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JV 190 Dienstag, den 22. August 1893. 20. Jahrgang

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* Die preußischen Landtagswahlen

finden voraussichtlich in der letzten Oktober- und ersten Novemberwoche statt. Der Mahnung deS national­liberalen FraltionSorganr, rechtzeitig mit den Vorbe­reitungen zu beginnen, namentlich die Parteiorga­nisation sorgfältig zu pflegen, gute Fühlung zwischen den Wahlkomitees und den Vertrauensmännern herzu­stellen u. s.w, können wir uns für die Centrums­partei nur anschließen. Die letzten ReichstagSwahlen haben stellenweise in recht unliebsamer Weise gezeigt, daß die Organisation vernachlässigt war und eS den Leitern der Wahlbewegung an Fühlung mit den Wäh­lern und Kenntnrß ihrer Stimmung fehlte. Man ist im Juni etwa« unsanft aufgerüttelt worden und wird hoffentlich die Lehre nicht schon wieder vergessen haben oder in den Monaten, die uns noch von den Wahlen trennen, vergessen. Bei den Landtagswahlen pflegt ja im Allgemeinen die Agitation nicht so lebhaft zu sein wie bei ReichStagSwahlen, zumal bei den letzten. Desto enger muß aber die Fühlung mit den Wählern sein, schon weil es hier auf die Massen nicht immer an- kommt nnb namentlich bei den Abgeordneten wählen wenige Wahlmänner die Entscheidung in der Hand haben. In alten früher« Reichstagswahlkreisen wird die Absplitterm g einiger Hunderte Wähler noch nicht gleich gefährlich. Bei den Landtagswahlen mit ihrem Dreiklassen-System liegt die Sache anders. In den beiden ersten Klassen hat die CentrumLpartei fast überall schwer zu ringen, wenn sie überhaupt dort etwas bedeutet. Es kommt also leicht auk eine einzige Stimme an In der dritten Klasse pfl'gt auch die Entscheidung sehr häufig nur mit geringer Mehrheit zu fallen. Schließlich kann eine einzige Stimme alles entscheiden; die Fälle sind gar nicht so selten, wo die Zahl der Wahlmänner auf beiden Seiten gleich ist, oder ein, zwei Mann die Entscheidung hierhin oder dorthin lenken können.

Die nächsten Wahlen finden unter den Bestimmun­gen des neuen Wahlgesetzes statt. Wenn dieses seinen plutokratischen Charakter auch noch nicht völlig entfalten kann, da das Vermögenssteuergesetz erst 1895 in Kraft tritt, diese Steuer also noch nicht angerechnrt wird, so haben doch die Liften für die Kommunal« wählen in Rheinland und Westfalen schon Allen deut­lich gezeigt, in welch' horrender Weise daS Wahlrecht zu Gunsten des Geldsacks verschoben ist. Die Pluto«

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(95. Fortsetzung.)

„Dann habe ich nichts dagegen, weil eS ja unsere Verbindung beschleunigen wird. Du wirst mir natür­lich schreiben, nicht war?"

„Alle Tage, ich verspreche eS Dir. Betrübe Dich also nicht wegen meiner Reise. Drei Wochen werden schnell vergangen sein. Wenn ich wieder zurück sein werde, wird die Freude drs Wiedersehens uns die Stunden der Trennung vergessen machen. Und dann, ich wiederhole eS, liegt diese Reise nur durchaus in unserem Interesse; ich erhalte nämlich eine große Summe als Reiseentschädigung. Wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich darnach sehne, mit einem Kapital ein eigenes Geschäft anfangen zu können," antwortete Lucian.

„Aber weshalb drängst Du dann lehr, da eS Dir ja bei Deinem Chef durchaus gefällt?"

„Gewiß gefällt es mir gut bei ihm, nur gewisse Dinge gefallen mir nicht — später werde ich ausführ­licher mit Dir darüber sprechen."

„WaS hindert Dich denn, dies jetzt sogleich zu thun?" „Später" wiederholte Lucian anstatt aller Antwort. „Gut denn, wenn Dir bei Harmant nicht Alles gefällt, so suche doch die nöthigen Gelder, mit welchen Du die Fabrik Deines Vaters wieder aufbauen kannst. Du bist jetzt schon etwas bekannt und so kann eS Dir an einem Theilnehmer nicht fehlen."

