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Beilage zu Nr. 178 der „Fuldaer Zeitung".

Sonntag, den 6. August 1893.

FCC. Die medizinische Fakultät an der kathol. Universität zu Freiburg in der Schweiz.

Auf der vorjährigen General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in Mainz bat das katholische Deutschland mit Freu­den die Thatiache der Errichtung der katholischen Universität in Freiburg in der Schweiz entgegengenommen u d der vom Frei- burgischen Staatsrath Bossy dort ausgedrückten Hoffnung, bald auch eine katholische medizinische Fakultät errichtet zu sehen, den vollsten Beifall gezollt. In der That sind die Opfer, welche das kleine Freiburger Völklein für diese katholische Universität, die einen internationalen Charakter haben soll, gebracht hat, höchst bewunderungswürdig. Dasselbe, bloß 120 000 Seelen zählend, »hat bereits 41/» Millionen für dieses eminent katholische Werk geopfert, ein Beweis dafür, daß der Geist und der Glaube des seligen Canisius, des Gründers so vieler Kollegien, noch lebendig in diesem Volke fortlebt. Deswegen beglückwünschte auch der hl. Vater Leo XIII. im Bestätigungs-Breve an den Herrn Staats­rath Python das FxMurger Volk zu diesem heroischen Opfer und spricht Darin die Hoffnung aus, „daß, weil eine katholische Uni­versität von allgemeinem Interesse sei, nicht bloß die Schweiz, sondern auch die Katholiken anderer Länder eine thatkräftige Hilfe nicht versagen werden."

Ja, der hl. Vater ist für diese Universität derart eingenom­men, daß er kein Hehl daraus machte, die Gründung derselben als sein Werk zu bezeichnen. Bei dec Anrede an die Schweizer Pilger gelegentlich der Jubiläums-Wallfahrt nach Rom sprach der oberste Lehrer der Kirche mit feierlicher und gehobener Stimme:. . . . „Wir haben es Uns angelegen sein lassen, die schöne katholische Freiburger Universität in's Leben zu rufen. Wir beschützen dieselbe mit Unserer erhabenen Autorität und wer­den ihr mit allen Kräften beistehen ; denn ihrer harrt eine große Zukunft und sie wird, so hoffen Wir es, eine Leuchte der Wissen­schaft werden, deren wohlthätige Strahlen weit in die Ferne dringen fallen." Der Statthalter Jesu Christi spricht da klar und für alle Katholiken verständlich.

Das Freiburger Volk hat mit seinen 4*/s Millionen drei vollständige Fakultäten gegründet: die theologische, an welcher 10 der gelehrtesten Dominikaner-Patres Tbeologie und Philoso­phie im Geiste des hl. Thomas doziren; die philosophische und juristische, deren Professoren meistens deutsche sind; die Natur­wissenschaft als Einleitung in die medizinische Fakultät kann im Jahre 1894 ebenfalls eröffnet werden; es fehlen nur noch die Mittel zur vollständigen medizinischen Fakultät. Die katholische Schweiz und auch die Katholiken der übrigen Länder werden die Sprache des hl. Vaters verstehen und gewiß in irgend einer sich darbietenden Weise ihr Scherflein zu diesem größten Werke der Herstellung einer katholischen medizinischen Fakultät mit Freuden beitragen. Die liberale Presse hat zwar schon bei Eröffnung der drei genannten Fakultäten ihren Unwillen zu erkennen gegeben; bei der gegründeten Aussicht auf die Verwirklichung der katho­lischen medizinischen Fakultät aber kannte ihre Wuth keine Grenze mehr; wie! rief sie einstimmig aus, eine katholische medizinische Fakultät am Ende des 19. Jahrhunderts? Ja, sie wird kom­men! Dafür bürgt das entschiedene Auftreten des heil. Vaters für die Universität, die Solidarität der Katholiken und der Schutz des fei. Petrus Canisius, des Gründers von 14 Kollegien in Deutschland und Oesterreich, der verschiedenen nationalen Kollegien in Rom und endlich des Benjamins seiner Werke, des Kollegs St. Michael in Freiburg, welches er zu seinen Lebzeiten schon mit einer Hochschule gekrönt zu sehen wünschte. Im Jahre 1897 wird das 300jährigeJubiläum des glorreichen Todes des großen Gelehrten und Apostels Deutschlands, des seligen Canisius, in Freiburg feierlichst begangen werden; hoffen wir, beten wir und arbeiten wir daran, daß bann auch die katholische medizinische Fakultät in ihrer Vollendung dastehe, als ein unwiderlegbarer Beweis, daß zwischen dem übernatürlichen Glauben und den Naturwissenschaften kein Widerspruch besteht, sondern daß beide die gleiche Quelle haben, aus der sie hervorgehen, die da ist der Logos, die ewige Wahrheit und Weisheit Gottes.

