Au - läge. Elez. karton. 60 Pfg. Die erste Auflage dieses Schrift- chenS war durch den Buchhandel nicht zu beziehen. Der Verfasser wollte erst daS sachverständige Urtheil der Vorsteherinnen und Vorsteher der verschiedenen Anstalten hören. Aus dem Gebrauche dieses Lehrbüchleins in den Anstalten, namentlich rn den HauShaltungspensionaten, hat sich ergeben, daß seine Benützung bestens empfohlen werden kann. Frauen und Jungfrauen werden ihre Freude an dem Büchlein haben, das sie in knapper, leicht fasslicher Weise über die uothwendigsten Gesundheitsmaßregeln belehrt, und das sie unterrichtet, wie Kranke behandelt sein wollen.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(118. Fortsetzung.j
AlS Lucian Labrone den Briff Lucie's, dessen Inhalt wir oben zum größten Theile wiedrrgegeben haben, las, schrak er heftig zusammen. .
Also Lucie wäre bewahr gestorben . . . Sucte das Opfer des Angriffes eines elenden Mörders, lag auf ihrem Schmerzenslager, und er weilte in der Ferne und konnte nicht bei ihr fein, um sie zu pflegen!
Und dazu war eS noch möglich, daß das junge Mädchen, um ihm keinen allzu großen Kummer zu bereiten, ihm die Schwere ihrer Verwundung verheimlicht hatte!
Der Sohn Julius Labrone's erlitt wahrhaft Folterqualen. Was sollte er thun? ,
Nach Paris zurückreisen — die Aussicht prnsgeben, welche man ihm übertragen hatte? Das Zutrauen täuschen, welches sein Chef ihm geschenkt hatte? Durfte, konnte er dies thun?
Ganz sicherlich konnte er eS mcht, ohve sich das Mißfallen Harmant'S zuzuziehen, ohne zu wagen, seine Stelle zu verlieren und seine Zukunft zu verderben.
Rochged, ungen mußte er die Brenoigung der Arbeiten in Bellegarde abwarten und sich mit einem täglichen Briefverkehr mit Lucie begnügen.
Wenn auch schweren Herzens, entschloß er sich doch schließlich, Letzteres zu thun, allerdings nicht ohne bei sich zu denken: „Wäre ich nur frei, so würde ich schnellstens^4^«len-x haben, sgeht
hervor, daß Niemand die wahre Veranlassung zu dem Mordversuch auf das junge Mädchen ahnen konnte.
Für daS Publikum handelte es sich keineswegs um ein vorher geplantes Verbrechen, das zu dem Zwecke verübt worden war, Sucte bei Seite zu schaffen, sondern höchstens um die Gewaltrhat eines Vagabunden, welcher es eigentlich nur auf Diebstahl abgesehen hatte.
Ovide Soliveau und der falsche Paul Harmant konnten und mußten sich über jeden Verdacht erhaben glauben. Sie wiegten sich mithin in die vollständigste Sorglosigkeit ein.
Beide hatten die Zeitungen mit der größten Auf- merksamkeit gelesen, um zu er fahren, ob die Kunde von dem Verbrechen von BoiS-Colombes bereits ruchbar geworden sei. .
Die Zeitungen enthielten indeß nichts über den Vorfall. Ooidr Soliveau ebensowohl als Paul Harmant war dieses Schweigen der öffentlichen Stimme durch- aus erwünscht. ,. ,. ,
DaS Gericht hatte semersertS sich wegen dieses Mordversuches, der keine wirkliche Tödtung herbeigeführt hatte, keine allzu große Mühe gegeben, da derartige Mordversuche in der nächsten Umgebung von Paris keine Seltenheit waren.
