20. Jahrgang
Donnerstag, den 14» September 1893.
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Endlich entlarvt l
Roman von R. von Wollersheim.
(115. Fortsetzung.)
Auch diesen Namen notirte sich der Kommissar und sagte dann weiter:
„Der elende Mörder wird diese Uhr jedenfalls z« veräußern suchen» Wenn wir die Nummer der- selbe« kannten, so würden wir vielleicht seine Spur sinden.
„Ich muß wohl schwer verwundet sein, denn ich leide sehr", sagte Lucie.
„Gewiß müssen Sie sehr leiden, mein Kind", hob jetzt der Arzt an, welcher bis dahin schweigend dage- sesien hatte. „Die Wunde ist tief, aber ich kann Jhnm versichern, daß sie nicht gefährlich ist, und ich glaube sogar, daß dieselbe bald geheilt sein wird. ES war ein glücklicher Zufall, daß diese wackere Frau, welche @ie kennt, gerade des ÄegeS gekommen ist, wo der Mörder Sie überfallen hat. Ohne sie würden Sie jetzt todt sein, nicht zwar in Folge der Wunde, sondern in Folge des Blutverlustes.
„Ihnen verdanke ich mein Leben, meine liebe Mutter Lison", sagte Lucie, indem sie ihre Hand entgegen» streckte.
Liebevoll drückte Johanna da- junge Mädchen an ihr Herz.
„Seit wie lange bin ich hier?" fuhr Lucie alsdann fort.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. September.
* Der Kaiser wohnte heute mit dem Großherzog von Baden, dem Kronprinzen von Italien und dem Prinzregenten von Braunschweig den Manöver« des XIV. Armeekorps bei. Bon Karlsruhe begibt sich der Kaiser mit den fürstlichen Gästen nach Stuttgart, wo er gleichfalls den Manöver« beiwohnt und bis zum Samstag verbleibt, au welchem Tage der Kaiser die Reise zu den ungarischen Manövern antritt. Die An» kunst deS Kaisers in Guns erfolgt am Sonntag Nachmittag. Hier trifft der Kaiser mit dem Kaiser von Oesterreich und de« Erzherzögen, sowie dem Könige von Sachsen, der gleichfalls am SamStag nach GunS abreist, zusammen.
* Der Kronprinz des deutsche« Reiches, der, wie bereits gemeldet, dieser Tage ä la suite eures sächsischen Regimentes gestellt wurde, wird sich am 24. Oktober d. I. dem König von Sachsen in Dresden in sächsischer Uniform vorstellen. Am genannten Tage begeht König Albert sein 50jährigeS militärisches Dienst- Jubiläum.
* Prüfung der Geistliche» ans ihre politische Gestnnnng?! Wie telegraphisch aus Köln gemeldet wird, veröffentlicht die ,Köln. VolkSztg.' ein Reskript der Koblenzer Regierung, daS anordnet, daß, wenn katholische Geistliche eine Unterstützung für eine Bade- Kur oder Erholung nachsuchen, chre politische Stellung geprüft und speziell ermittelt werden solle, wie sich der betteffende Geistliche der Militärvor» läge gegenüber gestellt habe. Bestätigt sich die Nachricht, so müßte eine solche Verfügung den schärfsten Widerspruch herauSfordern. Eine derartige Unterstützung wird bekanntlich nicht aus der Tasche der Regierungr- beamten gewährt, sondern aus einem Fonds, welcher der Regierung aus den allgemeinen Steuern zur Verfügung gestellt wird. Bei Bewilligung der Unterstützung aber ist lediglich die Rothwendigkeit und die Bedürftigkeit des Bittstellers zu prüfen. Politische Rücksichten haben dabei ganz außer Betracht zu bleiben. Wir warten daher vorläufig den Wortlaut der Verfügung ab.
