Beilage zu Nr. 172 der „Fuldaer Zeitung"
Sonntag, den 30. Juli 1893.
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Zur Desinfektion.
Wohl ist das Heer der angepriesenen Desinfektionsmitlel sehr groß, sodaß deren Wahl sehr schwierig ist, zumal dieselben zu 9/io tatsächlich ganz untauglich für Desinfektionszwecke sind. Beispielsweise sind die unter dem Namen karbolsaurer Kalk, aus Kalk oder Gyps oder Ziegelmehl bestehend, gemischt mit etwas Karbolsäure absolut werthlos und ist jeder Pfennig, der für solche Präparate aus gegeben wird, rein weggeworfen.
Durch diese wird nichts erzielt. Zur Gruben- und Stalldes- infektion verwendet, bezwecken sie nur, den schon vorhandenen schlechten Geruch so lange zu verdecken, als der etwas schwächer oder stärker verwendete Karbolgeruch verhält. Ist dieser aber verflüchtet, so duften Grube oder Stall nicht nur ebenso wie vorher, sondern der Gestank ist sogar vermehrt, denn soweit Kalk oder Gyps verwendet wurden, werden die Fäkalien durch diese nur zur schnelleren Geruchsentwickelung getrieben. Eine Vernichtung der schädlichen Bazill-n findet aber in keiner Weife statt. Dieselben entwickeln sich nach wie vor munter fort und werden leicht durch die Abortfliegen (musca latrinae), die trotz der Verwendung solcher Desinfektionsmittel ihr Spiel treiben, auch auf weite Entfernungen verschleppt. Auch alle Karbolpräparate, von der Karbolsäure angefangen, sind sowohl für Gruben- als auch für Stalldesinfektionen durchaus ungeeignet, wenigstens in der Weise, in welcher sie verwendet werden. Würde mit diesen Präparaten wie Kreolin, Lysol, Kreosol, Saprol, Sapokarbol, gereinigter und roher Karbolsäure rc. rc. so desinfizirt werden, daß von den verbrauchten Mengen die in den Fäkalien enthaltenen schädlichen Keime getödtet werden sollten, so würde in Haus und Hof ein derartiger Gestank entstehen, daß sowohl Menschen wie Vieh darunter außerordentlich leiden würden, denn der durchaus nicht angenehme Karbolgeruch, der allen diesen Präparaten mehr oder weniger anhängt, wirkt auf die Dauer sowohl auf die Athmungs- als auch aus die Verdauungsorgane sehr ungünstig ein. Eine Verwendung derartiger Präparate in üblicher Weise, d. h. einige Tropfen irgendwo hin gegossen, ist eine einfache absolut nutzlose Räucherung, die eben nur wieder bezweckt, daß der Gruben- oder Stallgeruch verdeckt wird. Es besteht somit eine doppelte Belästigung. Der Gruben- oder Stallgeruch besteht ungeschmälert weiter und zu diesem tritt noch der widerliche Geruch des betr. Karbolpräparats. Die schädlichen Bazillen und die gefährlichen Abortfliegen leben bei einer derartigen Desinfektion lustig weiter, erreicht wird also auch hier nichts und auch hierfür wirft man sein Geld umsonst weg, denn daß eine derartige Räucherung ganz zwecklos ist, bestätigten selbst die Herren Geheimrath Dr. Koch und Geh. Medizinalrath Dr. v. Pettenkofer z. Z als man in Hamburg im Uebereiser alles mit Karbol mehr oder stärker imprägnirte. Nur dann tödten Karbolsäure resp. die Karbolpräparate Bakterien, wenn sie in unmittelbare Berührung und in genügender Menge mit den Auswurfstoffen Kranker gebracht werden. Der üble Geruch ist dabei natürlich unvermeidlich. Genau so ungeeignet sind für Gruben- und Stall-Desinfektion Torfmull und Chlorkalk.