Infolge deS Protokolls des Polizeikommissars hatte sich kein Untersuchungsrichter auf den Schauplatz des Verbrechens begeben. Das Gericht hatte lediglich Befehl gegeben, strengere Polizeimaßregeln zur größten Sicherheit der Einwohner von BoiS-Colombes zu treffen und sodann die Rummrr der gestohlenen Uhr zu suchen. ,
Letzteres war nicht sehr schwierig, da Sucte die Adresse des Sadens angegeben hatte, wo ihr Verlobter ihr dtese Uhr gekauft hatte.
Man notirte die Nummer und wartete ruhig ab, ob der Mörder dm gestohlenen Grgmstand zu veräußern suchen und sich dtürurch der Justiz in die Hände liefern würde.
Im Hause in der Rue Murillo war nichts Be- merkenSwertheS vorgefallen.
Paul Harmant vermied eS einstweilen, mit Mary über Sucian Sabrone zu fprechm.
Setzterer vermied es ebenso, in seinen Briefen au feinen Chef den Namm Mary's za erwähnm.
„Wenn Lscian zurückgekehrt sein wird," so dachte Harmant bei sich, „und wenn er dann von dem Ler- schwinden Derjenige«, welche er liebte oder zu lieben glaubte, Kevntnitz erlangt haben wird, so werde ich zunächst sehen, welchen Eindruck diese Nachricht auf ihn macht und werde demgemäß handeln."
Der Zustand Mary's war derselbe geblieben.
Sie verschloß ihre Leide» in sich selbst und bemühte fick, ihre Schmerzen zu verbergen, usA so kam teilte Klage über ihre Sippe«, ebmsowenig als irgend ein Borwurf. • SL
Ihr Vater freilich las deutlich genug in ihrer Seele und begriff sehr wohl, was sie nicht aussprach, weshalb er sich schon frug, ob er nicht die Rückkehr Sucian'S beschleunigen solle. Indeß konnte diese Rückkehr ohne besondere Veranlassung, so sagte er sich, dann wieder möglicher Weise Verdacht wachrufen.
Er gab also seinen Plan auf.
Zehn Tage etwa waren inzwischen verflossrn.
Lucie hatte Bois-ColombeS verlaffen, nachdem sie
dem Polizeikommiffar und seiner Frau sür ihre Freund- lichkett und dem Arzte für die Sorgfalt gedankt hatte, welche ihre fast vollständige Heilung in so kurzer Zeit herbeigesührt hatte.
Dann war sie zur größten Freude Johanna Portiers und der Madame Augustine wieder in ihre Wohnung eingezogen.
Allmählig hatte sich das junge Mädchen wieder an ihre gewohnte Arbeit gemacht, indeß durfte sie auf Befehl des Arztes sich noch nicht allzu sehr ermüden, weil ihre Wunde, wenn sie auch scheinbar gänzlich her- gestellt war, sie dennoch von Zeit zu Zeit schmerzte.
17.
Lucie hatte inzwischen allmählig die von Fräulein Harmant bestellten Kostüme fertig gestellt.
Mary, welche, wie wir wissen, m ihrer moralischen Niedergeschlagenheit und bei ihrer körperlichen Schwäche, sich gleichsam in ihren Kummer vergrub, verließ kaum ihr Zimmer und kümmerte sich gar nicht um die Arbeiten, welche sie bei Madame Augustine bestellt hatte.
Letztere hatte, da sie wußte, daß die Tochter des Millionärs leidend sei, und daß also ihre Sachen keine Eile hatten, ohne alle Ungeduld die vollständige Genesung Lucie's abgewartet.
Fräulein Harmant wußte nichts von dem Unfälle, welcher Lucie zugestoßen war, und wenn sie zufällig etwas davon erfahren hätte, so hätte sie noch weniger geahnt, daß sie allein ohne ihr Vorwissen die einzige Veranlassung dazu gewesen wäre.
Nachdem Sucte ihre kleine Wohnung am Quai Bourbon wieder bezogen hatte, ließ sie bei der Madame Augustine anfragen, was sie bezüglich deS AnProbirenS der Kostüme von Fräulein Harmant thun solle?
