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174 Mittwoch, den 2. August 1893. 20. Jahrgang

ZilldacrKZkittng

Maler lachend.

77.

Vater und Tochter verabschiedeten sich von dem

Advokaten. Z ,

„Mein '.Bester/ sagte hierauf Letzterer, sich an

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Endlich entlarvt!

Roman von R. von Wollersheim.

(79. Fortsetzung.)

Der falsche Harmant versuchte, so ungezwungen als er ihm möglich war, zu lächeln und sagte dann: i „Eine Entscheidung in diesem Augenblicke zu treffen, hieße leichtsinnig handeln und dies pflege ich niemals zu thun. Der Gedanke ist nicht übel und ich weise denselben auch nicht grundsätzlich ab, jedoch will Alles wohl überlegt sein. Herr Lucian Labrone verdient ganz Kewiß in mehr als einer Beziehung, daß man sich für chn interessirt und ihm auch dieses Interesse bewahrt. Ich werde mir also die Sache überlegen."

Paul Harmant war bei den letzten Worten aufge- ; standen und nöthigte auf diese Weise seine Tochter, das Gleiche zu thun.

Er wollte um jeden Preis eine Unterredung ab- brechen, welche ihn auf die Folter spannte.

„Sie wollen uns so schnell verlassen?" bemerkte der Advokat.

„Ich bedauere es recht sehr, aber ich muß. Wir ^ben noch mehrere Besuche zu machen und er ist schon

„Ehe wir gehen," sagte Mary, „will ich eine kleine Indiskretion begehen. 94 beabsichtige, in dem Hause

Deutsches Reich.

Berlin, 31. Juli.

* Ueber neue Zollmaßregeln Rußlands gegen Deutschland wird aus Petersburg unterm 29. d. ge­meldet :

„Da der russische Höchsttarif einen Zollzuschlag von höchstens 3O pCt. festsetzt, dagegen der fast 2 Jahre in Wirksamkeit befind­liche deutsche Getreidedifferential-Taris das russische Hauptexport- Produkt ungefähr 42 pCt. höher als das Getreide anderer Staa­ten besteuert, so würde der russische Höchsttarif, falls Deutschland den Zoll auf russische Provenienzen um 50 pCt. erhöhte, eine gleiche Erhöhung erfahren. Der Finanzminister hat die weit­gehendste Vollmacht erhalten, selbstständig Verfügungen m der Angelegenheit des Zollkrieges zu treffen. Eine amtliche Publi­kation darüber soll am 30. Juli erfolgen."

Diese Publikation ist denn auch, wie em Telegramm vom Sonntag besagt, durch folgende kaiserliche Berord- meines Vaters eine kleine Gallerie von Gemälden besserer Meister einzurichten und so habe ich einige Anliegen bei Herrn Castel vorzubringen."

„Ich stehe gern zu Diensten, Fräulem," erwiderte der Maler sich verneigend. , ,

„Zunächst möchte ich Sie also bitten, mrr emes Ihrer Gemälde zu überlassen und sodann wünschte ich Ihren Rath bezüglich der weiteren Gemälde, welche neben dem Ihrigen prangen sollen."

„Es wird mich sehr freuen, Fräulem, Ihnen ge­fällig zu sein. Ich bitte Sie also, dieser Tage mit dem Herrn Vater sich zu meinem Atelier zu bemühen; Sie können hier dann einer meiner Gemälde wählen. Natürlich werde ich Ihnen auch gern mit meinem Rathe bezüglich der Werke meiner Fachgenossen zur Seite stehen."

„Im Voraus meinen besten Dank! Du wirst also mit mir Herrn Castel besuchen, nicht wahr, Vater?"

„Gewrß, mein Kind, und wenn er Herrn Castel gelingt, in Kunstsachen mich zu einem Kenner zu machen, so darf er sich rühmen, ein Wunder gewirkt zu haben."