Die katholische Freiburger Uuiversität wird also im wahren Sinne des Wortes universell, international sein und nur eine Grenze kennen, jene der göttlichen Wahrheit, die sie nicht über­schreiten wird.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(83. Fortsetzung.)

80.

„Da kannst ruhig sein," antwortete Ovide lachmd. „Ich werde durchaus vernünftig sein. Ich will leben, wie es in irgend einem Liede heißt, mit zufriedenem Sinn, genügsam mit Wenigem, als ein kleiner ruhiger Rentner, der seine sauer erworbenen Gelder behaglich verzehrt."

„Ich wünsche es," bemerkte Harmant, während er ganz leise für sich hinzufüqte:

„Möchte es wahr sein!"

„Dann öffnete er seinen Geldschrank, nahm ein Bündel Banknoten hervor und reichte sechs davon still­schweigend seinem ehemaligen Geschäststheilhaber.

„Danke, danke, Vetter!" rief der Letztere grinsend aus, indem er die Banknoten einstkckte. „Jetzt möchte ich Dich etwas fragen."

„Noch etwas?"

„Run, es handelt sich nicht um Geld."

„Um was denn also?"

„Ich wollte Dich bitten, mit mir zu frühstücken, damit wir bei einem Glase guten Weines unser Wieder­sehen feiern."

„Heute ist es mir unmöglich."

„Weshalb?"

„Ich bin nicht frei, ich habe Geschäfte, welche ich nicht aufschieben kann, und die meine ganze Zeit in Anspruch nehmen."

„Dies thut mir leid, aber ich denke, daß Du dann meine Einladung für einen anderen Tag annimmst."

„Gewiß, sobald Du Dich irgendwo eingerichtet haben wirst, werde ich Deine Wohnung in Augenschein nehmen."

„Gut also. Wir wollen natürlich gute Freunde bleiben, und Du sollst Dich nicht über mich zu be­klagen haben. Wir sind verbunden auf Leben und Tod — wenn Du meines Dienstes vielleicht einmal eines Tages bedürfen solltest, so denke daran, daß ich da bin!"

In diesem Augenblicke klopfte es leise an die Thür, und der Bureaudiener erschien.

„Wer ist da?" frug der Fabrikbesitzer.

„Herr Lucian Labrone wünscht Sie zu sprechen," antwortete der Diener.

Als Ovide diesen Namen hörte, schrak er zusammen, und in dem Augenblicke, wo der junge Mann zum Kabinet hereinkam, hätte er ihn verschlingen mögen.

„Ich will mich also zurück ziehen und Sie nicht stören, Herr Harmant," sagte Ovide, „ich rechne auf das Versprechen, das Sie mir freundlichst gegeben haben."

„Ich werde er nicht vergasen."

Ovide Soliveau verließ das Kabinet, nachdem er ehrerbietigst gegrüßt hatte und der falsche Pc ul Har­mant blieb mit Lucian Labrone allein. . .

Während Ovide auf die Pferdebahnhaltestelle zu­schritt, dachte er bei sich:

„Also den Namen Labrone's hat da eben der Bureaudiener ausgesprochen — Labrone hieß auch der Ingenieur, den Jakob Garand bestohlen und dann er­mordet hat. Der Sohn des Opfers im Dienste des Mörders — dies wäre wirklich sonderbar! Jedenfalls aber ist es so, und deshalb hat mein theurer Vetter mir auch wohl keine Stelle in seinem Geschäfte geben wollen. . . Offenbar hat Jakob irgend etwas int Schilde, daß er diesen jungen Mann zu sich gezogen hat. . . Was freilich, dar weiß ich noch nicht, einst­weilen wenigstens, aber ich bin schon sicher, daß ich es herausfinden und es zu meinem Nutzen verwerthen werde."