„Später, wenn ich von meiner Reise zurückgekehlt ■

kraten pflegen aber meist nationalliberal zu sein, und so wird der Stand des Centrums an manchen Orten noch viel schwieriger geworden sein, als bisher schon. Um so eifriger 'st zu arbeiten, daß der letzte CentrumS- mann für die Wahl aufgeboten werde. Eine Wahl­parole ist bis j tzt nickt ausgegeben worden; eS wäre auch noch zu früh. Ohne vorgreifen zu wollen, glau­ben wir aber, daß dieselbe sich aus der durch die ReichStagSwahlen geschaffenen Lage ziemlich von selbst ergibt. Wir dürfen nicht dazu beitragen, daß die Mittelparteien wieder hoch kommen; sie sind im Landtage noch viel gefährlicher als im Reichstage. Sodann aber ergibt sich unsere Stellungnahme auch schon auS dem Wahlgesetz. Dieses vo.i den wort­brüchigen Konservativen im Bunde mit den kultur« kämpferischen Nationalliberalen unter Verleugnung der feierlichsten Versprechungen geschaffene Gesetz muß un« bedingt wieder beseitigt werden. Wir dürfen und wer­den nicht ruhen, bis es abgeändert ist. Darum kann unter keinen Umständen Jemand bei den Wahlen die Stimme eines CentrumSwählerS erhalten, der sich nicht rückhaltslos verpflichtet, einem Antrag des Cen­trums auf Abänderung deS Gesetzes zuzustimmen.

Deutsches Keich.

Berlin, 19. August.

* Betreffs der diesjährige« größere» Truppen­übungen hat der Kaiser neuerlich bestimmt: DaS 8., 14., 15. und 16. Armeekorps haltenManöver vor Mer ab. Jede« Armeekorps hat für sich große Parade, a) Bei dem 8. Armeekorps fällt daS in der gelddienst- Ordnung vorgesehene Korplmanöver gegen markirten Feind auS. Bei dem 16. Armeekorps findet an Stelle deS KorpsmanövrrS gegen markirten Feind ein Korps- Manöver in zwei Parteien gegen einander statt. Dem­nächst haben die beiden Armeekorps dreitägige Manöver gegen einander, b) Bei dem 14. und 15. Armeekorps fällt das KorpSmanöver gegen markirten Feind eben­falls aus. Demnächst haben beide Armeekorps drei­tägige Manöver gegen einander, c) DaS 15. Armee­korps hat mit Rücksicht auf die Kürze der Zeit seine sonstigen Herbstübungen abweichend von den Bestim­mungen derFelodienst-Ordnung zu beschränken. — Im Uebrigen bewendet bei den früheren Anwendungen.

* lieber die „Organisation des Handwerks" und die „Regelung des LehrlrnqswesenS im Hand­werk" hat der preußische Minister für Handel und Gewerbe einen Erlaß an die Oberpräsidenten gerichtet, den der .Reichs- und StaatSanzeiger' publizirt. Da die betr.ffenden Fragen eventuell reichsgesetzlich zu ordnen sind, so will sich offenbar Preußen zu Anträgen beim Reich die erforderlichen Informationen schaffen. Der Mlnisterial - Erlaß umfaßt im ,Staatsanzeiger' beinahe sieben Spalten in kleinem Druck." In dem Erlaß heißt es: „Die Vorschläge stellen dar unver-

sein werde, will ich mir die Sache überlegen. Sprechen wir jetzt von etwas Anderem. Es beunruhigt mich sehr, daß während meiner Abwesenheit von Paris Mutter Liston nicht in De ncr Nähe ist. Diese Frau scheint mir so eine Art getreuen Wächters zu sein."

„Ihre Meisterin befand sich gestern, wie ich glaube, etwas besser. Sobald sie in etwa wieder genesen sein wird, wird Mutter Lison ihre gewohnte Beschäftigung wieder aufnehmen und einen Theil ihrer Zeit bei mir zubringen. Es kann dies für mich nur von Nutzen sein, denn ich habe augenblicklich viele Arbeit, und wenn sie mir meine Mahlzeiten zurecht macht und Alles herbeiholt, so brauche ich nicht so viele Zeit zu ver­lieren. Sie wird wahrscheinlich sogleich auf einige Minuten herüberkommen, um mir guten Tag zu sagen."

Wir wollen die beiden Verlob en unter hoffnungs­reichen Gesprächen über die Zukunft ihre Mahlzeit be­endigen lassen und begeben uns wieder zu Ovide So« liv-au zurück, der, to-e wir wissen, seinen Fiaker ver« lassen hatte und aus's HauS zugetreten war, um zu erfahren, zu wem Lucian Labrone sich begeben hatte.

Es war dieS nicht gerade leicht, und er mußte, um seinen Zweck zu erreichen, irgend einen Plan ersinnen.

Die Schließerin fragen, daran konnte er nicht denken, da dieser Schritt nothwendig Aufmerksamkeit erregen und ihn verdächtig machen mußte.

Auf einen Umstand baute Ovide große Hoffnung.

