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20. Jahrgang

Freitag, den 4. August 1893«

JV 176

FiUinzWZkitug

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* Entwurf;u einem Katholisch-sostaleu Urogramm.*)

Die unchristlichen Anschauungen des Liberalis­mus von der schrankenlosen Freiheit und von dem unbeschränkten EigenthumSrechte des Menschen haben in die gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhält­nisse der Gegenwart grobe Verwirrung gebracht. Die Verwirklichung dieser Grundsätze in der Gesetzgebung führte zu dem sogen. Rechte deS wirthschaftlich Stärkern und zur Verkennung der Würde und der Rechte der Arbeit, überantwortete die Arbeit auf Gnade und Un­gnade dem Kapital, zerstörte zum großen Theil den seßhaften Mittelstand, bewirkte die Anhäufung des irdi­schen BesitzthumS in wenigen Händen und die Ver­armung der großen Masse, machte den arbeitenden Ständen die Erreichung der irdischen Wohlfahrt fast zur Unmöglichkeit.

Die katholischen Sozialpolitiker sehen hierin einen ungesunden, unhaltbaren und zum Rain der Gesellschaft führenden Zustand, der dringend Abhilfe erheischt.

Sie verwerfen die Anschauungen und Grundsätze des Liberalismus, welche diesm Zustand herbeigeführt haben.

Sie verwerfen auch die Bestrebungen der Sozial­demokratie, alle Produktionsmittel dem privaten Besitz zu entziehen und der Gesellschaft zu übertragen, weil dieser dem natürlichen Rechte der Menschen auf eigenen Erwerb widerspricht, den Menschen entwürdigt und daS friedliche und gedeihliche Zusammenleben un­möglich macht.

Sie halten eine Heilung der sozialen Schäden der Gegenwart nur für möglich, wenn daS gesellschaftliche und wirthschaftliche Leben nach den Grundsätzen deS ChristenthumS eingerichtet wird, wie solche in den Encykliken des ruhmreich regierenden Papstes über die christliche Staats-Verfassung und über die Lage der Arbeiter niedergelegt sind.

Sie erachten es als eine der wichtigsten Aufgaben einer wohlgeordneten bürgerlichen Gesellschaft, die mate­riellen Interessen aller in einer Weise zu fördern, daß dem in der Natur des Menschen begründeten Streben nach Freiheit und Selbstständigkeit Rechnung getragen wird. Zu dem Zwecke erstreben sie eine gleich­mäßigere Bertheilung der irdischen Güter bei privatem Erwerb und Besitz auf der Grundlage eines die breitesten Schichten des Volkes umfassenden Mittelstandes. Als daS beste Mittel zur Herstellung und Erhaltung eines lebensfähigen Mittelstandes be­trachten sie die ständische Organisation der einzelnen Berufe zum Schutze und zur Förderung der gemein­samen und gegenseitigen J-iteressen.

Die katholrschen Sozialpolitiker erblicken daher das Ziel ihrer sozialen Reform-Bestrebungen in der O r g a n i- sation der Gesellschaft nach Berufsständen

*) Aus der eben ausgegebenen neuesten Nummer der Kölner Korrespondenz für die geistlichen Präsides katholischer Bereini­gungen der arbeitenden Stände.

Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(81. Fortsetzung.)

Paul Harmant befand sich drinnen mit Lucian und überlegte mit ihm gewisse Aenderungen an der Maschine, welche sie am nähmlichen Morgen geprüft hatten und die noch nicht ganz gehörig laufen wollte.

Sie blieben länger als eine halbe Stunde beisam­men, welche Zeit Soliveau benutzte, um seinen Plan festzustellen.

Endlich ging die Thüre des Kabinett auf.

Lucian kam heraus mit verschiedenen Papieren, warf einen flüchtigen Blick auf Ovige, und sagte dann sich an den Bureaudiener wendend.

„Herr Harmant ist nicht zu sprechen, gleichviel für wen, er arbeitet I"

Dann ging er weg.

„Sie haben ja gehört, mein Herr?" sagte jetzt der Beamte zu Soliveau. „Sie müssen noch warten."

