r ?y 206 Samstag, den 9. September 1893. 20. Jahrgang
HiildakrMZeitMg
Erscheint täglich, Sonn- und Vierteljährlicher Abonnementsvrei
Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die eiuspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederhvlnngen entsp^end« M»^tt.
s ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen m Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
I
Verein den neuen „Tabaksteuerprojekten" gegenüber ablehnend verhalten müsse. Die ,Nat.-Ztg/ bemerkt dazu: Wir glauben nicht, daß wie die Dinge stehen, ein lediglich „ablehnendes Verhalten" der Interessenten praktisch ist.
* Nach der bekannten Erklärung, welche der Reichskanzler bei den Debatten über die Militärvorlage im Reichstage abgegeben hat, und nach den Mittheilungen, welche über die Ergebnisse der Finanzminister- , Konferenz in die Oeffentlichkeit gedrungen sind, nahm man allgemein an, der Plan einer Verdoppelung der Braustener sei von der Regierung definitiv aufgegeben. Es scheint aber beinahe, so schreibt daS ,Berl. Tagebl/, als wenn neuerdings der Wind wieder umgeschlagen wäre. Denn nach fast untrüglichen Anzeichen finden, wie uns von gewöhnlich fehl gut unterrichteter Seite mitgetheilt wird, noch jetzt imSchooße der Regierung Erörterungen über mehrere zweifel- bafte Punkte in dem im Wesentlichen bereits fertig ge- stellten Entwürfe eines neuen Brausteuer- gefetzes start. DaS Blatt theilt im Weitern Einzelheiten über den Plan mit und bemerkt dann: „Trotz der von unS mehrfach erprobten Zuverlässigkeit unseres Gewährsmannes möchten wir in diesem Falle doch beinahe glauben, daß seine Information auf einem Miß- verständniffe beruhe. Mindestens halten wir es für unmöglich, daß der von der Bevölkerung aufS Schärfste verurtheilte Plan aus der Berfenkung wieder auftaucht, ohne daß eine Umänderung in der Besetzung der leitenden Stellen vorhergegangen. Die Erklärungen der Regierung sind denn doch zu präzise gewesen, al? daß sie ohne Schaden für ihre Autorität den Rückzug antreten könnte. Auf der anderen Seite werden wir zumal in Steuerfragen so häufig mit Ueberraschungen beglückt, daß schließlich nichts mehr von vornherein unglaublich erscheint. Deshalb müssen wir auch von der unS zugegangenen Nachricht über die Brausteuer Notiz nehmen. Es ist noch nicht lange her, daß Befürchtungen in bteiit Richtung aus Grund eines Artikels in einem offiziösem Blatte laut wurden. Damals genügte« einige allgemeine Rede- wendungen des betreffenden Journals, um die Gerüchte verstummm zu machen. Wenn aber spezialisirte Angaben gemacht werden, wird das nicht genügen, die Regierung wird kategorisch erklären müssen, daß sie an eine Erhöhung der Brausteuer nicht denke, und sie wird die Erklärung bald abgeben müssen."
* Die in Berlin stattgefundene Konferenz für das Jdioteuwefe« beschloß in ihrer heutigen Schlußsitzung, durch den Vorstand in Verbindung zu treten mit den Vertretern der Erziehung blinder, epileptischer und taubstummer Kinder Deutschlands zu gemeinsamem Vorgehen zur Herbeiführung der gesetzlichen ErzichungSzwangeS I für geistig und köiperlich belastete Kruder.
I * Der in Hannover erscheinende .Manufakturist' I schreibe: „Segen ein vielbeklagtes Unwesen im Handel | und Gewerbe scheint sich folgende Verordnung der
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(111. Fortsetzung.)
Lucie begegnete dem Reisenden, welcher, ohne sie anzureden, vorbeiging.
Ovide erkannte sie trotz der Dunkelheit wieder, oder errieth sie vielmehr an dem Karton, welchen sie in der Hand trug.
Die Schritte verhallten jetzt auf beiden Setten.
„Ich werde jetzt noch eine ziemliche Zeit zu warten haben," murmelte der Bandit. „UebrigenS muß ich mir die Sache so bequem als möglich machen."
Er kroch unter den Testen hindurch, machte sich in dem Gestrüpp einen Platz zurecht, welchen er mit einem Taschentuch bedeckte, ließ sich auf demselben nieder, zündete sich eine Pfeife an und mit aufmerksamem Blick und gespitzten Ohren harrte er dann der weiteren Entwicklung der Dinge.
Ohne weiteren Unfall erreichte Lucie dar Ziel ihrer kleinen Reise.
Die Dienerschaft des Herrn Bürgermeisters befand sich in heller Verzweiflung, hier rief der Herr, da die Frau, und Niemand wußte, wem er zuerst folgen falle.
Die Kammerfrau eilte, um ihre Gsbreterin von der Ankunft der Näherin in Kenntniß zu fetzen.