Madame Augustine ließ ihr antworten, daß es ihr recht sein würde, wenn sie sich selbst, wofern sie dazu im Stande sei, zum Hause der Rue Murillo begäbe.
Lieber wäre eS Lucie freilich gewesen, wenn sie diesen Gang nickt hätte zu thun brauchen.
Die Kühle des Fräulein Harmant bei ihrem letzten Besuche am Quai Bourbon ihr gegenüber hatte sie etwas unangenehm berührt.
Ueberhavpt — sie wußte zwar nicht recht weshalb ihr eine gewisse Ahnung: „Geh nicht hin!"
Indeß hatte sie Madame Augustine darum bitten lassen, und diese Bitte war gleichbedeutend mit einem Befehle. „
Am folgenden Tage also machte sie gegen Mittag in Begleitung von Johanna Portier, welcke ihr die Kartons tragen, indeß nur bis an die Thüre des Hauses mit ihr gehen sollte, ihren ersten Ausgang.
Bereits sandte die Sonne ihre warmen Strahlen vom wolkenlosen Himmel herab.
Die Bäume der Qnai's, der Square'-, sowie der Avenuen hatten sich bereits in frisches, grüneS Laub gekleidet.
Der trüb«, lange Winter hatte dem lieblichen Frühling Platz gemacht.
Sucte fühlte sich noch immer fchwach.
„Wenn wir uns einen Wagen nähmen?" meinte Johanna Portier. , ti t
„Ich möchte vorziehen, zu Fuß zu gehen, ant- »ortete Sucte, „es scheint, daß mir dies gut thut und mir neue Kräfte verleiht. Uedrigens ist es ja so schön draußen!"
„Können Sie so lange gehen?"
„Ich denke!"
„Stützen Sie sich lieber auf mich."
„Ja, recht gerne."
Sucte stützte sich auf den Arm Johanna'-, und Beide schritten langsam deS Weges dahin.
Indeß sah das junge Mädchen bald em, daß sie ihren Kräften allzu viel zugetraut hatte und daß ihre Genesung noch nicht vollständig sei. ,
Rach tiger Viertelstunde drohten ihre Seine, ihr dm Dienst zu versagen.
„Ich hatte eS mir wohl gedacht," murmelte Johanna Portier vor sich hin. .
Sie tief als» eite* Fiaker ex, hei Sxcte einfteigen, flieg dann selbst eie und geb de» Kutscher die Adreffe der Rue Murillo. „ . t m,Ä.
Rasch waren sie Beide an dem Hause des Millionärs angelangt.
Paul Harmaxt und seine Tochter »arm eben mit dem Frühstücke fertig geworden.
Der Kammerdiener trat in den Speisesaal und meldete, daß Jemand das Fräulein zu sprechen wünsche.
„Mich?" ft*8 Mary. „Wer ist'- denn?"
„Die Näherin. Sie kommt, um Fräulein verschie- bene Kostüme a»zuprobiren."
„Madame Augustine?" . ..
„Nein, Fräulein; eS ist eine junge Arbeiterin, sie ist schon öfters hier gewesen."
Mary erbleichte.
„Vielleicht Sucte?" sagte sie dann mit unsicherer Stimme.
„Richtig, richtig, das ist der Name."
„Lucie!" rief jetzt auch seinerseits Paul Harmant, schreckensbleich sich erhebend.
Maiy begriff natürlich nicht, weshalb ihr Vater bei Erwähnung dieses Na men S so erschrocken war.
„Vielleicht ist ihm die Gegenwart dieses Mädchens unangenehm," dachte sie.
Tann sagte sie ganz laut:
„Ich kann sie nicht empfangen, Vater! Ich will sie nicht empfangen." . ,
Diese Worte schienen den Millionär wieder einiger» maßen zu beruhigen.
Ec fühlte j-tzt, daß er sich eben nicht genug beherrscht und so sich beinahe verratheu hätte.
So viel wußte er jetzt: Sucte lebte.
War es möglich?