Der Eintritt Lucian Labrone's in das Kabinet des falschen Paul Harmant hatte Letzteren verhindert, über die möglichen Folgen des AuftauchenS Soliveau's in Paris nachzudenken; als er sich indeß nach wenigen Minuten wieder allein befand, ließ er sich auf einen Stuhl fallen und nahm die brennende Stirne auf seine zitternden Hände.

„Man soll sagen, der lebendige Gottseibeiuns habe seine Hände im Spule!" murmelte er grimmig vor sich hin.

„Ein Gespenst nach dem anderen taucht vor mir auf und droht mir — Lucian Labrone, Johanna Portier und nun noch zuletzt mein guter Ovide. Es ist zum Verzweifeln — es ist, als ob sie sich verab­redet hätten, mir keine ruhige Minute mehr zu lassen!"

„Dieser elende Ovide ... Er wollte in mein Ge­schäft eintreten, ganz in meiner Nähe, wo er jede« Tag in Berührung mit diesem Lucian Labrone kommen würde, dessen Geschichte er bald nebst der vollen Wahr­heit erfahren haben würde. Ein Wort Ovide's an Lucian würde hinreichen, um mich zu verderben! . . . Und dieser Mann lebt. . . Weshalb habe ich ihn nicht zertreten wie eine giftige Schlange! ... In Amerika habe ich ihm den Mund mit Gold gestopft. Jetzt kommt er ärmer als je zuvor zurück. Er droht . . . und ich gehorche ihm . . . muß ihm gehorchen! Oh, es ist schrecklich, schrecklich! Oh, diese drei Per­sonen, deren Existenz für mich eine beständig drohende Gefahr bildet — wenn ich sie nur bei Seite schaffen könnte!"

Einige Minuten lang saß Jakob Garand schweigend da, wie niederzebeugt unter der Wucht einer unerträg­lichen Last.

Plötzlich richtete er sich hastig empor und sagte dann zu sich selbst:

„Aber weshalb soll ich verzweifeln? Ovide habe ich in meiner Gewalt durch das Geld. Lucian sieht in mir nur seinen Wohlthäter und segnet den Stern, der ihn zu mir geführt hat! Und Johanna — nun, man wird sie jedenfalls wieder ergreifen. Ich erschrak ohne Grund, bis jetzt ist noch keine Gefahr vorhanden. Uebrigens werde ich auf meiner Hut sein und wohl Acht geben."

* •

*

Ovide hatte sich sogleich nach seiner Rückkehr nach Paris auf die Suche nach einem Logis gemacht.

Nachdem er drei Tage lang überall umher gesucht hatte, fand er schließlich im Viertel deS Baügi.olles einen kleinen Pavillon mitten in einem ebenso kleinen Garten.

Dann kaufte er einige Möbel, und nach Verlauf von achtundvierzig Stunden war er so ziemlich einge­richtet.

Hierauf fchrieb er folgende Zeilen an Harmant: „Theurer Vetter!

„Ich habe eine ganz hübsche Wohnung in der Avenue Clichy Nr. 112 entdeckt, im Viertel des Ba- tignolleS. Ich denke, daß ich binnen Kurzen das Ver­gnügen habe, Dich bei mir zu sehen. Du magst mir

es Tags vorher mittheilen, und ich werde alsdann daS Frühstück aus dem Restaurant Latuile bekanntlich einem berühmten Hause, kommen lassen."

Nachdem Paul Harmant diesen Brief gelesen, und sich die angegebene Adresse wohl gemerkt hatte, ver­brannte er ihn.

Um den düsteren Gedanken zu entrinnen, welche ihn trotz seines sisten E'tschlusses, muthig gegen jede Gefahr anzukämpfen, nicht verlassen wollten vertiefte er sich immer mehr in seine Arbeit und verließ meist schon früh Morgens sein Haus in der Rue Murillo, wo Mary sich schrecklich langweilte.

