Berlage zu Nr. 189 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, dm 20. August 1893.
Lucian Labrone war die Treppe zur Rechten empor.
schlecht nie entdeckt
alten Schließerin guten Tag.
»Aber Sie haben sich heute etwas verspätet, Herr Lucian! sagte der Letztere lachend zu ihm. „Fräulein Lucie hat dar Frühstück bereits auf halb zwölf Uhr zurecht gemacht, und jetzt ist es schon Mittag vorbei!"
„Gut, dann will ich schnell hinauf. Bis sogleich."
Lucian schritt rasch die Treppe hinauf. Lucie hatte seinen Tr,tt sogleich erkannt. Sie erwartete ihn auf der Thürschwelle. Er umarmte sie und küßte sie herzlich. M -O' Du Taugenichts," sagte Sucre erröthend, aber übttglücklrch, „eine halbe Stunde verspätet! Dai Früh- Mck wird wohl nicht zu genießen sein, und doch wollte ich Dir heute gerade so gut aufwarten!"
»DaS Frühstück wird wohl kostbar sein, meine Theure," versetzte der Sohn JnlinS Labrone'S, „ich werde Dir es beweisen, indem ich demselben alle Ehre anthne. Ich habe mich etwas verspätet, ich weiß es,
'ch konnte nicht anders, -und er war mir beim besten Willen nicht möglich, früher zu kommen."
treten ist?" frug er dann dm Roffelmker, der wie eS Wien, selbst lebhaftes Interesse an der Polizeilichen Verfolgung nahm, wofür er daS Ganze haltm mußte.
„®ut also, bleiben Sie hier in einiger Entfernung und wartm Sie auf mich."
Solivean ging de« Quai entlang bis zu dem Hause, welches man dnrchschreitm mußte, um in den Hof zu gelangen. 1 0
. Zur Rechten in diesem Hofe befand sich die Loge der Schließerin, nahe dem Eingänge zu einer Treppe, auf welcher man in da- dem Quai gegenüber liegmde Hauptgebäude gelangte.
„ Weiter rückwärts lag ein anderer, offenbar erst spater errichtetes Gebäude, in dessen Mitte sich eben, falls eine große Treppe befand. w
„Weshalb denn? Sonntags ist ja nichts zu thmi?" „Du weißt schon — ich bin schon seit einer Stunde vor Tagesanbruch auf den Beinen."
„Eine Stunde vor Tagesanbruch!" wiederholte das lunge Mädchen erstaunt. „Was ist berat vorgefallen?"
Lucian erklärte ihr, daß er auf Bittm Harmant'- die Beförderung der Maschinen zur Eisenbahn habe überwachen müssen.
„Dann ist es gut, dann bist Du entschuldigt," sagte Lucie. „Jetzt wollen wir aber auch schnell zu Tische gehm. Ich habe großen Hunger."
„Frühstückt Mutter Lison nicht mit unS heute?" frug Lucian, indem er sich vor dem kleinen, mit vieler Sorgfalt gedeckten Tische niederließ.
„Nein, lieber Frmnd, die arme Mutter Lison hat nicht einen einzigen Augenblick frei. Madame Lehret, die Meisterin, ist krank und so muß Mutter Lison deS Nachts bei ihr bleiben. Dazu muß sie noch zwei oder drei Mal im Tage das Brod zu den Kunden tragen — sie ist jetzt so zu sagen Tag und Nacht auf den Beinen."
„Du liebest wohl diese wackere Frau sehr, nicht wahr, Lucie?"
„Ja, sehr!"
„Du thust Recht daran ... ich empfinde selbst eine große Theilnahme für sie, und ich glaube auch ganz sicher, daß sie dieselbe verdient."
„Sobald wir miteinander verheirathet sein werden, lieber Lucian, werden wir natürlich daS Versprechen erfüllm, welches wir ihr gegeben habm. Wir werden sie zu uns nehmm und ihr ihre alten Tage zu verschönern suchen.
„Nun, dar wird wohl, so Gott will, bald sein, meine Theure! Wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich nach diesem frohen Tage sehne!"
Lucian wollte seine Braut abermals küffm.
„Nun, nun," sagte sie lachmd, indem sie ihn zugleich sanft zurückhielt, „wir sind noch nicht verheirathet, spare Dir eS für später auf. . ."
„Du kleiner Bösewicht!"
„Du weißt, daß ich eS nm gut meine. Nun wollen wir frühstücken. Wie findest Du diese Koteletten?"
„Ausgezeichnet!"
