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JW 205 Freitag, den 8. September 1893. 20. Jahrgang

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Deutsches Reich.

Berlin, 6. September.

* In Berlin sind neue Cholerafälle nicht gemel­det. Em an der Coolera erkranktes vier Wochen altes Kind ist gestorben. Mutier und Schwester desselben, die gle chfall- an der Cholera darnjederlagei-, gehen ihrer Genesung entgegen.

* Der zweite norddeutsche Antisemitentag findet am 17. d. in Berlin statt.

* AuS dem jüngst vsm RsichSvelsicherungSamte den Vorständen dec Versicherungsanstalten mitgetheiltrn Zahlen über das Ergebniß der Invaliden» und AlterSrentenvertheilung im Jahr 1892 ist auch der Antheil ersichtlich, den die Bundesstaaten an der im Ganzen zur Auszahlung gelangten Summe von 22,4 Mrll. Mk. gehabt haben. Zwar wird der Antheil nicht für olle Einzelstaaten nachgewiesen, weil nicht jeder eine besondere Versicherungsanstalt bildet, in­dessen wird aber daraus die Höhe der Summen klar, j welche den größten Staaten zugeflossen sind. Es er- < hielten von 22,4 Mill. Mk. Invaliden - und Alters- i renten: Preußen 15,3 Mill. Mk., Beyern 2 Mill. M., ; Sachsen rund 934,000 M., Württemberg 514 000 M., Baden 475,000 M , Hessen 363,000 M., die beiden Mecklenburg 524,000 M.» Thüringen 414,000 M , Oldenburg 81,000 M., Braunschweig 173,000 M., die Hansasiädte 207,000 M. und Elsaß - Lothringen 763,000 M. Diese Summe» haben bei einer Berech­nung auf den Kopf der Bevölkerung recht verschiedene Ergebnisse. Während auf den Kopf der Bevölkerung im ganzen deutschen Reich 45,3 Pf. von den gezahlten Renten entfallen, stellte sich das Verhältniß in Preußen auf 51,7, in Bayern auf 35,5, in Sachsen aus 29, in Württemberg auf 25,2, in Baden auf 29 2, in Hesse« auf 36,7, in beiden Mecklenburg auf 77 5, in Thüringen auf 32.7, in Oldenburg auf 29,2, in Braunschweig auf 43,1, in den Hansastädten auf 23,6, und in Elsaß-Lothringen auf 48,5 Pfg. Die Unter­schiede sind recht bettächrlich. Indessen wird man hier­bei nicht vergefien dürfen, daß es sich nur um die Ergebnisse eines Jahres handelt und daß die Antheil- zahlen natürlich in jedem Jahre verschiedene sind, sich also mit der Zeit ausgleichen dürften.

* Zum Vorsitzende« der Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch ist Gehrimrath Küntzel in Aussicht genommen. Wie dazu die .Schles. Z'g' mit» theilt, hatte der Staatssekretär des R.ichs-JuftizamteS, Dc. Nieberding, selbst darum ersucht, von der Verpflichtung zum Vorsitzsühren in der genannten Kommission entbunden zu werden, weil er bisher den Arbeiten der letztern, die bekanntlich bereits zu etwa zwei Dritteln beendigt sind, vollständig ferngestanden hat und sich, bevor er eine solche Pflicht übernehme, ganz anders in die Materie einzuarbeiten verpflichtet erachten müßte, als dies neben seiner Hauptbeschäftig­ung angeht. AlSdann aber theilte auch Herr Nieberding

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(110. Fortsetzung.)

Gegen halb sechs Uhr erschien Ovide und wurde von der Frau des Wächters eingeführt, die dann zu­gleich den Tisch deckte.

Lebhaft erregt ging der Millionär dem Schurken entgegen und begann dann, nachdem er ihm mit den Augen zwinkernd ein unmerklicheS Zeichen gegeben hatte, mit ihm in englischer Sprache zu reden.

Ovide begriff sogleich und aniwottete ihm also in der nämlichen Sprache.

Infolge ihres Aufenthalts in New-Aork hatten sich die beiden Männer mit dieser Sprache vertraut gemacht.

„Aller ist geordnet, um das Alibi unbestreitbar zu machen," sagte Paul Harmant.

„Dies ist vor allen Dingen nöthig."

„Um sechs Uhr werden wir zusammen speisen."

„All right!"

Der Millionär breitete einige Maschinenzeicknungen vor sich auf dem Tische auS, und die beiden Männer stellten sich, als ob sie über Maschinenwesen mit einan­der sprächen.

„Um wie viel Uhr wird Dein Kutscher hier sein?" stug Soliveau, natürlich in englischer Sprache.

„Gegen halb ein Uhr; er wird auf dem Quai halten."

