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war und daß sie ihre Toilette auf reizende Art zu tragen verstand.
Nur in Folge dieses Umstandes hatte ste in dem Geschäfte der Madame Augustine eine Stelle gefunden, denn für die Näharbeit war ste durchaus ungeeignet.
Man kleidete ste absichtlich luxuriös, um vermöge der Eleganz chreS Wesens die Schöpfungen der beliebten Schneiderin in ein um so vortheilhaftereS Licht zu setzen, und man hatte ste gelehrt, die verschiedenen Ko- stümeS anzuprobireu.
Sie war die Tochter eines Arbeiterpaars, von dem der Vater jeden freien Augenblick in den verrufensten Kneipen zubrachte und fich die Mutter auf den Zweifel« Haftesten BMokalen Herumtrieb. Sie war mich« so zu sagen auf der Sttaße aufgewachsen, wie ein preiSge« gebeneS Kind, das mehr Schläge als Liebkosung empfängt und stets schlechte Beispiele vor Augen gehabt hat.
SS konnte in Folge dieser unglücklichen Verhältnisse kaum anders kommen, als daß Amanda allmählich jeden fittlicheu Halt verloren und einen unwiderstehlichen Hang zum Müßiggänge, zum Luxus und zu materiellen Genüssen erlangte.
Ihr Ideal war, die Nebenbuhlerin jener Frauen zu werden, deren Beschäftigung darin besteht, schön zu sein, und von denen eS in Paris wimmelt.
Da sie sich ihrer Schönbeit bewußt war, so glaubte sie bereits eine glänzende Zukunft vor fich zu schm,
„Man hat also mit Ihnen gesprochen: was hat man Ihnen gesagt?"
„Man hat nach Jhnm gefragt."
»Wer denn? . . . Etwa ein vornehmer Herr?"
»Nicht berjenige, welcher mich gefragt hat, sondern derjenige ist eS jedmsalls, welcher den Fragmdm ge-
I schickt hat."
„War hat man Sie benn gefragt?"
„Um welche Zeit Sie sich zu Ihrem Frühstücke begeben und um wie viel Uhr Sie Abmds das Atelier verlassen."
„Und Sie haben geantwortet?"
„War ich antwortm mußte, und dann habe ich Sie etwas belobt."
„Frau Bardet, wenn mein Traum mich nicht getäuscht hat, wenn mir hmte etwa» Glücklicher wieder- fährt, so werde ich nicht undankbar sein. Ich werde Jhnm eine goldene Uhr nebst Kette schenken."
„Meinen Dank schon im Voraus."
„Ich will jetzt etwas frühstücken, ich habe mich verspätet."
Fräulein Amanda, dm Kopf voll allerlei hoch« j fliegender Träume und allerlei Lustschlösser im Geiste baumd, eilte zu ihrem kleinen Gasthof, wo sie vor Ungeduld kaum zu effen vermochte.
Amanda Regamy war zweiundzwanzig Jahre alt — und wir wissen vereitr, daß sie eine hübsche Person '
Deutsches Reich.
Berlin, 26. August.
* Der Kaiser begiebt sich Montag ftüh nach Ko« bürg zu den BeisetzungSfeierlichkeitm und wird schon Montag Abmd von dort abreism.
* Dar preußische Staatsministerin« trat im Reichskanzlerpalast gestern zu einer Sitzung zusammm. Wie man annimmt, kamen Fragen für die bevorstehende Legislaturperiode der preußischen Landtages zur Sr- örterung.
* 3m Berliner Krankenhause zu Moabit ist gestem ein dritter Cholerafall festgestellt worden. Derselbe betrifft einen Mechaniker Baumgart, der nach einem Bade in der Spree erkrankt ist. Der Betrieb sämmt« kicher städttscher Fluß-Badeanstaltm ist darauf hin hmte eingestellt worden. Heute wurde ein Arbeiter vom ReichStagsbau als choleraverdächtig in dar Moabiter Krankenhaus eingeliefert.
* Der .SlaatSavzeigeri veröffentticht die Ernmnuug des Hof- und DompredigerS Faber in Berlin zum Gmeral-Superintmdmten von Berlin im Nebenamt.
* Nach dem berichtigten FrakttonS-Berzeich- »iß, welches das ReichStagS-Bureau am 15. Juli, am Sage des Schlusses der ersten Session, herauSgegebm hat, und unter Berücksichtigung der Ergebnisse der fünf Nachwahlen stellt sich die Stärke der einzelnen Irak- tionen nunmehr folgendermaßen (die eingeklammerten
daß sie ebenso korrumpirt sind, wie ihre Regierung r Zahlen geben die Stärke am Schlüsse der vorigen Leair- Unter dm neu gewählten Abgeordnetm befinden sich- ' „-x.
auch Wilson und Joseph Rein ach. Ersterer hat sich, wie bekannt, dadurch eine traurige Berühmtheit i verschafft, daß er Schwiegersohn Papa Grevys mit OrdmSauSzeichnungeu einen schwunghaften Handel betrieb; letzterer erinnert an seinen Onkel, den Bankier Reinach, der durch die Panamaskandale derart kornpro- mittirt war, daß er zum Selbstmorde feine Zuflucht nehmen zu müffen glaubte.