Dagegen kennen wir ein Desinfektionsmittel, was seit 18 Jahren, hauptsächlich im Königreich Sachsen unter den günstigsten Erfolgen Verwendung findet und daselbst seit genannter Zeit von fämmtlichen Staatsbehöiden und Verwaltungen zum ausschließlichen Gebrauche vorgeschrieben wird. Dieses Desinfektionsmittel ist selbst geruchlos, leicht feucht, staubt daher nicht und in sehr handlicher Form (grobem Schnupftabak ähnlich). Dieses Desinfektionsmittel, nach Vorschrift angewendet, macht alle Abortanlagen absolut geruchlos, vertreibt die in denselben nistenden Fliegen und deren Maden und Eier. Von welch' großem Nutzen das ist, hat die vorjährige Epidemie in Hamburg bewiesen, woselbst diese Fliegen viel zur sprungweisen Verbreitung der Seuche beigetragen haben. Weiter bietet dieses Desinfektionsmittel den unschätzbaren Bortheil, daß es selbst bei Zusatz von kleinen Mengen (20 Gramm pro Person und Tag) zu den Excrcmenten, die in denselben enthaltenen schädlichen Keime, vor allen Cholera- und TyPhuSbazillen tödtet. Deshalb ist kein Desinfektionsmittel zur Bekämpfung einer Epidemie geeigneter als dieses bewährte Wollmar'sche Mittel, denn bei dem doppelten Zusatze, also 40 Gramm pro Person und Tag, würden die betreffenden Bazillen zum schnellsten oder sofortigen Absterben kommen. Aber auch größere Quantitäten können für solche Fälle aufgebraucht werden ohne befürchten zu müssen, allzu hohe Kosten dadurch zu verursachen, denn der Preis dieses geruchlosen giftfreien Desinfektionsmittels ist außerordentlich billig und zwar 10 Mk. pr. 100 Kilogr. Der Versand erfolgt in Fässern von ca. 100 Kilogramm Inhalt und der Fabrikant dieses Mittels Benno Wollmar in Dresden gibt gern jede gewünschte Auskunft. Aber nicht nur zur Desinfektion der Abortgruben, sondern auch zur Biehstalldesinfektion ist dieses Mittel unschätzbar. Es schafft gute Luft in den Ställen, läßt keine Ammoniak-Entwickelung aufkommen und vertreibt die ärgsten Quälgeister der Thiere, die Fliegen ebenso aus den Ställen, wie aus den Abortanlagen der Wohnhäuser. Eine solche Stalldesinfektion würde auch wesentlich zum Verschwinden der schlimmen Maul- und Klauenseuche beitragen.
Aber nicht nur dieses Abort- und Stalldesinfektionsmittel möchte allgemeine Beachtung finden, sondern auch die von der genannten Firma fabrizirten Haut- und Piffoirdesinfektionsseifen. An Stelle der übelriechenden Karbolwässer und -Seifen, die bei längerem Gebrauche Appetitlosigkeit, oft Uebelkeit veranlassen, wirkt diese Hautdesinfektionsseife fast wohlthätig, dieselbe tödtet alle etwa an den Händen oder Gebrauchsgegenständen haften gebliebenen schädlichen Keime und vertreibt Hautausschläge und Flechten. Die Pissoirdesinfektionsseife macht Pissoire, Küchenausgüsse und Abfallwässer sofort geruchlos.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(77, Fortsetzung.)
Der Millionär fuhr fort:
„Sprechen wir nicht ins Blaue hinein, von bloßen
Möglichkeiten, die in weiter Ferne stehen, denn Du denkst ja jetzt doch noch nicht an's Heirathe» — Du liebst ja noch Niemanden."
Anstatt auf diese indirekte Frage zu antworten, hob Mary das Köpfchen empor und sagte:
„Bezüglich dxs Heirathens habe ich Ansichten, welche dm Deinigen, wie Du sie wenigstens vorher ausgesprochen hast, durchaus mtgegengesetzt sind. Ich wünsche keine sogenannte brillante Hcirath, ich sehe auch nicht darauf, daß der Mann, den ich heirathe, reich sei. Rar drei Eigenschaften verlange ich von ihm: ein offenes, freies Wesen, Entschlossenheit und Muth. Sind diese Eigenschaften vorhanden, so genügt es, mir wenigstens, und Wäre es nur ein einfacher Beamter. Das Herz achte ich höher als Titel und Vermögen. Vielleicht habe ich Unrecht, viele Frauen sind auch, ich weiß dies, durchaus anderer Ansicht. . . Ohne mir zu erlauben, sie zu tadeln, beklage ich sie, und jedenfalls werde ich, wenn ich heirathe, dies nach meiner lieber« zeugung und nicht nach den Ansichten der Leute thun."
Unbeweglich und gleichgiltig hatte Harmant diesen Worten zugehört, er glaubte nicht anders, als daß eS nur gewöhnliche, kaum ernst gemeinte Phrasen oder Gemeinplätze seien, die sie da vorgebracht habe.
UebrigenS verstand er im Geheimen recht wohl, daß sie auf den Mann angefpielt habe, den sie liebte nämlich Lucian Labrone.
