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Sonntag, den 13. August 1893.
M. Jahrgang
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bestimmender für die ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sind. Wenn die ökonomischen Verfalle in der Regel euch ein religiös-sittlichen Verfall bei den einzelnen Menschen und ganzen Völkern folgte, so folgt doch noch sicherer einer religiös-sittlichen Regeneration auch eine ökonomische und gesellschaftliche Erhebung. Der schlagendste Beweis dasür sind das christliche Mittelalter und die materialistische Neuzeit. Die katho- ltschen Sozialpolitiker sehen daher auch in der religiössittlichen Hebung des arbeitenden Volkes wie aller Stände nicht ihre einzige, aber ihre vorzüglichste Auf- gäbe. Und m so fern hat Herkner Recht, wenn er von ihnen sagt, daß ste „in der Machterweiterung der Kirche auch vom sozialen Standpunkte ihre vornehmste Aufgabe erblicken." Nur muß der Begriff „Machterweite- rung" richtig verstanden werden.
Auf die abfällige Beurtheilung der Wohlfahrtseinrichtungen durch Herkner wollen wir hier nicht eingehen. Es gehört das zum sozialistischen System, dem Herkner mindestens sehr nahe zu stehen scheint. WiA bemerken nur, daß auch wir in den Wohlfahrtseinrichtungen keineswegs die Lösung der sozialen Frage erblick«, daß wir sie aber für ein vorzügliches Mittel zur Erhaltung und Förderung des sozialen Friedens betrachten. Herkner selbst will ja auch durch seine abfällige Kritik nicht der Meinung Vorschub leisten, als ob die einzelnen Arbeitgeber durch chr persönliches Verhalten nicht viel zur Berschärsung wie zur Milderung sozialer Gegensätze beizutragen vermöchten."
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Deutsches Keich.
Berlin, 11. August.
* Die Rückkehr des Kaisers nach Berlin er- folgt Dienstag Früh, an welchem Tage die große Herbstparade der GardekorpS auf dem Tempelhofer Felde stattfindet.
* Die russische R gierung hat nunmehr den 50 o/J8ett Zuschlag auch auf die finnischen Eingangszölle gelegt. Die Folge davon wird zunächst sein, daß der BundeSrath auch für die Einfuhr von Finnland nach Deutschland den 50 °/0;gett Zuschlag in Anwendung zu bringen beschließt, falls nicht schon ein bezüglicher Eventualbeschluß gefaßt ist. Bon einem solchen war bisher nichts bekannt.
* Nachdem die Bank von England sich gestern m Folge deS starken GeldabgangeS genöthigt gesehen hat, den Diskontsatz um ein volles Prozent zu erhöhen, ist die deutsche Reichsbank heute diesem Beispiel mir einer Diskonterhöhung auf 5°/0 gefolgt. Infolge dessen gingen heute deutsche Anleihewerthe nicht unerheblich zurück.
* Ein schwerer Schlag steht den deutsche» Klei«« kapitalistes, welche mexikanische Staatspapiere besitzen, — und dar find namentlich in den Provinzstädten ihrer sehr viele — bevor. Wie verlautet, beabsichtigt die mexikanische Regierung eine ZinSverkürzung ihrer Anleihen vorzunehmen, um sich dadurch das Erfordernis in Sold zu erleichtern, das dnrch den Rückgang des SilberpreiseS und die Steigerung des Aufgelder auf Gold empfindlich erhöht worden ,st. Für die drei mexikanischen Staatsanleihen, welche sämtlich in Deutsch- land aufgelegt sind, hat die mexikanische Regierung s. Z. als Pfand für die richtige Verzinsung der Anleihen 35 Proz. der Zölle und Steuern bestellt. Die Zölle weisen nur einen ganz erheblichen Rückgang auf, die Steuern sind geringer ausgefallen und der Fehlbetrag in dem Staatshaushalt hat sich erhöht, unter diesen Verhältnissen scheint die Regierung den Weg beschreiten zu wollen, der in Portugal, Argentinien u. s. w. beliebt geworden ist, den einer Zinsverkürzung der Gläubigen. An der Berliner Börse ist vorgestern ein bedeutender Kursfall dieser Anleihen eingetreten; die 1890 6proz. Anleihe fiel auf auf 53*/2 Proz.
