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M 193

Freitag, den 25. August 1893.

20. Jahrgang

üldllerWZeitimg

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und eine grenzenlose Niedergeschlagenheit bemächtigt.

— „Ich weiß nicht, wozu ich geboren bin, murmelte sie traurig, „es bleibt mir nur noch übrig zu leiben, bis ich sterbe.

„Du sollst leben, um glücklich zu sein, meine Theure," sagte der Millionär, indem er seine Tochter in seine Arme nahm und sie leidenschaftlich küßte.

Mary versuchte, ibrem Vater zuzulächeln und zog sich dann gesenkten Haupte- und trostlosen Blickes zurück.

Auf ihrem Zimmer angelangt, hatte sie abermals einen heftigen Nervenanfall, welcher länger als eine Stunde dauerte, dann trat wieder etwas Ruhe oder vielmehr eine völlige Niedergeschlagenheit ein.

Die heftigen Erschütterungen, welche sie hrute er­fahren hatte, bildeten für ihre schwache Natur die größte Gefahr.

Das arme Kind war wie gebrochen: ein sehr hef­tiger Fieber schüttelte sie, ohne daß sie eS gewahrte.

Ihre Kammerfrau entlleidete sie, brachte sie zu Bette und ging dann zu Harmant, um ihm mitzu» theilen, daß das Fraulein schlafen wolle und nicht zum Mahl erscheinen werde.

Der ehemalige Werkmeister Julius Labrone'S, der Mörder und Brandstifter von Alfortevrlle, war, wie

Deutsches Reich.

Berlin, 23. August.

* Der Kaiser ist gestern Abend kurz nach 11 Uhr mittels SonderzugeS von Potsdam nach Rein Hard L- brunn gereist

* Der Rücktritt deS KriegSmiuisters, General von KaltenborN'Stachau, steht nunmehr fest, er wird ober erst dann erfolgen, wenn die durch das neue Militargesitz hervorgerufenen Aeuderungen beendet fein werden. Als Nachfolger desselben werden die Namen der Generäle v. Goßler (Bruder der khemaligen Kul­tusministers) und von Sv'tz genannt.

* Der vom vorigen Reichstage nicht mehr er­ledigte Gesetzentwurf über das Auswauderuugswesen soll in veränderter G statt dem jetzigen Reichstage wieder vorgelegt werden. Bei der Umarbeitung sollen namentlich die von der polizeilichen Erschwerung der Auswanderung handelnden Bestimmungen, die bei den meist n Personen schwere Beden k n erregten, abge­ändert werden.

* Ein neues Monopol hat der freikonservative Abgeordnete Lohren ausfindig gewacht und unter­breitet eS in der Psft der Oeffentlichkeit: ein Medi­zinalweinmonopol. ES fei an der Zeit, darauf hinzuweffen, wie schwer heutzutage einS der ältesten nnd besten Mittel zur Bekämpfung von Verdauung-« störung'N, ein G!oS reinen, gefunden Weines zu er­langen fei. Die Medizwalweine feien namentlich in den geringeren Sorten für Kranke meistens das reine Gift. Herr Lohren empfi-hlt deshalb:

Es wäre nur nothwendig, daß der Staat durch die Mono- polverwaliung die passenden Weintrauben zur Zeit der Weinlese einkauft und den gekelterten Wein in großen Staatskellern lagert.

ö Die christlichen Girlie! für soziale Studien in Frankreich.

Unter dem Titel „Cercles chretiens d’ etudes sociales“ haben sich neuestens in Frankreich Ber­einigungen gebildet, welche man nach ihrem Namen für gelehrte Gesellschaften hatten sollte, welche aber in Wirklichkeit Arbeitervereinigungen sind. Sozia­listische Arbeiter, welche der radikalen Lehren urb und Umsturzb-strebungen überdrüssig gewoiden warm, faßten nach Erscheinen der päpstlichen Ercyllika über die Arbeiterfrage den Entschluß, diese Frage auch ein­mal vom christttchen Standpunkte aus zu studiren. Der gewaltige Eindruck, weichen die Ency'lcka in der ganzen Weit hervor rief, ließ sie ahnen, daß in diesem Schrift­stücke doch wohl eben so viel soziale Weisheit liege, tote in sozmttstischen Broschüren. Aus diesem Bestreben gingen zunächst in Reims in ter Anregung des geist­lichen Leiters der in Frankreich weit verbreiteten Ecz- bruderschaft unserer lieben Frau für Fabrikarbeiter und Handwerker die christlichen Enkel für soziale Studien hervor. Es find Bereinigungen von Arbeitern, welche mur wirkliche Arbeiter als Mitglieder aufaehmen, wenn sie auch andere Personen, Geistliche und Arbeitgeber, als beratbende Mitglieder zulaffen. Unter sich bera'hen in diesen Enkeln die Arbeiter ipre eigensten Interessen, besonders die praktischen Arbeiterfragen. Einen ständigen Vorsitzenden haben sie nicht, sondern nur einen Sekre­tär zur Besorgung der laufenden Geschäfte. Der Vor­sitzende wird in jeder Sitzung zur Leitung der V-r- Handlungen gewählt. Die christlichen Euktt für soziale Studien stehen, wie ihr Name besagt, auf poftttv- chr-stlichem, wenn auch nicht gervde auf konfessionellem Standpunkte. Sie lassen daher auch alle Arbeiter zu, welche Eigenthum, Familie und Autorität prinzipiell anerkennen, welches euch sonst ibr religiöser oder politischer Standpunkt sein mag. Nur die radikalen Sozialisten sind davon ausgeschlossen. Die Cirkel haben bereits eine ziemliche Verbreitung gefunden. Zu Reims bestehen deren schon drei, zu Bal-deS-BoiS einer, an verschiedenen andern Orten ähnliche Verbindungen. Um dem Werke weitere Verbreitung zu geben und seine Bestrebungen zu verallgemeinern, haben die Reimsir Cirkel zu Pfingsten dieses JahreS einen Bezirkskongreß in Reims veranstaltet zur Berathung der Arbeiterlage und der praktischen Arbeiterfragen, zu welchem alle Arbeiter und Arbeitervereine positiver Richtung, zunächst aus dem B-z-rke von Reims, durch vorherige lieber- sendung des ausführlichen Programmes emzeladkn wurden. Der Bezirkskongreß, zu welch-m ebenfalls nur wirkliche Arbeiter als aktiv? Mitglieder mit ent-