„Gut, so werd ich warten, ich habe Zelt genug," versetzte Soliveau.

Dann begann er abermals, die Beine übereinan­der legend, mit den Fingern zu spielen.

Eine weitere halbe Stunde verfloß, als es in dem als Borzimmer dienenden Gemache heftig klingelte.

Der Buraudiener erhob sich rasch und schritt aus die Thüre deS Kabinet? zu.

auf christlicher Grundlage und zwar in einer den gesellschaftlichen und wirthschaftlichen Verhältnissen i der Gegenwart angepaßten Form mit durch Staats-

Verfassung garantirten Rechten der Selbstverwaltung, sowie der Vertretung ihrer Interessen bei der staat- j lichen Gesetzgebung.

Um die allmählige Erreichung dieser Zieles zu er­möglichen und zu erleichtern, stellen die katholischen Sozialpolitiker an den Staat die Forderung, alle auf die berufSgenosienschaftliche Organisation hinzielenden < Bestrebungen, welche süßen aus den Grundsätzen der ‘ christlichen Gerechtigkeit und Liebe, zu schützen und zu : fördern. Sie verlangen sodann insbesondere:

I. Für die Großindustrie.

Die Leistung von Garantien für neu ins Leben zu rufende s großindustrielle Unternehmungen yinsichtlich der Fähigkeit und ! Unbescholtenheit der Leitung, hinsichtlich des zur Fortführung , erforderlichen Kapitals, hinsichtlich der gesundheitlichen Beihält- i nisse des Ortes, sowie der berechtigten Interessen der umwohnen- j den Bevölkerung, Vervollkommnung der Arbeiterschutzgesetze zum j Zwecke einer gewerblichen Ausbildung, einer gerechten Ent­lohnung, einer gesicherten, stufenweise aufsteigenden Stellung und i einer würdigen Behandlung der Arbeiter; eine den Produktions­verhältnissen angemessene Verkürzung der Arbeitszeit; allmählige Beseitigung der Fabrikarbeit für verheirathete Frauen; Ein­schränkung der Fabrikarbeit für unverheirathete weibliche Per- j jenen auf die ihrem Geschlechte und Berufe entsprechenden Ser« richtungen; Beseitigung der gewerblichen Kinderarbeit in fremdem , Dienste; Regelung und Ueberwachung der Hausindustrie im Dienüe des GroßunteruehmerthumS; Einführung von Arbeiter- Ausschüssen mit gesetzlich garantirten Rechten. BereimgungSfrei- heit der Arbeiter zum Schutze und zur Förderung wirthschaft- ; licher Interessen. Förderung von genossenschaftlichen Organi­sationen, welche Arbeitgeber und Arbeiter umfassen und Jedem ; seine Rechte garantiren. Festsetzung einer Grenze, über die hin- ' aus die einzelnen privaten Unternehmungen der verschiedenen i Industriezweige die Zahl ihrer Arbeiter nicht mehren dürfen.

II. Für das Handwerk.

Förderung des Jnnungswesens für das Kleingewerbe, in so weit dasselbe bei der fortgeschrittenen Produktionsweise in ’ ersprießlicher Weise noch handwerksmäßig betrieben werden kann, durch gesetzliche Privilegien hinsichtlich des einzuführenden Be­fähigungs-Nachweises, hinsichtlich der Lehrlinge, der Gesellen und s der Herstellung und des Absatzes kleingewerblicher Waaren- ' Erzeugnisse. Regelung der Gesängniß- und Militär-Arbeiten, ' Einschränkung des Zwischenhandels zum Schutze deS Handwerker­standes. Gesetzliche Abgreuznng von Handwerk und Großindustrie durch Festsetzung einer Maximalzahl von Gehilfen für den hand- | werksmäßigen Betrieb.

