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JV 201 Sonntag, den 3. September 1893« 20. Jahrgang

FiildaerWZeitlliig

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RT Hierzu eise Beilage.

40. General-Versammlung -er Katholiken Deutschlands.

* Würzburg, 30. August.

Wie am Montag Abend der Verband der katholi­schen Studentenvereine, so gab gestern Abend der Ver­band der katholischen Studentenverbindungen den Generalversammlungsmitgliedern einen Festkommers in der LudwigShalle, der wiederum sehr lebhafte Theil- nahme fand und einen glänzenden Verlauf nahm. DaS würdige Oberhaupt der Stadt Würzburg wohnte dem Kommers fast bis zum Schluffe bei, der „FidelitaS", die sich um die mitternächtige Stunde entwickelte, durch die Ankündigung der „Polizeistunde" einen Einhalt zu gebieten, fand derselbe keine Veranlassung.

Am Mittwoch Morgen früh 8 Uhr fand im hohen Dom ein feierlicher Requiem für die verstorbenen Mitglieder der früheren Generalversammlungen statt, worauf von 9 Uhr die Ausschüsse ihre Arbeiten wieder aufnahmen. Gleichzeitig hielt der Augustinas- Verein wieder eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher die Gründung einer besonderent°Sektion des Augustinusvereins zur Förderung der katholischen Presse beschlossen wurde. Die Sektion wurde der Leitung des Abg. Professor Dr. Schädler unterstellt, in den Vorstand der Sektion wurden aus Bayern, Baden und Württemberg je zwei Mitglieder des Augustinusvereins gewählt.

Um 11 Uhr begann die dritte geschloffene Generalversammlung, welcher auch der Für« zu Jsenburg-Birstein beiwohnte, und als Gast der Pater Mortara, regulirter Chorherr der Augustiner beim Lateran in Rom. Da? große Aufsehen, welches die liberale Pceffe vor langen Jahren über den „Fall Mortara" und dm armm „Knabm Mortara" gemacht hat, verleiht dieser Persönlichkeit ein eigenartiges Inter- effe. Es ist ein Mann gegen Ende der dreißiger Jahre mit scharfgeschnittmm sympathischen Gestchts- Bgm, die mehr dem romanischm als dem orientali- schm TypuS entsprechm. Mit gutem Humor wies er selbst aus die Erregung in der liberalen Preffe hin, die der „Fall Mortara" vor nunmehr 35 Jahren hervorgerufen hat, mit berechtigtem Stolze nannte er sich einen Adoptivsohn Pius IX. und diesen selbst seinen Nährvater. Auf einer Reise in daS Ausland begriffen, hat ihn sein Weg nachLWürzburg geführt, wo er Zeuge des katholischen LebmS und Strebens, daS auf der Generalversammlung in so imposanter Weise zu Tage tritt, gewordm ist. Sine so gewaltige Versammlung hat auf ihn einen überwältigenden Ein­druck gemacht, dem er in einer Rede in flüssigem Deutsch Ausdruck verlieh, wenngleich er sich für die Charakterisirung der Generalversammlung der Fremd­worte „kolossal", „phänomenal" und „pyramidal" be- dimte. Er gab in seiner Ansprache der innigm Freude Ausdruck, der Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands beiwohnen zu können, die geradezu kolossal und phänommal sei und thatsächlich über alle Katholikenversammlungen in anderm Ländern weit hinauSrage. Keine katholische Nation könne mit dm Katholiken Deutschlands wetteifern. Trotz des Pro­testantismus, des Liberalismus und der Freimaurerei in Deutschland werde von den dmtschen Katholiken ein so reges religiöses Leben bethätigt, werde eine so pyra­midale Versammlung abgehalten, daß er seine Bewunde­rung darüber nicht zurückhaltm könne, und überall, wohin er komme, werde er dieser Bewunderung Aus­druck geben. Dem lieben Gott und dem hl. Vater sei er dankbar dafür, daß er in die katholische Kirche auf- gmommen worden sei, obschon er damals in der „Mor- tara-Seschichte" als ein Opfer jesuitischer Ränke hinge­stellt wordm sei. Redner bat schließlich um Ent­schuldigung, wenn er in der deutschen Sprache sich nicht ganz korrekt ausdrücken könne, er sei eben nur das „Kind Mortara".

Sodann trat die geschloffene Gmeral-Bersammlung in ihre Arbeit ein und nahm die Referate über die AuSschuß-Berhandlungm und über die in den Aus­schüssen bereits verhandeltm Anträge entgegen. 68 gelangten zahlreiche Anträge zur Annahme, worüber an anderer Stelle eingehwd berichtet werden wird. Wr erwähnen an dieser Stelle nur die Empfehlung des AugustinuSvereinS durch dm Vorsitzenden desselben, Herrn O tto-Crefeld, die warme Fürsprache für dm

St. Raphaelsverein zum Schutze der deutschm Aus­wanderer, dessen segensreiches, nunmehr 28jährigeS Wirken Herr Abg. C ah en Sly der Versammlung dar­legte. Der St. Raphaelsverein kann aber sein fegen» volles Wirken noch weit mehr erweitern, wmn die Katholikm Deutschlands ihn in seinen Bestrebungen materiell und auch dadurch unterstützen, daß sie die Auswanderer der Hilfe und dem Schutze des St. RaphaelsvereinS, der in allen großen Hafenstädten und auch jenseits des OceanS feine Vertrauensmänner hat, überweisen.

