JV 202 Dienstag, den 5. September 1893. 20. Jahrgang
FuldacrWZeitilng
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40. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands.
* Würzburg, 1. Sept.
Gestern (Donnerstag) Morgen früh 7 Uhr wurden in allen Kirchen der Stadt heilige Messen nach den Intentionen der BonifatiuSvereins gelesen, und schon um 8 Uhr begann die vierte und letzte geschloffene Generalversammlung, welche auch der hochwürdige Bischof von Würzburg mit fein« Theilnahme aus- zeichnete. In derselben wurden die Berichte der Aus« schüsse über die von ihnen berathenen Anträge fort« Sesetzt und beendet. Die Anträge gelangten ohne De« atte mit lebhafter Zustimmung der Versammlung zur Annahme. Sodann wurde Fürst Löwenstein durch stürmischen Zuruf wieder zum Kommissar der Generalversammlung gewählt. Derselbe dankte für dar ihm erwiesene Vertrauen und bat, wie ehedem der unvergeßliche Wiudthorst in den letzten Jahren zu thun pflegte, seiner im Gebete gedenken zu wollen, da das graue Haar ihn an den Tod gemahne und da er jeden- falls nicht noch weitere 25 Jahre als Kommissar fungirm werde. Die Gräfin Stainlain-Saalen- stein, welche auch dieser Versammlung wieder beiwohnte, hat in Erinnerung an ihren, der Mutter nicht nur, sondern auch dem katholischen Leben Deutschland- leider viel zu früh entrissenen Sohn dem Präsidenten der Generalversammlung wiederum eine reiche Spende im Betrage von 3000 Mk. überreichen lassen, und zwar zur Beförderung der Organifation der arbeitenden BemfSstände und besonder- zum Schutze der arbeitenden Frauen und Kinder. Die Spende wurde dem Herrn Dompfarrer Braun-Würzburg übergeben.
Unmittelbar an die geschlossene Generalversammlung schloß sich die letzte öffentliche Generalversammlung, in welcher zunächst der apostolische Präfekt von Transval, Rev. Czoch über die katholischm Missionen in Südasrika sprach. Da diese Missionen sich auch auf einen Theil unserer deutschen Kolonie in Südwestafrika erstrecken, so hatte der an packenden Schilderungm reiche Borttag noch ein besondere- Jntereffe. Dm Verkündern de- katholischen Glaubm- in den heidnischen Ländern wendet sich im Allgemeinen schon eine allseitige Sympathie zu, und zur freudigen Ueberraschung konnte der hochwürdigste Präfekt mittheilen, daß in Südafrika jetzt bereit- 6 Bischöfe, 104 Priester, 130 Brüder und 400 Schwestern wirken und zwar mit größerem Erfolge al- die anglikanischen Missionare. Freilich sind die Gemeindm, die ein einziger Missionar zu pastoriren hat, theilweise sehr ausgedehnt; Herr Czoch selbst ist srüher Pfarrer in einer „Gemeinde" gewesen, die 100 Meilen lang und 50 Meilen breit war. Zum Schluß gab er der Hoffnung Ausdruck, daß dem schönm Anfänge der katholischen Misfionm in Südasrika der weitere glückliche Erfolg nicht fehlen werde, und daß einst auch in Südafrika die Katholiken eine so herrliche Demonstration katholischen Leben- veranstalten löimen, wie er e- hier aus der Generalversammlung gesehm.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(107. Fortsetzung.)
Der Millionär zog einen kleinen Schlüssel hervor, öffnete eine in der Wand verborgme kleine Thür und barg die Reisetasche in diese- nur dem Eingeweihtm bekannte Verließ.
„Was gedenkst Du jetzt zu thun?" sagte er dann zu Ovide.
„Ich kehre nach Paris zurück."
„Mit der Pferdebahn?"
„Nein, ich habe draußm einen Wagm stehen, den ich sür die Runde gemiethet habe. Ich kann auf diese Ausgaben nicht achtm."
„Du hast Recht — also bis morgen!"
Die beiden Schurken trennten sich.
Jakob Garand rieb sich die Hände; ein Ausdruck wilder, dämom scher Freude erschien aus seinen Gesichts» Zügen.