Vielleicht war diese ihre Liebe noch nicht so weit gediehen, daß ihre Leidenschaft kein Hinderniß mehr kannte, aber soviel sagte er sich, daß diese Zuneigung vorhanden sei, und immerhin flößte ihm diese That- sache einen nicht geringen Schrecken ein.
Der Gedanke, seine Tochter Lucian Labrone geben zu müssen, schauderte ihn förmlich, wenn auch sein Herz so abgehärtet als möglich war.
Er glaubte zu fühlen, wie das Blut in seinen Adern zu Eis erstarre, bei dem Gedanken, die Hand seiner Tochter in die Hand desjenigen legen zu müssen, dessen Vater er ermordet hatte.
Mary konnte ihrerseits nicht ahnen, waS in der Seele ihres BaterS vorging, und so sagte sie ganz leise zu sich:
„Ich habe wohl daran gethan, daß ich diese Frage aus's Top et brachte. Ich weiß jetzt, welche Absichten mein Vater bezüglich meiner hat, aber vor seinem Willen kommt zunächst mein Wille. Wenn Lucian mich eines Tages liebt, so werde ich sagm: Ich will, und mein Wille wird geschehen."
Ein langes Stillschweigen folgte auf diese Worte welche Mary halb laut gesprochen hatte.
Vater und Kind schienen in tiefeS Nachdenken versunken zu sein.
Paul Harmant unterbrach zuerst daS Schweigen.
„Werden wir heute auSgehen?" frug er.
„Wenn Du willst, Vater. Wir wollen Besuche machen. Ich bin Madame Willamson einen Besuch schuldig, deren Tochter mit mir befreundet ist, und die in der tue Bonaparte wohnt."
„Gut, Du magst dann zu Deiner Freundin gehen, ich gehe inzwischen einmal zu Herrn Darier, welchen ich seit meiner Reise nicht besucht habe."
„Wirst Du ihn auch heute, Sonntag wohl antreffen?"
„Ich denke ja, er hat mir wenigstens gesagt, daß er Sonntags meistens nicht auszugehen pflege."
„Nun, dann will ich ihn mit Dir besuchen," sagte Mary lebhaft, deren Gesicht vor Freude strahlte, bei dem Gedanken, daß Georg vielleicht von Lucian sprechen würde.
„Ich weiß nicht, ob dies passend ist," meinte der Millionär lachend.
„O, weshalb nicht?" versetzte Mary, „ein junges Mädchen darf mit ihrem Vater überall hingehen."
,@ut, Du magst mich also begleiten. Georg Darier hat mir vor drei Tagen geschrieben, und ich habe noch keine Zeit gefunden, ihm zu antworten."
„Er hat Dir gewiß in seinem Schreiben gedankt, daß Du Lucian auf seine Empfehlung hin die Stelle gegeben hast?"
„Gewiß, aber in dieser Beziehung war ich eigentlich ihm zu Dank verpflichtet."
„Wie so?"
„Georg Darier hat mir einen großen Dienst erwiesen, indem er mir seinen Freund empfahl."
„Du bist also mit Herrn Labrone zufrieden?"
„O ja, eS ist ein tüchtiger junger Mann, welcher seine Sache durchaus versteht."
„Und ein wohlerzogener, korrekter und edler junger Mann, nicht wahr?" sagte Mary, ohne ihre Gedanken voll auszusprechen. Du siehst, Vater, daß ich mich nicht irrte, da ich in ihm alle diese vorzüglichen Tigm- schaften zu finden glaubte.
Paul Harmant starrte, ohne zu antworte», ferne Tochter an.
Mary wurde purpurroth, und einen Augenblick bereute sie es schon, allzu voreilig gesprochen zu habm.
Jndeß gewann sie rasch ihre Fassung wieder und dacht* bei sich:
„Nach Allem ist eS um so besser, wenn er wahrnimmt, daß ich Lucian liebe. Wenn der Augenblick deS Kampfes gekommen sein wird, wird mir der Sieg um so leichter werden."
Der ehemalige Werkmeister gab dem Kutscher Befehl, ariznspannen.
„Mach' Deine Toilette zurecht, meine Theure," sagte er dann. „Ich will mich auch eben umkleiden."
„In zwanzig Minuten werde ich fertig sein," antwortete Mary, und begab sich dann auf ihr Zimmer.
Eine halbe Stunde später brachte ein eleganter Wagen, mit zwei echten Vollblutpferden in reichem Geschirr bespannt, Vater und Tochter zur rite Bona
parte.
