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Sonntag, bat 10. September 1893.
20. Jahrgang
U K
Hierzu eine Beilage.
-G Gtue kommunistische Association.
Von Australien aus soll eine Arbe-terexpedriwn nach Brasilien gehen und ? ort eine Lsicciat-on auf kornnmNstischer Gruridloge tn’j Leben rufen. Das Hauptgeschäft fall Schafscheererei fein, Handwerker sollen nur so viele mitgehen, als zum Bedarf nmywendig sind. Jeder Theilmbm-r zabtt 70 Pfund Sterling, wodurch zu gleicher Zeit der Beweis gelrefort werden soll, daß der Betreffende eia sparsam-r solider Arbeiter ist.
Wir bedauern dies Unternehmen nur wegen derer, die daran theilmhmeu, für die Allgemeinheit begrüßen wir es lebhaft, denn solche praktische Beweisführungen machen größeren Emdruck als alle Theorien, wenn sich dieselben auch auf die Kranitsäulen der Logt? und der K-nntniß der menschlichen Seele stützen. Wenn -man - sich heiser geredet, so meint derjenige, den der Schuh i drückt, kurzweg: Ihr habt gut reden, die Sache liegt < aber doch etwas anders. Und damit ist Alles abge- ; than. Was wir Magenfrage nennen, ist eben nicht * ausschließlich Mager,frage, sondern im tiefsten Gruude t religiöse Frage, es ist das Hereinrücken beS Himmels ; in das irdische Leben und darum ist die Masse der Sozialisten taub gegen Angriffe auf soziale Systeme; der Gottesglaubr muß lebendig werden, dann fällt die Sozialdemokratie als Kons quenz der Gottesleugnung von selbst. Aber im Uevngen können, wir mit der Entwickelung utib Bekämpfung sozialistischer Theorien gläubige Arbeiter schützen, wir können wohl einen DamL aufwrrfen, aber es wird sehr schwer und selten sein, einen ungläubigen Sozialisten auf theoretischem Wege von seinem Sozialismus zurückzuführer?.
Anders ist es mit der Praxis; wenn eine so hoffnungsreiche Geschichte zufamNenbricht, meint auch der sozialistische Arbeiter, eS müsse etwas faul gewesen fern; es ist zudem etwas ganz Anderes, zu sehen, wir sich ein solches Musterinstitut m der Prox s ausnimmt, und zu hören, rote es sich ausnehmen würde.
Es war schon einmal vor Jabr und Tag davon die Rede, daß unter einem gewissen Dr. Hertzka in Wien eine <o statistische Association gegründet werden sollte; es sollten Millionen zu diesem Behuf« flüssig gemacht werden uno gleichzeitig mit dem australischen Projekt ist auch jetzt wieder das Hntzka'fche Projekt aufgetauchr. Wir haben schon damarS auch dieses Projekt willkommen geheißm, aber mit unseren Wünschen, daß dasselbe in'S Leben treten möge, bei dm sozialdemokratischen Führern keine Gegenliebe gefunden. Die wetterten und tobten, die pusteten und warnten vor einem Unternehmen, welches in diesem kleinen Umfange unmöglich gelingen könne und nur die Tendenz habe, zum Nutzen des Kapitalismus vor der Sozialdemokratie zurückschrrckm.
Nun, auf die Probe, die sich diesmal zwischen Australien und Brasilien bezieht, wird selbst der internationale Kongreß blutwmig Einfluß äußern können. Man tritt die Reife mit großen Hoffaungen an. Im Laufe der Z it denkt man die Sache anSzndchnen und
Endlich enllarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
MIC" Fortsetzung aus der Beilage. TW8
„Ich versichere S e, Madame," sagte Johanna, „ich habe ganz deutlich einen Schrei in der Nähe der Eisenbahn gehört, unS gerade gegenüber, am Ende dieses Pfades ... ES war ein Schrei d s Entsetzens, ein Schrei dkS Todes."
„Sie weiden sich doch wohl geirrt haben," meinte die alte Dame, die etwas schwerhörig war.
„Nein, ich bin ganz sicher, daß ich mich nicht geirrt habe"
„Vielleicht war eS eine Lokomotive."
Gerade in diesem Augenblicke hatte Ovide, welcher natürlich jede Begegnung mit Menschen vermeiden wollte, querfeldein die Flucht ergriffen.
Johanna bemerkte jetzt den Fliebendeu.
„Sehen Sie da, Madame, sehen Srs da, Madame," rief Johanna lebhaft aus, indem sie auf den Fliehenden deutete, „es ist ein Mann, der uns gesehen hat und nun entflieht. Jedenfalls ist ein Verbrechen hier in der Nähe begangen worden. War ich gehört habe, war r ff mbar ein Angstschrei."
Damit eilte Johanna voraus.
s
Stuttgarter Ksifertagea beiwohnen.
* Gegenüber dem neuerdings verbreiteten Gerücht, daß demnächst, und zwar in recht hohem Betrage, mit der Ausgabe von Reichs- ««d Staatsanleihe vorgegangen werden solle, kann die .Nordd. »llg. Zig.' wiederholt versichern, daß von all den Stellen, welche hierbei in Betracht kämm, von einer derartigen Absicht nicht das Geringste bekannt ist.