„Morgm also," murmelte er vor sich hm, „wird das Hinderniß beseitigt, daS Band zerrissen sein . . . Lucian Labrone wird seiner Braut einige Thränm nachweinen, einige Zeit um sie trauern und daun bald Alles vergessen, um Vie günstige Gelegmhett wahrzunehmen und pch Mary in die Arme zu werfm! Wirklich, Ovide ist ein ausgezeichneter Mensch — die Geschichte wird mir zwar etwas theuer zu stehen kommm: aber was
Herr Bmeficiat Hauser aus Augsburg hielt «um Vortrag über dev Unglauben, über die Quellen, die Sefahrm und die Mittel der Ueberwiuduug desselbm. Wenn schon hmte Tausende und Hunderttaufende sich als Atheisten bekennen, fo liege die Gefahr nahe, daß ein Masfenunglaubeu eintrete, zumal die Apostel des Unglaubens, nammtlich die Sozialdemokraten sehr ritijrig seien. Die Folge des MassmunglaubmS werde aber nichts anderes sein als der soziale Krieg, die Revolution, der Krieg Aller gegen Alle. Mit sozialen Reformen allein könne man diesen sozialm Krieg nicht mehr verhindern, denn soziale Reformen können nur gläubiges, nicht ein ungläubiges Volk befriedigen. Bon Stufe zu Stufe entwickelt sich dieser Unglauben: Abfall vom Kircheuglauben, vom Christusglauben, vom Gottesglauben. Die vergiftete» Wasser des Unglaubens sind von oben nach unten geflossen, von den Kathedern der „Wissenschaft" herab, und der Staat selbst sollte im Interesse der Selbsterhalwng zum Mindesten diese öffentliche Ausbreitung des Unglaubens verhindern, der Kirche die Souveränetät und Freiheit auf chrem Gebiete wiedergeben. Das Volk wird nur so lauge die weltliche Autorität achten, als diese der überirdischen geistlichen Autorität ihre Anerkennung nicht versagt. Aber vergessm wir auch nicht, daß auch wir gesündigt haben in der Bekämpfung des Unglaubens, gesündigt durch Unterlassungssünden. Redner schloß mit einem Appell an die Glaubensbrüder, die mit un8 einig sind im Glaubm an Christus und in der Liebe zu Christus, daß sie nicht vergessm möchten, daß jeder Schlag gegen die katholische Kirche auch die evangelische Kirche treffe, daß sie mit nur gemeinsam kämpfen möchtm gegen den gemeinsamen Feinv de- Unglaubens, gegen die Macht der Ideen, gegen welche man durch keine Thüren und Riegel selbst die Kasemm verschließen könne. Nur eine Idee könne diesen Unglauben überwinden: Der Gottesglaube. ES lebe das christliche Deutschland, es lebe daS christliche Frankenland! Nieder mit dem Unglauben. — Die kurze Inhaltsangabe dieser Rede läßt es schon erklärlich finden, daß dieselbe lebhaftm Beifall fand.
Herr Bergasfesfor Tillmann« Dortmund sprach über die Kirchennoth in der Diaspora, besonder- in Berlin, in der Provinz Sachsen und im westfälischen Jndirstriebezirk und empfahl in warmen Worten eine kräftige Unterstützung des BonifatiuSvereins und die Rückkehr der noch verbanntm Orden. Wer wisse, wie segensreich die Ordm in Bochum und Essen für die Arbeiter gewirtt haben, forme es nicht begreifen, wie man die Thätigkeit derselben habe unterbinden können, wie noch neuerdings eine Niederlassung der Franziskaner in Effen habe verweigert werden könnm.
Herr Rechtsanwalt Schmitt (Mainz) sprach über Papstthum und Kirche. Er feierte in schwungvollen Worten das Papstthum und die Person unseres hl. Vaters Leo XIII., das Geisteslicht, daS lumen de coelo, den Arbeiter-Papst. Schließlich verwies er aus die unhaltbare jetzige Lage des hl. Vaters und verlangte die volle Souveränetät und Wiederherstellung
liegt daran? Um meiner Tochter dar Glück zu suchen, würde ich mein ganzes Vermögen hingeben, ja mein Leben selbst."
i Punkt 8 Uhr erwartete Ovide Soliveau unter feinem angenommenen Namm Alfred de Reiß nicht weit von den Ateliers der Madame Augustine wie gewöhnlich Amanda.
Bald erschien auch daS junge Mädchen mit etwas verstörten Züge». Ovide, welchem dieser Umstand sofort auffiel, Lfrug:
„Was gibt'- dmn heute?"
„Wir werden speisen, wmn wir können! Ich muß sofort einen Wagen nehmen und nach dem Quai Bourbon fahren, um zu hören, ob Lucie in BoiS Colombes gewesen ist."
Ovide hätte natürlich Amanda auf ihre Frage sehr bestimmte Auskunft geben können, aber er hatte begreiflicherweise die tristigstm Gründe, sich in daS tiefste ' Schweigm zu hüllen.
„Ich werde Sie selbstredend begleiten," sagte er zu Amanda. „Suchen wir sofort einen Fiaker, später können wir Dann im eisernen Th arme speisen, er ist dies nicht weit vom Quai Bourbon."