Die Zusammmsetzung der neum Kammer berechtigt zu der Annahme, daß die Regierung, um eine feste Mehrheit sich zu sichern, eine gemäßigte Politik wird sührm müffm. Insofern kann man mit dem Ausfall der Wahlm zufrieden fein, als dem Ueberhandnehmm der radikalen Strömung ein Damm wird entgegenge* stellt werden können, vorausgesetzt, daß die Regierung hierzu den Willm besitzen wird.
Der BoulangiSmuS ist als Partei vollständig von der Bildfläche verschwunden. Die wmigm noch übrig gebliebenen Trümmer desselben haben die Bezeichnung Revifionistm oder Sozialisten angmommm; sie haben keine selbstständige Lebenskraft mehr und dürften in den anderen Parteien aufgehen. Der Anti- s emitiSmuS hat auch keinm großen Erfolg errungm, wie das der Mißerfolg Dmmonts beweist, der nur etwas über 3000 Stimmen erhielt. Sein Antisernitts- muS, der sich nach und nach zum Antikapitalismus ausgebildet hat, scheint die Wähler erschreckt zu haben, so daß sie eS vorzogen, ihn durchfallen zu kaffen.
* Die französische Wahlschlacht.
Die Franzosen find am vorigen Sonntag an die Wahlurne getreten. Seit dem Bestände der dritten Republik habm sich die Wahlen nie unter solcher Ruhe vollzogen als diesmal, was nach der fieberhaften Aufregung, mit welcher vor vier Jahren gegm dm Bon« langisrnus gearbeitet wurde, jetzt umsomehr auffällt. Das Publikum im Großen und Ganzen hat fich ob ber Wahlen diesmal nicht aufgeregt, im Gegentheile, alle Blätter konstattren einstimmig die allgemeine Gleich- gllttgkeit und Theilnahmslostgkeit, welche den Wahlen mtgegmgebracht wurde. Als Grund nimmt man an, eS fei der Mangel an einer fesselnden Parole, an einem packenden Schlagworte, dar man für die Wahlen hätte auSgeben können. Dazu komme, daß der Kampf flegen die republikanische Staatsform als so gut wie beendet angesehen werden könne. DaS letzte ist richtig, das erste wmiger. „Panama" hätte gute Dienste thun können, wenn nicht Millevoye und Deroulede weit über dar Ziel hinauSgeschoffm und wenn die Katholiken eine einheitliche Wahlorganisatton von langer Hand her vorbereitet gehabt hätten. Jedmfallr wäre Panama vor vier Jahren der Republik sehr gefährlich gewordm. Heute find die Republikaner schon so eingesessen und im Botte die Ueberzmgung, die liberale Republik sei nicht mehr au8 dem Sattel zu heben, so eingewurzelt, daß selbst ein protmzirieS Panama die Wohler nicht mehr au8 dem Schlafe der Indifferenz an der Gestaltung des ParlammteS aufzurütteln vermögen dürste. Der Ausfall der Wahlen überkifft selbst hochgespannte Erwartungen. Der erste Wahlgang schon hat der Regierung eine homogme Majorität geliefert, wie sich deren die Republik noch niemals «freut hat. Die Stichwahlen am 3. September können, selbst wenn fie allezu Ungunften der Regierung ausfallen folltm, an der Thatsache nichts mehr ändern, daß das republikanische Cmttum in einer Stärke in btt Kammer einziehm wird, die ihm gestattet, die kleinen Gruppm rechts und links mit verächtlicher Gleichgiltigkeit zu behandeln. Es ist aber höchst wahrscheinlich, daß die Stichwahlm den Sieg der Re« gierung noch verstärken werden.
Wie schon gemeldet, stellt sich nach offizieller Fest« stellung das Wahlresultat bis jetzt wie folgt: Gewählt sind 312 Republikaner, 30 sozialistische Radikale bezw. Sozialisten, 13 Ralliirte unb 56 Konservative; 155 Stichwahlen sind erforderlich. Di- Republikaner haben 63 Mandate gewonnen!