„DaS heißt, sie sind ein wenig stark gebraten."
„Ich kann'S nicht finden."
„Bist Du noch immer ebenso zuftiedev mit Deiner Stellung, bei Herrn Harmant als früher?"
Lucian zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Immer," antwortete er gleichwohl. Mein Chef setzt unbedingtes Vertrauen in mich, und in dieser Beziehung muß ich Dir etwas mittheilen, was Dir jedenfalls unangenehm sein wird."
„WaS gibt'S denn?" frag Lucie lebhaft. „Handelt eS sich nm eine schlechte Nachricht?" I
Solivean kehrte zu seinem Fiaker zurück, welcher noch immer unbeweglich da stand, wo er ihn zurück« zelaffen hatte.
„Bedürfen Sie noch meiner Dienste, Herr . . . zum nämlichen Preise?" frag der Kutscher lachend.
88.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(94. Fortsetzung.)
Ovide Solidem hatte, wie wir wissm, einen Fiaker genommen und sich nach der Rue Miromeseil bringen lassen.
Der Kutscher hielt vor dem ihm bezeichneten Hause, >j4)ibe zahlte, bat ben Kutscher jedoch, noch einige Sninuten zu warten und schritt dann auf die Wohnung Lucian'- zu. “
„Ja", antwortete Ovide, „ich bedarf Ihrer noch." „Ganz zur Verfügung".
„Sie sehen ja ein wenig weiter, etwa fünf und zwanzig Schritte von hier, einen Fiaker stehen."
»Ja."
„Nun wohl, sobald sich dieser Fiaker in Bewegung setzt, folgen Sie ihm so nahe, daß Sie ihn nicht einen Augenblick aus den Augen verlieren. Verstanden?"
„Gewiß."
„Sie bekommen die Stunde fünf Franken und oben- drein ein gutes Trinkgeld."
„Gut, steigen Sie ein, mein Herr!"
Ganz leise für sich setzte der Kutscher hinzu:
„Gewiß, ein verkleideter Polizeiagent, welcher einen Dieb verfolgt."
Ovide bestieg den Wagen, das Gesicht stets am Wagenschlag und den Blick fortwährend auf die Nummer 87 gerichtet.
Plötzlich gewahrte er, wie Lucian Labrone da- Haus verließ, diefeS Mal jedoch in einem anderen Kostüm.
Der junge Mann sagte einige Worte zu seinem Kutscher, die Ovide nicht verstehen konnte, stieg dann ein und schloß den Wagrnfchlag.
Nachdem der Wagen gewendet hatte, setzte er sich rasselnd in Bewegung und suhr auf den Fiaker zu, welcher Ovide als Beobachtungsposten diente.
Der ehemalige Theilhaber Harmant- beeilte sich natürlich, sich schleunigst tief in eine Wagenecke zu drücken, ließ dann, nachdem daS Gefährt Lucian'S vorbeigefahren war, das Borderfenster des Wagens herunter und flüsterte dem Kutscher zu:
„Jetzt vorwärts!"
„Gut, wir werden schon Nachkommen!" antwortete der Rosselenkcr und wendete seinen Wagen nach der nämlichen Richtung.
Urbrigens fuhr LucianS Wagen ziemlich langsam, so daß der Kutscher Ovide'S mit leichter Mühe folgen konnte.
Die beiden Wagen brauchtm etwa drei volle Viertel« stunden, ehe sie am Quai Bourbon anlangten.
Der erste Wagen hielt vor dem mit Nummer 9 bezeichneten Hause.
Das zweite Gefährt hatte inzwischen an der Ecke der Brücke kaum Halt gemacht.
Lucian sprang ans daS Trottoir, bezahlte den Kutscher und eilte sodann in ein alteS HauS hinein, in welchem er verschwand.
Ovide hatte natürlich mittlerweile aus Aller genau Acht gegeben.
„Jedenfalls wohnt hier seine Donna, einstweilen handelt eS sich darum, eS schlau anzulegen, um den Namen der Dame und den Stock, wo sie wohnt zu erfahren", dachte er bei sich.
Er verließ ben Fiaker.
»Sie haben gesehen, wo der junge Mam eilige«
* Freiburg, 16. Aug. Die Unvorsichtigkeit, Petroleum niS Feuer zu gießen, hat gestern abermals einer Frau daS Leben gekostet. Die Betreffende, Frau Rombach aus der Thurmseestraße, wollte mit Petroleum anscuern; es erfolgte eine Explosion und die Bedauernswerthe verbrannte vollständig.