Hatte ihn Ovide unverschämt belogen, als er ihm gesagt hatte, daß er sie bei Seite geschafft?
Auf alle Fälle mußte er über die Person des jungen Mädchens Gewißheit haben, und dazu mußte er sie mit eigenen Augen sehen.
Jakob Garand sagte also seiner Tochter in's Ohr, so leise, daß es nur von ihr gehört werden konnte.
„Ich habe eine erste Regung des Zornes nicht unterdrücken können, aber es thut mir leid, denn ich that Unrecht daran."
„Unrecht?" wiederholte Mary.
„Ja, ganz gewiß. DaS junge Mädchen hat keine Ahnung davon, daß es die Ursache Deines SeidenS ist, und freiwillig hat sie Dir niemals Unrecht gethan. Uebrigens würde eS nicht sehr passend sein, wenn wir uns weigerten, sie vvrzulassen. ES ist ja eine Arbeiterin, welche von ihrem Geschäfte geschickt worden ist. Weshalb — unter welchem Vorwande sollen wir unsere Thüre verschließen? Empfange sie also heute wie gewöhnlich und bitte dann Madame Augustine, daß sie in Zukunft Dir eine andere Person schickt."
„Ihr Anbl-ck ist mir verhaßt!" sagte Mary.
„Nimm' Dich ein wenig zusammen, und Du wirst gewiß über diesen Widerwillen siegen."
„Du hast Recht, Vater."
Paul Harmant wandte sich nunmehr an den Kammerdiener, welcher unbeweglich da stehend das Ergebniß der zwischen Vater und Tochter leise geführten Unterredung abgewartet hatte und sagte zu ihm:
„Lassen Sie die Arbeiterin hereinkommen!
„Hier herein!" rief Mary auS.
„Weshalb nicht? Du brauchst Dich ja nicht stören zu lassen: Wenn es Dir nicht beliebt, die Kleider an- zvpassen, welche sie bringt, so magst Du ja irgend einen Vorwand finden."
Abermals sagte der Millionär:
„Lassen Sie die Arbeiterin hereinkommen."
Der Kammerdiener verließ den Speisesaal und kehrte nach wenigen Augenblicken in Begleitung Lucie's zurück.
Die Arbeiterin war sehr bleich und sichtlich erregt, und schien sich außerdem nur mit großer Mühe aufrecht bähen zu können.
Mary entging zwar die Veränderung nicht, welche mit ihr fest ihrer letzten Zusammenkunft vor sich gegangen war, sie fühlte indeß nicht daS geringste Mit- leid mit ihr. .. n ,
Mas wünschen Sie von mir," frug sie stolz.
Lucie antwortete mit schwacher Stimme:
„Ich wollte Jhven Ihre Kostüme axprsteu, Fräulein. Ich habe »ick zwar verspätet, aber ich dm es nickt schul». Ich bin daS Opfer eines Unfalles oder bester gesagt, eines Verbrechens gewesen, daS mich mehre Tage arbeitsunfähig gemacht hat."
Paul Harmant zitterte. (Forts, folgt.)
Bermischtes.
• Geheimrath Koch, der vor kurzem von feiner Gattin geschieden wurde, bat dieser Tage auf dem Moaviter Standesamt die Ghe mit Frl. Hedwig Freiberg, frühem Schauspielerin am Berliner Theater, geschloffen.
♦ (DaS schlechte Mittel.) „Nichts nutz' find die Stadtleut' und all' ihre Sachen Schwindel! Jetzt hab' i' schon zwei Flaschen Insektenpulver g'freffen — und immer noch beißt S mich I
• (Drnckfehlerkobold.) Annonce. Noch eine Parthie Rauchfleisch billig abzugeben, soweit der Borrath riecht.
* (Fortkommen) Lehrer (am Stammtisch): „Die Kartoffeln kommen auf jedem Boden fort — ‘ Jakob: „Im Keller aber aach; gestern erst Han se mir wie'r 'n Sack voll ge- stohl'n.