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(98. Fortfetzung )

„Ah !" rief Mmy mit verstörten G-sichtizügen und blitzenden Augen aas, „ich hasse sie, dieser Kind aus dem Findelhause! Sie hat mir meine Freude, mein Glück, meine Hoffnungen, kurz Alles geraubt! Alles hat sie mir geraubt!"

Mmy befand sich in diesem Augenblicke in einem Zustande oer Erregung, welche sie völlig entstellte. Ihre Stirnabern waren angeschwollen, und ihre Lippen hatten sich bläulich gefärbt.

„Aber mein liebeS Kind, beruhige Dich doch, ich bitte Dich inständig!" rief der g-ängstigte Vater mit bittender Stimme. „Ich habe einen Eid geschworen, den ich halten werde. Du wirst die Gattin Li c ans sein!"

„Aber bi<f 8 Mädch-n?"

„Er wird sie fahren lasten."

„Wenn er eS nicht thut?"

„Dann ließe sich schon ein Mittel finden, fie von ihm zu trennen."

„Ja, daS ist war, sie von ihm trennen,“ sagte Mary fi berfaft erregt, „vielleicht wird er mir dadurch zugeführt. Ader wie?"

Ferner müßten sämmtliche Apotheker verpflichtet werden, diese» Monopolwein zu halten und zu einem bestimmten Preise abzu. geben. Der Preis deS reinen, abgelagerten Weines sollte 1 Mk. für Weißwein und 1 Mark 20 Pfg. für Rothwein nicht über­steigen. Jede Flasche müßte mit dem Staatsmonopolstempel versehen sein. In solcher Weise würde Jedermann in den Stand gesetzt, überall einen gesunden und preiswürdigen Wein zu kaufen. DaS wäre ein Staatsmonopol, welches sowohl den Weinbauern, wie den Weintrinkern zum Segen gereichte. Einem solchen Monopol, welches weniger einen finanziellen, als einen großen sanitäts-wirthschaftlichen Zweck verfolgt, könnten alle politischen Parteien zustimmen. Nur daS Bestreben, dem Volke vermehrte Sicherheit gegen die Gefahren für Leben und Gesundheit zu bieten, ist der Beweggrund für diesen Vorschlag gewesen.

* Aus einem Gespräch welches Dr. Peters auf feiner Reise nach Amerika zur Zeit des Kaiserbesucher in Cowes in einer englischen Gesellschaft über Deutsch. Ostasrika geführt hat, theilt die ,K. Ztg/ u. a. Fol­gendes mit: Gleich Major v. Wißmann zieht auch Dr. PeterS die katholische Missionare den pro test an- tischen vor: sie seien praktischer, arbeiteten, zögen Arbeiter heran und hätten überall in Uganda wie in Usagoro den Erfolg für sich. Nur eine einzige Aus­nahme gibt Dc. PeterS zu, und zwar zu Gunsten der protestantischen Station von Mlalo in Mambaro, die er mit den katholischen auf dieselbe Höhe stellt. „Zur Charakteristik der Protestanten — sagte Dr. Pe­terS — werde ich Ihnen folgende Geschichte mittheilen. Ein Mitglied der kvangelischen MisfionSgesellschast für Ostafrika in Taveta, ein Mr. Frazer, der die „Church Mission Sorirty" ingrimmig haßte, erzählte mir, daß die Vertreter der letztem für einen Missionszögliug sechs Armlängen (Zeug) zahlten, während er nur vier gäbe: trotzdem zögen die Kinder eS vor, zu ihm zu kommen, weil sie nicht lesen zu lernen brauchten. Welch' ein Triumph! Diese Vertreter der christlichen Liebe wohnten beide in Taveta, sprachen nie miteinander, grüßten sich nicht, verschanzten ihre MissiouSstattonen und gestatteten sich im vorigen Herbst eine persönliche Prügelei, die von dm Aeltesten Der Eingeborenen gerichtlich abgeurtheilt werden mußte. Wie sollen solche fanatische Kampfhähne wohlthätigen Einfluß ausüben?"