* Nachdem es in Folge der Frankfurter Finanz- Minister-Konfer nz für feststeht, daß der Reichstag sich nickt nur mit der Deckung der Ausgaben für die neue Militärvorlage, sondern auch mit einer umfassenden Steuerreform zu beschäftigen habe» wird, darf man annehmen, daß dem preußischen Landtage gesetzgeberische Vorlagen von großer Tragwerte nicht zugehen werden, da die Steuerreform im Reiche das Interesse und die Kräfte der politischen Faktoren in erster Lmie in Anspruch nehmen wird. Er verlautet auch über Vorarbeiten für den Landtag dreSwal weniger als je und ob Gesetzgebungen von politischer Tragweite, z. B. mit Beziehung auf die Schule rn Angriff ge
nommen werden, wird erst entschieden werdm, wem nach den Wahlen die Zusammensetzung des neuen Abgeordnetenhauses bekannt ist.
* Eine Deputation des Gastwirthverbandes beim Fiuauzmiuister Miquel hat vorgestern Morgen diesem so tote auch dem Staatssekretär Frhrn. von Maltzahn und dem Unterstaatssekretär v. Schraut gleichlautende Denkschriften übergeben. Dieselben zähle« eine Reihe von Mißständen auf, die nach der Ansicht der Petenten zu dem Niedergang der WirthsgewerbeS beitragen. Sie wenden sich gegen die sogen. Vereins- wirthschasten, das Zimmervermiethen mit Pension und die Privatkostgebereim, namentlich aber gegen den Flaschenbierhandel und -Berkaus, der konzessionS-, verordnungs- und im Kleinverkauf steuerfrei betrieben werden kann, während der Wirth nur unter Konzession, Verordnung, bedeutenden Stenern und großen Geschäftsunkosten dar Bier absetzen könne. Staatssekretär von Maltzahn sagte zu, daß die KonzessionSpflicht des Flaschenbierhandels oder- Verkaufs demnächst im Reichstage zur Berathung kommen sollte; die Regelung der Kantinen- und BereinswirthschaftSwesenS liege bereits dem Reichstag vor und zwar in einem den Petenten günstigen Sinne. Die Kantinen, Konsumvereine, Offiziervereine, sowie die Bierbrauer, die Bier an Private abgeben, würden danach künftighin besteuert werdm.
* In dem nächsten preußischen Etat wird sich auch der Abschluß der Reorganisation des Fabrik-Inspektorats vorfinden. Der Organisations-Plan wurde im Etat für 1891/92 ausgestellt und seine Durchfüh- rung in den dazwischen liegenden Jahren ganz in der Weise gefördert, wie sie ursprünglich beabsichtigt war. Auf 4 Jahre war die Durchführung berechnet. An Neueinsetzung einer großen Zahl von Stellen der Re- giernngS - Gewerberäthe braucht man diesmal nicht zu denken. Sie sind schon der weitaus größt« Mehrzahl nach für diejenigen Regierungs-Bezirke, die man bannt versehm wollte, vorhanden. ES handelt sich jetzt nur noch darum, 3 solcher Stelle» zu schaffen, und zwar für Danzig, Erfurt nnd Hildesheim. Dagegm soll diesmal die größte Zahl von Gewerbe-Jnspektoren nett angestellt werden. Während im ersten Jahre 24, im zweitm 21 und im dritten 25 zur Anstellung gelangten, beläuft sich deren Zahl diesmal auf 27. Dagegm wird es nicht röchig sein, im nächstm Etat noch neue Assistmten-Stellen auSzuwerfen, weil die anfänglich m Aussicht genommeneSZahl der letzteren schon im laufenden Etat erreicht war. Wmy die Reorgamsatron zum Abschluß gebracht sein wird, werdm w der Fabrik-Jn- speMon 26 RegierungS-Gewerberäthe, 97 Gewerbe-Jn- spektorey und 40 Gewerbe-JnspekttonS-Assistenten thatlg sein.
