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JV 194

Samstag, den 26. August 1893.

20. Jahrgang

iildaerMZeitMg

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pft bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohu und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Innungen und Fachgenossesschafte-i.

Ja der Stellung der vom .Reichsanzeiger' vet- öffentlichten Vorschläge der R gierung zur Jnnungs- frage und zur Frage des Befähigungsnachweises liegt der Kernpunkt dieser „Organisation des Hand­werks". Wir erwähnten bereits, daß die Vorschläge die obligatorischen Innungen nicht wollen. Etwa nur deS Zwanges wegen nicht? Nein, denn die ge­planten Fach g en offen sch asten sollen ja auch obli­gatorisch sein, sie sollen das ganze Handwerk und alle Kleinbetriebe umfassen, gleichviel ob der Gewerbe­treibende eia gelernter Handwerker ist oder nicht, ob er sich für die allgemeinen Interessen des Handwerks interefsict oder nicht. Die Handwerker können auch keinen „Fachgenossen" ausschließen, der in Folge dieses Zwanges eo ipso ihrer Gemeinschaft ar gehört, mit ihnen gleiche Rechte hat, wenn sie auch aus sittlichen oder geschäftlichen Gründen sich schämen müssen, diesen „Fachgevossen" als ihren StandeSgenosien anerkennen ju sollen. Jede Korporation hat doch gewisse Rechte rn Bezug auf Annahme und Ausschließung von Mit­gliedern, und jeder Stand, der auf sich selbst etwas hält, und nach Außen Ansehen genießen will, muß auch auf StandeSehre halten. Die Fachgenossenschaften aber vmschließen Alles, sie gewähren für Krethr und Plethi Raum, und wie bunt wird eö erst in den „gemischten Fachgenofsenschasten ourlehen? War man sich gewöhnlich unter dem Begrff einer „Koiporation" denkt, können wir in den Haadwerks-Fachgeuossenschaftkn auch nicht erblicken; dazu sind die Mitglieder dieser Fachgenossenschaft zu bunt durcheinander gewürfelt, zu verschiedenartig nach Persönlichkeit und Interessen, als daß sie einen corpus, einen Körper, eine Korporation bilden können. In den gemischten Innungen haben wir ja ein lebendiger Beispiel dafür, wie schwer es hält, eine Korporation von mehr oder weniger her­vorragender Zusammensetzung zu lebensvoller Entwicke­lung zu führen. Mit einem so losen Verbände, der so verschiedenartige Elemente umfaßt, ist unseres Er­achtens den Interessen des Handwerkerstandes nicht ausreichend gedient. Die geringen Beiträge, welche die „Fachgenvsier.schäften" zu zahlm haben, fallen ja kaum in's Gewicht, und weitere Pflichten werden den Mitgliedern der Fachqenoffenschaften ja nicht auf­gebürdet. Aber für die Zahlung geringfügiger Beiträge haben die Mitglieder der Fachgenossenfchaften, auch wenn sie keine Handwerker sind, selbst wenn sie den Bestrebungen der Handwerker feindlich gegenüberstehen, daS Recht ein Statut aufzustellen und den Vorstand der Fachgenossenschaft und den Vertreter in der Hand­werkskammer zu wählen. Wenn nun bei dieser Wahl zwischen Innungs-Handwerkern und sonstigen Fach­genossen ein Zwiespalt hervortritt, wird dann nicht beim Ueberwiegen der Letzteren im Vorstände der Fach­genossenschaft und in der Handwerkskammer Alles wieder in Frage gestellt, was die Jurungen erstreben und waS sie mühsam aufgebaut haben?

Eine Organisation, die einen Berufsstand nicht b-

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(99. Fortsetzung.)

Lucian und Lucie waren, nachdem sie einen kleinen Spaziergang gemacht, wieder zum Quai Bourbon zu- rückgekeh.t und hatten auch bald die Szene, welche sie in der Wohnung Luciens erlebt hatte«, vergesien. DaS junge Mädchen machte sich daran, die Mahlzeit zu be­reiten, wobei Lucian ihr half. Gegen sieben Uhr war denn auch Alles bereit, Mama Lifon indeß war noch nicht heim.

„Sonderbar," meinte Lucie, „daß sie noch nicht da ist, vielleicht kommt sie gar nicht?"

„Vielleicht ist die Bäckersfrau schlimmer geworden!"

Die Thür öffnete sich in diesem Augenblicke. Mama Lison erschien.

„Ah, sehr schön, daß Sie gekommen sind — Sie werden gewiß mit uns speisen!" begrüßte Lucie die Frau.

„Leider kann ich nicht," antwortete die Frau, „Madame Lehret ist schlimmer geworden und so muß 'di wieder heim. Ich kam nut hierhin, um mir einen Mantel für die Nacht zu holen und euch Beide zu be­grüßen, denn ich dachte wohl, daß Herr Lucian hier sein werde."

