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Samstag, den 29. Juli 1893.

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Klerus und Politik — ein Wort zur

Diese Frage, beten Lösung ihr unmöglich schien, legte sich Mary immer und immer wieder vor.

Der Sohn Julius Labrone'S hatte recht wohl, wie bereits bemerkt, die Gefühle der jungen Mädchen- er« rathen, aber abgesehen davon, daß er Lucie allein und mehr als Alles auf der Welt lebte, wäre er ihm nie­mals in den Sinn gekommen, feine Ansprüche so hoch zu erheben, daß er an die einzige Tochter des Millionär- gedacht hätte.

Gerade da- große Vermög« de- Fabrikbesitzers schien ihm zwischen ihm und Mary eine Unübersteig- liche Kluft zu sein.

Er hatte also doppelten Gmnd, um sich zu stellen, als bemerke er die Aufmerksamkeiten Fräulein Har- mant'S nicht, und um dieselben durchaus kalt hinzu- nehmen.

Diese Kälte, welche Mmy gar nicht begreifen konnte, und die sie so sehr schmerzte, versetzte sie begreiflicher­weise in eine trübe Sttmmung, welche wiederum auf ihren körperlichen Zustand einen schädlichen Einfluß übte.

DaS Uebel, welches einen AugenRick lang sich zum Besiern zu wenden schien, verschlimmerte sich jetzt wieder.

Zu gewisien Stunden pflegte sich daS junge Mädchen, gänzlich im Widerspruch mit dem thatsächlichm Sach­verhalt zu sagen:

zen oder doch für einen beträchtlichen Theil des kirchlichen ®e« sammttörpers von Bedeutung sind. Die thatsächliche Regelung von Angelegenheiten, die das gegenseitige Berhalten von Kirche und weltlicher Gesellschaft betreffen, steht offenbar der kirchlichen Autontät zu. Berühren solche nur einzelne engere und unter­geordnete Punkte, so ist eS Sache des Episkopats, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sind sie aber derart, daß sie die letzten Grund­sätze der Politik selbst berühren oder allenthalben in gleicher Weise betrachtet und behandelt werden müffen, so kann nur der aposto­lische Stuhl mit entscheidender Kraft Vorgehen.

Die wissenschaftliche und schriftstellerische Behandlung der Politik dagegen wird von den kirchlichen Autoritäten durchaus nicht als Reservatrecht beansprucht. Die Kirche ist keine Ge­lehrtenschule, und der Papst kein Professor oder Literat, am allerwenigsten für Tagesfragen und Welthändel. So wenig die Kirche auf dem Gebiete der Schriftauslegung und der Dogmatik der wiffenschaftlichen Thätigkeit Abbruch thut, so wenig will sie da- auf dem Felde der Politik. Im Gegentheil. Wie sie dort immer der schulmäßigen Behandlung den Borsprung läßt und sich die letzte Entscheidung erst für den Augenblick vorbehält, wenn jene die Geister genügend aufgeklärt und vorbereitet hat, so auch hier. Es können demzufolge alle, die Kraft und Beruf dazu fühlen, die Fragen der Politik studiren und erörtern, ohne daß sie eine Einsprache der Kirche zr fürchten haben, so lange sie anders ihre Thätigkeit mit Rücksicht auf die feststehenden Lehren der Kirche auSüben, und so lange sie sich nicht anmaßen, was der Gewalt zusteht, das Recht, eine Entscheidung über die Lehre oder eine thatsächliche Lösung der Schwierigkeit zu ver­suchen. Weit entfernt davon, solches zu mißbilligen, sieht es die Kirche mit Wohlgefallen, wenn ihre Diener die Borurtheile be­schwichtigen, die aufgeregten Herzen beruhigen, die Geister der Wahrheit zugänglich machen und daS gelehrte Material zur Beurtheilung der streitigen Punkte zusammenschleppen. Dazu hat also ein Mitglied der Kirche das Recht, wenn ihm nur anders die Befähigung zu Gebote steht.