* Gegen die Tabak-Fabrikat-Stener wird in der ,Freis, gtg.' daran erinnert, was in dem Bericht der Tabak-Enquete-Kommission von 1878 gegen die Einführung der Tabak-Steuer in Deutschland nach dem wenn auch modifizirtm amerikanischeu Vorbilde hervorgehoben wurde, „daß eben jede hohe Steuerlast auf den wirchschastlichen Organismus eines Volkes einen schädigenden Druck ausüben muß." „Sicher — so heißt es dann weiter — wird das auch m den Bereinigten Staaten von Nordamerika nicht anders sein. Wenigstens zieht sich daS Argument, daß der Arbeiter, der arme Mann in Amerika von der Last der Tabak- Besteuerung sehr bedrückt sei, wie ein rother Faden durch die Kongreß»Verhandlungen von 1878." Ein Redner (Henkle) hebt ausdrücklich hervor, daß neun
im Landtage und Reichstage vertreten zu lassen. Am rücksichtslosesten werden diese Bestrebungen von den ,Rowiny Raciborskie' vertreten; der ,Kuryer Gornosz- lazski' wird demnach vorzugsweise seine Spitze gegen dieses Blatt richten. In seinem an die „Katholischen Brüder" gerichteten Aufruf bestimmt der engere Ausschuß für Herausgeber des neuen Blattes das Programm desselben folgendermaßen: „Der ,Kuryer' wird aus Schritt und Tritt den katholischen Glauben des polnischen Volkes in Schlesien, seinen polnischen Charakter und seine Muttersprache in Kirche, Schule und öffentlichem Leben vertheidigen aus der Grundlage der Grundsätze deS Centtums in getteuer Unterthanenschaft gegen Se. Majestät. Wir wollen nicht, daß Unfiieben herrsche, sondern daß Friede herrsche zwischen Klerus und Volk, zwischen Parochianen und ihren Seelsorgern. Wir wollen nicht, daß man dem Volke das Verttauen zu seinen Geistlichen raube, sondern wir wollen, daß Klerus und Volk Hand in Hand die Kirche, den heiligen Glauben, den Thron und das Volk vertheidigen." Möge es dem neuen Unternehmen gelingen, den Geist der Zwietracht und Entfremdung zwischen dem oberschlesischen polnischkatholischen Volke und dem einheimischen KleruS Ober- schlesiens zu bannen. Dies liegt zugleich im Interesse der Centtums; daher sollten auch die deutschen Cen- trumSblätter dem ,Kuryer Gornoszlazski' alle mögliche Unterstützung angedeihen lassen.
* Neiffe, 10. Sept. Der praktisch-soziale Kursus, welcher mit einer Schlußpräsenz von 551 Theil- nehmern am Freitag sein Ende fand, nahm einen glänzenden Verlaus. Die Erwartung, daß der Reisser Kursus für den Osten dieselbe AnziehungSttaft auSüden werde, wie die in M.-Gladbach und Bamberg für bett Westen resp. den Süden Deutschlands, hat sich vollauf erfaßt. Unter den Teilnehmern befanden sich, nach PLräfSstTtltzen gegliedert, it. a.: 104 Weltgeistliche, 3 Ordensgeistliche (2 Kapuzinerpatres, 1 Jesuit), 57 Studenten, davon 45 Theologen, 3 Bürgermeister, 5 Rechtsanwälte, 5 Redakteure, 1 Bankier, 11 Gymnasiallehrer, 3 Fabrikbesitzer, 10 Ritterguts- und Gutsbesitzer, 7 Rentiers, 17 Subalternbeamte, 31 Keufleute, 41 Handwerker, 3 Apotheker, 1 Landesältester, 1 Stadtältester, 1 Baurath, 4 Stadttäthe, 2 Aerzte, 10 Lehrer, 1 polnischer Arbeiter aus Oberschlesien u. s. w. Die westlichen Provinzen waren gar nicht vertreten. DaS stärkste Kontingent der Theilnehmer stellten naturgemäß die Provinzen Schlesien und Posen.
* Solingen, 11. Sept. Seit Samstag sind hier 2 Todesfälle an Cholera und 5 choleraverdächtige Erkrankungen zu verzeichnen. Die betreffenden Personen wohnten sämmtlich zu Papiermühle.
* Köln, 10. Sept. Dir ,flöht. VolkSztg.' schreibt: Bezüglich der von einer uns sonst als zuverlässig bekannten Seite uns zugegangenen Mittheilung in Nr. 508 der .Köln. Bztg.' daß auf die Ergreifung Busch ofs'S eine Belohnung von 500 M. ausgesetzt sei, wird uns aufs Bestimmteste versichert, daß Buschoff
Die Läden des Hauses waren heruntergelassen und aus einem Plakate waren die Worte zu lesen:
„Wegen Todesfall geschlossen."
Beklommenen Herzens betrat Johanna daS HauS nnd begab sich in die Hinterstube, wo Frau Lebet, chr Schwiegersohn und die Magd zusammen saßen.
Alle drei weinten.
„Es ist zu Ende, Mutter Lison", sagte Lebret mit erstickter Stimme, „meine atme Frau ist tobt!“
„Sie verzeihen, Meister", murmelte Johanna, wahrenb ihr bie Thränen in bett Augen stauben, „daß ich gestern Abend nicht nach Hause zurück gekommen bin"
„Ich weiß schon" , antwortete Lebtet, „meine Schwiegermutter hat mir bereits gesagt, daß sie auf- gehalten waren. @8 thut nichts. Meine Frau hat Sie noch gerne sprechen wolle«, ehe sie starb. Sie hielt große Stücke auf Sie — Sie sollen auch hier bleiben wie ftüher."
Johanna schluchzte.
Als sie sich wieder etwas gefaßt hatte, stammelte sie dann: .. _, , ,, _
Ich wollte Sie um bte Erlaubmß bitten, Herr Lebtet, heute zu meiner armen Verwundeten nach BoiS Colombes zurückkehren zu dürfen."
„Gewiß, Sie können gehen."
„Wie geht's dem armen Kinde?" frug Frau Lebel.
