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V 178 Sonntag, den 6. August 1893. 20. Jahrgang

FiildakiWZeitimii

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IV* * Hierzu eirre Beilage.

Wie wurde München die Hauptstadt der Sozialdemokratie?

* Er ist eitt warnendes Zeichen der Zeit, daß gerade von den beiden Hauptstädten der zwei Hauptstaaten Deutschlands, Berlin und München, ersteres die Hauptstadt Bebels, letzterer die Hauptstadt des Herrn von Bollmar ist. lieber München schreibt die ,Köln. Bolksztg.', 405 I, unter Anderem:

Der Untergang Münchens in der Sozialdemokratie ist die nothwendtge Folge der Aera Lutz-Schanß- Sigl. Diese drei Namen vertreten drei Typen. Lutz, der verstorbene Kultusminister, vertrat den josefinisch- bureaukcatischen, dann den oltkatholischen und modern­liberalen Haß gegen die katholische Kirche. Mit allen den reichen Mitteln, welche das bayerische Konkordat der Regierung zur Verfügung stellt, luchte er den Kotho- lniSmuS zu untergraben. Am rasstnirtesten war daS Mittel, einflußreiche Stellen mit Männern zu besetzen, die den Aufgaben ihres Amtes nicht gewachsen waren. Dieses Rezept wird ja nicht nur in Bayern versucht, sondern allenthalben, wo Konkordate kirchenfeindlichen Regierungen derartige Rechte einräumen. Mit deren Hilfe hat die Staatsgewalt früher und jetzt mit mehr oder weniger Glück operirt, um, wenn nicht die katho­lische Kirche zu zerstören, so doch ihren Aufschwung «nd die Entfaltung ihrer volksthümlichen Eigenschaften und ihrer sozial-reformatorischen Kraft hintenan zu halten.

Neben dem Staatskirchenthum, das m Bayern tief eingewurzelt ist, muß man als zweite Quelle für die Berderbniß der Münchener katholischen Verhältnisse denKapitalismus nennen; er ist durch den Namen des kürzlich verstorbenen Bankdirektors Schauß ver­treten. (Herr d. Schauß war der Führer der National- liberalen.) Der Kapitalismus ist ein Zwillingsbruder deS Kulturkampfes. Während jener den wirthschaftlichen Halt der Mittelstände und Arbeiter zerstört, untergräbt der andere ben moralischen Halt der Masten. In diesen Zersetzungsprozeß hinein fiel nun noch die zerstörende demagogische Thätigkeit der Sigl'schen Vaterlandes und anderer Blätter ähnlichen Schlages, die mit Erfolg auf die Nachtseiten des menschlichen Charakters spekuliren.

Dr. Sigl’« .Vaterland ist einer der Tobten- gröber des Katholizismus und des CentrumS in Mün­chen. Fast jede Nummer seines Blattes predigt andere Anfichten, fast täglich wechselt er die Taktik. Es wäre eine dankenswerthe Aufgabe, wenn ein Mal Jemand in einem eigenen Schriftchen dar „Ja" «nd „Nein" des Dr. Sigl zusammenstellen wollte: wie derselbe über die wichtigsten Fragen der Kirchen-Politik, der Volks- wirthschaft, der Sozial-Politik u. s. w. schon die ver­schiedensten Ansichten mit jeweils gleicher Keckheit behauptet hat. Kenntnisse zu haben ist dabei ein Luxus; eine gute Portion volksthümlich bajuvarischer Kraftausdrucke und Schimpfwörter und - Tausende von Abonnenten sind da und klatschen Beifall. Einen Haupttheil dieser Abonnent« hat Siol auf liberaler Seite. Dort wird sein Blatt mit Eifer gelesen, weil eS schonungslos Jeden, welcher der Cmtrumspartei sich annimmt, massakrirt und dem öffentlichen Gelächter Preisgidt, meist durch Entstellung, wenn nicht Er­findung. Andere lesen sein Blatt als Witzblatt, wieder Andere — und das ist leider ein großer Theil auf katholischer Seite «nd nicht Wenige auch im Klerus — lesen es auS Ueberzeugung. Durch den jahrelangen Genuß feiner gepfefferten Gerichte ist der Mage» dieser Leute derart verdorben worden, daß sie von den zahlreichen Widersprüchen, in denen Sigl ge­wohnheitsmäßig sich bewegt, gar nichts merken.