III. Für die Landwirthfchaft.

Genossenschaftliche Organisation deS Bauernstandes durch die > Gesetzgebung; Einführung eines Agrar-Rechtes mit dem Renten­prinzip für die Verschuldung von Grund und Boden, solidarischer ■ Haftung der Genossenschaft für die Grundschulden und der Be- fugniß der Ausgabe unkündbarer, amortisirbarer und nach der Höhe der Grundrente verzinslicher Werthpapiere; ein den bäuer­lichen Verhältnissen entsprechendes Erbrecht. Festsetzung einer j, Berschuldungsgrenze für den ländlichen Grundbesitz. Festsetzung ' einer Maximalgrenze für den Erwerb an Grund und Boden, i Erschwerung der Bodenspekulation, welche auf Güterzertrümmer- i uug hinausgeht. Förderung zweckentsprechender Anstalten zur Gewährung von nothwendigen Darlehen. Zeitgemäße Abänder- . ung der Gesinde-Ordnungen und der unbeschränkten Freizügigkeit.

IV. Für den Handel.

Aufhebung der schrankenlosen Handelsfreiheit. Leistung von ' entsprechenden Garantien von Seiten der Geschäftsleute rücksicht­lich ihrer Fähigkeit und Unbescholtenheit. Einschränkung des HausirhandelS. Schutz gegen sogen. Wanderlager und shwmdel- , hafte Ausverkäufe. Regelung des Börsenwesens: Besteuerung der

„Hat der Chef geklingelt, mein Herr?" frug Soli- ; veau den Diener.

! „Ja."

„So sagen Sie ihm, ich bitte, daß ihn Jemand in Privatangelegenheiten zu sprechen wünscht."

„Ihr Nome?"

„Mein Name ist unnöthig. Herr Harmant kennt ; mich nicht."

Zum zweiten Male klingelte er, dieser Mal weit : heftiger als zuvor.

j Der Bureaudimer stürzte in daS Kabinet.

79.

„Ich habe zwei Mal geschellt", sagte Harmant sehr i unwirsch. „Haben Sie nicht gehört?"

„Bitte um Verzeihung", antwortete der Diener, ich war aufgehalten durch einen Herrn, welcher Sie in einer Privatangelegenheit zu sprechen wünscht. Erwartet bereits seit einer Stunde."

„Wie heißt dieser Herr?"

„Ich habe ihn nach seinem Namen gefragt: er sagte mir, daß Sie ihn nicht kannten."

Harmant reichte dem Diener mehrere mit Worten und Zistern bedeckte Papiere und sagte dann:

„Lassen Sie den Herrn hereinkommen und bringen Sie dann diese Papiere dem ArbeitLdirekwr".

Der Diener nahm die Papiere, ging inS Bor- f zimmer und theilte dem Wartenden mit, daß der Herr 1 Chef bereit sei.

börfenmäßigen Abschlüsse; Untersagung der Differenzgeschäste; Nichtklagbarkeit des Termingeschäftes; Erschwernng der Emission ausländischer Werthe; staatliche Kontrole des Depositenwesens.

V. Sonstige Forderungen.

Einführung einer möglichst vollständigen Sonntagsruhe. Eine strenge Wuchergesetzgebung zur Bekämpfung jeglicher Art von ungerechter Ausbeutung fremder Roth. Einführung einer allgemeinen Vermögens- bezw. Einkommen-Steuer. Hohe Besteuerung der großen Einkommen unter gleichzeitiger Entlast­ung der mittleren und kleineren Einkommen. Allmälige Ab­schaffung der indirekten Steuern und Zölle, soweit letztere nicht zum Schutze großer Bevölkerungsklassen gegen ausländische Kon­kurrenz nothwendig sind oder Luxusartikel betreffen. Ausbildung der staatlichen Betriebe zu Musteranstalten. Festsetzung eines den örtlichen Verhältnissen entsprechenden Minimal- Lohnes für Arbeiten, welche auf Rechnung des Staates oder der Gemeinde ausgeführt werden. Gemeindliche Ar- beitSnachweis-Bureaux. Erbauung von zweckmäßigen Woh­nungen für die in ständigem Dienste des Staates ober der Gemeinde stehenden Arbeiter. Förderung gemeinnütziger Bauge­sellschaften für Errichtung von Arbeiterwohnungen.

