JW 191 Mittwoch, den 23. August 1893. 20. Jahrgang
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Erlaß des preuß. HandelZmiuisters betreffs
Grganifation des Handwerks.
* Vorn preuß. Minister für Handel und Gewerbe sind, wie schon kurz gemekdet, dm Oberpräsidenten zur gutachtlichen Aeußerung Vorschläge für eine Organisation des Handwerks und Vorschläge für die Regelung deSLebrlingLwesenS im Handwerk zugestellt worden. Wir heben daraus Folgendes hervor:
Es sollen zur Wahrnehmung der Interessen des Kleingewerbes Fachgenossenschaften und HandwerkSkam- mern errichtet werden. Die ersteren werden innerhalb der Bezirke der Handwerkskammern errichtet. Mit Ausnahme der Angehörigen des Handelsstandes, der Aerzte, Apotheker, Seeschiffer, Schauspieluntcrnehmer, Gast- und Schankwirthe, Pfandleiher, Tanz-, Turn- und Schwimmlehrer:c., aber einschließlich der Musiker, soweit sie nicht höhere künstlerische Interessen verfolgen, gehören den Fachgenoffenschaften alle Gewerbetreibenden an, welche ein Handwerk betreiben oder regelmäßig nicht mehr als 20 Arbeiter beschäftigen. Die Bildung der Fachgenossen- schaften erfolgt ähnlich wie die der Berufsgenossenschasten bei der Unfallversicherung. Jeder Gewerbetreibende gehört kraft des Gesetzes der Genoffenschaft seine? Faches an. Die Fachgenoffenschaften wählen die Mitglieder der Handwerkskammern. Stimmberechtigt ist Jeder, der das 25. Lebensjahr vollendet hat; wählbar in den Vorstand oder die Ausschüffe, wer das 30. Lebensjahr vollendet hat. Die Aufgabe der Fachgenoffenschaft ist: 1. Pflege des Gemeingeistes und der StandeSehre; 2. die Förderung eines gedeihlichen Berhältniffes zwischen Meistern und Gesellen; 3. Regelung deS LehrlingSwesenS; 4. die Entscheidung über Streitigkeiten; 5. die Bildung von Prüfungsausschüssen für einzelne Gewerbe oder Gewerbegruppen. Die Fachgenoffenschaften sind der Aufsicht der Handwerkskammer unterstellt. Die Handwerkskammer kann sich der Fach- genossen'chaften alS ihrer Organe bedienen. Die bei den Mitgliedern der Fachgenossenschaft beschäftigten Arbeiter wählen den Gehilfenausschuß. Das Amt eineS Mtgliedes des Gehilfen- ausschusseS ist ein Ehrenamt. Der GehilfenauSschuß ist berechtigt zur Mitwirkung bei Regelung der Lehrlingsverhältniffe, der Abnahme der Gesellenprüfung, der Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Mitgliedern und ihren Lehrlingen, sowie bei Begründung und Verwaltung aller Einrichtungen, welche die Jntereffen der Gehilfenschaft berühren. Er nimmt an allen Beratungen und Beschlußfassungen über diese Angelegenheiten mit vollem Stimmrecht Theil. Die Fachgenoffenschaften wählen aus ihrer Mitte die Mitglieder der Handwerkskammer auf 6Jahre; je nach 3 Jahren scheidet die Hälfte der Gewählten aus. Handwerkskammern haben obligatorisch die Aufsicht über die Fachgenossenschaften und Innungen ihres Bezirks zu führen. — Tie Aufsichtsbehörde der Handwerkskammern wird durch die Landescentralbehörde bestimmt. Dies« bestellt für jede Kummer einen Kommissär, der die Rechte eines Mitgliedes, aber ohne Stimmrecht hat. Die Kosten der Handelskammern werden, soweit sie in deren eigenen Einnahmen keine Deckung finden, von den Fachgenoffenschaften durch jährliche Beiträge aufgebracht. Bei der Berathung und Beschlußfassung der Handwerkskammern über diejenigen Gegenstände, auf welche sich die Zuständigkeit der GehilfenauSschüffe erstreckt, nehmen Vertreter der Gehilfenschaft mit vollem Stimmrecht
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(96. Fortsetzung.)
