V 175 Donnerstag, den 3. August 1893. 2V. Jahrgang
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Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(80. Fortsetzung.)
In seiner Verlegenheit nahm er jetzt die Angebote an, welche er noch vor drei Tagen zurückgewiesen hatte, erhob einige Guthaben, bezahlte seine Spielschulden und seinen Bankier und besaß schließlich etwa noch eine Summe von sechszigtausend Franken.
Es war zu dieser Zeit, als er seinem angeblichen Vetter den uns bereits bekannten Brief schrieb.
Als er in diesem Briefe schrieb, daß die Geschäfte schlecht gingen, war sein Ruin so zu sagen bereits vollendet und das Geschäft schon in andere Hände über- gegaitgen.
Es beunruhigte ihn dieser Umstand indeß keineswegs allzusehr, und veranlaßte ihn auch nicht, sich die Zakunft allzu düster auszumalen.
Ein Spieler verzweifelt nicht, so lange er noch eine Summe von sechszigtausend Franken sein Eigen nennt, die er auf den grünen Tisch werfen kann.
„Mit sechszigtausend Franken," so sagte sich Ovide, „kann ich mir leicht ein Vermögen zurückgewinnm, wenn mein verwünschtes Pech mich einmal verlassen möchte."
Dann hatte er noch hinzugefügt:
„Wozu soll ich mir übrigens Kopfschmerzen machen? Thor, der ich bin! Geht'S nickt, dann gehr's einfach nicht — ich mag mich denn für den Augenblick auf
Deutsches Reich.
Berlin, 1. August.
* Eine Extraausgabe des .Reichsanzeigers' veröffentlicht eine Bekanntmachung des ReichsfckatzsekretärS, wonach für die von dem Zollzufchlag gegen Rußland betroffene» Waaren die Zoll)ätze des geltenden allgemeinen Zolltarifs bezw. der Bertragstarife nur insoweit Anwendung fi rden, als die Abstammung dieser Waaren auS anderen Ländern als Rußland nut Ausschluß von Finnland glaubhaft nachgewiesen wird.
* Das Programm der Reichssteuer-Reform umfaßt nach Der offiziösen Darstellung folgende Punkte: 1. Ucker Weisungen und Matn!uli.'rnmiagen sind auf eine längere Rühe von Jahren im Voraus so festzu- stellen, daß den Bundesstaaten zu ihrer Verfügung von den ersteren wenigstens so viel wie im Durchschnitt Ser letzten Jahre verbleibt. 2. Der durch \ eigene etatsmäßige Reichs-Einnahmen einschließlich der i fixuüen Matrikularumlagen unged- ckre Tyeil der ordent- - lichen Rerchsausgaben ist durch vorübergehende oder dauernde Stturrechöhungen zu deck:». Die über den Etatsbetrag einkommenden Erträge der die Klausrl- Frankenstem übersteigenden Reichssteuer sind, soweit fie nicht zur Vermeidung eines andernfalls eintretenden Rechnungsdefizits zurückzubehalten sind, ebenso wie die sonstigen Uckerschüsse für eine außerordentliche Schuldentilgung zu best mmen. 4. Außerdem ist eine regelmäßige Tilgung der Reichsfchuld von mindestens 1 pCr. ihres Nominalbetrags ewzuführeu. Bemerkt sei noch, daß die Zeitungen, welche den Gesammtbe- darf auf etwa 100 Millionen angeben, hiernach von der richtigen Zahl nicht zu weit entfernt feien. — Die ,Nordd. Nllg Z'g.' bchätiat, daß die Einführung einer festen Schuldeurügungrpflicht einen The-l der geplanten Reichssteuer-Reform bildet. Eue Tilgungsquote von einem Prozent sei in Aussicht genommen, was jährlich 20 Millionen erfordert.