lieber das Münchener Preßelend wurde schon wiederholt und mit Recht geklagt. Keine Ausdrücke find zu scharf, um diese Zustände zu geißeln. Der .Bayerische Kurier' einst so tont verbreitet und auch in München van großem Einfluß, wurde durch das .Frembenblatt", welcher dem Bebürfmsse nach einer entschiedenen Haltung besser entsprach, za Grunde ge­richtet. Da» ,Frembenblatt' selbst ist an den Speku­lationen Fischer'S zu Grunde gegangen. Der Münchener Katholizismus wurde zum Spekulationsob- jekt. Neben dem .Fremdenblatt' besteht noch daS .Neue Münchener Tageblatt', das zwar sich auch gern katholisch gibt, ober tn katholischen Kreisen vielleicht Nlchr tierbirbt, als gut macht.

Das katholische BereinSwesen in München be­findet sich in geradezu jammervollem Zustande. Ja, viele Tausende von braven und treuen katholischen Arbeitern und Gewerbs meistern sind fast ohne jegliche Führung, daS Volk hungert so zu sagen nach Führern, und eS kommen so wenige. Die gebildeten Laien sind überwiegend liberal, die Andern scheuten sich bisher meist, mit einem Konrad Fischer zusammenzugehen, wieder Andere hakten oibcre, nicht so berechtigte Vor­wände, und den KleruS, den sucht man mit wenig Ausnahmen vergeblich an der Spitze der katholischen Männervereine. (Gerade daS Gegmtheil von den rheinischen Städten, Köln, Crefeld, Trier u. s. w.)

Die großen Lehren der Kulturkampfes sind, wie man sieht, für einen Tbeil der bayerischen Katho­liken und ibrer geistlichen Fübrer bisher verloren gewesen. Nur dort, wo eine CentrumSpresse be­steht und wo von der Geistlichkeit daS katholische BereinSwesen gepflegt wird begreifen sie die Roth- Wendigkeit, daß die dmffchen Katholiken, um sich der mehr ober weniger systematischen Angriffe zu erwehren, sich einer geschloffenen Partei anschließen müsse, welche die modernen politischen Mittel, in erster Linie den Wahlzettel einheitlich verwendet. Rar dort be­greifen die Katholischen ferner, daß sie ben Sauertag bilden soll« zur Wiederherstellung gesunder, sozialer Zustände.

Deutsches Reich.

Berlin, 4 August.

* Die Konferenzen der Finanzminister der verbündeten Regierungen Deutschlands werden in Frankfurt a. M. am nächsten Dienstag (8. August) beginnen und im SitzungSsaale des ehemaligen Palais der Bundestages in der Eschenheimer Gaffe, der jetzigen Ober-Postdirektion, stattfinden, lieber die Theil- nehmer an den Konferenzen ist, schreibt die .Nordd. Allg. Ztg.' bisher nur so viel bekannt geworden, daß das Deutsche Reich durch dm Staatssekretär im Reichs­schatzamt Freiherr« v Maltzahn, der den Vorsitz führt, vertreten sein wird; Preußen durch den Finanzminister Dr. Miquel, ebenso Bayern und Württemberg durch ihre Finanzminister, Freiherrn von Riedel und Dr. Riedel, Badm durch den Präsidenten im Finanz­ministerium Buch nberger, Sachsen-Weimar durch seinen Bevollmächtigten zum BundeSrath, Geh. Ratb Dr. Heerwarth, und Elsaß-Lothringen durch den Unter­staatssekretär Dr. v. Schraut.