„Lucian muß auf drei Wochen verreisen!" bemerkte Lucte traurig.

leben und heben kann, ist wenig werth. In mühsamer langjähriger Arbett ist es gelungen, nach dem vernich­tenden Schlage, den die unbeschränkte Gewerbefreiheit dem Handwerk zugefügt hatte, durch die einstweilen fakultativen Innungen und durch Ausstattung derselben mit einigen wenigen Privilegien dem rapiden Verfall des Handwerks Halt zu gebieten und neue Ansätze für eine neue Organisation zu gewinnen. Selbst die frei- finnige ,Voss. Zig.' erkennt an, „daß es in Deutsch­land einige Innungen gibt, die geradezu Vorzügliches leisten", und trotz der Schönfärberei, welche die Vor­schläge der Regierung in Bezug auf die Zukunft der Innungen treiben, gesteht das freisinnige Blatt zu, daß die Innungen einen schweren Stand haben werden. Allerdings einen sehr schweren Stand, so schwer, daß daS konservative „Volk" geradezu von einem Ruin der Innungen spricht. „UnS scheint — schreibt das soeben genannte Blatt — daß es ein bedenklicher, folgenschwerer Schritt ist, die Innungen zu vernichten. De jeder einmal knüpft man nicht an das geschichtlich Gewordene an, sondern gibt erprobte Gebilde unserer Volks- und Erwerbslebens um neu zu schaffender Or­ganisationen willen preis, wenn nock niemand wissen kann, wie sie sich bewähren werden. Man zertrümmert die 3nnungs.it, nachdem man sie wieder aufgebaut hatte. Wir meinen, mit der Stärkung der bestehenden Inn­ungen durch die Einführung bet obligatorischen Inn­ung und mit dem Befähigungsnachweise wäre ma« weiter gekommen." Ganz unsere Meinung, und wir sind überzeugt, daß die große Zahl der Handwerker ebenso denkm wird. Mit dem Meistertitel wird man die wirklichen Handwerksmeister nicht auf den neuen Leim locken können. Darf Jemand den Titel Maurermeister nicht führen, nun so nennt er sich „Architekt" und statt der guten Titels „Schneider­meister" ist ja das „marchand tailleur“ zu gebrauchen. „So'n Bischen Französisch, daS klingt doch so wunder­schön."

Die Handwerker beklagen sich mit Rgcht darüber, daß einerseits Pfuscher, andererseits der kapitali- stifche Betrieb dem Handwerk den goldenen Boden entzogen und sein Ansehen geschmälert hat. Im In­teresse deS Handwerks nicht nur, sondern auch int In­teresse ehrlicher Bedienung der Kundschaft liegt es, daß das Handwerk nur betrieben wird von gelernten Handwerkern; daS Interesse des sozialen Lebens er­fordert es, daß ein kräftiger Handwerkerstand als daS beste Rückgrat des Mittelstandes erhalten bleibt und gefördert wird.

Wir glauben nicht, daß dazu die „Vorschläge" der Regierung anSreichen. Sre mögen in her einen oder anderen Beziehung einen Ansatz zur Bessrung bieten, aber sie sind nicht nur verbesserungssähig, sondern weit mehr verbesserungsbedürftig.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. August.

* Der Kaiser ist gestern Abend um 9Vs Uhr zur Enthüllung deS Denkmals für Friedrich Franz II. von

„Leider ist es so!" bestätigte Lucian. „Ich muß eine große Arbeit für Herrn Harmant aussühren."

„Aue halbe Ewigkeit!" meinte Mama Lison scherzend.

„Und Sie können mit nicht einmal Gesellschaft lei­sten!" seufzte Lucie.

„Leidet nein, ich kann die gute Frau nicht im Stiche lassen, um so weniger, als sie nur mich als Wärterin haben will. Ich werde {eben freien Augen­blick benutzen, um zu Ihnen zu kommen."

„Gut also."

„Uebrigens werde ich mich jetzt bei meinem Rund­gange Morgens etwas beeilen, um einige Minuten zu gewinnen, die ich bann bei Ihnen verbleiben kann, wenn ich Ihnen Ihr Brod bringe," fuhr Johanna fort.

„Wit werden uns alsdann über ihn unterhalten," murmelte Lucie, indem sie ihren zukünftigen Gatten anblickte.

„Bon wem sollen wir auch sprechen, wenn nicht von ihm?"

„Aber ich hindere Sie ja beim Mahle und Frau Lebtet ist gewiß ungeduldig, daß ich so lange ausbleibe. Ich wünsche Ihnen also gute Reise, Herr Lucian. Ich werde den lieben Gott bitten, daß er Sie begleite und Sie beschütze. Seien Sie gewiß, daß wir stets hier an Sie denken werden. Was mich betrifft, so werde ich Alles thun, um nach besten Kräften über Ihren j kostbaren Schatz zu wachen."