* Zu der zum 20. September anberaumtm Konferenz über AnsführnngSbestimmnnge» znr Sonntagsruhe in gewerbliche» Anlage» werd« nicht nur, wie sozialdemokratische Blätter behauptm, Vertreter der Arbeitgeber, sondern, wie unS bestimmt mitgetheilt wird, auch Vertreter der Arbeitnehmer geladen.
* Posen, 9 Aug. Die gestern Abend stattgehabte polnisch-katholische Volksversammlung im Kempf- schen Saale war, trotzdem Dziennik Pozn. und Kur. Pozn. von dem Besuche dieses Meetings abgerathen hatten, ganz außerordentlich zahlreich besucht. Der .Kulyer' hatte sogar geschriebm: „Kein auftichtiger Pole und Katholik werde sich daran betheiltgm." Der Saal war überfüllt, auf den Treppm und im anstoßm- den Garten drängten sich die Mafien, fast ausschließlich Anhänger der Ormdownikpartri, deren Stimmung eme außerordentlich gehobene war. Alle Ausführungen der Redner, welche die Hofpartei aufs Heftigste bekämpften, wurden stürmisch beklatscht. Emer d« Redner (TomaSzewSki) sagte, die Polen waren loyal, hätten aber von der Regierung kernen Dank geerntet. Ein anderer Redner betonte, ine W«9ec ’ Dt® hnmniftiartei wären gute Polen und Katho. Iren und keine Sozialisten und Umstürzler. Verschiedene polnische ReichStagsabgeordnete, besonders Cegrelskr, wurden jteityBiuyw » wurden vier Resolutionen
' Ä d«,.lb°° --«.h-M di- So., tommnifle in d-n lchl-n »olmlch.» lunaen welche durchaus nicht dem katholische« und polnischen Charakter entsprächen. Die zweitt Resolution verurtheilt den Vorsitzenden deS Krets-Wahlkowltees Posen wegen seines taktlose« BorgehmS, das der ganzm polnischen Sache Schaden bringe, und fordert dazu auf, ! die polnischen Wähler möchten in der nächsten Ber-
§ Gin Urtheil über die Sojialpoliltker des Katholizismus.
Heinrich Herkner beginnt eine abfällige Besprechung des zweiten Bandes des verdienstvollen Werkes von Dr. Julius Post md Dr. H. Albrecht „Musterstätten persönlicher Fürsorge von Arb itgebern für rhre Ge- schästsangehöcrgen" Berlin 1893 im Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. VI H 2 mt folgender oberflächlichen BeunHeilung der katholischen Sozial- Politik: ..
„Unter den verschiedenen Erklärungsversuchen, die unternommen worden sind, um die Entstehung einer sozialen Frage dem Verhältnisse näher zu bringen, sind mir immer diejenigen, als die oberflächlichsten erschienen, welche alle sozialen Nebel ganz einfach aus die schlechte böse Gesinnung einzelner Stände oder gar Personen zurückführen. Der oder die Einzelnen sollen dann den Charakter der Klasse mehr bestimmen, als die Klasse bte Stellung der ihr angehörigen Glieder bedingt. Diese Annahme erscheint begreiflich und folgerichtig, wenn sie von den Anhängern einer Konfession auSgeht, die in strengem Indeterminismus nicht zugestehen mag, daß äußere und namentlich sozialökonomische Zustände auf die moralische Entwickelung des Einzelmenschen einen schwerwiegenden Einfluß ausüben. Man kann es insofern verstehen, wenn Sozialpolitiker des Katholizismus die Lösung der sozialen nur dann von der Wiederausbreitung kirchlicher Gesinnung und christlicher Moral erwarten und deshalb in der Machterweiterung der Kirche auch von sozialen Standpunkte ihre vornehmste Aufgabe erblicken.