* Bekanntlich bat das Cmtrum seinen Antrag auf Aufhebung des Jefuitengesetzes jüngst wieder im Reichstage eingebracht; derselbe ist aber bei der kurzen Dauer der Session nicht mehr zur Verhandlung gelangt. Jedenfalls wird der Antrag in der bevorstehenden Wintersession des Reichstages sofort wieder eingebracht werden und daun hoffentlich in den ersten Wochen, noch vor den Weihnachtsferien, zur Verhandlung und Abstimmung gelangen. Nach der gegeuwär- tigen Zusammensetzung der Parteien kann man schon mit ziemlicher Sicherheit Voraussagen, daß die An- nähme des Centrumsantrages im Reichstage mit einer Mehrheit von etwa 25—30 Stimmen gesichert ist. Für die Aufhebung des Jesuitengesetzes werde« stimmen : das Crntrum mit 100 Mitgliedern, die 19 Polen, die 8 elsässischen Protestler, dir 44 Sozialdemokraten, die 11 süddeutschen Volksparreiler unv die 23 Mitglieder der freisinnigen Volkspartei. Das macht zusammen schon 205 Mann. Hierzu kommt noch ein
Theil der sog. Wilden, u. A. die Abgeordneten Sigl, Liebermann v. Sonnenberg, v. d. Decken, v Hornstein mb die drei bayerischen Bauerabündler, so daß im Ganzen von den 397 Reichstagsmilgliedern etwa 215 Mann ihre Stimme für Aufhebung des Jefuitengesetzes abgeben würden Gegen die Aufhebung desselben dürften etwa 178—180 Abgeordnete stimmen, nämlich: 70 „Konservative", 50 Nktionalliberale, 15 freikoa- servatwe Reichsparteiler, die 10 Mitglieder der antisemitischen „Reformpartei" (Böckel und Genossen), etwa 10—12 Wicke uad Höchstwahrscheinlich auch die 13 Mitglieder der freisinnigen Bereinigung. Vorstehende riiste beruht selbftoerständlrch nur auf einer annähernden, wenn euch ziemlich sicheren Schätzung. Jedenfalls dürfte es so gut wie fiststehen, daß im neuen Reichstage eine Mehrheit für Aufhebung des Jefuitengesetzes vorhanden rst.
* Dem preußische» Wahlgesetz widmet die,Voss.
Ztg.' folgende Betrachtungen:
„Wir glauben, daß selten ein ein Minister sich so geirrt hat, wie Gras zu Eulenburg sich irrte, indem er den Satz der Thronrede niederschrieb, daß das neue Wahlgesetz die in Folge der Steuer-Reform eintretende Verschiebung in der Abstufung des Wahlrechts in Rechnung ziehe. Das Gesetz zieht diese Verschiebung nicht in Rechnung; daS ist eine Thatsache, an der nicht zu rütteln ist. Es ist dazu auch ganz außer Stande. Denn sowohl die zur Ausgleichung vorgeschlagene Zwölftelung der Ge- sammt-Summe der Sleuer-Bettäge als der Ansatz eines höheren Betrages für die nicht zur Staatseinkommensteuer veranlagten Personen wurde gestrichen. Dagegen treten nach dem neuen Ge- setze, wo direkte Gemeindesteuern nicht erhoben werden, die vom Staate veranlagte Grund-, Gebäude- und Gewerbesteuer anderen Stelle. Nimmt man zu dieser Bestimmung noch hinzu, daß die Steuer-Reform den große» Besitz schärfer hevnzieht als bisher, so muß notwendig das Uebergewicht des Kapitals nach dem neuen Gesetze noch weit ausgeprägter zum Ausdruck kommen, als schon bisher. Diese Voraussetzung hat sich in vollstem Maße bestätigr. Die erste Klasse ist überall, ganz besonders aber in den Industrie- und Handelsstädten, zuiammengeschmolzen, auch die Wähler der zweiten Klasse haben sich saft durchweg vermindert ; dagegen sind die Wähler der. dritten Klasse fast überall bedeutend gewachsen; mit anderen Worten: der Einfluß des großen Kapitals ist noch weiter gestiegen, der Einfluß nicht bloß des Arbeiters, sondern auch der gebildeten Klassen, der Lehrer, der Richter, der Aerzte und ebenso des kleinen Handwerkers und Gewerbetrerbenden auf ein Windesttheil heruntergesetzt. Denn diese Alle wählen in den größeren Städten, soweit sie nicht eigenes