.Gut."

die Ansichten Derjenigen, welche auf dem Standpunkte stehen, daß daS Staatssekretariat ein politisches, der Vorsitz in der Kommission für das Bürgerliche Gesetz­buch hingegen ein unpolitisches, technisches Amt fei. Während es im Interesse der Conünnität der Bürger- lichen Gesetzbuch-Kommission liege, daß eine und die­selbe Persönlichkeit die Leitung der Geschäfte möglichst langem Händen behalte, müsse die Person des Staats­sekretärs im Reichs-Justizamt, sobald es im Interesse der Politik oder im persönlichen Interesse des jewei­ligen Staatssekretärs liege, wechseln können. Wenn eine Personal-Union bestehe, werde entweder die Mög­lichkeit eines raschen Wechsels im Staatssekretariat aus Rücksicht auf die Gesetzbuch-Kommission erschwert, oder aber aus Rücksichten der Politik die wünschenswerthe Continnität der Arbeiten der letztern durchbrochen.

* Man schreibt der ,Schles. Volkrztg.': „Der Magded. Ztg.' zufolge besteht die Abfickt, die Semi­nar-Direktoren mehr als bisher mit der Revision der Volksschule zu betrauen, um die Schulräthe fortan für den innern Dienst zu entlasten. Man hofft, auf diesem Wege eine schnellere Erledigung der eiligen Bureau - Sachen zu erzielen, als bisher möglich war. Die Nachricht in dieser Form ist nicht ganz klar. That- fache ist, daß die Regierungs- und Schulräthe wohl int Allgemeinen, besonders aber in den östlichen Provinzen, überlastet sind. Die einfachste Form, dieselben zu ent- last«, wäre doch jedenfalls die, die bezüglichen Stellen zu vermehren. Doch dafür will man jedenfalls kein Geld amgeben. Bisher unternahmen wohl Direktoren im besonderen Auftrage eine Informations-Reise auch an Volksschulen; dies kam aber im Allgemeinen sehr selten vor. Sollte die oben bezeichnete Absicht wirklich bestehen, die Seminar-Direktoren in erhöhtem Maße zur Revision der Volksschulen heranzuziehen, so wäre dies sowohl im Inter; sie der Schulen, als auch der Seminare zu bedauern. Die Bureaukratie, die sich gerade im Schulwesen so lästig macht, würde dadurch nur eine weitere Stärkung erfahren und die verfügen­den Regierungs- und Schulräthe würden immer mehr ans der belebenden Verbindung mit der Schule kom­men. Die Schulen hätten auf diese Weise eine neue Rev-sions-Jnstanz und die Lehrer einen muen Vorge­setzten. Dieselben würden demnach künftig revidirt werden: vom Lokal-Schulinfpektor, vom KreiS-Schul- inspektor, vom Seminar-Direktor und gelegentlich auch vom Schulrath. Schon der verstorbene Regierungs- und Schulrath Kellner klagte, daß die heutige Volks­schule vor lauter Revisionen gar nicht mehr zur Arbeit komme. Aus der obigen Nachricht geht auch nicht her­vor, ob man dm bisher im gleichen Range stehenden Seminar-Direktor zum Vorgesetzten des Kreis-Schul­inspektors machen oder welche sonstige Stellung man ihm geben will. Ganz besonders aber würden unsere Lehrer - BilduugS - Anstalten, die bisher bezüglich der Mmge der an diesen Anstalten stattfindenden Prüfun­gen und der gelehrtm Unterrichts-Gegenstände geradezu

„Wird die Kleine allein oder in Begleitung den Weg machen?"

„Allein, die Schwierigkeiten, wklche zu entstehen drohten, haben sich von selbst aus dem Wege geräumt."

In diesem Augenblicke kam die Frau deS Wächters herein und legte die Couverts auf.

Dann zog sie sich wieder zurück.

Ovide zog ans feiner Tasche einen Gegenstand, welchen er von seiner Umhüllung befreite und ouf den Tisch legte.

„War sagst Du dazu?" stug er dann.

Der Gegenstand war, wie wir errathen werden, daS Messer, welches er am Quai Bourbon gekauft hatte.

Die neue Klinge funkelte.

Obwohl Jakob Garand ziemlich kaltes Blut befaß, so konnte er sich beim Anblicke der Mordwaffe doch einer gewissen Schauders nicht erwehrm.

„Mit diesem Spielzeug," fuhr Ovide fort, „könnte man einen OLsm zur Ader laffm. Deine Tochter mag mir Dank wissen, sage ich!"

Sechs Uhr schlug er in diesem Augenblicke.

ES klopfte.

„Herein!" sagte der Millionär.

Die Thür ging auf, und der Bureaudiener erschien in Begleitung deS Gesthofk-llnerS, welcher in einem großen Korbe das bestellte Mahl brachte.

Sie werden auf trogen, MarchaiS," befahl Paul Harmant. „Sie aber," fetzte er hinzu, indem er sich

chinesisch belastet sind, diese Neuerung unangenehm ver­spüren ; denn der revidirende Direktor müßte doch jeden­falls vertretm werden."