* Bon einem sonderbaren Plane weiß die ,Nat- Ztg.' zu erzählen, nämlich von der Absicht, für die Reichstagsabgeorbneten auf reichsfiskalischem Terrain ein besonderes Reichstagshotel zu erbauen. Es soll das Hotel an der Ecke des ReicbstagSuferS und der Roonstraße, also unmittelbar dem Reichstage gegenüber sich erheben. Angeblich sind die Pläne und Zeichnungen dafür bereits vorhanden. Man wolle erreichen, daß die Wohnpreise sich billiger stellen, als sie in andern Hotels ersten Ranges seien. Wir können an die Richtigkeit dieser Angaben nicht glauben. Dem Reiche liegen andere Aufgaben wohl näher als die Sorge für die Unter- brirgung der nicht in Berlin ansässigen Reichstags- obgeordneten. Auch dürften die Volksvertreter wenig Neigung empfinden, sich laferniren zu lassen.

* Auf Grund der Ermächtigung de« Unterrichts­ministers hat die Regierung zu Oppeln den Kceis-Schulinspektoren ihres Bezirks die selbständige Erledigung der Gesuche um vorzeitige E»tlaff««g vo» Schulkindern aus der Schulpflicht übertrogen und in Bezug auf die Schul-Entlasiung folgende wichtige Be­stimmungen erlassen: Nach achtjährigem Schulbesuch und erlangter erforderlicher sittlicher und geistiger Reife werden zu Ostern die Kinder entlassen, die bis zum 30. September desselben Jahres das 14. Lebensjahr vollenden, und bei zweimaliger Schul-Entlassung außer­dem zu Michaelis die, welche bis zum 31. Dezember desselben Jahres daS 14 Jahr vollenden. Ausnahmen bezüglich der Ecfordermß des achtjährigen Schulbesuche- sind bei denjenigen Kindern zu machen, die aus ent­schuldbaren Gründen (weiter und schlechter Schulweg, Krankheit, körperliche ober geistige Schwäche bei Be­ginn der Schuiflicht, Ueberfüllung der Schulen, Ab­wesenheit im Auslände) vom achtjährigen Besuch zu- rückgehalten worden sind. Auch können Kinder, die acht Jahre die Schule besuchen würden, unter Berücksichtig­ung ausreichender, in der Person der Kinder ober deren Eltern liegender Gründe, insbesondere wegen bedrängter

wirthschaftlicher Verhältnisse, Gelegenheit zu einem guten Fortkommen, schon zu Ostern entlassen werden, wen« sie bis zum 31. Dezember das 14. Jahr vollenden. In Bett.eff des Beginns der Schulpflicht soll auf die Eltern daitn eingewirkt werden, daß sie zu Ostern die­jenigen Kinder der Schule zuführen, die das sechste Lebensjahr vom 1. Oktober des vergangenen JahreS ab vollendet haben bezw. bis 30. September deS laufen» ben Jahres erreichen.

* Der Wißman« - Dampfer ist, wie der AuS» führungskommission des deutschen Antisklavereikomitee'S gemeldet wird, am 12. Juri in Mpimbi vom Stapel gelaufen und am 16. Su-.it in Port Johnston am Süd­ende des Nyassa angekommen, wo Kessel und Maschine eingesetzt werden. Major v)n Wißmann ist nach dem Tanqanyika marschirt.

* Ein Hotelbesitzer in Zanzibar beabsichtigt deutsche Ansiedler nach dem Kilima-Ndjaro zu ziehm. Der Gouverneur von Ostafcika Frhr. v. Schele hat zwar erklärt, daß er allen auf die wirthschaftliche Ent­wickelung des Schutzgebiets abzielenden Bestrebung« jede Fürsorge widmen werde, sofern die Unternehmung« mit genügenden Mitteln versehen sind und auf ver­ständiger Grundlage beruhen, aber andererseits feinen Zweifel darüber gelassen, daß eS zur Zeit noch ver­früht erscheine, mit dem Versuch einer Kolonisation bis zum Kilima-Ndjaro vorzugehen.

