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v 179 Dienstag, den 8. August 1893. 20. Jahrgaus

FuldaerMZkitllng

Btt.o wg

S- Die soziale Kedeutuug der Kaiffeisek- Dereine

ergibt sich in klarer Weise aus einer Mittheilung deS Pfarrers Mauer iu Fehlheim an der Bergstraße, welche derselbe im,Landwirrhschastl!chen Genossenschafts, blatt Nr. 4 d. I. macht. Derselbe zeigt an einem praktischen Beispiele aas seiper Gemeinde, wie die Darlehens lass en-Vereine sich nutzbar machen lassen zur Seßüaftmachung kleiner Leute.

Ais Pfarrer Mauer vor 3 Jahren in die Gemeinde Fehlheim kam, sand er alsbald, daß dort ein großer Mangel an guten und gesunden Wohnungen für kleine Leute herrsche. Sowohl wegen der gesundheitlichen als auch der sittlichen Gesahcen, welche das Zusammen- pferchen vieler Menschen in den engen Mieihsräumen mit sich bringt, begann er alsbald auf Abhilfe zu sinnen. Der erste Schritt in dieser Richtung war die Gründung eines Spar» und Darlthenskussen-Vereins, welche sich ohne groß.» Schwierigkeiten,irr kurzer Zeit vollzog. So­dann trat der Vorstand des Darlehenskassen - Vereins in Unterhandlung behufs Erwerbung eines geeigneten • Bauplatzes, welcher sich in entsprechender Lage mit einem ungefähren Fläcyen-Jnhalte von 90 Klaftern, zu 3 Mark dar Klafter, ankaufen ließ. Ein tüchtiger Bau­unternehmer fertigte einen Bauplan sammt Kostenvor- anscklag an und so konnte, nachdem der Voranschlag geprüft und zweckmäßig verbessert war, dos Bauen los- gehen. Man entschloß sich, Zwilliugshäuser, d. h. jedesmal zwei Häuser unter einem Dache zu bauen, welche von allen Seiten freistehen sollten. Um Streitig­keiten der Einwohner vorzubeugeu, soll jede Wohnung einen eigenen Eingang haben und so eingerichtet sein, daß keiner der Bewohner einen Schritt in das Gebiet des andern zu thun hat. An den Hof schließt sich bei jeder Wohnung ein ziemlich geräumiger Garten an und auf der Grenze der beiden Höfe bt findet sich ein ge­meinsamer Ziehbrunnen. Betreten wir das Innere des Hauses, so haben wir rechts vom Eingang eine schöne Küche, 3 Meter lang und 21/» Meter breit; links ein völlig isolirteS Zimmer, 3 Meter lang und 2l/z Meter breit szum Bermiethen an eine einzelne Person geeignet). Die Zimmerchür gerade vor uns führt in ein größeres freundliches Wohnzimmer von 4 Meter Länge und 4 Meter Breite und rechts davon ist eine SLlafkammer von 4 Meter Länge und 3 Meter Breite. Vom Haus­gange au« führt uns eine abgeschlossene Treppe hinauf auf den Speicher und unter derselben eine solche in den Keller, dec vollständig Platz zur Aufbewahrung der nöthigen Lebensmittel bietet. Die Bewohner der Häuser zahlen alljährlich die Zinsen des Baukapitals und eine kleine AmortisationS.Quote: ein jeder im Ganzen jähr­lich 130 Maik. Wenn man nun bedenkt, daß bislang für eine Wohnung von zwei einigermaßen annehmbaren Simmern in Fehlheim beiiä< fiz 100 Mark MiethzinS zu zahlen waren und man sich dabei noch mancherlei gefallen lassen und stets gewärtig sein mußt-, gekündigt zu werden, so springen die Vorzüge dieses Bau-SystemS unmittelbar in Sie Augen.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(84. Fortfetzung.)

81.

»Hast Du Herzklopfen?" fuhr Harmant fort.

„Nein, es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Es ist, als ob sich eine Hand in meine Brust hineingelegt und mir das Herz zusammenpreßt, Vater," setzte daS junge Mädchen die Stimme dämpfend hinzu, „ich muß Dir heute ein Geständniß ablegen und Dir die volle Wahr­heit sagen."

„Sprich, meine Theure."

Mary erfaßte jetzt die beiden Hände ihres Vaters und sagte bann zu ihm, während sie ihr abgemagertes Gesicht und die thränenerfüllten Augen zu ihm hinwandte:

„Mein größter Schmerz ist die Besorgniß, Dich zu betrüben. Ich habe es wohl verstanden, daß Du für mich das beabsichtigst, was man eine glänzende Hcirath nennt, dc.S heißt, eine Verbindung mit einer reichen Familie, etwa wie wir, und die dazu einen Namen, einen hochkimgenden Titel führt — nicht wahr?"

„Allerdings ... Ich möchte für Dich eine Hei- rarh mit einem Gatten, der so hoch steht, daß Du von allen Frauen beneidet würdest."