„Run, war sagen Sie zu der Urbrrraschung?" fragte Lucie mit der fröhlichsten Miene von der Welt, ohne im Geringsten die auffallende Erregung beider Personen zu gewahren, welche sich so nuvermuthrt einander gegenüber sahen.
Zwar hatte Mmy etwas wie eine düstere Ahnung — deshalb hatte sie auch gewankt — aber noch immer durchschaute sie nicht, weshalb Lucian sich bei Lucie befand.
„Sie hier!" sagte sie also nach einer Pause, nachdem sie ihrer Berwirumg einigermaßen wieder Herr geworden war. „Wirtkch, ich glaubte Sie nicht hier anzutreffen, welch' ein sonderbarer Zufall fügt eS denn, daß Sie sich gerade bei Fräulein Lucie befinden?"
Lucian wollte schon einige verlegene Worte stammeln, aber Lucie kam ihm schon zuvor und sagte lachend:
„Er ist gar kn« Zusqß, Fräulein, daß Lucian sich hier befindet! Jeden S»a«aa könnten Sie, wenn Sie hierhin kämen, ihn hier antreffen."
Mary fing immer mehr an, den wirklichen Sachverhalt zu ahnen.
„Ah," sagte sie also mit zitternder Stimme, „Sie kennen Herrn Labrone wohl bereits seit langer Zeit?"
„Gewiß," erwiderte Lucian durchaus uybtfangen,
Hause.
90.
i
Theil. Die Fachgenossenschaften und Handwerkskammern können unter.ihrem Namen Rechte erwerben und Verbindlichkeiten eingehen, vor Gericht klagen und verklagt werden. Für die Verbindlichkeiten der Fachgenoffenschaften und der Handwerkskammern haftet den Gläubigern nur bas Vermögen der Genoffenschaft und der Handwerkskammer. Die den Innungen gesetzlich übertragenen Befugnisse werden insoweit aufgehoben, als sie sich über den Kreis der Jnnungsmitglieder erstrecken. Die Innungen unterliegen der Aufsicht der Handwerkskammern.
Die Vorschläge für die Regelung des Lehrlingswesens im Handwerk gehen dahin, daß das Lehrlingshalten denen untersagt ist, die nicht die bürgerlichen Ehrenrechte besitzen oder gerichtlich in der Verfügung über ihr Vermögen beschränkt sind. Die Befugniß zur Anleitung von Lehrlingen wird beschränkt auf Personen, die das 24. Lebensjahr vollendet und ferner eine ordnungsmäßige Lehrzeit zurückgelegt und die Gesellenprüfung bestanden oder wenigstens 3 Jahre das Handwerk selbstständig betrieben haben. Die ordnungsmäßige Lehrzeit soll mindestens 3, höchstens 5 Jahre dauern. Die Gesellenprüfung soll durch die Innung oder einen Prüsungs- ausschuß der Fachgenoffenschaften erfolgen. — Wer den selbstständigen Betrieb eines Handwerks anfängt, darf den Meistertitel nur führen, wenn er eine G efellen- und eine Meisterprüfung eines Handwerks bestanden hat. Diese Prüfung darf sich nur aus den Nachweis der Besähigung zur selbstständigen Ausführung der gewöhnlich vorkommenden Arbeiten des Gewerbes oder Gewerbezweiges und auf dar Vorhandensein der zum selbstständigen Betriebe des Gewerbes nothwendigen gewerblichen Kenntnisse erstrecken (Buch- und Rechnungsführung.) Die unb efugte Führung des Meistertitels ist st rafbar.
Diese Vorschläge sollen, wie es in dem Erlaß weiter heißt, im Wesentlichen nur die Grundlage abgeben für weitere Erörterungen, bei denen AuSlafs- ungen der Behörden und die zu erwartende Kritik in der Pceffe rc. berücksichtigt werden sollen.
„Sie wollen schon gehen?" rief Luc e verwundert auS." „Aber Sie sind ja kaum einige Mimten bei unS gewesen!"