ES war etwa zwei Uhr, als sie vor dem Hause deS jungen Advokaten ausstiegen.
Auf ihre Frage theilte der Thürfchließer ihnen mit, daß Georg zu Hause sei, und sie fliegen also zum zweiten Stock hinauf.
Lucian Labrone hatte seit höchstens zehn Minute»
seinen Freund verlassen.
Georg war mit seinem Freunde Stephan Castel noch im Gespräch über ihn begriffen, als er heftig klingelte.
Fast zu gleicher Zeit kam die alte Magd herein.
„Herr Paul Harmant und Tochter sind da," sagte sie, „ich habe sie in den Salon gesührt."
„Ah, das ist ja ein Besuch, welchen ich gar nicht erwartete!" rief Georg fteudig aus, „besonders heute nicht! Mein lieber Freund," wandte er sich dann an den Maler, „ich werde Dich mit einem der größtm Industriellen der Neuzeit bekannt machen ... dem Chef unseres Freundes Lucian Labrone."
„Es wird mich freuen, ihn kennen zu lernen." Beide begaben sich hierauf in den Salon.
„Seien Sie willkommen, lieber Herr Harmant, und Sie, Fräulein," rief Georg aus, indem er Harmant die Hand reichte und sich vor der Dame verbmgte. „Ihr Besuch freut mich sehr."
„Ich bin gekommen, mein lieber Anwalt, um Ihnen persönlich auf den Brief zu antworte», de» Sie mir vor einigen Tage» geschrieben haben," antwortete Paul
Harmant.
„Anstatt Ihnen zu schreiben, hätte ich Ihnen eben- sallS besser persönlich danken müssen, für die Theil- nahme, welche Sie für meinen Schützling gezeigt haben. Ich beabsichtigte dies auch, aber sehr dringende Arbeiten haben mich gehindert, diese Pflicht zu erfüllen, die mir zugleich auch ein Vergnügen gewesen wäre. Eatschuldigen Sie mich also, ich bitte Sie, und gestatten Sie mir, Ihnen meinen Freund und ehemaligen Vormund vorzustellen, Herrn Stephan Castel, welchen Sie gewiß dem Namen nach bereits kennen."
„Ich kenne in der That nicht bloS den Namen deS Herrn Castel," versetzte Mary, „sondern auch mehrere seiner Gemälde, und ich schätze seine Gemälde schr
hoch."
„Auch ich . . ." fügte der falsche Harmant bei, „und ich bin sicher, mich nicht zu irren, denn ich habe Herrn Castel bereits von Kennern rühmen hören, welche zu einem Urtheil berechtigter sind als ich."
Der Maler dankte in einige« Worten für die ge-
spendeten Artigkeiten.
Mary frug weiter:
„Werden Sie auch dieses Jahr ausstellen?"
„Nein, Fräulein, seit zwei Jahren stelle ich nicht mehr aus, sondern bin nur noch Mitglied der Prüfungs- Kommission."
Georg sagte dann seinerseits:
„Ich vermag Ihnen nicht zu sagen, Herr Harmant, wie sehr eS mich gefreut hat, zu vernehmen, daß Herr Lucian, mein lieber Freund, in Ihrem Hause Stellung gefunden hat. Glauben Sie, daß ich stets dafür dankbar sein werde." „ .
„Nun, eS scheint mir," warf Mary hin, „daß wir Ihnen Dank schuldig sind. Mein Vater sagt wenigstens, daß Sie ihm in Herrn Labrone eine tüchtige Kraft verschafft habm."
„So ist'S in der That," ergänzte Harmant. „Herr Lucian ist mir wirklich ein tüchtiger Mitarbeiter.
„Ich dachte, daß eS so sein werde, und kann sogar sagen, daß ich dessen im Voraus gewiß war, denn ich kannte die Kenntnisse und Fähigkeiten meiner Freundes genau. Er ist Ihnen durchaus zu Dmck verpflichtet, und er sieht Sie als seinen Retter und Wohlthater an, gewiß mit Recht, denn wenn Sie ihm nicht die Hand gereicht hätten, so wäre er vielleicht der Verzweiflung anheimgefallem"(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
(Em humaner Räuber.) Wegelagerer (nachdem er einen einsamen Wanderer ausgeplündert: „Einen Thaler will ich Ihnen laffen, denn unter dem Viadukt wird Sie wahrscheinlich mein Kollege anpacken, und der prügelt Sie erbärmlich durch, wenn Sie kein Geld bei sich haben!"