* Sieben Jahre als Frau verkleidet. Vor dem Strafrichter des Wiener Bezirksgerichts kam unlängst eine Affaice zur I Sprache, Die großes Aufsehen hervorgerufen hat. Ein junger, vollkommen entwickelter Mann foll sieben Jahre als Köchin in den verschiedensten Häusern gedient haben. Die Verhandlung er» 8°°, daß die fast unglaublich zu nennende Geschichte vollkommen auf Wahrheit beruht. Albrecht Sachter heißt der interessante fünfundzwanzigjährige junge Mann, der eS zustande brachte, sich während eines großen Theils seines bisherigen Daseins mit dem Schimmer holder Weiblichkeit zu umgeben, ohne daß seine mann» l'che Würde entdeckt wurde. Durch sieben Jahre rasirte sich Albrecht Lackner sorgfältig, trug falsche Zöpfe und erschien in Frauenröcken, sowie entsprechend adjustirten Frauenleibchen; durch sieben Jahre auch sprach er mit leiser, gedämpfter Stimme, damit der rauhe Klang seines Organs ihn nicht verrathe. Und um den Schein vollständig zu bewahren, verschmähte Albrecht Lackner auch nicht, sich den Hof machen zu lassen. Sein ernstes Wesen, sein Fleiß und seine Nettigkeit erwarben ihm viele Freunde, ja zahlreiche Liebhaber, die eS ernst meinten. Sophie, so nannte sich Albrecht Lackuer nämlich, pflegte mit ihnen Par- tieen zu machen und Unterhaltungen zu besuchen, hielt aber strenge auf ihren guten Ruf. Lackuer, im Jahre 1868 geboren, war Zuckerbäcker-Lehrling und ist jetzt als Ladenbursche in einem Bäckerladen beschäftigt. DaS Dienstbotenbuch der „Sophie-Lackuer" weist nach, daß diese am 30. September 1886 in den ersten Dienst getreten. Richter: Warum haben Sie als Mädchen einen Platz gesucht? — Angekl.: Ich fand als Lehrling kein Unterkommen und dachte, daß ich als Mädchen meine Kochkunst besser verwerthen könne. — Richter: Sie hatten seit dem 30. September 1886 sehr viele Dienstplätze, nämlich 18 — hat man Ihr Ge-
Ein Wagen stanb bereits vor bem Hause.
... dachte Ovide bei sich. „Vielleicht ist er in biesern Kasten nach Hause gekommen! Dies werben wir erfahren müssen."
Er ging über bie Straße hinüber, trat auf ben F'aker zu unb sagte zum Kutscher:
”©ie sehen bfe^to'o^^ba^i^’ia vor einer Thüre I M^gen, sich zu seiner Brant zu beheben, deren stehe", antworte der Rosselenker. ’ sSSfttoie ?ir tol^en'.ne6en ber Wohnung Johanna
„Um so schlimmer." Zortier, lag, die man im ganzen Viertel unter dem
"Um o schlimmer?" Namen Mutter Lison kannte.
»Ei, weil ich Sie sonst bestellt hätte, und ich habe I wünschtt der junge Mann feiner
ttUr eine ganze kurze Fahrt zu machen."
„Dies käme mir allerdings sehr gelegen, denn ich komme von Berry und weiß nicht, wohin ich fahren foll. Aber »ch fahre auf die Stunde."
»Bon Berry!" dachte Ovide bei sich. „Jedenfalls war mern Mann da drinnen: offenbar putzt er sich etwas heraus, um seiner Donna seine Aufwartung zu machen. Jetzt kann er mir nicht entschlüpfen, und “ ww letzt nicht mehr entrinnen, so wahr ich Ovide heiße."
zu necken, wobei es der Hund an Liebkosungen nicht fehlen ließ, welche die junge Dame ahnungslos hinnahm. Plötzlich stellten sich allerlei Schmerzen in der Nierengegend ein und ein hinzugezogener Arzt konstatirte, daß die Dame am sogenannten Hundewurm leide. Eine in Jena ausgesührte Operation konnte das Uebel leider nicht beseitigen; vor einigen Tagen ist die bedauernswerthe junge Dame unter den entsetzlichsten Schmerzen in Gera gestorben.