Mecklenburg-Schwerin von FriedrichSroda nach Schwerin abgereift. Herzog Alfred von Sachfen-Koburg-Gotha, sowie Prinz Wilhelm von Baden geleiteten den Kaiser zum Bahnhöfe. Auf dem Wege dahin, welcher durch Magnesiumlicht erleuchtet war, bildeten Landwehrvereine Spalier. Der Kaiser hielt vor der Abfahrt eine kurze Ansprache an die Vereine. Von dem überaus zahlreich herbeigeströmten Publikum wurde der Kaiser mit Hurah- rufen begrüßt, welche anbauerten, bis bet Zug ben Bahnhof verlassen hatte.

* In Berlin sind zwei neue Fälle asiatischer Cholera konstatitt worden: Auf dem Kahne des SchiffSeigenthümerS Biunow, der am Südufer des Nordhofens liegt, erkantten gestern Nachmittag die beiden Stieftöchter des EigenthümerS im Alter von 18 und 20 Iahten unter Umständen, die auf Cholera schließen ließen. Man sorgte alsbald für die Uebet- führung der Erkcantten in das Baracken-Lazareth deS Moabiter Krankenhauses, und hier wurde heute durch bakteriologische Untersuchung die astatische Cholera un­zweifelhaft festgestellt.

* Die Steuer-Summen, welche Herr Miquel ver­langt, sind viel zu groß. Unter bet Firma einer ReichSstenerreform verlangt er, so weit sich jetzt sehen läßt, etwa 40 Millionen mehr als nöthiq ist. Da liegt die Frage nahe, waS man mit diesem Mehr­betrag anfangen will. Auf diese Frage glaubt die ,Köln. Volksztz.' eine Antwort geben zu können. Sie erfährt, und zwar von bester Seite, daß eine starke Vermehrung der Marine beabsichtigt ist. Es soll bet Plan bestehen, unsere Marine so stark zu machen, baß sie bie Ostsee beherrschen und in der Nordsee einer französischen Flotte auf offenem Meere entgegen treten kann. ES wird noch hinzugefügt, daß dies der innigste Wunsch einer Stelle sei, die so hoch ist, daß sie in der Zeitungspolemik nicht narnenllich genannt zu werden pflegt. Gegen eine so ungeheuere Vermehrung bet ReichSmatine wird sich gewiß die überwiegende Mehrheit des Volkes wenden. Sollte es zu dem ge­fürchteten Kriege „mit zwei Fronten" komme«, deffen Möglichkeit bie Veranlassung unterer letzten Heeres- Verstärkung war, bann muß die Entscheidung auf dem Lande fallen. Unsere Flotte genügt vollständig zum Schutze unterer Küsten und mehr brauchen wir nicht. Wenn wir die Feinde zu Lande und zu Wasser schlagen wollen, bann müssen geradezu unerschwingliche Opfer gebracht werden. In Regietungskeisen glaubt man auch nicht, baß der Reichstag eine solche Vorlage annehmen wird, und eine Auflösung aus diesem Grunde ist kaum zu befürchten. Deshalb dürfte man es für taktisch richtig halten, durch den Zauberet SÄi- qttel erst das nöthrge Geld zu beschaffen. Liegt daS Geld bereit, bann, so hofft man, werden sich auch ge­nügend Reichstags-Abgeordnete finden, welche es wie­der ausgeben wollen. DaS ist der Schlüssel zu dieser „Reichs-Steuerreform."

* Der Verein deutscher Tabakfabrikanten stellt, wie bet ,Boss. Zrg' mitgetheilt wird, gegenwärtig Er­hebungen darüvet an, in welcher Weise die auf

Sie umarmte Lucie und setzte dann hinzu:

„Auf bald also! Ehe ich weggrhe, werde ich roch- mals heteftrkommen."

Johanna begab sich auf ihr Zimmer, nahm die Sachen, welche sie holen wollte, wünschte Lucian noch­mals gute Reise und ging wieder zu ihrem Geschäfte in der Rae Dauphine zurück.

Da der Sohn Julius Labrone's am folgenden Mor­gen mit dem Zuge um halb sieben Uhr abzureisen ge­dachte, so mußte er zunächst etwas der Ruhe pflegen, ehe et sich auf ben Weg machte

Gegen neun Uhr also verließ' er Lucie, nachdem er ihr zuvor sein Versprechen, ihr jeden Tag zu schreiben, wiederholt hatte und ließ sich zu feiner Wohnung in der Rue Miromeseil fahren.

Am folgenden Morgen traf er an der Eisenbahn ben Werkmeister und bie beiden Arbeiter, welche ihn nach Bellegarde begleiten sollten und bald trug sie Alle das Dampfroß davon.

* * *

Der Leser weiß bereits von dem ersten Augenblicke an, wo wir ihn mit Ovide Soliveau bekannt gemacht haben, daß dieser Mann mit allen Lastern behaftet und aller Verbrechen fähig wat, auch wo et konnte, sich nicht scheute, solche zu begehen, um so eher, wenn er reichen Lohn dafür fand. Bereits hatte er, tote wir wissen, auf dem Schiffe „Lord - Maire", welche- ihn