Em Antrag des Herrn Redakteur Schlesinger und Pfarrer Scharmer-Danzig, welcher dm Jesuiten aus der deutschm OrdmSprovinz den tiefstgefühlten Dank der Versammlung für die fortgesetzte ruhmvolle und segensreiche Förderung der christlichen Wissenschaft auf allen Gebieten deS Wissens und litterarischm Schaffens ausspricht und der Hoffnung Ausdruck ver­leiht, daß das deutsche Vaterland bald wieder eine offene Heimstätte für ihr gesammteS apostolisches Wirkm werde, wurde mit stürmischen Beifall ohne Debatte an­genommen.

Zu dem Anträge, welcher dm dmtschm Katholikm eine zahlreiche Betheiligung an dem M. wissen­schaftlichen katholischen Kongresse empfiehlt, welcher im September 1894 in Brüssel abgehalten werden soll, nahm Herr Professor Dr. Frhr. v. Hert« ling-München daS Wort, um in zündenden Worten darauf aufmerksam zu machen, daß es sich nicht nur darum handle, die intemationalen wissenschaftlichen katholischen Kongresse zu besuchen, daß es nicht genüge, dem Falschen entgegmzutretm, sondern mit allen Mitteln für das Wahre einzutreten, daß es nicht genüge, der falschen Wissenschaft ihre Jrrthümer nachzuweism, sondern nothwmdig sei, auch dm ewigen Wahrheitm der Wiffmschast zum Siege, zu v-rhxlfm unb den Gegnern mindestens ebmbürtig zu sein. Ein einziger Gelehrter, der auf gläubigem Standpunkte der gött­lichen Offenbarung stehe, wirke auf die Jugmd mehr als ein ganzes Dutzend apologetischer Schriften. Daher gelte es, die wahre, die katholische Wissenschaft zu Pflegen und zu unterstützen, auch in Deutschland.

Der Antrag des Abg. Dr. Stephan-Beuthm, welcher die Forderung aufstellt, daß der Unterricht in der Muttersprache gepflegt und daß der Reli­gionsunterricht den Schulkindern ausschließlich in der Muttersprache ertheilt werden soll, fand einstimmige Annahme.

Vom Ausfchuffe für Formalien wurde über die Ver­handlungen betreffs des Ortes der nächsten General- Versamurlung berichtet. Es lagen Anträge vor aus Aachen, Bonn und Köln. Der Ausschuß hat dem Kom­missar Fürsten Löwenstein die Auswahl unter diesm Orten anheimgestellt, und dieser bestimmte Köln als dm nächsten Generalversammlungsort, weil Köln sich seit einer Reihe von Jahren angeboten habe, die Gmeral- Bersammlung aufzunehmen, wenn anderswo Schwierig­keiten sich erheben solltm. Herr Abg. Dr. Lingens trat mit Wärme für Aachm ein, erkennt jedoch die Berechtigung der vom Kommiffar für Köln angeführten Gründe an. Der Borfchlag des fürstlichen Kommissars der Generalversammlung wird angenommen, worauf Herr Rechtsanwalt Trimborn-Köln Namms der Katholikm in Köln in einigen herzlichen mit kölnischem Humor gewürzten Wortm der Versammlung für die Wahl Kölns feinen Dank abstattete.

Um 5 Uhr begann bei äußerst zahlreichem Besuch in der LudwigShalle die dritte öffentliche General- Versammlung. Zunächst sprach Lehrer Dr. Antoni ans der Pfalz über die christliche Volksschule. Eine katholische Schule sei dort noch nicht, wo einige Stun­den ReligionS'Unterricht gegeben würden. Darum fei die Simultanschule keine christliche Schule. Der Lehrer muß selbst Christ sein und durch Beispiel und Ge­wöhnung die Kinder zu christlichem Leben erziehm. Auch dort, wo die Schulm konfessionell find, habm wir nicht die Ueberzeugung, daß die Kinder immer zu wahren Christen erzogen werden, weil vielfach die Lehrer nur dem Namen nach Christen sind und dir Schul­bücher auch dm gläubigen Lehrem vielfach die kon­fessionelle Erziehung erschweren. Wir verlangen kon­fessionelle Schulm und konfessionelle LehrerbildungS- Anstaltm. DaS katholische Volk muß, wmn Forderungm ans dm Lebrer-Bersammlungen aufgestellt werden, denen eS nicht zustimmm kann, Trauer erfaffen. Aber die Sache ist doch nicht fo schlimm, nur wenige Wort­führer herrschen dott, aber Tausende bayerischer Lehrer

denken gleich nnS. Die Kirche muß das SchulauffichtS» Recht haben, die Schule muß mehr erziehen als unter» richten.