So weit Herkner, dem wir Folgendes erwidern:
1) Die katholische Kirche hält streng fest an der Freiheit des menschliche« Willens «vd hat dieselbe gegenüber de« Determinist n stets vertheidigt, gestützt ebenso auf die Lchren der Offenbarung wie auf die Thatsachen der Erfahrung. Die katholischen Sozial- politiker müssen sich daher zu dieser Lehre bekennen. Es ist dies aber so wenig ein Hemmschuh für sie, daß vielmehr nur auf Grund der Annahme der menschliche« Willensfreiheit von einer vernünftige« Sozialpolitik Rede fein kann; den« ohne diese Annahme hat man nur die Wahl zwischen zwei sozialpolitischen Systeme«, nämlich zwischen der Ungebundenheit des liberalen WirthschaftSsystemS und der gebundenen Marschroute des radikalen Sozialismus. Leugnet man die menschliche Willensfreiheit, so muß man entweder die Menschen gleich btit unvernünftigen Thier en sich im Kampfe ums Dasein gegenseitig aufreiben lassen , oder aber sie wie Horden in den sozialistischen ZuiunftSstaat ein- pferchen. Eine» Mittelweg gibt eS ka nicht mehr.
2) Die katholische Kirche lehrt die unbedingte Freiheit, aber nicht eine unbedingte Indifferenz deS menschlichen WillenS. So sehr setzt ste sich mit der that- fächlichen Erfahrung nicht in Widerspruch. Sie lehrt, daß der menschliche Wille sich immer unbedingt für das Gute entscheiden kann; aber auch, daß er that- sächlich sich meist für dar unter bett gegebenen Verhältnissen Naheliegende faktisch entscheidet. „Ich gebe ihnen darum auch gerne zu", schreibt der neueste katholische Bertheidiger der Willensfreiheit gegenüber deren Gegner, „daß fast Alles bei menschlichen Entscheidung-« auf Charakter, Erziehung und die äußeren Verhältnisse ankommt, in welche unS die Vorsehung gesetzt hat, und also der Spielraum unserer Freiheit meist ein sehr engbegrenzter ist" (Gutberlet. Die ÄillenS- freiheit und ihre Gegner. S. 270.) Demnach sind die katholischen Sozialpolitiker nicht Anhänger einer Konfession, „die in strengem Indeterminismus nicht zugestehen mag, daß äußere und namentlich sozial- ökonomische Zustände auf die moralische Entwickelung der Einzelmenschen einen schwerwiegend« Einfluß aus- Üben." Wozu sollen denn sonst gerade die katholischen Sozialpolitiker so sehr auf gesetzliche Maßnahmen und Wohlfahrtseinrichtungen dringen, welche zum Schutze und zur Hebung der Sittlichkeit bienen sollen? Sie könnte« ja und müßten sonst mit der mor alischen Einwirkung sich begnügen, ohne auf ökonomische Einrichtungen Werth zu legen.
3) ES ist daher auch die Behauptung unrichtig, daß die Sozialpolitiker deS Katholizismus die Lösung ber sozialen Frage nur von der WiederauSbreitung kirchlicher Gesinnung und christlicher Moral erwarten." Freilich sind die katholischen Sozialpolttiker nicht Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung, wonach Religion und Sitte einzig dar Produkt der jeweiligen ökonomischen Verhältnisse sein sollen. Denn die Geschichte, wie die tägliche Erfahrungen zeigen, daß, wie sehr auch die ökonomischen Verhältnisse auf Religion und Sitte einwirken, dennoch Religion und Sitte noch