Die Frau Bürgermeister, welche jetzt bereits feit einer Stunde sehr ungehalten war, daß ihr Kleid noch immer nicht komme, rief aus:
Deutsches Reich/
Berlin, 7. September.
* Zwischen Berlin und Rom sollen, wie italienische Blätter erzählen, recht peinlich« Auseinandersetzungen stattgefunden haben, ehe der italienische Kronprinz zur Theilncchme an den Kaisermanövern in Lothringen bestimmt wurde, und zwar habe man in Rom geglaubt, Rücksichten auf Frankreich nchmen zu müfsen. Die Ereignisse in Aigues-Mortes und die sich daran anschließenden Demonstrationen in Italien seren gerade zur rechten Zeit gekommen, um d'e Bedenken der ttckienischen Regierung zu zerstreuen. So ! unwahrscheinlich klingt dre Sache gar nicht. Vor wenige» Jahren, als Crispi italienischer Minister- i Präsident war, gab König Humbert auf die eindringliche, durch eine RücktritiSdrohung unterstützte Ad- j Mahnung CriSprs hin den bereits mit Kaiser Wilhelm < vereinbarte« Plan auf, den Rückweg von Berlin nach Rom im Geleite deS Kaisers über Sttaßburg zu nehmen.
• Dem Kaisers. Geiundheits-Amte sind am 6. und 7. d. M. zwei neue Cholerafälle aus dem Rheingebiete gemeldet worden, und zwar die Erkrankung eines in Banheim (Bürgermeisterei Duisburg) wohnenden Platzarbeiters, sowie die Erkrankung eines Sch ffsheizers in Mannheim. t
* Aus der Chicagoer Weltausstellung find die deutschm Aussteller in hervorragendem, andere Länder fast überall numerisch und procentual zurücklassendem Maße mit Preisen bedacht worden. In der Abtheilung der bildenden Künste sind 18 deutsche Bildhauer und 70 Maler, in der Jndustciegruppe nahezu 90 Procrnt der betreffenden deutschen Aussteller mit Preisen bedacht worden. In der landwirthschaftlichen Gruppe tritt Deutschland mit 21 Auszeichnungen hinter Rußland (52) Auszeichnungen zurück.
* Die Konferenzen im ReichSfchatzamt über die Wein- und Tabakbesteuerung nehmen ihren Fortgang, ohne daß über den Inhalt der B-rathungen etwa« an die Oiffentlichkeit dringt. Die beschlossene Geheimhaltung wird streng bewahrt, man scheint an den maßgebenden Stellen von der Kritik, die erst in ihren Umrissen bekannte« Steuerprojekte seit der Frankfurter Min'sterkonferenz erfahren haben, einigermaßen überrascht und jedenfalls nicht erbaut zu sein und sucht daher durch Gebeimhaltmig der weiteren Beschlüsse der Kritik den Stoff zu entziehen.
* Ueber die Verhandlungen der Stenerkonferen- ze» verlautet, daß man sich in der Weinsteuerkonferenz für das Prinzip der Weinsteuer entschieden habe, sich dagegen in der Tabaksteuerkonferenz auch heute noch wenig geklärt hätten.
* Der Ausschuß und Vorstand des deutsche« TabakvereinS hat gestern und vorgestern hier getagt, um gegen eine schärfere steuerliche Heranziehung des Tabaks Stellung zu nehmen. In einer Eingabe an den Bund-Srath soll erklärt werden, daß sich der
„Ach, endlich» endlich!"
Dann gab sie Befehl, daS junge Mädchen sogleich vorzulassen, und rief ihr, als sie eintrat, entgegen:
„Nun, Fräulein, Alles fertig?"
„Ja, Madame."
„Wird es auch gut sitzen?"
„Ich denke!"
„Ich warte noch auf den Haarkünstler ... er muß" sogleich erscheinen. Wir werden daS Kle d pro- biren, sobald er mich frifirt hat."
Lucie wußte von vornherein, daß sie möglicherweise lange zu warte« habe: sie war also gefaßt.
„Wie Madame wünschen," sagte sie.
Der Haarkünstler war mittlerweile angelangt.
Ec brauchte nicht weniger als volle Dreiviertel- standen, während deren er sich bemühte, es Madame so recht als nur möglich zu machen.
Endlich kam die Reihe an Lucie.
Vorsichtig nahm sie daS Kleid aus dem Kasten und nachdem die Frau Bürgermeisterin eS nach allen Ecken und Enden genau besehen hatte, gab sie Befehl zur Anprobe.
DaS in so kurzer Zeit hergestellte Kleid war in der That ein lleines Kunstwerk: eS saß tadellos, und Madame konnte ttvtz ihrer sonstigen Peinlichkeit nicht umhin, dies unumwunden anzuerkennen.