Inzwischen lief vom Kaiser ein Danktelegramm ein. Die Versammlung gab ihrer Freude sofort in einem dreifachen, stürmischen Hoch auf den Kaiser Ausdruck.

Professor Ehrhardt (Würzburg) sprach über die Wiedervereinigung der morgmländischm mit der abend­ländischen Kirche, die erfolgen werde nicht als Werk der Diplomatie und Wissenschaft, sondern als Werk Gottes.

Graf Sylva-Taruca (Prag) sprach über die soziale Frage in Oesterreich und im Allgemeinen. Sie habe ihre Ursache in der Abnahme der Religiosität und der Auflösung der selbständigen Berufsstände. Das Kapital habe die BernfS-Organifattonen zerstört und an feine Stelle nur dm Unterschied zwischen Reich und Arm gesetzt unter Mißachtung des Gesetzes Gottes. Die Arbeiter-Frage fei nur der letzte Ausläufer der sozialen Frage. Die materielle Seite der sozialm Frage müffe der Staat lösen. Redner verlangt für den Arbeiter einen gesetzlich gesicherten Minimallohn, berufsständische Organisation, Regelung der Steuern auf sozialer Grund­lage, ferner ein scharfes Wuchergesetz. Ein wichtiger Puntt sei die Erweiterung des Wahlrechts. Ueberall, wo das Wahlrecht noch von einem CensuS abhängig fei, fei ein bemfSständifcheS Wahlrecht zu erstreben. Ob auf biefe Weife das ethische Prinzip noch zu retten sei, — er fürchte, nein. Er fürchte, daß die durch dm Materialismus beherrschten Klassen nicht Einsicht genug haben, dm Einbruch deS Proletariats zu hindern, aber die Kirche werde, wie früher, die Kultur retten. (Beifall.)

Abg. Dr. Lieber (stürmisch begrüßt) spricht über die Pflichten deS katholischen ManneS in der Gegen« wart. D?r katholische SRar.n muß gegenüber dm Um» sturzbestrebuugen, welche die Familie in der Wurzel angreifen, die christliche Ehe zum Ideal erhebm. Duldm wir aber nicht, daß Diejenige«, welche um Christi willen die Jungfräulichkeit der Frauenwürde vorzogen, als staatsgefährlich über die Grenze gewiesm »erben. Eine weitere Pflicht ist gewissenhafte Sorge für bie katholische Kmber-Erziehung unb treue Erfüllung der Berufsaufgaben. Auf politischem Gebiete sind für lange Zeit noch große Aufgaben zu erfüllen. Da heißt'S glauben und bekennen, nicht nur in der Kirche, sondern auf der Straße, in der Rathsstube, int Parlament. Hier treffen die Vorwürfe viel mehr die Hochstehmdm und Gebildeten als die Armen.

Ein glänzendes Beispiel katholischm Glaubens im öffentlichen Leben gibt immer unser gutes, schlichtes katholisches Volk. (Lebhafter Beifall.) Möchten doch die Hochstehendm den sehnsüchtigen Ruf des Volkes nach Führung und Vertretung nicht unbeantwortet lassen. Ich bitte Gott täglich auf den Knieen, daß er dem katholischm Volke die berufenen Führer und Ver­treter auf politischem Gebiet erhalte. (Beifall.) DaS katholische Volk wird in letzter Instanz über nnS richten, und wmn wir ihm nicht dienen, wie wir solltm, wird eS Andere an unsere Stelle schicken. Wir Alle müssen darauf gefaßt sein, daß dies nun ein Mal unser LooS fein wird, obe- das wird nnS nicht ver­stimmen. Mag eS uns im Volksgericht ergehm wie es will, einig ynd hingebend bleiben wir in Erfüllung unferer Pflicht als katholische Männer. (Lebhafter Beifall.)

Wer geglaubt hat, bie beutschm Katholiken wür­den, weil einzelne ihrer Vertteter auf polittschem Ge­biet abweichmde Meinungm vertreten habm, uneinig werden als Katholiken ergab sich einem bedauerns- werthm komischen Aberglaubm. (Stürmischer Beifall.) Die Würzburger Generalversammlung der deutschm Katholikm spricht es NammS aller katholischen Männer DmtschlondS auS; Auf katholischem Gebiet gibt's unter uns keine Unterschiede und keine Trennung. (Stürmischer Beifall.) Die .Frankfutter Zeitung' sagt: Dr. Lieber werde wenig Lust haben, in Würzburg denjenigen, die im Reichstag anderer Meinung gewesen sind, die Hand zu gemeinsamer Arbeit zu reichen. Wollte Gott, ich könnte jetzt vor Ihnen stehen in Mitte meiner hoch- verdimtm, hochverehrten Freunde v. Ballestrem und v. Hume (Lebhafter Beifall), um lebmdiges Zmgniß abzulegen, daß wir in katholischm Dingen einig find und bleiben, weil wir es müssen, wenn wir katho­lische Männer bleiben wollen. (Lebhafter Beifall.) Den jammervollen Tag werden unsere Feinde nicht erleben, daß wir unS auf unseren Generalversammlungen spalten;