„Ich werde es wenigstens versuchen," bemerkte der

«ung erfolgt: DemFinanzminister wird anheimgestellt, nach Uebereinkunft mit dem Minister des Auswärtigen durch entsprechende Publikation erstens: Anordnungen zu treffen wegen Erhebung entsprechender Zuschläge für Maaren, welche Erzeugnisse deS Bodens und der In­dustrie solcher Staaten bilden, die bei der Einfuhr von Maaren russischer Provenienz in ihre Gebiete dieselbe« mit höheren Zollsätzen belegen, als sie in ihren allge- meinen Zolltarifen festgesetzt sind, und zwar a) zu er- höhten Sätzen des allgemeinen russischen Zolltarifs vom 11. Juni 1891 mit seinen neuesten Abänderungen nach Paragraphen und deren Eintheilungen, denen zufolge solche erhöhte Sätze mittels Gesetzes vom I.Juni 1893 bezüglich des Doppel-Tarifs fixirt werden; b) zu Nor­mal-Sätzen dieses Tarifs nach Paragraphen und deren Eintheilungen, nach welchem durch dieses Gesetz keine erhöhten Sätze festgesetzt werden; zweitens: Die im Punkte 1 der Verordnung erwähnten Anordnungen hin­auszuschieben und aufzuheben und drittens: Termine estzusetzen sowohl zur Ausführung wie zur Hinaus- chiebung und Aufhebung dieser Anordnungen. Die be- reffenden Ausführungs-Befehle können nöthigenfallS elegraphisch ertheilt werde«.

* Der frühere deutschfreistnnige ReichStagsabge- ordnete Dr. Witte ist heute in Rostock im Alter von 64 Jahren gestorben. Dem Reichstage gehörte er seit 1878 an, zuerst als Nationalliberaler, dann als Seceffiomst und schließlich als Deutschfreisinniger.

» Pose», 27. Juli. Die heutige äußerst zahlreich besuchte polnische Wähler-Versammlung behusS Bildung eines neuen Wahl-Komitee's verlief, wie schon gemeldet, unter so furchtbarem Lärm, daß der über­wachende Polizei-Kommiffar sie auflöste. Schon vor Beginn der Versammlung herrschte unter den Massen eine große Erregung und Erbitterung. Kaum hatte der Chefredakteur deS ,Dz(ie.mik Poznanski', Dobrowolski, die Versammlung eröffnet, als Kaufmann Zablocki in leidenschaftlicher Weise erklärte, Herr Dobrowolski hätte hier überhaupt nichts mehr zu sagen, da das Wahl- Komitee aufgelöst sei. Redakteur Dobrowolskt wollte nämlich im Namen deS aufgelösten Komitee'« Bericht erstatten. AIS nun der fortgesetzt protestirende Herr Zablocki das Wort vom Vorsitzenden nicht erhielt, be­gann ein furchtbarer Tumult. Rufe wie: „An bett Galgen mit dem Wahl-Komitee und der Hofpartei" er- tönten durch bett Saal. Als ber Lärm immer toller würbe, löste bie Polizei bie Versammlung auf. Der Lärm war aber so stark, baß anfänglich außer bem Komitee itttb bett Personen unmittelbar an ber Tribüne Niemanb bett AuflösungS-Befehl vernommen hatte. Beim Verlassen beS Saales rief der Geistliche Dr. Skrzyd- lewrki: „Angesichts solcher Auftritte muß man sich schämen, ein Pole zu fein." Darauf wurde ihm der Hut eingetrieben. Jedoch wurde der Hutemtretber durch ein Dutzend kräftiger Fäuste schleunigst an die Luft be­fördert. Der wüste Lärm setzte sich noch auf der Straße fort. Ein Schutzmann mußte Redakteur Dobrowolski beim Verlassen deS Saales vor Insulten schützen.

* B.-Gladbach, 29. Juli. Müssen Lehrpersonen sich entschuldigen, wenn sie an dem auf eine Konferenz Castel wendend, „weißt Du auch, waS ich soeben wäh­rend der Anwesenheit deS Herrn Harmant und Fräul. Mary's entdeckt habe?"

„Und waS denn?" frug Stephan.

„Daß die reizende Tochter deS Millionär'S die Sache Lucian'S vertheidigt mit einer Wärme, bie noch etwas Anderes als bloße Freundschaft verrieth."

„Ich habe die^ nämliche Beobachtung gemacht," ant­wortete der Maler.