Ec dachte, daß die beiden Liebenden jedenfalls im Laufe des Nachmittag- zusammen auSgehen würden. Sobald er aber, glaubte er wenigstens, das junge

weibliche Ergebniß vorläufiger Erwägungen dar und sollen im Wesentlichen nur die Grundlage für weitere Erörterungen abgeben, bei bene» bie Auslassungen bet Behörden und die von der Öffentlichkeit zu erwartende Kritik gewürdigt und berücksichtigt werden. Die gutachtliche Aeußerung wird sich auf die Zweckmäßigkeit und Durchführbarkeit der Vorschläge im Allgemeinen zu beschränken haben; ich wünsche je­doch folgende Einzelfragen ausdrücklich beantwortet zu wiffm: 1) Erscheint die zur Abgrenzung der Klein­betriebe gegenüber den Großbetrieben angenommene Arbeiterzahl zutreffend? 2) In welcher Weise sollen die Beiträge für die Fachgenossenschaften bemessen und vertheilt werden? Kann hierbei die Höhe HK Gewerbe­steuer, die Zahl der Arbeiter oder der Umsang der maschinellen Hilfskräfte einen Maßstab abgeben? 3) In welchem Berhältniß soll die Zahl der Mitglieder deS Gehilfenausschusses zu der Zahl der Mitglieder des Vorstandes der Fachgenossenschaft stehen? 4) Wer soll die Kosten deS GehilfenauSschusseS tragen? Ist eS unbedenklich, bei der Geringfügigkeit der Beiträge und der Schwierigkeit der Einziehung diese als Soften der Fachgenossenschaften zu bezeichnen, etient. erscheint es angängig, den Arbeitgebern eine Vorschußverbindlichkeit aufzuerlegen und ein AbzugSrecht einzuräumen? In welchem Berhältniß soll die Zihl der Vertreter deS GehilfenauSschusseS zu der Zahl der Mitglieder der Handwerkskammern stehen und wie soll ihre Zahl auf die GehilfenauSschüsse vertheilt werden? Nach welchem Maßstab sollen die Kosten der Handwerkskammer auf die einzelnen Fachgenossenschaften vertheilt werden? — Inwieweit die Anhörung aller Lokalbehörden wünschenSwerth «scheinen kann, überlaste ich dem Er­messen Eurer Excelleuz und sehe Ihrem gefälligen Bericht bis zum 1. Januar k. Js. ergebens! entgegen.

* Eine Extta «Ausgabe deS .Reichsanzeigers' ver­öffentlicht die kaiserliche Verordnung, datirt vom 17. August, betreffend die Erhebung des Zollzuschlags für die auS Finland kommenden Maaren. Die Ver­ordnung tritt sofort in Kraft. Gleichzeitig veröffent­licht der .Reichsanzeiger' die vom BundeSrath be­schlossenen Ausführungsbestimmungen. Danach ist der 16. Oktober als äußerster Zeitpunkt festgesetzt für bie Anwenbung deS allgemeinen Zolltarifs auf Maaren, welche bie finifche Grenze vor bem 18. August über­schritten hatten unb nicht zur Zeit ber Verkündigung der Verordnung im Zollinlande in einer öffentlichen Niederlage oder in Privatlagern mit oder ohne amt­lichen Mitverschluß aufgenowmen oder in Zollkonto aufgeschrieben waren.

* Der .ReichSanz-iger' publizirt die Ernennung deS bisherigen deutschen Gesandten in Washington, v. Holleben, zum preußischen Gesandten am Stutt­garter Hofe.

* Pofen, 19. Aug. In Sonin (Kreis Buck) und in Solo an der Warthe (Russisch-Polen) wurden Fälle Mädchen persönlich kennen würde, würde er sich mit leichter Mühe nähere Erkundigungen über sie verschaffen können.

89.

Ovide Soliveau war schon seit geraumer Zeit auf dem Trottoir deS Qnai auf- und abspaziert, er ging auch wohl einmal über die Straße hinüber und schien mit dem größten Interesse in die Bewunderung der in einem Messerladen, welcher neben der EingangSthüre zur Wohnung Luc-anS lag, ausgestellten Herrlichkeiten vertieft zu sein. u ,

Zuweilen auch ging er über die Straße und blickte dann zu den Fenstern hinauf, in der Hoffnung, Lu­cian würde an einem derselben sichtbar werden, wo­durch er natürlich zugleich auch erfahren haben würde, in welchem Stock Luc re wohne.

Lange hatte Ovide in dieser Weise feine Prome­naden, die ihm nachgerade etwa- langweilig zu werden anfingen, fortgef tzt, als er mit einem Male einen Rus der Freude ausst'-ß.

War er erhcffc hatte, war eingetreten Em Fenster tm sechsten Stock öffnete sich. Lucian Labrone erschien an demselben, kehrte dann um und sagte einige Worte, worauf Lucie zu ihm trat.

Trotz der großen Entfernung konnte Ovide die Ge­sichtszüge des jungen Mädchens deullich unterscheiden.

„Hm, der junge Mann hat keinen schlechten Ge« schmeck," dachte er bei sich, die Kleine ist hübsch, in der That! Jetzt habe ich ihre Photographie im Kopfe und werde sie mir wohl einprägen."