Vermögen haben, jetzt fast durchweg in der dritten Klasse. Die nächste Folge dieses Wahlgesetzes ist, daß große Parteien im preußischen Abgeordnetenhause unvertreten bleiben. Die Sozialdemokraten, die im Reichstage 44Abgeordnete haben, betheiligen sich an den Wahlen zum Abgeordnetenhause überhaupt nicht. Auf der rechten Seite scheint man kurzsichtig genug zu sein, diese Abwesenheit der Sozialdemokraten für eine erfreuliche Erscheinung zu halten. Aber das wäre sie für Politiker, die an den heutigen Grundlagen unseres Staatslebens sesthalten, doch nur in dem Falle, daß die Sozialdemokratie in Preußen keine Bedeutung hätte. Wie aber heute die Dinge liegen, bei dem beängstigenden Anwachsen der sozialdemokratischen Bewegung, ist dieses Mundtodtmachen der Sozialdemokratie ein Fehler. Denn überwunden wird die Sozialdemokratie durch diese Vogel-Strauß- Politik sicherlich nicht. Aber auch abgesehen von der sozialdemokratischen Bewegung ist es unmöglich, daß sich das aus einem so einseitigen und engherzigen Wahlgesetz hervorgegangene HauS als eine wahre Volksvertretung fühlt. Es wird sich immer bewußt sein, daß es nur eine kleine Minderheit des Volkes
dem Trockenen befinden, aber die Ouclle wird doch nicht für immer für mich versi gen. Ich habe meinen ehrenwerthen Vetter so fest in meinen Händen, daß ich ihn zappeln lassen kann, so lange eS wir beliebt . . . Meine Kasse ist unerschöpflich, und wenn nöthig, werde ich einfach mit vollen Händen daraus schöpfen."
Er begann also, neu belebt durch diese Aussicht, wieder weiter zu spielen.
Einige Tage, oder besser gesagt einige Nächte hindurch schienen seine Hoffnungen sich in der That zu verwirklichen.
Ein geradezu unerhörtes Glück stand ihm zur Seite. Sein Gewinn batte bald ine hübsche Zahl von fünf- hunderttausend Franken erreicht.
Jetzt wurde er, wie trunken gemacht durch sein bis- beriges Glück, kühn, aber diese Kühnheit sollte ihm zum Verderben gereichen.
In einigen Nächten verschwanden nicht allein seine Ueberschüsfe, sondern auch so zu sagen sein ganzes kleines Kapital.
Als er eines Morgens bei Tagesanbruch die Spielhölle verließ, stand er geradezu ohne einen Heller auf der Straße.
„Jetzt ist die Zeit gekommen," dachte er bei sich, „nach Frankreich znrückzukehren."
Ohne Verzug verkaufte er also zunächst seine Uhr sowie einige andere Kostbarkeiten, brachte nicht ohne Mühe das nöthige Geld für seine Reise in zweiler Klasse zusammen, kaufte einen Reisesack, packte in den-
reprälentirt. Und die Folge ist nothwendig, daß es auf der ei nen Seite der Regierung gegenüber ohne Rückgrat ist, auf der andern Seite selbstsüchtige Klaffen-Interessen ver-
* Die Oberpräsidenten hatten bisher am 1. Oktober Bericht über die Lage der Industrie für ihren Verwaltungsbezirk zu erstatten. Um diese Berichte für die Beurtheilung der während der Winrermonate in dm letzten Jahren mehr als früher laut gewordmen Klagm über Arb eitsmangel besser nutzbar machen zu könvm, hat der Handelsminister angeordnet, daß dieselben zukünftig am 1. Januar zu erstatten sind.
* Die diesjährige General-Versammlung der Präsides der Katholischen Arbeiter-Vereine wird gleich- zeitig mit der Ende August tagenden Katholiken-Ver- fammlung in Würzburg stattfinden. Anträge sind bis zum 15. August an das Central-Komitee ein zusenden. Erne Sitzung des letzter» soll ebenfalls in Würzburg, und zwar kurz vor der Katholiken-Bersammlung, abge- haltm werden.
* Lübeck, 1. August. Unter Führung des Capi- täns Bade traten heute früh bei günstigstem Wetter 80 Reisende an Bord des Dampfers „Admiral" eine Expedition nach dem Nordcap und nach Spitz
bergen an.