„Der Eintritt Lucian'S in daS Geschäft Harmant s wird in den Verhältnissen seiner Tochter große Der- änderungen hervorbringen — meinst Du nicht auch?

„Ganz Deiner Ansicht."

„Kurz gesagt, Lucian könnte sie möglicherweise heirathe«, sie liebt ihn wenigstens."

„Ich glaube eS nicht," versetzte der Maler kühl.

"Während Ihr mit einander plaudertet, habe ich dm reichen Fabrikbesitzer genau beobachtet; er schien sich in großer Verlegenheit zu besinden und es war, als ob er fast die Fassung verlöre. Die Worte ferner Tochter schienen ihn geradezu auf die Folter zu spannen.

„Was schließest Du daraus?"

„Ich glaube, daß Herr Harmant ganz andere Ge­danken hegt. Er gleicht meiner Ansicht nach Mary

* Der Zollkrieg mit Rußland

ist entbrannt und so wenigstens dem unklaren Gerede über den „Stand der deutsch-russischen HandelSvertragS- Lerhandlungen" ein Ende gemacht. Rußland wolle uns durch feinen Maximal-Tarif, welcher aus Fabrikate einen Zuschlag von 30 pCt., von 20 pCt. auf halb verarbeitete Materialien und von 15 pCt. auf die ggaaren außereuropäischer Herkunft im Transit- und KommissionS-Handel europäischer Staaten nach Ruß­land festsetzt, zur Ermäßigung unserer Getreide- »ölle zwingen, d. h. wir sollen Rußland den durch die Handelsverträge auf 3.50 M. herabgesetzten Ge- tteidezoll bewilligen, ohne daß Rußland eine ent- sprechende Ermäßigung seines ursprünglichen Zolltarifs eintreten läßt. Diese unverfrorene Herausforderung wurde unserseits mit der Verhängung des Zuschlags- zolleS von5OpCt. auf alle russischeuWaaren beantwortet. Der Wortlaut der kaiserlichen Ver­ordnung, welche die Erhebung eines Zollzuschlags für die aus Rußland kommenden Maaren verfügt, wurde im.Reichsanzeiger' veröffentlicht. Sie interessirt zu­nächst weniger, als die ihr beigegebene Denkschrift. Dieselbe gibt den Verlauf der deutsch-russische« Ber- bmidlungeu wieder, vom Beginn derselben im Winter 1890/91 bis Mitte Juli 1893, und begründet bie Haltung ber Regierung gegenüber ben russischen Forbe- rangen unb Vorschläge. Es heißt bann:

Nachdem die Verhandlungen zu keiner Verständigung ge­führt hatten, schlug Rußland die sofortige Eröffnung der kom­missarischen Verhandlungen vor und knüpfte hieran Mitte Juli 1893 den Wunsch nach Abschluß des Provisoriums, wodurch an Rußland provisorisch bis 31. Dezember 1893 der deutsche Kon­ventionaltarif, dagegen an Deutschland der Mitgenuß der an Frankreich bewilligten Tariflonzesston eingeräumt werden sollte. Deutscherseits wurde der Vorschlag der kommissarischen Verhand­lungen im Prinzip angenommen, dabei aber betont, daß die wesentlichen deutschen Forderungen aufrecht erhalten werden müßten. Der^Vorfchlag des Proviforiums wurde deutscherseltS abgelehnt unter dem Hinweis, daß die hiesige nothwendige Mit­wirkung des Reichstages nach Stand der parlamentarischen Arbeiten nicht mehr zu erlangen sei, daß zudem die Frankreich bewilligten Zollnachlässe zu unbedeutend seien, um auch nur provisorisch ein Aequivalent für die Gewährung des deutschen Konventionaltarifs zu bilden. Rußland stellte hierauf zwar weiteres Entgegenkommen in Aussicht, hielt aber auch den Vor­schlag der kommiffarischen Verhandlungen aufrecht, theilte jedoch mit, daß es sich aus zolltechnischen Gründen veranlaßt sehe, am 1. August den Maximaltarif gegen die Rußland nicht meistbe- günstigenden Länder einzuführen. Durch weitere Steigerung der hohen russischen Zölle, besonders gegen Deutschland, welche der russische Maximaltarif erhält, würde die fernere Ausfuhr deut- scher Erzeugnisse, sowie der deutsche Zwischenhandel mit fremden «zeugnissen nach Rußland außerordentlich erschwert, ja vielfach wsgeschlossen. Mit Rücksicht hierauf erscheine es unvermeidlich, sofort nach Einführung des russischen Maximaltarifs bis zur Wiederherstellung eines billigen Ausgleichs die Bedingungen des 5inseitigen Handelsverkehrs durch die auch deutscherseits im llgesetze vorgesehene Zuschlagsabgabe auf russische Einfuhr, soweit letztere zollpflichtig, in so lange zu legen, als der russische Raximaltarif gegenüber Deutschland in Kraft bleibe. Der ,Re:chs- auzeiger' weist ziffermäßig das Interesse der russischen Bolks- virthschaft an der Offenhaltung des deutschen Marktes nach und mderseits lehrten die letztjährigen Erfahrungen, daß Deutschland -us die russische Getreideeinfuhr nicht angewiesen sei. Aus diesen Erwägungen ging der Berordnungsentwurf für den Zollzuschlag hervor, der hauptsächlich für die in Betracht kommenden russi­schen Ausfuhrartikel vorgefehen ist. Da die russische Maßregel

