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20. Jahrgang

V 211

illdaer

Freitag, den 15. September 1893. _____

Zeitung

und Dier-stalter des Gesuchstellers sowie dessen Ge- z sammteinkommen einschließlich des Einkommens aus j Privatvermögen nähere Angaden verlangt. Dagegen ist • an und für sich nichts einzuwenden, sagt die»Germania', vorausgesetzt, daß hier bei den Unterstützungen Parität \ geübt wird, daß bei den protestantischen Predigern i (die in dem Koblenzer Erlaß gar nicht erwähnt werden) \ wie bei den katholischen Geistlichen dieselben Bor- bedingungen für die Gewährung der Unterstützung ge- \ stellt werden. Die Verfügung der Koblenzer Regierung - fügt aber dem Erlaß deS Kultusministers noch eine | besondere Bedingung für die katholischen Geist- : lichen bei: eine Berücksichtigung ihrer politischen Stell- j ung und ihres Verhaltens bei den letzten Reichs- ; tagSwahlen. Eine solche Verwendung deS Unter- ? stützungsfonds nicht nach Maßgabe deS BedürfnisieS, . nach politischen Rücksichten, als Belohnung oder Be- | strafung für das politische Verhaltm, ist vor allen; Dingen konstitutionell unzulässig, denn zu solchen - Zwecken werden keine Dispositionsfonds bewilligt, von $ solchen Rücksichten darf die Bertheilung der DiS- Positionsfonds nicht abhängig gemacht werden. Unsere Abgeordneten werden nicht verfehlen, vom Kultus­minister über diese Koblenzer Verfügung Aufschluß zu verlangen. Sollte indessen dieser oder jener Regterungs- beamte meinen, mit den Badekur-Unterstützungen die politische Stellung der katholischen Geistlichen und ihre Ueberzeugung beeinflussen zu können, so wird man sich einem schweren Jrrthum hingeben. Die 16 Millionen Mark Sperrgelder, welche der katholischen Geistlichkeit vorenthalten worden sind, haben da? nicht vermocht, und die Badekur-Unterstützung wird das noch viel weniger vermögen. Die katholischen Geistlichen werden lieber auf eine Badekur verzichten, als eine kleine Unter­stützung bei der Regierurg ^betteln, wenn ihnen dabei noch dar Recht ihrer freien Ueberzeugung gekränkt wird.

* Die polnischen Sozialisten haben auf einer Kon­ferenz die, in Berlin am Sonntage stattfand, die Gründung einer selbstständigen polnische» So­zialistenpartei beschlosien. Sie wollen nicht länger ein Anhängsel der deutschen sozialdemokratischen Partei sein, sondern eine Partei mit vollständig selbstständiger Leitung, eigenen Fonds und einer den Verhältnissen polnischer Arbeiter entsprechenden Taktik. Es nahmen an der Konferenz theil 23 Delegirte aus Westpreußen, Pofen, Ober- und Niederschlesien, Hamburg, Altona, Bremen, Berlin und Rixdorf. Die Partei will so­wohl die polnischen als auch die sozialistischen In­teressen fördern, sie verlangt deshalb für Gegenden mit überwiegend polnischer Bevölkerung die Einführung des Polnischen als Unterrichtssprache. Daß im Uebrigen die neue Partei die würdige Schwester der deutschen Sozialdemokratie ist, beweist die Aufnahme, welche der Antrag fand, aus praktischen Gründen die heftigen Angriffe gegen die Geistlichkeit in der polnischen Presse zu unterlassen. Der Antrag wurde verworfen, da die polnische Geistlichkeit die schlimmste Feindin der sozia­listischen Bewegung sen

Deutsches Reich.

Berlin, 13 September.

* Der Kaiser, welcher auch heute den badischen Manövern beiwohnte, trifft, wie bereits gemeldet, morgen Nachmittag in Stuttgart ein, wo etwas später, von Wilhelmshöhe kommend, auch tue Kaiserin an­kommen wird. Das Kaiserpaar verbleibt bis Sonn­abend Abend in der württembergischen Hauptstadt.

* Die Kaisermanöver in Elsaß-Lothriugen haben eine außerordentliche politische Bedeutung erhalten. Zunächst dadurch, daß sie die Ansichten über den Charakter der dortigen Bevölkerung vielfach geklärt haben. Die Lothringer, namentlich auch die Land- leute, sind mit einem herzlichen Behagen zu den Kaiser­festen herbeigeströmt; von verbissener Proteststiwmung war nichts zu merken. Nun darf man freilich auf solche festlichen Schauspiele nicht allzuviel Werth legen, aber die Haltung der Lothringer bestärkt doch sehr die Hoff­nung, daß die Versöhnung der Gemüther andauernd Fortschritte macke und in nicht zu langer Zeit auch die moralische Eroberung des Reichslandes vollendet fein werde. Diesem Vertrauen geben jetzt auch viele von den blindeifrigrn Blättern Ausdruck, die sonst so gern die scharfe Gewaltpolitik gegen angeblich „deutsch­feindliche" Regungen im Reichslande empfehlen. Mit Ausnahmegesetzen und Zwangsmitteln kann man wohl verstimmen, aber nicht die Herzen gewinnen. Wenn man jetzt erkannt hat, daß die „Neudeutschen" im Reichslande bester sind, als ihr Ruhm, so sollte man ihnen auch die entsprechende Rechtsgleichheit und Freiheit geben, d. h. die letzten Ausnahmegesetze fallen lasten und von der Maßregelung von charaktervollen Bürgermeistern Feichter'schen Standreden und drrgl. Abstand nehmen.