* Cleve 31. Juli. Aus dem Ermittelungsver- fahren betreffend die Ermordung des Knaben Johan» Hegemann dringt nur ab und zu ein schwacher Schimmer an die Oeffentlichkeit. Daß aber die weitere Nachforschung nach dem Thäter nicht aufgegeben ist, beweist erne kürzlich von der hiesigen Staatsanwaltschaft erlassene Bekanntmachung, worin die Vernehmung des Ha usi r e rS Franz Jos. Walther aus Aachen als Zeuge in dieser Angelegenheit als dringend erforderlich bezeichnet und ersucht wird, nach dem Aufenthalt des Walther zu forschen und imErmittelungssalle sofort Nachricht zu geben.
* Münster, 31. Juli. Bei Gelegenheit eines Kram- Marktes in Burgsteinfurt wurde unter die Marktbesucher ein Schreiben des Bischofs von Münster au den Frhrn. von Schorlemer-Alst massenhaft vertheilt, welches seinem Inhalte nach sich als ein Antwortschreiben der Bischofs auf eine Beschwerde des Freiherrn von Schorlemer-Alst über den Pfarrer Huesker in Leer darstellt, in dessen Pfarre Frhr. v. Schorlemer wohnt. Das Schriftstück hat folgenden Wortlaut:
„Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich auf die, den Pfarrer Huesker zu Leer betreffende Beschwerde vom 15. d. M. ergebenst zu erwidern, daß nach einer durch den Herrn Landdechant Ehrendomherrn Uppenkamp erstatteten Anzeige der genannte Pfarrer am gestrigen Sonntage in der Pfarrkirche zu Leer beim Haupt- gottesdienfte eine Erklärung veröffentlicht hat, wodurch die von Ihnen beklagten Mißverständnisse richtig gestellt und Ihre Stellung zur Kirche rücksichtlich des Glaubens und des kirchlichen Sinnes vollständig salvirt worden ist. So darf ich mich der angenehmen Hoffnung hingeben, daß dasjenige, was Ew. Hochwohlgeboren Unzufriedenheit erregt, nunmehr ausgeglichen sein wird. Daß der Pfarrer Herr Huesker unter der vor dem letzten Wahltage herbeigeführten Aufregung und Verwirrung sich hat verleiten lassen, den Pfarrei-Eingesessenen gegenüber in der Kirche sich über kirchenpolitische Verhältnisse und über Wahlangelegen-
s selben die wenigen Habseligkeiten zusammen, welche ihm > noch blieben, unter denen eine Flasche Liqueur, welche s ihm der Kanadier Chuchillino geliefert und durch welche | er bekanntlich die Geheimnisse des falschen Paul Har- " mant erfahren hatte, und schiffte sich dann endlich auf * einen Dampfer, welcher nach Havre ging, ein.
Während dec Fahrt überlegte er bei sich:
„Ich hatte ja nur Kleinigkeiten auf dem Gewisse», i und ich bin durch die Verjährung geschützt — ich habe s also nichts zu fürchten, kann also gegen meinen liebenS- < würdigen Vetter eine Partie spielen, welche ich ge« ■’ winnen muß, da ich alle Trümpfe in Händen habe. Der Gute wird ein Gesicht machen, wenn ich auf ein» i mal heranrücke — ha, ich möchte eS jetzt schon sehen!"
In Havre angelangt, blieb ihm gerade so viel übrig, j um eine bescheidene Mahlzeit zu bezahlen und eine : Fahrkarte dritter Klasse nach Paris zu lösen.
Gegen fünf Uhr war der Dampfer in Havre em- : getroffen. „ . . „ . . ,
Ovide wußte auS den Zeitungen, daß der falsche S Harmant in Frankreich feine frühere Thätigkeit wieder ’ ausgenommen hatte, und er ersah auS dem Pariser | Adreßbuch, daß er ein schönes Haus in der rue Murillo
bewohne.
Er wollte feine Ankunft in Paris so einrichten, daß er sogleich nach seinem Eintreffen in genanntem Haufe • vorsprechen konnte.
Er speiste also in einer Matrosenherberge zu Abend und fuhr gegen zehn Uhr Abends nach Paris ab.