* Es wird für den Fall epidemischer Verbreitung
Kräfre nicht auSreichen sollten, werden tut ,ReichS- Anzeiger' rüstige Aerzte aufgefordert, sich bei den Regierungspräsidenten ihres Wohnbezirks zu melden. Die Vergärung für die Dienstleistung beträgt 20 Mk.
täglich.
* Nachdem das Auftreten der aflatifchen Cholera in Berlin amtlich festgestellt wo? den, hat dar Gouver- nement zu Berlin bestimmt, daß den nach Berlin ab- kommaudirten Mannschaften auswärtiger Garnisonen die Cholcrazulage von täglich 2*/» Pf. vom 3. Sept, d. I. ab biß auf Weiteres zu zahlen ist.
* Der Geb. Rath Reuleaux, der bekanntlich bei der Weltausstellung in Philadelphia mit Ausgabe der einem ir-ichen Blatte entnommenen Parole „billig und schlecht" dcr deutschen Ausstellung das vernichtende Urtheil gesprochen und damit den Gegnem der deutschen Industrie die wirksamste Waffe in dir Hände gegeben hat, scheint als Vertreter des Reichs auf der Chicagoer Ausstellung wieder eine ziemlich
eine geradezu schändliche Rolle gespielt, so fürchten wir sehr, die Schafschrerer werden die Zahl diefer Kolonien vermehren und nachdem sie selber geschoren worden, werden sie froh sein auf brüsiliLnifchen Haziendas ein Unterkommen zu finden, während der Unternehmer mit dem Fonds verduftet. Das ist schon öfter das Loos von Arbeiterkolonien in Brasilien gewesen und es ist leicht möglich, daß diese Erfahrungen kommunistlscher Entwickelung die Arbeiter auch diesmal machen.
polizeilichen Ueberwachung der Schifftvevölkerung und zur Desinfrkrioa der Fahrzeuge erozurichten. Behufs
Deutsches Keich.
Berlin, 8. September.
* Der Kaiser nahm guck heute mit den fürstlichen Gästen, mit Ausnahme des Königs von Sachfen, der gestern die Heimrerse nach Dresden abgetreten hat, an den Marövern des VIII. und XVI. Armeekorps tbeil. Morgen Vormittag gedenkt der Kaiser über das XV. Armeekorps bei Straßburg die Parade abzu- ha'.ten. Die sich anschließende Paradetafel für die Generale und Stabsoffiziere des XV. Armeekorps findet aber nicht in Straßburg, sondern in Metz statt.
* Der Kronprinz von Italien wird auch den
l besser sehen zu können.
' Em jäher Angstschrei entfuhr ihren Lippen — sie
hielten.
Wie eS in Brasilien gehen wird, entzieht sich einstweilen noch jeder Beurtheiluug. Konumn nur 500 ■ Arbeiter zusammen, so bringen biefelbe emen Fonds r von 700 000 Mark auf. Wenn nun da auch die Kosten i für die Ueberfahrt abgerechnet werden, io bleibt doch s
: hatte ßvc.e erkannt.
, \ „Was gib.'s d'nn eigentlich?" sing Frau Level, s welche endlich mit ihrer Magd herangekommen war.
„Ein Berbrcchm, ich sagte es Ihnen ja," versetzte : Johanna mit erstickter Summe. „Sie ist tovt, er- I mordet von dem Elenden, den wir da fl ehen sahen, i Lucie . . . theure Lucie . . . armes Kind!"
Unter fortwährendem Schluchzen nahm Johanna ; die fSä«be der leblos daüegenden Arbeiterin und be- ; deckte sie mit Küssen und Thronen.
Frau Level und ihre Magd zitterten vor Schrecken
immerhin eine Summe übrig, welche bessere L ute in i unbesonnene Aeutzerung gethan zu Haden, feie lehr leicht
■ i «n .................. !»»i m ■—n ~~~ !
Frau Lebel und ihre Magd des hleumgten indeß i Opfers, dessen Haupt sie dann etwas emporrichtete, um
ihre Schritte nicht im Mindesten. k"rt'" <n"'an
Aufmerksam hatte Johanna im VorauSeilen umher gehorcht. J.tzt befand sie sich ganz in der Nähe der Baumgruppe, an der Stelle, wo das schreckliche Drama geschehen war, dem wir beigewohnt haben.
Zitternd blieb sie stchen.
Auf dem Boden zu ihren Füßen sah sir unbeweglich eins Gestalt liegen.
' Hastig beugte sie sich und er und begegnete mit ihren umhertastenden Fingern dem Karton, welcher Lucie's Händen entglitten war.
Eine schreckliche Ahnung stieg jetzt in ihr auf, und sie zitterte an allen Gliedern. s **“" —»- ->..............»