* Die Koblenzer Badereise-Verfügung, welche die Unterstützung an katholische Geistliche zur Ermög­lichung einer Badekur oder zur Erholung nicht nur von der Bedürftigkeit des Bittstellers in gefundheit- licher und finanzieller Beziehung, sondern auch von der politischen Stellung des betr. Geistlichen und dessen Verhalten bei dm letzten Wahlen abhängig macht, existirt wirklich. Sie hat nach der ,Kölnischen BolkSztg.' folgenden Wortlaut:

„Koblenz, den 1. Juni 1893. Bei Anträgen auf Bewillig­ung außerordentlicher Unterstützungen an katholische Geistliche behufs Ermöglichung einer Badekur u. s. w. soll nach einer An­ordnung des Herrn Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten jedesmal das Lebens- und Dienst- Alter des GesuchstellerS, sowie dessen Gesammteinkommen (ein­schließlich des Einkommens aus Privatvermögen) angegeben werden. Euer u. s. w. wollen dies bei Ueberreichung derartiger Anträge gefälligst berücksichtigen und sich gleichzeitig über die politische Stellung des betr. Geistlichen äußern und insbe­sondere auch berichten, ob der Gesuchsteller etwa bei den jetzigen Wahlen agitatorisch gegen die Staatsregierung aufgetreten ist. Königliche Regierung, Abtheilung für Kirchen- und Schul­sachen."

Diese Verfügung greift auf eine Anordnung des Kultusministers zurück, die aber, nach der Fass­ung der Verfügung zu schließen, nur über LebenS-

Erickeint täalich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechercker Rabatt. Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen m Fmda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Eine weitere Mittheilung aus den Briefen, welche dem »Standard' von dem Vater „eines englischen Offi­ziers zugeschickt wurden, der an einem Zuge an de« Viktoria Njanza theilnabm", geht dahin, daß die Kunde von der Ermordung Emin Paschas unter den Mit­gliedern deS Zuges nicht überrascht habe. Man wußte in Niangwe, wo sich die Expedition zu der Zeit be­fand, daß Emin schon Monate lang verfolgt wurde und früher oder später in die Hände seiner Feinde ge» rathen mußte. Nach der Ansicht deS OsfizierS wurde Emin am oder um den 26. Februar i>. I. in der Nähe des Lualaba-Flusses zwischen Ktanganika und Niangwe, ermordet. Emin zog, begleitet von einem kleinen Stamme, längs dem Lualaba nach den Stanley- Fälle». Am 26. Februar hatten die Europäer der belgischen Expedition ein- furchtbare Schlacht zu bestehen. Emm, der die Nacht zuvor am Ufer deS Lua­laba gelagert hatte, betheiligte sich an dem Gefecht. DaS Uebrige ist bekannt.

* Eine Verschiebung des Wahlrechts nach der plutokratischen Seite hin hat daL neue preußische Wahlgesetz auch in Heiligenstadt i. Eicksf. verur- sacht, wie sich jetzt nach Aufstellung der Wählerlisten für die bevorstehenden Kommunalwahlev ergiebt. Die Eichrfeldia berichtet darüber: Im Jahre 1889 wähl­ten in der ersten Abtheilung 47 Bürger, in der zwei­ten 112, in der dritten 533. Die entsprechenden Zahlen für 1891 waren: 45, 112, 525. Nach der Wählerliste für 1893 wählten in der ersten Abtheilung nur 29, in der zweiten Abtheilung nur 94, in der dritten Abtheilung dagegen 604 Bürger. Durch das neue Wahlgesetz ist also auch bei unS das Wahlrecht des Mittelstandes und der kleinen Leute vermindert, dar der Inhaber der großen Vermögen vermehrt worden.

* Straßburg, 12. Sept. Der Kaiser hat folgen- desDankschreibenan denStatthalter gelangen lassen:

