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Samstag, den 16. September 1893.

20. Jahrgang

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* Die Verkümmerung des Wahlrechts in Preußen.

In kurzer Zfit werden die Neuwahlen zum preußi« scheu Lbgeordnetenhause angesttzt und damit wird die Offenlegung der Listen für die d-ei Wähürabtheilungm ungeordnet werden. Dann wird offenbar werden, welche Verschiebungen der Dceiklasstnbilvung für die Landtagswahlen schon jetzt in Folge der Steuer­reform und deS neuen Wahlgesetzes Platz greifen. Die volle Wirkung dieser Gesetze wird sich freilich bei den bevorstehenden Landtagrwahlen noch nicht geltend machen, sondern erst bei dem J.- kcafttreten deS Gesetzes über die „Aufhebung direkier Staatssteuern" (1895), wenn bei der Bildung der Abtheilungen auch die Ver­mögenssteuer, sowie die direkten, Gemeinde-, Kreis-, Bezirks- und Provinzial-Steuern in Anrechnung kommen. Wie er nach 1895 mit dem Landtagswahlrecht bestellt sein wird, zeigen uns die nach den neuen Gesetzen be­reits erfolgten Aufstellungen für die drei Wählerab- theilungen in einer Reihe von Städten.

Wenn aber auch die nächsten Wahlen zum preußi­schen Abgcordnetenhause die Verkümmerung des Wahl­rechts durch das neue Wahlgesetz un$ noch nicht in ihrer vollen Größe und Glorie vorführen, so sind die Verschiebungen des Wahlrechtes, die schon jetzt sich bemerkbar machen, so große, daß der ganze Jammer dieser elendesten aller Wahlsysteme uuo Wahlgesetze schr deutlich in die Erscheinung tritt und große U n- zufriedenheit hervorruft, die sich nach Auflegung der Wählerlisten zu unwilliger Entrüstung über die Urheber eines solchen Wahlgesetzes und über die Par­teien, die diese Verkümmerung des Wahlrechts ver­schuldet haben, steigern wird. Es liegt in der Natur der Sache, daß aus dieser Unzufriedercheit heraus sich eine Wah lparole gegen die Wahlrechts-Ber­schlech ter er entwickeln wird. Die Angehörigen des Mittelstandes, die Handwerker, Gewerbetreibenden und auch die studirten Leute, welche sehen, wie das Wahlrecht in der ersten und zweiten Wählerllasse nur von einigen wenigen großen Geldsäcken auSgeübt wird, während sie selbst in die dritte Klasse gestoßen werden, werden daS nicht unbemerkt und ungerügt vor­übergehen lassen.

Die Nationalliberalen, welche die Verküm­merung des Wahlrechts in erster Linie verschulden, so­gar nicht übel Lust zeigten, das Wahlrecht noch weiter zu ver schlechter» durch die Beseitigung der Bestimmung über die Drittelung nach Urwahlbezirken, habm von jeher hauptsächlich als die Vertreter der Herren vsm „Besitz" sich aufgespielt und mit vergnügtem Lächeln haben sie zugesehen, wie die Großgrundbesitze des Herrenhauses in einträchtigem Bu^de mit national­liberalen Herrenhäuslern die Geschäfte der Millionäre und der Ri^sengeldbeutel besorgten. Inzwischen aber sind die LandtagSwahlen näher berangerückt, die Pluto- kratischen Verschiebungen des Wahlrechts deutlich her­vorgetreten und die Stimmen zahlreicher und lauter

Endlich enttarnt!

Roman von R. von Wollersheim.

(117. Fortsetzung.)

»Verletzt? Welch' ein Unglück! Ist die Sache ge- fährlich?"

„Nein, glücklicherweise nicht. Ihre Genesung wird nicht lange auf sich warten lassen. Binnen einigen Tagen wird sie wieder hier sein, vollständig geheilt."

„Nun, um so besser. Jetzt kann ich wieder beruhigt fein, ich wollte schon morgen früh zum Polizei-Kom­missar gegangen sein."

„Sie sehen, daß er nicht nöthig ist. Nur eine Per­son muß näher in Kenntniß gesetzt werden, nämlich Madame Augustine. Ich werde morgen selbst yingehen."

„Sie wußten also von dem Unfälle, Mutter L.son?"

„Lrcie hat einen Dienstmann zu mir g schickt. Apropos, ich denke gerade daran, sie hat mich beauf­lagt, zu fragen, ob vielleicht Briefe für sie angekom­men seien?"

„Ja, es ist einer angekowmen."

„Gut, ich werde denselben morgen abuehmen und chr iha dann überbringen."

„Und wie geht'- doch Ihrer Meisterin, unserer Bäckerin? Heute hat man unS unser Brod nicht ge- bracht."

„Die arme Frau ist die vergangene Nacht gestorben."