* Köln, 22. Ang. Nach längerer Krankheit ver­schied gestern, wie schon kurz erwähnt, auf seinem Land­hause in Rhöndorf bei Honnef o. Rhein, der in weiten Kreisen bekannte Veilagsbuchhändler, Buchdruckerei­bksitzer und Verleger der,Köln. VolkSztg.', Herr Joseph Bachem. Geboren am 20. Oktober 1821 hat er ein Alter von fast 72 Jahren erreicht. Mit ihm hat ein überaus arbeitsreiches Leben seinen Abschluß gefunden. Stark ausgeprägtes Pflichtgefühl und strenge Recht­lichkeit bildeten die hervorragendstm Eigenschaften der Verblichenen, der sich um die katholische Sache im Allgemeinen, speziell auch um die Hebung der katho­lischen Presse und Belletristik hervorragende Verdienste erworben hat, welche ihm ein ehrendes Andenken sichern. Erwähnt seien besonders auf dem Gebiete der Belle- tristik „Bachem'S Novellen-Sammlung" und „Bachem'S Roman-Sammlung". Ja Anerkennung seiner verdienst­lichen Thätigkeit wurde der Verstorbene von Sr. Heilig­keit dem Papste zum Komthur des Päpstlichen Ordens vom hl. Gregor dem Großen ernannt. R. I. P.

scheidender Stimme zugelassen wurden, war zahlreich besucht und hatten einen sehr guten Verlauf genommen. Auch viele hervorragende Geistliche und Laien haben als Ehrenmitglieder theilgenommen. Ehrenpräsident war der um das Zustandekommen des Kongresses be­sonders verdiente Großindustrielle Leon Harmel aus Bal-deS-BoiS. Der Kongreß hatte vier Sektionen ge­bildet, welchen bestimmte Fragen zur Erörterung in den Sektionssitzungen zugetheilt wurden, während die definitive Beschlußfassung den allgemeinen Versamm- lungen Vorbehalten blieb. Es wurden Beschlüsse gefaßt über gewerbliche Erziehung, die Lohnfrcge, die Sonn­tagsruhe, die städtischen Abgaben und indirekten Steuern, über Fabrikordnungen und Arbeiterausschüsse, über Gewerkvereine, Konsumvereine, Hilfrkaff n u. s. w. Der soeben im Verlage von Dubois - Poplimont zu Reims erschienene ausführliche Bericht über den Kon­greß zeigt, daß die Arbeiter mit ebenso viel Berständniß als Maßhattung die verschiedenen Arbeiterfragen be­sprochen haben, und läßt es Wünschenswerth erscheinen, daß auch anderwärts das Beispiel dieser französischen Arbeiter Nachahmung finde; denn nur dann kann man hoffen, über die radikal - sozialistische Bewegung Herr zu werden, wenn eS gelingt, ihr eine mächtige christlich- konservative Arbeiterbewegung entgegenzustellen.

„Lüß dies meine Sorge sein, Du kann eS gleich- gütig sein, auf welche Weise, wofern ich nur daS ge­wünschte Ziel erreiche und Dir die Ruhe in Deine Seele und Die Hoffnung in Dein Herz wiederbringe," versetzte der Millionär. „Lucian wird einige Tage von Paris abwesend fein . . . Wer weiß, ob nicht diese Abwesenheit genügen wird, um ihn diese Laune ver­gessen zu machen?"

„Eine Laune," wiederholte das junge Mädchen bitter. „Kann man dieses eine Laune nennen, was sitzt bereits zwei Jahre dauert?"

„Aber Du verstehst mich nicht!" rief Paul Har­mant auS, indem er feinen unheimlich leuchtenden Blick auf Mary heftete. „Bei dem Andenken Deiner Mutter habe ich geschworen, daß ich Dir Lucian zum Gatten geben werde — ich werde meinen Schwur halten! Ich habe Dir gesagt, daß wir eS schon zu Wege bringen werden, daß wir dieses junge Mädchen von ihm trennen, und daß er eS vergißt. Wir werden eS von ihm trennen, und er wird sie vergessen."

Mary hörte gar nicht mehr auf die Worte ihres Vaters, oder beffer gesagt, sie vermochte nicht mehr, auf dieselben zu hören, denn fortwährend schluchzte sie heftig.

Allmählich indeß trat die Beruhigung wieder einiger- maßen ein, dafür aber hatte sich ihr eine tiefe Trauer