„Doch, doch, ich muß nach Hause," wiederholte sie mit kurzer Stimme.
„Dann setzte sie, indem sie sich an Lucias wandte
* Die .Nordd. Allgem. Zig.' behauptet, die Tabellm über die Wirkungen des Wahlgesetzes reichten nicht auS zur Beurtheilung, weA Angaben über die Steuer- Veranlagung fehlten. Die Verschiebungen kämen daher, daß früher zu niedrig eingeschätzt worden sei.
* Dr. Böcke! will, nach einer Mittheilung deS .Reichsherold, auch für die preußischen Landtagswahlen candidiren, und zwar in Marburg und Kirchhain-Frankenberg. Er will ferner in Biedenkopf den Schriftführer deS mitteldeutfchenBauern-BereinS.Hirfchel, als Kandidaten aufstellen.
* Hildesheim, 21. Aug. Unter großer Theilnahme aus allen Gauen Deutschlands wurde der diesjährige Kongreß der katholischen kaufmännischen Vereine Deutschlands vorgestern Nachmittag im kleinen Saale des prächtig geschmückten katholischen BereivShauseS von der derzeitigen BerbandLleitung eröffnet. Zum ersten Bor- sitzmden wurde Herr BoyczinSki (Chemnitz), zum zweiten Herr H. Theisfing (Köln) bestimmt. Nach Schluß der Delegirten-Bersammlung fand im großen SaaleS deS BereinShauseS die öffentliche Begrüßungsfeier statt. Herr Prof. Dr. Ernst vorn hiesigen bischöflichen Seminar begrüßte die Versammlung Namens des jungen Hildesheimer Vereins. Weitere Grüße wurden überbracht von den Vereinen in Erfurt, Hamburg, BreSlau ufw. Fast sämmtliche deutsche Bischöfe und Weihbischöfe sandten schriftliche oder telegraphische Grüße. Der vorgestrige Abend nahm einen in jeder Beziehung glänzenden Verlauf. — Gestern (Sonntag) lehnte der Kongreß nach vierstündiger Berathung mit großer Mehrheit den Antrag auf Anstellung besonderer BerbandS-Sekretäre ab. DaS Festbanket verlief glänzend. Auf der des Abends stattgehabten Festversammlung sprach Herr Abg. Dr. Lieber unter großem Beifall über die katholische Einheit nnd die Rothwendigkeit einer Erneuerung der Gesellschaft durch daS Zusammenwirken aller gläubigen Kräfte. — Heute (Montag) wählte der Kongreß mit großer Mehrheit Essen als Vorort wieder und bewilligte 2000 Mark zur Einrichtung eines StellenvermittelnngS- Bureau'S, das in Verbindung mit dem Vorort stehen wird.
* Bamberg, 21. Aug. Der vom Bolksvereiu des kaihol. Deutschland veranstaltete praktisch-soziale Kursus, welcher heute hier eröffnet wurde, ist von 600 Personen besucht.
* Bo»«, 20. Aug. Die hiesige CentrumSpartei hat in einer BertrauenSmänner-Bersammlung beschlossen, auf der Würzburger Katholiken-Bersammlung wieder den Antrag eivzubringeu, daß die nächstjährige Versammlung der deutschen Katholiken in Bonn abgehalten werden solle.
* Aus Baden, 19. Aug. Aus Radolfzell kommt die Nachricht, daß der der CentrumSpartei angehörige Landtagsabgeordnete Julius S t r e i ch e r am Donnerstag Morgen verschieden ist. Die Trauerkunde wird bei allen Parteifreunden schmerzliche Theilnahme erregen. Der Verstorbene zählte kaum 39 Jahre und gehörte dem badischen Lanvtage feit 1889 an, wo er als Ber-
Lucian war sich, nachdem der Millionär ihm die Zuneigung seiner Tochter zu ihm offenbart hatte, deffm wohl bewußt, waS Mary (eiben mußte und er litt selbst die größten Qualm.
Aber waS sollte er thun? Die Liebe läßt sich weder befehlm noch erzwingm. Er liebte eben Lucie und nicht» Mmy.