Als Lucie zum zweiten Male an dem Schläfer vorübergekommm war, bliebm ihr noch 10 Minuten, um bis zum Bahnhof zu kommm und dann dm nächsten nach Pari- gehenden Zug zu benutzen.
der territorialen Unabhängigkeit des päpstlichen Stuhles. Italien habe ein schmähliches Unrecht gegenüber dem Papste und der katholischm Kirche begangm, Italien müsse auch Mittel und Wege finden, dieses Unrecht wieder gut zu machen. Die Katholiken würden aber ihre Forderung, ihre Hoffnung nicht aufgeben im Verträum auf die göttlichbFürsorge und unter inftänbigen Bitten zu Gott.
Präsident Graf Galen warf dann in seinem Schlußwort einen Rückblick auf den Verlauf der Generalverfammlung. Die Mahnung des päpstlichen SchreibmS, einig zu fein und der sozialm Frage Aus« rnersamkeit zu widrnm, sei von der Gmeralversamm- lung in vollem Maße befolgt worden. Die soziale Frage habe den Grundton der ganzen Berhandlungm und Reden gebildet, und was die Einigkeit anbelangt, so hätte der hl. Vater dieselbe selbst sehm und sich daran erfreuen mögen. Redner wies dann in Anknüpfung an die gehaltenen Reden auf die Bedeutung der christlichen Familie hin, auf die Pflichten des katholischen Mannes, auf dte Organisation der arbeiten- dm Berufsstände und auf die Ordm. Man verspüre, um mit Mallinckrodt zu redm, das Knirschen des inneren Menschen, wenn man daran denkt, daß unsere Brüder außer Landes gehen müssen, wenn sie im OrdenSbernse Gott bienen wollen, ©obann wies er auf bie große Prozession ber Versammlung zum Nico- lausberge hin, die er treffend und fesselnd mit unserer irdischm Pilgerfahrt im menschlichen Leben verglich. Durch enge, dunkle Gassen habe die Prozession ihren Weg genommen, dann in die Höhe steigmd den Berg hinan, wo ein armer Kapuziner die Kirche geöffnet habe. So bewege sich auch nufere irdische Pilgerfahrt auf schmalen, dunklen Pfaden, auf beschwerlichen Wegen empor zum Hause, zur Wohnung Gottes, wo die Ordenstugendm der Armuth, des Gehorsams und der Reinheit uns den Einlaß gewähren. Schließlich sprach er Allen, die an dem Gelingen der Generalversammlung mitgewirtt, feinen Dank aus, richtete an die Ser* sammelten die ernste Mahnung, die Anregungen deS KatholitentageS weiter zu »erfolgen und zu wachen, zu kämpfen und zu betm, damit die Versammlung reiche Früchte tragen möge.
Nachdem bann ber hochwürdigste Bischof von Würzburg ber Versammlung seinen bischöflichen Segen ertheilt hatte, schloß Präsident Gras Galen nach 1 Uhr bie Generalversammlung mit bem katholischen Gruße.
Die begeisterte Sttmmung machte sich bann in brausenden Hochrufen auf ben Präsidenten Grafen Galen geltend, und erst allmählich leerte sich die Halle, die in diesen Tagen so vielm Tausenden eine Stätte der Belehrung, Erhebung und religiöser Begeisterung gewesen und ebmso vielen damit lieb und theuer geworden war.
Um IVa Uhr fand im Platz'schm Garten das Festessen der Generalverfamnllung statt, unter starker Betheiligung und vorzüglichster Stimmung. Toaste
Obgleich ihr Packet sie nicht wenig hinderte, beschleunigte sie doch ihre Schritte.
Bald war sie zwischen der Domenhecke und der Umfassungsmauer der anstoßmdm Privatgebaude den Augen des Spähers entschwunden.
Etwa zwe» ober brei Minuten war sie bes Weges gegangen, als sie stehen blieb unb einm Rus der Freude unb des Erstaune»- ansstieß.
Sie sah sich nämlich Niemand Anderem al- ber Mutter Lison gegenüber, welche natürlich ob ber so unvermuthetm Begegnung ebenso überrascht war, als Lucie selbst.
„Da- ist wirklich ein fonberbarer Zusall!" ries Mutter Lison aus. „Äber woher kommm Sie beim eigentlich beS WegeS, meine Thmere?"
Lucie theilte ihr Alles mit und sügte bann hinzu:
„Aber Sie, Mutter Lison, befinben sich ja aus bem nämlichen Wege nach Garmve de Colombe-, den ich soebm selbst gemacht habe; so viel ich weiß, tragen Sie doch wohl nicht auch dorthin alle Tage Brod. Der Rundgang würde dann wohl etwa- lang sein."
Freilich," antwortete Mutter Lison lachend. „Ich mache diesen Weg allerdings hmte zum ersten Male und bin nicht ganz sicher; auch fürchte ich immer, mich zu verirren."
„Wohin geben Sie denn eigentlich?"
„Ich gehe nach Garmne de Colombe-, Pariser Straße Nr. 41 . . ."