Sie irmnette sich jetzt, daß Lucie ihr, als sie ihr ■ an allen Mudern.
am vorhergehenden Tage auf dem nämlichen Wege be- „Sie kennen diese Ungl„ckache. fragte die alte aeanet war, ceiaqt halte, daß sie morgen Abend in Dame.
la Garenne be ColourbeS ein Kleid abzuliefern habe, i Jsbanna achtete indch gor nicht auf ihre Frage, Der Karton, welcher am Boden lag, war ein solcher, ; sondern nahm bte, roie fte glaubte, leblose Geftali in
roie die Näherinnen ihn zu benutzen pflegten. ; ihre Arme und druckte pe an 'yre Brust
Wem wa7 detselbi? \ P ötzlich fühlte sie etwas wie eme warme Feuchttg-
Wer war diele Gestalt, die da tote leblos vor j leit un ihren Fmgern.
... '~r? ' ' ' | „Ihr Blut fließt . . " frömmelte sie, trbem sie
Halb w-hnsinnig vor Schrecken kniete sie neben der die geeöchete Hand au? daS Herz^eS jungen Mädchens
Gestalt nieder und näherte ihr Gesicht demjenigen d?S legte. „Das He.z schmgt noch, fiihr sie dann mit
staates anzulegen gewillt sind. .
Allerdings gehören zu der großen Zahl Sozralrsten, g««, welche das deutsche Reich aufweist, auch eine nicht ge- Besitzung der stattouen, soweit b.e dafür verfügbaren
ringe Zahl vermögender Leute, allein, wenn wir oa "
näher zusehen, io finden wir in den meisten Fällen, daß diese vermögenderen Leute viel weniger geneigt j sind, daS Ihrige für die Sozialdemokratie zu opfern, s als von der Sozialdemokratie Nutzen zu ziehen. Ent- s weder handelt eS sich um Befriedigung des Ehrgeizes ‘ oder eS handelt sich um die Bekleidung eines manchmal gar nicht übel dotirten ParteiamteS oder endlich es handelt sich um ein kleines Geschäft mit sozialdemokratischer Kundschaft. Man wird finden, daß diejenigen, die etwas vor sich gebracht haben, genau g- rade so u d vielleicht schlimmer sich gerrreu, als ob sie He kapitalistisch- Wahrheit für das Ideal oller Wathschaftrn
sieht schon voraus, daß halb Australien nach Brasilien s Versuchung führen kann, als solche, deren Moral ohne läuft. Garz ähnlich so gründete Cabrt sein Jkarien. - das Fundament des G.aubenS m der Last hangt. Als der erste ArdeitertranSport von Frankreich nach j Wenn wir erwägen, daß öres nicht die erste brafilra- Amerika überfuhr, da erließ er eine Proklamation, in j msche Kolonie sein werde, an welcher die anternehmer welcher der französischen Welt mitgetheilt wurde, daß -L......‘*Ä“M*** «""" "“”'ff fn tn,r
jch; die Sache los gehr. Sowie man in der alten Mormoueustadt Nanwoo festen Fuß gefaßt, würde die Auswanderung organisirt und unaufhaltsam vor sich gehen. Gäbet sah in seiner Fantasie schon Frankreich entvölkert und statt dessen v-rlief die ganze Geschichte ruhig im Sande. Die kommunistische Association in N-iurooo kam nicht darüber hinaus, Schuhe und Kleider za produziren und feilzuhalten, und sie wäre auch dazu nicht gekommen, wenn Erbet nicht wenigstens so . klug gewesen wäre, eine strenge Auswahl unter den » Kolonisten zu treffen. Mit-tüchtigen Arbeitern, welche $ fanatisch für die neue Gesellschaftsordnung begeistert - sind, mag sich ja wohl etwas anfangen lassen; aber ‘ darin liegt gerade die praktische Verurtheriung des - Systems, daß man eine Auswahl triften muß, um nur i einen Anfang zu haben und daß selbst diejenigen, - welche sich einer solchen Probe widmen, zur Durch- - fchnsttSmaffe der Arbeiter kein Vertrauen zeigen. ?
Dasselbe ist nun auch bei dieser brasilianischen ä Kolonie der Fall. Man verlangt von jedem Kommu- msten 70 Lstr. Einstand. Das sind 1400 Mark. Die muß er sich gespart haben. W-r wissen nicht, welchen Werth drese Summe nach au st calischen ^Verhältnissen repräsentirt; aber das glauben wir, daß bei uns die sozialdemokratischen Arbeiter, welche sich 1400 Mark ' gespart haben, bei helllichtem Tag mit Laternen gesucht i werden müssen, und wenn schon Alle bereit sind, zu ? Gunsten ihres Zukunftsstaaks alles kurz und klein zu s schlagm und dre Welt mit Blut und Trümmern zu l bedecken, so werden ja doch unter den Wenigen, die - sich 1400 Mark erspart, noch viel Wenigere sein, u 7;---- -™«
welche ihre Erlparn fte in einem so verzweifelten Unter- i der Cholera beabsichtigt, an . en Bnmensch fisahrts- nehmen wie die Gründung eines Mmiaturzukunfts- sttatzen, rote im Vor,ahre, Stationen zur gesundheite.