„Die arme Frau!" wiederholte die Schließerin

$ geworden, welche mit ihrem Unwillen über die uner­trägliche Verkümmerung deS Wahlrechts nicht mehr zurückhalten. Das hat nun den Natronalliberalen « Angst und Sorge bereitet. Den Mittelstand, e den sie um sein Wahlrecht schnöde betrogen habm, u mögen sie bei den Wahlen nicht gerne gegen sich haben, e und darum bemühen sich jetzt die nationalliberalen Oc- e gane, dem Mittelstände mit Entschuldigungen und mit - , schönen ZSicherungen um den Bart zu gehm. Nun e sollen nicht die Nationallrberalm die Schuld an der i Verkümmerung des Wahlrechts haben, sondern die b Regierung mit ihrer „schlaffen Haltung" und die s Konservativen. Die nationalliberale Partei wird dagegen als ein engelreines Kind hingestellt, das nur - der „Zwangslage" wegen dem Wahlgesetze zugkstimmt , hat. Lauter Schwindel! Die Nationalliberalen kannten „ihre Leute" und suchten für diese und für sich im t plutokcatischm Sinne herauszuschlagen so viel eben - möglich war. Sie waren eS, welche das Wahlprivi- - legium der ersten Klasse in einer Anzahl rheinischer Städte den nationalliberalen Millionären sichern und - stärken wollten, gerade sie trieben daS plutokratische System auf die Spitze in ihrem Parteiinteresse — und nun wollen nationalliberale Blätter noch durch die alte Koulffse eine Täuschung Hervorrufen, das Cmtrum habe mit seinen Anträgen auf eine ge­rechtere Bertheilung des Wahlrecht?, die doch alle» Parteien gerecht und billig gewesen wäre, ein Partei­gesetz schaffen wollen! DaS Centrum ist bei der letzten Berathung deS Wahlgesetzes bis auf die Zwölftelung der Regierungsvorlage zurückgegangen, aber auch dasür waren die Nationalliberalen nicht zu haben — aus Parteiintereffe. Aber weil cS bekannt ist, daß gerade die Nationalliberalen an der Verkümmerung des Wahl­rechts havptschuldig oder wenigstens mitschuldig sind, weil also eine Rechtfertigung nicht helft» kann, ver­suchen die Nationalliberalen eS mit Versprechungen sür die Zukunft. Aber wer wird auf solche national­liberale Zukunftswechsel mit der allgemeinen Bemerkung, daß nach dem vollständigen Inkrafttreten der Steuer­reform, — also erst nach 1895! — auf die Korrektur des Wahlgesetzes zurückzukommen^sem wird," noch etwas geben? Wenn erst die Nationapiberalen wieder ihr Mandat auf fünf Jahre in Händen haben, so werden sie gewiß nicht „auf die Korrektur zurückkommen".

In konservativen Kreisen ist allmählig auch die Ueberzmgung zum Durchbruch gekommen, daß mit dem neuen Wahlgesetze ein unhaltbarer Zustand ge­schaffen worden ist. DaS Stöckcr'sche .Volk' und der ,Reichsbote' haben zuerst dieser Auffassung Ausdruck gegeben, später hat auch die.Kreuzzeitung', daS Havpt- organ der konservativen Partei einer b aldiqen Aende- rung deS Wahlgesetzes daS Wort geredet, sie hat sogar unter dieser Parole rn den Wahlkampf eintreten wollen. Nunmehr aber stellt sich heraus, daß innerhalb der konservativen Partei die Erkenntniß von der unheil­vollen Verkümmerung der Wahlrechts noch lange nicht überall durchgedrungen ist, sonst könnte das offizielle

händeringend. „Sie war noch jünger als ich und jetzt schon tobt! Man sieht, wie rasch und unversehens der Tod kommt! . . ."

Johanna überließ die Schließerin ihren philosophi­schen Erregungen über die Unbeständigkeit der irdisch -n Dinge im Allgemeinen und deS menschlichen Lebens im Besonder» und stieg zu ihrer Wohnung hinauf, um etwas der Ruhe zu pflegen, deren sie so sehr bedurfte.

Am folgenden Morgen besorgte sie wie gewöhnlich daS Brod zu den Kunden und kehrte dann nach Hause zurück, um sich zu dem Leichenbegängnisse der Frau Ledret auzukleiden.

Inzwischen war zu dem ersten Briefe an ßueie ein zweiter Brief angekommen.

Johanna ging beide Briefe abholen und begab sich alsdann, ehe sie zur Bäckerei zurückkehrte, da die Stunde deS Begräbnisses noch nicht gekommen war, eben zu Madame Augustine, um sie auS ihrer Unge­wißheit zu befreien.

Hier erzählte sie ebenso wie bei der Schließerin die Geschichte, welche sie erfunden hatte.

Madame Augustine glaubte ihr natürlich auf's Wort und drückte ihr lebhaftes Interesse für Lucie, einer \ ihrer besten Arbeiterinnen, aus.