* Behandlung des Bienenstiches. Der Stachel muß womöglich aus der Wunde entfernt werden. Dann läßt man kalte Umichläge folgen event. mit geschabten rohen Kartoffeln oder feuchter kalter Erde. Später legt man ein Läppchen mit Oel auf. Waschung mit verdünnter Ammoniak-Lösung wirkt auch gut. Erfolgt der Stich im Munde, dann kühle man mit EiS und gurgele mit Salzwaffer. Bei starker Schwellung mit Er- stickungs-Erscheinungen ist der Arzt hinzuzuzieheu. Nach vielen Stichen erfolgen zuweilen Erbrechen und Ohnmächten; einige Tropfen Aether in Wasser sind dann paffend.
(Erkannt.) „WaS darf ich denn dir zum Geburtstag schenke», liebe Taute?" — „Irgend eine Kleinigkeit, eine Zahnbürste oder dergleichen. ' — „Ach, Tantchen, renommir' doch nicht so!"
Der Grund. „WaS, deine Frau hat sich die Finger verbrannt und du dir den Magen verdorben, wie ist denn daS gekommen?" — „Selber gekocht hat sie!"
Dienstplätze, nämlich 18 — hat man Ihr Ge- , . . . ’dt? — Angekl.: Nein — nie! Ich hab' aber
auch einige lange Zeugnisse! — Richter: In einem Hause, und zwar bei Daniel Winter, waren sie dreizehn Monate — das ist richtig. — Wie haben Sie sich denn nur immer so unbemerkt ankleiden können? Hier liegt ber Zopf und hier sind die Tücher, mit denen Sie sich auSstopfen mußten, das Anziehen war demnach eine langdauernde Manipulation bei Ihnen. — Angekl.: Ich hatte das Anziehen schon in der Uebung. — Richter: DaS glaube ich, aber Ihre Stimme und der Bart? — Angekl.: Ich sprach wenig und arbeitete fleißig. — Richter: Und waren Sie bei jeder Affentirung? — Angekl.: Ich war bei jeder „Stellung" — ich kündete immer meinen Platz, stellte mich und wartete bann einige Zeit, bis mir die Haare wieder nachgewachseu waren, bann suchte ich mir wieder einen Platz. — Richter: Hatten Sie gar keine anderen Nebenabsichten mit Ihrer Ber- • kleidung? — Angekl.: Gar keine anderen, als mich leichter und besser fortbringen zu können. — Richter: Ihr Vater und Ihre Schwester wußten von der Verkleidung? — Angekl.: Sie wußten und billigten es. — Der Fleischhauer Stingl in Hernals, bei dem die „Sophie" bedienstet war, fällt über sie folgendes Ur- theil: „Sie war Bei mir sehr brav, sehr fleißig und ich bedauerte lebhaft, daß sie mir selbst kündigte!" Ihr letzter Dienstgeber, der Gastwirth Joseph Arnold, sagte dem Strafrichter: „Die „Sophie" war bei dem Waschtrog zu brauchen und in der Küchel! Sie war unermüdlich thätig, ehrlich und brav und es ist nur zu bedauern, daß nicht alle Frauenzimmer so san, als wia der Albrecht da bei mir war! Die „Sophie" nehmat i glei wieder zu mir. Albrecht Lackner wurde wegen Führung eines falschen Namens und Irreführung der Behörden in anbetracht der vielen mildernden Umstände zu einer nur vierunbzwanziastündigen Arreststrafe verurtheilt.
* (Der letzte Skat.) In einem Bierhause in Berlin waren kürzlich drei Herren eifrig beim Skatspiel, das für den dabei betheiligten Bäckermeister L. recht ungünstig verlief; er blieb ständig beim Verlieren und erklärte schließlich, nicht länger spielen zu wollen. Herr L. gab bie Karte ab unb erhielt ein Kreuzsolo. Mitten im Spiel ließ der Bäckermeister plötzlich seine Karten fallen unb stürzte vornüber; ein Herzschlag hatte dem Leben des Bäckers ein Ende gesetzt.
* Welch' schlimme Folgen die Liebkosungen eines HnudeS nach sich ziehen können, beweist folgender Fall. Eine junge Dame in Gera hatte bie Gewohnheit, sich mit ihrem Schooßhündchen
„Gut und schlecht zugleich, wie man'- nimmt. Wir werden uns zwei Sonntage nicht sehen."
Die Augen bes jungen Mädchens füllten sich mit Thränen.
. »Zwei Sonntage sollen wir uns nicht sehen!" wiederholte sie bann. „W-Shalb?"
»Ich werde zwei bis brei Wochen abwesenb sein. Herr Harmant schickt mich nach Bellegarbe, um ihn dort zu vertreten unb große Maschinen aufzustellen."
„Die- liegt wohl in unserem Interesse?"
„Durchaus, meine Theure."
________________________(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.