* Bei den diesjährige« Manöver» werden, wie schon gemeldet, die Radfahrer eine Rolle spielen. Nicht nur haben sich zwei Radfahrer zur Uebernahme deS Steffetendienstes freiwillig bei einem hiesigen Garde­regiment gemeldet, fondern be*- als Kunstfahrer bekannte Maschinenfabrikant Robert QuoSborf, ist vom 28. August bis zum 17. September natfi Wittenberg zum 20. Infanterie-Regiment durch die Militärbehörde al8 Radfahrer einberufen worden. Er bezieht als solcher die Kompetenzen eines SekondlieutenantS und für feine Maschine 25 Mark. Er wird mit Schuhen, Drillich­hose, Waffenrock und Mütze bekleidet und kann nach Art der Fahrer die Strümpfe bis über die Kniee hin­auf tragen. Soldatengepäck führt er nicht mit sich und wird dem Stabsquartier zugesellt. Weitere Einberufung« von Radfahrern finden, soweit bi« jetzt bekannt, bei der 12. Infanterie-Brigade deS 3. Armeekorps statt.

Ausland.

• Wik», 2. Ang. Papst Leo XUI. wird dem­nächst ein Sendschreiben über die kirchenpolitischen Wirren in Ungarn veröffentlichen. Der heil. Vater hat bei zahlreichen Gelegenheiten, namentlich in sozialen und kirchenpolitischen Fragen stets die katholische Auf­fassung alle« Katholiken der verschiedenen Länder i» ! seinen Rundschreiben eingeschürft und diese herrlich« j Kundgebungen des obersten Hirten haben auch schr i gute Früchte getragen. ES ist deshalb nur z« be­grüßen, wenn der hl. Vater nun auch eine Eocyklika ; an die Ungarn, gleichsam als Antwort auf das Me- ; morandum der Bischöfe richtet. Die Ziele deS vo« - revolutionären Geiste KoffarhS erfüllten CalvimsmuS ■ und des FreimaurerthmnS sind: Lostrennung von i Rom, ja was mehr noch, mit dem Kampfe gegen die \ Kirche läuft der politische gegen die Krone parallel. ; Aus diesem Grunde ist eine päpstlich« Kundgebung, die ' sich mit den eigentlichen Urheber» deS ungarisch« Kulturkampfes beschäftigt und die Warnung« vor der Loge auf’« Reue einschärst, nur freudigst zu begrüßen; sie dürste manchem die Augen öffnen nnb gleichzeitig der Macht liberaler Blätter, welche krampfhaft be­haupt«, daß man in Rom nichts gegm die neuen kul­turkämpferischen Vorlagen betreffs der Ehe und Ma- trikenführung einzuwenden hätte, ein Ende «ach«.

* Aus Ungarn, 3. August. Die Dekanate deS Bacser Komitates haben beschlossen, behufs Demo»- strirung gegm daS kirchenpolitische Programm der Regierung für den 10. September nach Szabadka eine katholische Volksversammlung emzuberufen, al­beren Präsident Graf Moriz Nikolaus Esterhazy de- signirt wurde. Zur Vorbereitung der Versammlung wurde ein ou8 Laim und Geistlichen zusammengesetzte- Exekutivkomitee eingesetzt.

* Petersburg, 3. Aug. Nach amtlicher Meldung sind vom 10. bis 15. Juli (alten Stils) im Grob- noschen Gouvernement 25 Personen an der Cho lera erkrankt und 12 gestorben. In welchen Städten des g«annten Gouvernements diese Cholerafalle vorgekom- ! men sind, ist in dem Bericht nicht angegeb«.