aus Rußland ausschließlich Finnlands beschränkt tft, so erscheine es angezeigt, die deutsche Gegenmaßregel in entsprechender Werse zu beschränken und die Höhe der Zuschlagsabgabe mit Rücksicht aus die im Vergleiche zu dem russischen Zolltarif geringen Sätze des deutschen Tarifs im Interesse der Wirksamkeit der Maß­nahme aus 50 Prozent der tarifmäßigen Eingangsabgabe zu bemessen. ___ . ,. . _ .

Rußlanb scheint ber Meinung zu fein, baß wir un- bebingt auf ben biretten Bezug feinei ®etreibe2, inSbefonbere beS Roggens, angewiesen feien. Wie wenig baS ber Fall ist unb wie sehr feit bem russischen Roggenausfuhrverbot Deutschland im Stande gewesen ist, seinen Roggenbebarf anberwärtS zu beckeu, ist wieberholt nachgewiesen worben. Deutschlanb hat in ben letzten brei Jahren so viel Roggen auS Rumänien, Serbien, Bulgarien, ber Türkei, aus Oesterreich-Ungarn unb aus Amerika bezogen, baß bie russische Roggen- einsuhr 1892 im Berhältniß zu früher» Jahren nut minimal war. Ganz abgesehen von Amerika können schon bie Balkanstaaten, bie Türkei unb Oesterreich- Ungarn, sowie Frankreich, Belgien unb Holland bei nut einigermaßen befriedigenden Ernten ans ihren eigenen Erträgen unter Beifügung der Ursprungsatteste Deutschland genügend versorgen unb für ben Abgang von Rußlanb ben Import sich beschaffen. Künftig wirb baS russische betreibe nicht direkt nach Deutschland ab­gehen, sondern ben Bebarf berjenigen Länder decken, welche ihr eigene» Getreide an Deutschland abstoßen werden. Wir haben außerdem dieses Mal in Deutschland eine mittlere Roggeuemte zu erwarten, und die Ernteberichte auS Oesterreich-Ungarn, den Balkanstaaten und aus Kleinasien lauten ebenfalls nicht ungünstig.

Die russischen FriedenSvertragSverhandlungen haben also eine plötzliche zollpolitische Kriegserklärung gezeitigt, die in Frankreich und England mit Schadenfreude ausgenommen werden dürste. ES ist aber wohl zu berücksichtigen, daß eS abermals Rußland ist, welches den WaarenauStausch zwischen Rußland und Deutschland erschwert. Unsere Parole muß jetzt lauten: Keinerlei Nachgiebigkeit gegenüber der russischen Unverschämtheit, zumal wir dadurch unfern eigenen Bauernstand nicht nur schützen, sondern auch fördern, indem er mehr Aussicht hat, fein Getreide bester und preiswerth abzufetzen.