DaS sind die augenblicklichen Forderungen und daS allmülig zu erstrebende Endziel der katholischen Sozial- Politiker. Möge sich die Welt von der Nothwendig- leit und Dringlichkeit dieser Bestrebungen baldigst über­zeugen. Möge der Staat unverzüglich eine durch­greifende soziale Reform in diesem Sinne in die Hand nehmen zur Abwehr der drohendm Umsturzes, zum Wohle der arbeitenden Stünde, zum Segen und Ruhm des Vaterlandes.

Domkapitular Sic. Belten, Vorsitzender des Central-Komitee- der Präsides der katholischen Vereinigungen arbeitender Stände (Köln).Domkapitular Jos. Dahl (Speyer). Psarrkurat Fo rsch- ner (Mainz), Domkapitular Dr. Gutmann (Freiburg i. B.). Benefiziat Hauser (Augsburg). Generalvikar Dr. Lüdtke (Pelplin). Erzpriester Matern (Braunsberg). Geistl. Präses Mehler (Regensburg). Pfarrer Neumann (Breslau). Dom­vikar Dr. Pichler (Passau). Kaplan Dr. Oberdörsfer (Köln). Domkapitular Dr. S t i g l o h e r (München). Domprediger S t y ch e l (Posen).

Deutsches Reich.

Berlin, 2. August.

• Zur Frage der Staffeltarife äußert sich jetzt der.Reichsanzeiger'. BK der Verhandlung über die Anträge Eckels-Schmitz (Erkelenz) und Schöllen, betr. die Staffeltarife für Getreide, Mühlenfabrikate und Malz, in der letzten Sitzungsperiode des Hauses der Abgeordneten erklärte der Minister der öffentlichen Ar­beiten den Standpunkt der Staatsregierung dabin:

1. daß die für Getreide eingeführten Fracytermäßiguugeu aus überwiegenden allgemeinen Wirthfchaftsrücksichten bis auf weiteres beibehalten werden müßten; 2. daß bezüglich der Fracht­ermäßigungen für Mühlenfabrikate die Ueberzeugung nicht ge- Wonnen sei, daß ihr wirthschaftlicher Einfluß für größere Gebiete des Staats ein überwiegend schädlicher fei; 3. daß indessen eine Untersuchung darüber eingeleitet sei, ob eine Erhöhung der Tarife für Mühlenfabrikate unter Beibehaltung des Staffelsystems und eine Beseitigung der Erhöhung der Staffeltarife für Malz an­gängig und nützlich sei.

Diese Untersuchung ist inzwischen, wie der,Reichs­anzeiger' schreibt, durch eine freie Besprechung mit Vertretern der Mühlen- und Malzindustrie auS bat verschiedenen Gebieten deS preußischen Staats zu Ende geführt worden. Als Erg ebn iß dieser Erörterungen

Ovide betrat also daS Kabinet, deffen Thür er sorgfältig verschloß.

Paul Harmant war gerade damit beschäftigt, einen zwischen zwei Fenstern stehenden Geldschrank zu ver­schließen und kehrte deshalb Soliveau, als er eintrat, gerade den Rücken.

Auf daS Geräusch der Eintretenden hin wandte er sich um, erbleichte hestig und stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als er so unvermuthet Ovide Soli­veau vor sich sah, welcher, die Hände in den Taschen, den Hut auf'dem Kopfe, und mit pfiffig und spöttisch lächelndem Munde vor ihm aufgepflanzt dastand.

„Ah, guten Morgen, Vetter, wie steht'S mit Dir? sagte der Dijonneser, dessen ganze Miene deutlich ver- rieth, daß er diesen von ihm hervorgebrachten Eindruck erwartet habe.

„Du — Du hier?" ries Garand auS.

„Ja, ich selbst, lieber Vetter, in eigener, leibhaftiger Person. Du sieht ja ganz verstört auS — ich kann doch nicht annehmen, daß Dir meine Gegenwart uner- wünscht ist? Du gibst mir nicht einmal die Hand und begrüßest mich nicht einmal ... Ein wenig freund- licher Empfang, mußt Du selbst sagen, besonders unter Verwandten ..."

Paul Harmant zitterte am ganzen Leibe wie ein Espenlaub.

Der Anblick Ovide'S machte auf ihn den Eindruck einer MedusenchavPteS,