„Rach den Umständen gut. Wenn bie Wunde auch tief ist, so ist sie boch nicht gefährlich. Ich kehre
Zehntel der ganzen Tabak-Steuer von Leuten bezahlt werden müßten, die sich in verarmten Zuständen befanden und an einer andern Stelle heißt eS: „Man darf bei einer Erhöhung der Tabak-Steuer nicht bloß von der ergiebigen Steuerqüelle Tabak allein ausgehen, sondern muß vor Allem die Höhe des durchschnittlichen Reineinkommens der unbemittelten Bevölkerung in dar Gebiet der steuerpolitischen Erwägungen hineinziehen, welche schließlich in Deutschland wie überall neun Zehntel der Tabak-Steuer zu tragen haben wird. Auf die Form der Besteuerung kommt es hierbei erst in zweiter Linie an; denn keine Steuer-Form, auch das Tabaks-Monopol nicht ausgenommen, tann Werthe schaffen, sondern muß die Existenz von Wrrthen vorauS- setzen, deren Ueberttagung aus der Privatwirthschaft des Steuerpflichtigen in die Wirtschaft des Staates zulässig erscheint." . t „
* Dem Kaiser!. Gesundheiis-Amte find seit SamStag nachstehende 8 Cholera - Fälle gemeldet worden: Rheingebiet: In Papiermühle bei Solingen erkrankten weitere 4 Personen; ferner ist bei einem schon früher Erkrankte«, auf welchen bie Infektion wahrscheinlich zurückzuführe« ist, nachträglich Cholera festgestellt worbe«; endlich ist eine in Papiermühle beschäftigte Arbeiterin zu Kohlfurt im Kreise Mettmann erkrankt. Ein Spezial-Sachverständiger ist Seitens der preußischen Regierung nach Papiermühle entfenbet worben. In St. Goar starb am 8. September die Frau eines Schiffs- f ührerS an Cholera. Weichselgebiet: Im Ueberwachungs- Bezirk Kurzebrack wurde ein Flößer tobt aufgefunben, als besten Tobesursache bakteriologische Cholera feftge- stellt worden ist. •
♦ Nach den weiteren im .Standard' veröffentlichten Mittheilungen über Emin Paschas Ende geht aus den votgefundenen Papieren EminS angeblich hervor, daß er sein Gebiet Wadelai der britischen Ostafrika- gesellschast abgetreten und sich nur den Gouverneur- poste« Vorbehalten habe. Die Briefe sollen ferner auf die Thatsache Hinweisen, daß Emin, nachdem er äugen- scheinlich nicht im Stande war, etwas DesinitiveS im deutschen Dienste zu erreichen, entmuthigt bett Marsch nach der Westküste über Stanleysalls und den Kongo angetteten habe. _
* Breslau, 10. Septbr. Eine neue polnische Zeitung für Oberschlefien ist vorgestern in's Leben ge- iretcn. Der .Kuryrr GörnoszlazSkf erscheint drei Mal wöchentlich im Verlag und unter der verantwortlichen Redaktion des Pfarrers Viktor Lvß in Dziergowitz. Der Druck wird in Ratibor besorgt. Aufgabe und Zweck dieser ganz auf dem Centrums-Standpunkt stehenden Blattes ist, dem hetzerischen, daS oberschlesische Volk, dem Klerus und dem Centrum abwv big machen- ben Treiben fremder, aus dem Posenschen herüber ge» komtnener Agitatoren entgegen zu treten, deren zuerst verdeckte, jetzt ganz offen eingestandene Bestrebungen dahin gehen, Oberschlesien durch eine vom Centrum getrennte eigene „polttisch-oberschlesische" Partei
„Seit der letzen Nacht"
„Könnte ich nicht nach Hause, nach Paris zurück- kehren?" c
Der Kommissar sah den Arzt an und trug dann: „Würde die Reise nicht gefährlich sein?“ „Ich glaube kaum," meinte der Arzt; sobald ich eine« guten Verband angelegt habe, kann sie «ach Paris übergeführt werden, keinesfalls indeß vor heute Abend."
„Sie verlasse« mich ja nicht, Mutter Lison, nicht wahr?" frug Lucie.
„Nein, meine Liebe. Ich möchte indeß doch wohl einmal bis zur Rue Dauphine gehen, um meinem Meiller Alles mitzutheilen und zu sehen, wie es dort steht. Ich werde so rasch als möglich wiederkommen".
„Ja, gehen Sie, Mutter Lison. Aber kommen Sie schnell zurück."
„Gewiß, ich werde schnell zurückkommen."
„Uebrigens können Sie ohne Besorgniß sein, mein Kind," sagte bet Kommissar. Sie sollen nicht allein bleiben; meine Frau wird Jhnm Gesellschaft leisten, bis bie Frau da zurückgekehlt sein wirb."
„Ich danke Ihnen für Ihre Güte, mein Herr".
„So gehm Sie, wackere Fcau", wandte sich der Kommissar an Johanna. „Das Fräulein werden wir wohl hüten."
Johanna eilte rösch weg, um sich zum Bahn- Hofe zu begeben. Als sie in bet Rue Dauphine anlangte, schrak sie heftig zusammen.
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