„Nun wohl, Vater, Du darfst nicht mehr daran denken, denn die Verwirklichung Deiner Wünsche ist

Dieses Beispiel der Gemeinde Fehlheim verdient wohl Nachahmung, indem auf diese Weise die Raiff­eisen - Vereine einen nicht zu unterschätzenden Beittag zur Lösung der ländlichen Arbeiter-Frage zu bieten im Stande wären. Würde man den ländlichen Arbeitern die Möglichkeit bieten, sich ein Häuschen mit einigem Grunde und Boden zu eigen zu erwerben, so würde sich ihnen leichter klar machen lassen, wie viel vortheil- hafter und angenehmer eS sei, auf dem Lande in der frischen und gesunden Luft und in einem zu eigen ge­hörenden Besitzthurne zu leben, als in den engen, dumpfen Miethswohnungen der Städte und den qualmigen Ar­beitsstätten oer Industrie.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. August.

* Etwa 12 Steuer-Projekte wird Herr Miquel mit nach Frankfurt bringen. Das Hauptsteuer-Ob­jekt ist nach wie vor der Tabak. Als Dekoration kom­men noch einige „Luxusstmern" hinzu, doch wird der Tabak selbst schon als Luxus betrachtet. Auf diese Weise kommt man bequem um das Versprechen herum, die schwächeren Schultern nicht belasten zu wollen. Man erklärt einen Gegenstand des allgemeinen Gebrauchs für Luxus und besteuert ihn so mit gutem Gewissen. Der kleine Mann muß seine 3-Pfennigs-Cigarre verhältniß- mäßig höher besteuern, als der reiche seine 20-Pfen- nigS - Cigarre, das ist wahr, aber weil das Rauchen Luxus ist, ist eS gerecht. Mit dem Schnaps ist daS eine andereSache, ihn zu trinken ist allerdings LvxuS; aber da es „sehr nobel" ist, ihn zu brennen, 'kann man das Trinken nicht noch mehr besteuern, denn dann kämen die „Feinde der Landwirthschafl" und verlang­ten gleichzeitig die Verkürzung der Liebesgabe der Bren­ner. Wenn ein Börsenblatt recht berichtet, ist eS ja jetzt die Hauptsorge unserer Finanzmänner, Steuern zu finden, die sie vor dem Vorwurf schützen, die Besitzen­den in ungerechtfertigter Weise heranzuziehen. Die früheren Versprechungen sollen also völlig auf den Kopf gestellt werden, aus der Schonung der Besitzlosen wird eine Schonung der Besitzenven. Ein Glück nur, daß der Steuerwagen am Prellstein des CentrumS um- geworfen wird.

* Auf der Miuister-Kouferenz in Frankfurt a. M. werden, wie nunmehr aus einer in der.Nordd. Allg. Ztg.' veröffentlichten Liste hervorgeht, sämmt- liche Bundesstaaten durch die Leiter ihrer Finanzen vertreten fein. Die Konferenz wird nicht auseinander« gehen, ohne sich Über die sog. Reichssteuerreform und über die dem Reichstage vorzuschlagenden neuen Steuern grundsätzlich geeinigt zu Haden. Die Aus- arbeitung des ganzen Planes und der einzelnen Pro­jekte in Form von Gesetzentwürfen findet bann erst später statt, ist aber, wenn man sich über die Grund­sätze geeinigt hat, nur noch eine formelle technische Arbeit.

* In der Zeit der ReichstaqSWahlagitation setzte die nationalliberale Hnrrah-BeWillignngs-Preffe unmöglich. Nur eine einzige Heirath kann mich wahr­haft bi friedigen. Wenn dies nicht angängig fein sollte, so werde ich niemals heiratben. Vater, seit 2 Monaten le-.de ich sehr darunter, daß ich Dir ein Geheimniß verheimlichen mußte, welches mein Herz birgt — seit 2 Monaten liebe ich Jemanden."

Abermals schauderte Jakob Garand zusammen. „Lucian Labrone. nicht wahr?" rief er ans. »Du wußtest es?" antwortete Math ganz erstaunt. „Ich habe eS vermuthet." „Nun wohl, er ist es allerdings, den ich liebe, mehr als mein Leden .... mehr als Alles auf der Welt, ausgenommen Du selbst, den ich stets lieben werde." Der falsche Harmant war ebenso bleich geworden als seine Tochter.

„Aber," rief er händeringend auS, „diese Liebe ist unmöalich — unsinnig!"

„Oh, sage dies nicht!" vnsehte das junge Mädchen in Thränen aurbrechend. „Versuche nicht, mich durch unnütze Bernunftgründe zu überzeugen — nichts auf der Welt ist im Stande, meinem Herzen eine Zunei­gung zu entreißen» welche mit meinem Leben unzertrenn­lich verbunden ist! Und weshalb soll übrigens diese Zuneigung unsinnig sein? Freilich ist Lucian arm, und wir sind reich — aber was liegt daran? Lucian ist von einfachem Herkommen — aber gehören wir denn etwa dem Adel an? Ober ist es mir etwa darum zu