Ein hervorstechmdes Merkmal der neum Wahlen ist er, daß fast sämrntliche in die Panamaskan- dale verwickelten Abgeordneten, so z. B. Ronvier, Bourgeois, Roche wiedergewählt wurden, während derm Gegner, so de la Fosse, Dugue de la Fauconnerie, Delareinty mtweder unteriegm oder aber wie Paul Casiagyac, Cunco d'Ornano, Souböyran in die Stichwahl gekommen sind. Die belreffmdeu Wähler haben sich dadurch ein tief demüthigendes Armuths- zengniß ausgestellt und damit den Beweis geliefert,
i latur-Periode an): Deutschkonservative 70 (67), Reichs- I Partei 28 (18), Deutsche Reformpartei 12 (antisemitische BolkSpartei 4), Centrum (ohne Hospitanten) 96 (105), 7(10), Bolen 19 (17), Nationalliberale 53 (42), Freisinnige Volkspartei 23 und Freisinnige Bereinigung 13 (deutschfreisinnige Partei 68), süddeutsche I BolkSpartei 11 (10), Sozialdemokraten 44 (36), Elsässer 8 (10), Bauernbund 4 (—), deutsch-soziale Anti- semiten 3 (1). Dazu kommen auf der Rechten wie auf der Linken je 2 fraktionslose Abgeordnete (Graf Herbert BiSmarck und v. Hornstein resp. Rösicke und Pachmcke), I sodann der Dane Johannsen und der bisher noch in keinem antisemitischen FrakttonS-Berbande stehende Ahl« I Wardt. Der freisinnigen Bereinigung haben sich die I wiedergewählten, bisher „wilden" Abgeordneten Thomsen und Sangerfelbt angeschlossen, während dm Ratto- I naDiberalen in der obigm Ausstellung auch bereits der ebenfalls bisher „wilde" Abgeordnete Prinz zu Carolath beigezählt ist, der in dm letzten Tagen vor dem Ses- sionSfchluffe dieser Partei als Hospitant beigeheten ist.
* Der „Evangelische Bund" hält, wie schon erwähnt, gegenwärtig in Speyer seine General-Be» I fammfang ab, mit welcher die Grundsteinlegung einer Kirche zum Gedächtniß der Protchatton verbundrn ist. In Speyer protestirten bekanntlich die zu LucherS Lehre übergegangenen Fürsten gegm den ReichstagS-Beschluß, welcher ihnen vorläufig das „Resormirrn" legen sollte, d. h. das Einziehm von Klöstern, das Einsäckeln von Kirchmgnt, die zwangsweise Bekehrung des Volker zur neuen Lehre. Daher der Name Protestanten. Er ließ sich erwarkn, daß der Boden, auf dem die Bündler tagm, den Herren eine ganz besondere Begeisterung | einflößen werde. E» fing denn auch ganz nett an. In ber etftm Sitzung hielt Graf Wintzingerod' Ansprache, die zum größtm Theile aus dm betaunten Anrfällm auf dm „römischen Katholizismus", bei Leibe nicht die katholische Kirche, bestand. Da die Bündler „nicht Gegner der Katholiken", sondern nur „einer Richtung" find, „die mit Religion und Christmthu« nichts mehr zu thun hat", so ist eS pure Verleumdung, wenn man fie Hetzer nennt. Sie Hetzen gar nicht, sondern sie wehren sich nur gegm diese „Richtung", die „zur Erreichung ihrer Ziele jeder Mittel für recht hält, die Bürger zur Mißachtung der Gesetze erzieht, dm Aberglauben pflegt, in das Rechtsgebiet anderer Konfessionen übergreift, den Frieden der Staaten unter einander auf'- Spiel zu setzm sich nicht scheut" u. s. w., man kennt ja das VerleumdungS-Register der Bündler. Bon orthodoxer Seite ist dem Bunde bekanntlich vorgeworsm wordm, daß er keine klare Stellung zum Apostolikum genommen hat. Graf v. Wintzingerode meinte naiv: „Unsere Erklärung hätte wie immer lauten mögen, sie wäre jedenfalls gemißdeutet worden." Professor Dr. Witte „wies" in einem Vortrage über den Kampf zwischen Glauben und Aberglauben „nach", daß die in der katholischen Kirche herrschende Richtung viel mehr dem Aberglauben Vorschub leiste, als dem Slaubm, daß von jmseits der Berge her eine Verfinsterung des
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(101. Fortsetzung.)
_ ..Sie hatte dieses Selbstgespräch ebm beendet, als Fraule.n Amanda an der Schwelle der Loge erschim und frug:
„Sie habm nichts für mich, Frau Bardet?"
Die Schließerin nahm eine etwas boshafte Mene an und antwortete auf ihre Frage:
„Erwarim Sie denn irgend Etwas, Fräulein?"
„Ich habe etwas Sonderbares heute Nacht ge» träumt, und mein Traumbuch sagt mir, daß eS eine gute Nachricht bedeute. Vielleicht also werde ich heute etwas vernehmm, das mir großer Vergnügen macht."
Frau Bardet kniff mit geheimnißvoller Miene die Ltppm zusammen unb sagte:
„Dies könnte sein. — Vielleicht hat Ihr Traum Sie nicht gerade getäuscht."
„Sie wissen also etwas?" rief das junge Mädchen aus.
„Ja."
„Aber waS ist eS denn, was ist eS? Meine liebe Frau Bardet, sagen Sie schnell, ich bitte Sie."
„Ich weiß, daß allem Anschein gemäß Sie nächstens Nachrichten von Jemanden haben könntm, welcher sich für Sie interesfirt." I
Dienstag, den 29. August 1893, 29. Jahrgang
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