Einige Kleinigkeiten blieben indeß noch immer zu
Trotz der Geschicklichkeit der Naherm nahm dre
Polizei-Verwaltung in Oberhausen zu richten, die auf Grund der §§ 5 und 6 deS Gesetzes über die Polizei- Verwaltung vom 11. März 1850 unter'm 12. Juli erlassen worden ist. § 1. Jeder Inhaber einer offenen Geschäftslokals ist verpflichtet, an diesem seinen Namen oder die Bezeichnung seiner eingetragenen Firma anzubringen, und zwar straßenwärtS in deutlich lesbarer Schrift und in einer Höhe von wenigstens 1^/z Meter über Dem Trottoir. §. 2. Sind weibliche Perforiert alleinige Inhaberinnen des Geschäfts, so muß dies durch die Aufschrift nach § 1 oder durch Ausschreiben des vollen Vor- und Familien - Namens unzweideutig kenntlich gemacht werden. §. 3. Die Bezeichnung der Geschäftslokale hat bei Neueröffnungen oder beim Wechsel deS Inhabers spätesten» innerhalb einer Woche stattzufinden. §. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 9 M., an deren Stelle im Unvermögens- falle entsprechende Haft tritt, geahndet. § 5. Diese Polizei - Verordnung tritt mit dem 15. August in Kraft.
* Der 22. deutsche Juristentag ist in Augsburg zusammengetreten. Prinzregem Luitpold wurde zum Ehrenpräsidenten gewählt. Der Vorsitz wurde Geh. Rath Dr. v. Gneist einstimmig überttagen.
* Breslau, 6. Sept. Reichstagsersatzwahl im 6. Wahlkreis, Reg.-Bez. Oppeln (Kattowitz-Zabrze). Bis- her sind gezählt: Letocha (Centrum) 2000, Liebermann von Sonnenberg (Antisemit) 214, MerkowSki (Sozialdemokrat) 90 Stimmen. Die Wahl des Ersteren ist gesichert.
* Bamberg, 5. Sept. Gestern Nachmittag um 5 Uhr fand die Sitzung der historischen Sektton statt, welche Vorträge von hohem Jntcrefse brachte über das „deutsche Belgien" von Professor Kuhrt (Lüttich) und über daS Studium der Kirchenväter von Profeffor Kihn (Würzburg). Professor Finke reserirte über das römische Institut. Heute früh 8 Uhr wurde im hohem Dome ein Requiem vom Herrn Domdechant Kcepprl abgehalten; btt Domchor führte hierbei da2 Requiem von Mitterer mit Posauen-Begleitung in vorzüglicher Weise auf. Darauf wurde der zwar nicht große, aber hochinteressante Domschatz besichtigt. Um l/a10 Uhr hielt die philosophische Sektion ihre Sitzung ob unter dem Vorsitze des Professors Schütz (Trier). P. Tilmann Pesch 8. J. hielt einen überaus lichtvollen, hochinteressanten Vortrag über daS „Berhältniß der Seele zum Leibe" nach der Lehre des heil. Thomas. Reicher Beifall lobnte das nach Inhalt und Form vollendete Meisterstück. Dr. Baumgartner brachte sehr interessante Mittheilungen über Persönlichkeit und Werke deS AlanuS de insulis. Die zweite und letzte allgemeine Sitzung um 12 Uhr führte zuerst Herrn Pro- feffor v. Funk (Tübingen) auf die Rednerbühne,» der eine ebenso interessante als warme Gedächtnißrede auf Bischof von Hefele hielt. Ein gerade durch die Beschränkung, welche sich Redner auflegte, hochgelungener Bild von der überaus reichen wissenschaftlichen politi-
Arbeit immerhin etwa zwanzig Minuten in Anspruch. — Es blieb nur noch übrig, die Guirlanden von natürlichen Blumen anzubringe«, waS gerade keine leichte Arbeit war.
Abermals stieß Lucie einen Seufzer der Ergebung aus und machte sich an’S Werk.
Wir' wollen sie arbeiten lassen und begeben unS inzwischen zur Bäckerei in der Rue Dauphwee m Paris zurück.
ES war etwa neun Uhr Abends.
Die Magd hatte sich zur Apotheke begeben, um die die Arznei zu holen, welche der Arzt für die Kranke, deren Zustand sich immer mehr verschlimmerte, ver-
Mittlerweile verwahrte MutterLison den Lade«, während sie auf die Rückkehr der Magd und die An- kunft deS Herrn Lebret wartete.
Etwas nach neun Uhr kam der Letztgenannte nach Hause. Es war ein großer Mann mit niedriger Stirn dessen GesichtSzüge ebenso große Starrköpfigkeit als Habsucht verriethen. . ~ ,
„Wie geht'S mit der Frau?" frug er Johanna, als tv eintrat.
Schi schlecht, Herr Lebret," antwortete Johanna. Seit zwei Stunden fragt sie fortwährend, ob Sie noch nicht zurückgekehrt seien; sie will mit Ihnen sprechen." „Ich will sogleich zu ihr gehen."
In der That begab sich Herr Lebret sogleich z«