Nachdem Johanna dem Leichenbegängnisse der Frau ! Lebret beigewohnt hatte, fuhr sie nach BoiS-ColombeS, i wo daS junge Mädchen mit leicht begreiflicher Unge­duld ihre Ankunft erwartete. i

। Organ der konservativen Partei, die ,Kons. Korresp.' nicht dem Gedanken daS Wort reden, erst nach mehrerenJahren auf Grund ziffermäßigen Materials „zu erwägen, ob eine Remedur nothwendig". Liegt denn nicht jetzt schon ziffermäßiger Material genug vor? Die .Konservative Korrespondenz' sucht dann auch noch daS bekannte wortbrüchige Verhalten der kouser- vativen Partei bei den Verhandlungen über das Wahl­gesetz zu — rechtfertigen, wobei mit nahezu cymscher Offenheit zugestanden wird, daß die Konservativen bei diesem Wahlgesetze nur in eigenem Parteiinteresse und nur unter Berücksichtigung der Verhältnisse in den östlichen Provinzen gehandelt haben; sie wollten nicht in den östlichen Landkreisen Elemente in die zweite Klasse bringen, welche gar nicht hinein­passe», also die konservative» Interessen geschädigt hätten," sie wollten „dafür sorgen, daß in den östlichen Landkreisen die bisherige Machtstellung der konser­vativen Elemente nicht alterirt würde," sie wollten „vor allen Dingen den berechtigten Einfluß der konservativen Elemente in den östlichen Wahlkreisen erhalten." WaS diese konservativen Politiker für ihre östlichen länd­lichen Wahlkreise herausschlagey wollen, sagen sie offen heraus, die Nationalliberale« wollen freilich dasselbe für die westlichen städtischen Wahlkreise, aber sie hüten sich wohl, dasselbe offen zu sagen. Insoweit sind die Konservativen wenigstens ehrlicher als die Nationalliberalm, und wir erwarten auch, daß gegen den von der ,Kons. Korr.' vertretene» Standpunkt nicht aus taktischen Rücksichten, sondern aus Ueoerzeugung im konservativen Lager entschieden Einspruch erhoben wird.

Die Parteien, welche dem Parteiinteresse die Forde­rungen sozialer Gerechtigkeit zum Opfer bringen, welche die Interessen des Mittelstandes und der kleinen Leute mit Füßen treten, müssen wir bekämpfen, mögen sie sich nationalliberal oder konservativ nennen. Die Ver­kümmerung deS Wahlrechts muß alsbald wieder be­seitigt werden — daS wird und muß die Wahl- parole sein.

Deutsches Neich.

Berlin, 14. September.

* Das Kaiserpaar ist heute Nachmittag, und zwar der Kaiser von Karlsruhe, die Kaiserin von Wilhelmshöhe kommend, in Stuttgart eingetroffen. Mor­gen findet vor dem Kaiser die große Herbfiparade des XIII. Armeekorps statt, woran sich dann im Stutt­garter Schlosse das übliche Paradediner schließt.

* Besonders interessant ist die Haltung der fran­zösischen Preffe gegenüber den Vorgängen im ReichS- lan de. Zum erftenmale seit dem letzten Kriege geben französische Beobachter zu, daß die Elsaß-Lothringer sich allmählich mit der neuen Ordnung abfinden. Ein solches Bekenntniß könnte man als friedensgefährlich auslegen; denn »S st ckt der Gedanke dahinter: „Wenn die Elsaß-Lothringer noch lange auf die Befreiung

DaS Fieber war ziemlich gesunken und ebenso war auch die Wunde weniger schmerzhaft geworden.

Kurz — ihr Zustand war so zufriedenstellend und beruhigend als möglich, so wenigstens versicherte der Arzt der Mutter Lison ausdrücklich.

16.

Lucie laS oder verschlang, besser gesagt, die beiden Briefe, welche Johanna überbracht hatte.

Beide warm von Lucian Labrone.

Ja dem letzten Schreibm beklagte sich der junge Mann, daß seine Braut gar nicht schreibe, waS ihm ebenso unangenehm wie beunruhigend sei.

Lucie theilte Mutter Lison den Inhalt der beidm Schreibm mit.

„Ich muß ihm sogleich schreiben," meinte Johanna, „damit er morgen früh Nachricht hat."

„Aber wm» Sie ihm schreiben," rief daS junge Mädchen aus, „so wird dies seine Unruhe nur noch vergrößern. Sie wögen ihm nnttheilm, waS Sie wol­len, er wird glauben, daß die Lage sehr ernst sei."

„Sie haben Recht . . ., ich habe nicht daran ge­dacht. WaS also jetzt ttzun?"

„Ich will selbst schreiben."

„Ader ich glaube, daß Sie dazu zu schwach sind."

„Ich hoffe, daß ich wieder so viel Kraft habe, daß ich die Feder führen kann."

„Aber der Doktor hat's verboten."

„Der Doftor wird nichts davon erfahren."