Der festliche, warme Empfang, der Mir bei Meiner Ankunst nicht nur in Metz, sondern Seitens des gesammten Bezirks Loth­ringen, in Kürzel bei Meinem Schlosse Urville, sowie an allen sonstigen Orten, die Ich während Meiner Anwesenhest in Loth­ringen berührt habe, bereitet worden ist, und die herzliche Be­grüßung, welche Mir die Bevölkerung von Stadt und Land ent­gegengebracht, haben Mich wohlthuend berührt. Ich nehme diese allerorten dargebrachten Huldigungen als Bürgschaft dafür, daß der Anschluß Lothringens an das deutsche Vaterland sich von Jahr zu Jahr enger und inniger gestaltet. Ich gebe Mich der Ueberzeugung hin, daß daS Bewußtsein unlösbarer Zusammen- gchörigkeit mit dem deutschen Reiche in der Bevölkerung stetig wachsen und daß dadurch das Vertrauen und die Zuversicht in derselben mehr und mehr befestigt werden wird. Ich verlasse Lothringen heute mit dem herzlichen Wunsche für das fernere Gedeihen des schönen Landes und ersuche Sie, allen betheiligten Behörden, Gemeinden, Korporationen und der gesammten Be­völkerung für Alles, was anläßlich Meiner Anwesenheit geschehen, Meinen kaiserlichen Dank auszusprechen und dabei besonders her­vorzuheben, wie Ich mit großer Beftiedigung vernommen habe, daß auch den Truppen trotz der in einigen Gegenden herrschen­den landwirthschaftlichen Schwierigkeiten und ttotz der stellenweise nicht unerheblichen Belastung der Ortschaften durchweg eine sehr freundliche und gute Aufnahme zu Theil geworden ist.

Schloß Urville, den 10. September 1893.

Wilhelm.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(116. Fortsetzung.)

15.

Weiteres hatte Amauda, welche für Lucie kein Jntereffr hegte, nicht gefragt.

„Diefes fromme Fräulein wird wohl nur einen Ausflug mit irgend einem Liebhaber gemacht haben," dachte sie bei sich.

Sie begab sich wieder zum Wagen.

„Ran?" fruz der angebliche Baron de Reiß.

„Man hat noch nichts von ihr gehört. Fahren wir zur Rue Saint-Honore zurück, ich berichte dann Madame Augustine, was ich gehört Hobe, und wir fpeifen dann nachher zusammen."

Hätte Ovide sich allein befunden, so würde er sich vor Freude die Hände gerieben haben.

Ec war jetzt ganz sicher, daß Alles nach Wunsch abgelaufen war.

Unsere L-ser erinnern sich, daß der Arzt in BoiS- ColomdeS darin gewilligt hatte, daß Lucie nach Paris zurückvefördert werde.

ES möchte deshalb etwas auffallend erscheinen, daß daS junge Mädchen in dem Augenblicke, wo Amanda im Auftrage von Madame Augustine am Quai Bour­

bon sich nach ihr erkundigen kam, sich noch nicht in ihrer Wohnung besand.

Diese Verzögerung hatte folgenden Grund.

AlS Johanna Portier, von Paris zurückgekehrt, in Bois-ColombeS wieder eintraf, schlief Lucie unter der Obhut der Frau des KommiffarS.

Der Kommissar selbst war vor wenigen Augen­blicken zur Gerichtsbehörde gegangen, um über die Er­eignisse zu berichten, welche sich am vorhergehenden Tage zugetragen hatten.

Der Schlaf Lucie'S, welcher anfangs durchaus ruhig gewesen war, wurde später allmählig unruhiger.

Als sie wieder erwachte, hatte sie ein ziemlich heftiges Fieber.

Der Arzt zeigte sich, als er die Verwundete be­suchte, über dieses Fieber, welches er gar nicht er­wartet hatte, sehr beunruhigt, um so mehr, als das­selbe immerhin gefährliche Verwickelungen herbeiführen konnte, und so erklärte er, indem er feine am Morgen ! gegebene Erlaubniß zurücknahm, eine sofortige lieber» führung des jungen Mädchens für durchaus unmöglich.

„Alles, vaS ich gestatten kann," sagte er, „ist, daS Fräulein in ein Hotel der Umgegend zu bringen, wo­fern ihr Verbleiben Hierselbst dem Herrn Kommisiar lästig fällt."

„Nein, nein," sagte die Frau deS Kommissars ab- , wehrend, „dieses jun^c Mädchen wird bei uns bleiben, 1

Doktor, wir werden sie pflegen, alS ob sie unser Kind sei."

Mit schwacher Stimme dankte Lucie der wackeren Frau, welche ihr gegenüber solche Hochherzigkeit an den Tag legte, und warf Johanna Portier einen bedeu­tungsvollen Blick zu.

Johanna begriff sogleich die Bedeutung dieses Blickes.

„Ich werde Sie ebenso wenig verlassen, meine Theuce," sagte sie. „Jedoch muß ich morgen nach Paris zurück, um dem Begräbniß meiner armen Meisterin beizuwohnen."

„Frau Lebret ist tobt!“ stammelte Lucie.

„Heute Nacht ist sie gestorben, nachdem sie noch ebm ihre Mutter gesehen hat."

„Gehen Sie zu Herrn Lebret zurück, Mutter Lison," sagte Lucie, „ich möchte nickt, daß Sie meiner Person wegen Gesahr laufen, eine Stelle zu verlieren, die Sie nöthig haben. Nur möchte ich Sie bitten, jeden Tag auf einen Augenblick herüber zu kommen und mir dann zugleich die Briefe mitzubringen, welche etwa für mich angekommen sind."

DaS junge Mädchen dachte an Lucian.

„Ich werde thun, wie Sie wünschen," antwortete Johanna. „Vielleicht wollen Sie schreiben?"

„Sie darf nicht schreiben," fiel ihr der Arzt in?