mit süßem Tone entgegen ihrem bisherigen Thun und • Handeln plötzlich*die Nachricht in die Welt, daß zur t Deckung der Heereskofien die breiteren Schultern, die reicheren Leute herangezogen werden müßten. Die nationalliberalen Kandidaten merkten sich das Sprüch- ■ lein und beteten es auf jeder Versammlung den ängstlich in die Zukunft schauenden Bauern vor und stehe, er verfing, trotzdem wir stets davor warnten; denn der- j artige Manöver kennt man bei den Herrn National- liberalen, die in Bezug auf Charakterfestigkeit die schönste Chamäleonsnatur haben, die man finden kann. Selbst die »Köln.Ztg.-, das Hauptorgan für „Bildung i und Besitz", wie sie so gern selbst die Großkapitalisten ' nennt, trompete in obigem Sinne mit. Nun aber kommt die Chamelonseigenschaft schon zum Vorschein. I Wie sie erkennt, daß man ernstlich an eine stärkere - Heranziehung deS Großgeldsacks denkt, flugs, wechselt sie die Farbe und stellt in lodernder Entrüstung zu­sammen, daß die „höchsten Einkommen an Einkommen-, ; Vermögens-, Gemeinde-, Kirchen u. s. w. Steuern" | mindestens 10 pCt. zahlen müßten und fügt hinzu:

„Nun können wir uns ja leicht vorstellen, daß der demo­kratische Theil des Centrums, der von der Aufwiegelung der j Volksmassen lebt, cs ohne weiteres mit Freuden begrüßen würde, ! wenn durch mögliche Steuerbelastung die reichen Leute thunlichst rasch aus dem Lande getrieben würden. Bon s den 10 Prozent direkten Steuern, die sie hier in Preußen be- i zahlen, könnten sie an vielen schönen und verlockenden Orten der Erde außerhalb Deutschlands, wo es kaum ; indirekte Steuern gibt, sich ein sehr angenehmes Leben bereiten, > und sie würden doch schwerlich den Angriffen eines Dr. Böckel - oder Dr. Liebers und ihrer Genossen ausgesetzt sein."

Dieser Entrüstungsschrei verdient in seiner vollen | Schönheit und Jnhaltlichkeit weiter verbreitet zu wer» - den. Vor Annahme der Militärvorlage war Deutsch« ; land daS Land der niedrigsten Steuern, jetzt gibt eS j »viele schöne und verlockende Orte" wo kaum indirekte j Steuern gezahlt Werben. Damals sollten die „trag- fähigen Schultern" belastet werben, jetzt würben die »reichen Leute thunlichst rasch aus dem Laube ver­trieben", wenn die neuen Lasten wirklich die trag- fähigen Schultern treffen. Nur von einem spricht die -Köln. £tg.' nicht: Die Ueberlaftung der unteren Bolksklassen durch die indirekten Steuern ist ihr völlig gleichgiltig und in der Ordnung. Die i Unwahrhaftigkeit der ganzen Agitation für die Militär­vorlage tritt in der That immer klarer hervor, mit ‘ ihr ober auch die wahre Absicht, die man an gewissen < Stellen für die Decknngsfrage hegt. Sobald er an dar Steuermachen geht, bat eben der Wahltags-

i Patriotismus von jeher ein Ende gefunden.

* Offenbach a. M , 5. Aug. Der deutsch-russi- scheZollkneg hat hier bereits zu verhättnißmäßig größerer i Arbeiter-Kündigungen geführt.

Ausland.

> * Rom, 5. Ang. Der Anklage-Akt gegen die

j Römische Bank beziffert die Überschreitung des Noteu-Umlaufs auf 60,784,792 Lire und daS durch fictive Konto-Korrent-Einttagungen gedeckt erscheinende Kassen-Defizit auf 28,596,106 Lire. Die Vertheidigung

\ thun, einen vornehmen Titel zu führen? Soll ich mein Herz verkaufen wegen eines Titels? Ich würde mich - selbst verachten, wenn ich mich einer solchen niedrigen i Gesinnung für fähig hielte. Lucian besitzt Talent, Muth und Willenskraft, also ist die Zukunft fein. Ich

! liebe ihn, und besäße er nichts von alledem, so würde i ich ihn gleichwohl lieber. Vater, Du willst nicht, daß ; ich Dich Verlässe: nun wohl, wenn Lucian Dein Theil» Haber wird, so werde ich stets bei Dir bleiben. Dies

। würbe Dir noch mehr ein glückliches Heim bilden als jetzt .... Lucian würde Dich lieben, wie ich Dich jetzt liebe, Du würdest anstatt eines Kindes deren zwei

; haben . . .

Garand schwieg.

„Liebst Du mich, Vater?" fiug daS junge Mäd­chen weiter.

„Ob ich Dich liebe, theureS Kind. Du fragst dies noch?" sagte er, indem er Mary stürmisch an seine ; Brust drückte.

„Du willst mich also nicht sterben sehen?"

„Du, sterben? Ich möchtt mein Leben opfern um daS Deinige zu retten!"

„Es handelt sich nicht darum, Dein Leben zu op« ' fern, sondern nur Lucian als Deinen Sohn anzuneh« men. Wenn Du meiner Bitte willfahrst, dann bin ich gewiß, daß ich meine Gesundheit wiebererlange