Die Arbeiterin sah, wie ihre Besucherin schwankte; sie holte also rasch einm Stuhl herbei und sagte hastig:
„Mein Gott, Fräulein, waS ist Ihnen? Sie find ja ganz bleich! Sie schrinm unwohl zu fein! Jedenfalls ist er die Anstrmgung, daß Sie die sechs Stockwerke heraufgekommen sind. Sctzeu Sie sich, ich bitte Sie."
Noch einmal fand Mmy in ihrem Stolze die noth- wmdige Kraft, um ihre Schwäche zu überwinden.
„Nein, nein," fagte sie deshalb, indem sie sich zu einem schwachen Lächeln zwang, beunruhigen Sie sich nicht, es ist nichts. Ich wollte Sie besuchm, ich habe dies j-tzt gethan. Run, leben Sie wohl, ich muß nach
Deutsches Keich.
Berlin, 21. August.
* Das Programm des Würzburger Katholikentages hat iß den letzten Tagen durch eine Reihe von BereinSanrneldungen (katholischer Lehrerverein, christlicher Bauernverein, Augustinusverein u. s. w.) eine weitere Bereicherung erfahren. Die Erweiterung deS Programms ist der beste Beweis dafür, daß an eine Verschiebung deSWürzburgerKatholikmtageS wegen Choleragefahr, wir ,Köln. Zig/, ,Berl. Tagebl.' u. f. w. berichteten, nicht gedacht wird. War eS unsere» Gegnern darum zu thun, durch Verbreitung dieser Nachrichten neben einem anderen durchsichtige.Zwick in zweiter Linie aus eine geringe Betheiligung von auswärts hinzuarbeiten, so muß jetzt um so lauter der Ruf ertöne»: Auf nach Würzburg!
* Nach den vom statistischen Bureau veröffentlichten Nachweisen über den Saatenstand in Preußen im Monat August hat sich der Stand von Klee und Wiesenhm seit Juli etwas gebessert. Im Durchschnitt deS ganzm KöstgreicheS hatten Wiesen 3 8 gegen 4,4 im Juli, Klee 3,4 gegen 4 3, wobei bekanntlich 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel, 4 genug, 5 sehr gering bedeutet. Der Stand war firner bei Winterweizen 2,8, Sommerweizen 3 3, Winier'pelz 2,4, Sommerspelz 3,8, Winter- roggen 2.6, Sommerroggen 3,3, Sommergerste 3,3, Hafer 3,9, Erbsen 3 6 und Kartoffeln 2,5.
„wir kennen uns bereits seit 2 Jahren, Fräulein; ehe ich in der Rae Miromesril wohnte, habe ich hier gewohnt."
„Wir wohntm Thüe an Thür viben einander," fitzte Lucie hinzu, „und wenn man so neben einander wohnt, besonders im sechsten Stock, so wird man leicht mit einander bekannt, man plaudett zusammen und wird befreundet."
„Gute Freunde!" wiederholte die Tochter des Millionärs in trockmem Tone. Sie begriff jetzt Alles und ihr Stolz empörte sich nicht wmig bei dem Gedanken, als glückliche Rivalin ein armes Mädchen wie Lucie zu haben.
Die L tziere fuhr fort:
„Wir habm einander lieben gelernt."
Mmy war einer Ohrmacht nahe und mußte die größte ünftrengitng machen, um nicht umzusinkm.
„Wir habm uns lieben gelernt wie ein ordentliches Mädchm und ein ehrenhafter junger Mann," sagte Lucie weiter. „Er war es, von welchem ich Jhnm sprach, als ich sagte, daß ich mein Herz bereits Jeman- den verschenkt habe. Wir sind mit einander verlobt und wir werden Dank Ihrer Güte, Dank der Güte Ihres Herm Vaters unb vermöge der Stellung, welche er in seinem Haufe gefunden hat, bald unsere so lang ersehnte eheliche Verbindung vollziehen können."
„Also werden Sie demnächst heirathen?" frug Fräulein Harmant mit unsicherer Stimme.