* Zur Errichtung einer evangelischen Pfarrstelle in Ost-Afrika soll noch im Laufe dieses Jahres eine Kirchen-Kollekte abgehalten werden. Der evangelische Oberkirchenraty hat dazu unter dem 9. August ein Rundschreiben an die Konsistorien erlassen, nach­dem kurz zuvor die kaiserliche Genehmigung ertheilt worden. Die Kollekte soll in den alten Provinzen nach näherer Bestimmung der Konsistorien womöglich im Herbst, etwa am Bußtage abgehalten werden. Dem Erlasse ist eine Ansprache beigegeben, welche den Ge­meinden am Tage der Sammlung vorgelesen werden soll. Darin heißt es: Die erfolgte Schaffung deutscher Kolonieen habe eine große Anzahl unserer evangelischen Brüder in ferne Welttheile geführt, wo sie weitab von den geordneten Gemeinde - Einrichtungen der Heimath der kirchlichen Versorgung und des seelsorgerischen Zuspruches gänzlich entbehrten und häufig auch schwer« Gefahren für ihr Seelenheil ausgesetzt seien. Die evangelische Kirche des Mutterlandes dürfe solcher Roth ihrer Glieder nicht müßig zufehen; sie habe fich der geistlichen Roth der evangelischen Brüder in der Ferne mit Fürbitte und Fürsorge anzunehmen. Von einem an Ort und Stelle entsandten GewährSmanne lägen Mittheilungen vor, daß die Verhältnisse besonders be­drohlich in den Küstenorten des ostafrikanischen Schutz­gebietes lägen. Die Zahl der dort an der Küste wohnenden evangelischen Deutschen sei auf 400 ge­stiegen, und ein weiteres Anwachsen mit Sicherheit zu erwarten; meistens wären es junge unverheirathete Männer. Ihre Umgebung bestehe zum Theil aus Mohammedanern und Heiden, bei denen Sünden und Laster aller Art verbreitet feien. Dort thue es noth, die evangelischen Deutschen zu einer Gemeinde zu sammeln, um sie im Glauben ihrer Väter zu erhalten, sie vor Verrohung zu bewahren und in den deutschen Schutzgebieten deutscher Sitte und Ehrbarkeit die Stätte zu bereiten. Es soll daher ein Geistlicher nach dem ostafrikanischm Küstengebiete ausgesendet und auf den Bau gottesdienstlicher Gebäude an den geeigneten Punkten Bedacht genommen werden. Der Geistliche soll in Dar-es-Salaam wohnen, aber nach Be­darf die übrigen Küstevplätzr behufs seelsorgerischer Bedienung der dort wohnenden Deutschen besuchen.

* Major v. Wißmau«, der sich jetzt auf dem Wege nach dem Tanganjika-See befindet, hat in einem Privatbriefe, den die .Post' v-röffentlicht, in sehr be- merkenSwerther Weise über die Verhältnisse in Ostafrika sich geäußert. ES heißt in dem vom Ende April batirten Schreiben: . . . Zerfahrener als jetzt können die Verhältnisse nicht sein ober werden. Araber nnd Weiße sind an der Küste die besten Freunde; im Innern schlagen Jene jeden Europäer tobt, wie Emin Pascha, der in Nyangwe mit feinen sämmtlichen Leuten von den Nagaraga deS mir bekannten Said bett an beit Kellner wandte, „Sie können dies alle« morgen Früh wieder abholen."

Die beiden Männer setzten sich zn Tische und führt« ihre Unterhaltung in englifcher Sprache weiter.

DaS Mahl war kurz.

„Soll ich abtragen?" srug MarchaiS. ,

„Nicht nöthig, lassen Sie alles, wie eS ist, und bringen Sie jetzt Licht, denn wir müssen uns sogleich an die Arbeit machen."

Um sieben Uhr verließen Arbeiter und Beamte bic Fabrik.

MarchaiS kam und erkundigte sich, ob der Ches seiner noch bedürfe. _ r _.

„Nein, mein Bester," antwortete Harmant, „Sie können gehen. Sagen Sie dem Wächter mich unter keinem Vorwande zu stören, und schärfen Sie 'hm em, daß er wie gewöhnlich zu Bette gehen könne.

10.

Der Bureaudiener entfernte sich.

Eine Biertelstunde später war aller in der Fabrik ruhig. Die beiden Männer hörten, wie der Wächter feinen Rundgang machte. .....

„Der entscheidende Augenblick rückt heran," sagte der Millionär zu seinem Sp'eßgesellen.

„Freilich ... ich werde mich in Bereitschaft fetzen müffen. Gib mir die Reisetasche, welche ich gestern hier geloffen habe."

Paul Harmant öffnete den Wandschrank, nahm die