Sie hatte mit einer Freundin die Werkstätte des Malers besucht.

Der Künstler hatte ihr eines seiner Gemälde über­lassen und ihr versprochen, andere für sie zu suchen.

Math hatte seit der Zeit Luc-an ein einziges Mal wiedergesehen und hatte sich ihm natürlich sehr liebens­würdig gezeigt — so liebenswürdig, daß Lucian, welcher durch die sichtlichen Aufmerksamkeiten deS jungen Mäd­chens immer mehr in Verlegenheit gerieth, es nunmehr absichtlich vermied, mit Mmy zusammenzutnffen.

Mary litt an Leib und Seele.

Ihre verkannte, um nicht zu sagen verschmähte Liebe brach ihr das Herz und vermehrte nur ihre körperlichen Leiden.

Sie wurde mit jedem Tage immer bleicher und magerte zusehends ab, so sehr, daß Paul Harmant, seine eigenen Qualen vergessend, sich über den Zustand seines KindeS nicht wenig grämte.

Die Aerzte gaben fortwährend die nämliche Arznei, und wie die Wissenschaft oft gewisse Kranke, deren Zu­stand ein verzweifelter ist, in die Bäder schickt, so sagten sie schließlich einstimmig zu dem unglücklichen Vater:

„Sehen Sie, daß dieses Kind heirathet. Die Ehe wird wahrscheinlich mehr vermögen, als unsere Wissen­schaft zu thun im Stande ist."

Jakob Garand sah sich schließlich vor die Wohl gestellt, entweder seine Tochter zu verheirathen, oder sie bald zu verlieren.

Eines Morgens entschloß sich Mary, den Schlag gegen ihren Vater auszuführen, welchen sie bereits seit geraumer Zeit ersonnen hatte.

Sie befand sich in ihrem Zimmer, wohin Harmant jedes Mal, wenn er sich zur Fabrik begab, gmg, um seine Tochter eben zu begrüßen.

Es klopfte also leise an der Thüre.

„Herein!" rief das junge Mädchen.

Die Thüre ging auf.

Es war Harmant.

Mmy hatte sich angekleidet, aber heute, wo es draußen kalt vnd düster war, fühlte sie sich, wie mei- stens, wenn die Witterung schlecht war, leidender als

sonst.

Sie saß oder lag vielmehr in der Nähe des Fenster- auf einer Chaiselongne und ließ traurig ihre Augen ins Unbestimmte schweifen-

Als sie Schritte hinter sich hörte, wandte sie sich um und versuchte, als sie sah, daß eS ihr Vater war, so unbefangen als möglich zu lächeln.

Mary war heute bleicher als sonst, wodurch die hektische Röthe auf ihren Wangen um so auffallender hervortrat und ganz eigentümlich glasig leuchteten ihre Augen unter den Brauen hervor.

Dem Millionär entging diese Verschlimmerung ihrer Zustandes keineswegs vnd krampshaft preßte sich sein Herz zusammen.

Er ließ sich neben seiner Tochter nieder, küßte sie und erfaßte dann ihre Hände; sie brannten.

„Du hast etwas Fieber, meine Theure?" sagte er dann zu ihr, schmerzlich berührt.

„Ja, ein wenig," antwortete Mary.

„Hast Du geschlafen, Kind?"

„Sehr schlecht."

Im nämlichen Augenblicke zerriß ein trockener Husten die Brust der jungen Kranken.

„Du fühlst Dich unwohl?" ftug Harmant.

„Ja. ich.leide ... sehr."

Zwei große Thränen entrannm dem Elenden, der kein andere- menschliche-Gefühl kannte, als das väter­liche Gefühl, über die Wangen.

„Wo thut Dir'S weh?" stammelte er.

„Da und hier," antwortete das junge Mädchen, während es an die Stirn und an ihre linke Brust mit der Hand fühlte.

„Also im Kopfe und m der Brust?

„Nein, im Herzen."

Garand fuhr zusammen.

„Im Herzen?" wiederholte er.

„Ja, Vater.

„Du hast niemals von diesem Nebel gesprochen, weder mit mir noch mit dem Arzt."

„Ich weiß er, daS Uebel ist noch nicht all."

(Fortf. folgt.)