Denn da» Politisiren ist nicht so leicht als die meisten glauben. Bekanntlich gehören zwar Politisiren und Medicimren zu den Dingen, in denen jeder aburtheilen und weisen Rath geben zu können glaubt. Aber so leicht es ist medizinische Weisheit auSzukramen, so schwer ist eS, in der Praxis mit Erfolg zu mediziniren. In der Staatskunst ist es gerade um­gekehrt. Die praktische Politik ist allerdings oft mehr, man verzeihe uns das Wort, eine Art von Blindekuhfpiel oder GlückS- Hafen-Lotterie als berechnende Kunst und überlegende Wissen­schaft. Hat doch einer der größten Diplomaten daS geflügelte Wort gesprochen: Man glaubt gar nicht, mit wie wenig Ver­stand die Welt regiert wird. Anders aber liegen die Sachen, wenn in politischen Fragen vom Standpunkte der Wissenschaft aus eine zutreffende und genügende Erklärung abgegeben werden soll. Jeder Kenner wird gestehen, daß derlei Aufgaben zu den schwierigsten und verantwortungsvollsten gehören, die dem denkenden Verstände gestellt werden können. Gerade der Theo­loge und Priester ist am besten befähigt, das zu ermeffen. Denn einerseits öffnet ihm sein Beruf mehr als Anderen die Augen, um den Umfang und die Bedeutsamkett der Gebiete zu ermessen, die hier oft von einer einzigen Frage berührt werden. Anderer­seits fühlt er leichter als solche, denen der enge Zusammenhang der Politik mit dem wirklichen Leben ihre ganze Tragweite ver­hüllt, wie tief sie nur zu oft in die wichtigsten Grundsätze deS Glaubens und der Sittlichkeit, in die Rechte deS Gewissens, der persönlichen Freiheit, der gesellschaftlichen Ordnung und der Kirche eingreift.

Eben deshalb, weil e» so schwer und so gefährlich ist, die Grundsätze der Politik zu entwickeln, verlangt die Beschästtgung mit dieser Aufgabe ein gründliche- Studium und einen sichern Blick. Sin paar landläufige RedenSatten reichen nicht hin, um hier mitsprechen, oder gar um Rath und Richtschnur geben zu können. Nun bringt nun allerdings der Theologe an dem, waS er in der Philosophie, in der Moral und im Kirchenrechte ge­lernt hat, schon einen Borrath von Kenntnissen mit, die ihm als Wegweiser dienen können. Mehr aber leistet ihm daS nicht, zu­mal bei der Flüchttgkeit, milder heute die philosophifchen Studie» abgethan zu werden Pflegen. Wenn er sich mit Politik ein­gehender beschäftigen, und insbesondere wenn er mit seinem Ur»

checke für andere maßgebend auftreten will, muß auch er sich eingehend mit ihren hauptsächlichsten Lehren vettraut gemacht haben. DaS Mindeste, waS man von ihm verlangen muß, falls er den politischen Dingen seinen Eifer zuwenben will, ist, daß er sich gediegene Kenntnisse im Naturrechte, oder, wie man jetzt gewöhnlich sagt, in der Rechtsphilosophie zu eigen gemacht habe. Ohne solche in derlei Dingen daS große Wort führen zu wollen, hieße sich in Gefahr stürzen, unserem Stande und der Sache, die wir zu vertteten haben, bedenkliche Blößen zu geben und vielleicht der Wahrheit selber, die wir Vertheidigen sollen, die verhängnißvollsten Wunden zu versetzen.

Je mehr also die Zeitlage den Geistlichen nöthigt, sich mft Polittk zu befallen, umsomehr legt sie ihm auch das Studium der genannten Wiffenschast als eine Art von Standerpflicht auf. ES sollte darum bei der Vorbereitung der Theologen auf fie mehr Rücksicht genommen werden, wo eS nur irgend thunlich ist. Mt Recht legt man dort, wo eine gründ- kichere philosophische Ausbildung gegeben werden kann, auf die Ethik oder Moralphilosophie nicht geringes Gewicht. Man darf aber wohl sagen, daß unter den heutigen Verhältnissen jener Theil dieser Wissenschaft, der die Rechtsphilosophie im engeren Sinne behandelt — von dem engsten Zweige, der Sozialwissenschaft, ganz zu schweigen — zu den noth» wendigsten Ausstattungs-Gegenständen eineSGeist« lichen gehört. Wir haben im letzten Hefte deS vorigen Jahr­ganges, als wir an unsere Leser jene Bitte richteten, die wir uns hier zu erneuen erlauben, davon gesprochen, daß unserer Ueberzeugung zufolge, ein apologetisches Institut zu den dringendsten Bedürfnissen der Zeit gehört. Eine der Hauptaufgaben, die ein solches zu erfüllen hätte, scheint unS die gründliche Einführung von jungen Männern, Die ihre Studien mehr oder minder bereits vollendet haben, in die Rechtsphilosophie und natürlich auch in Die Sozial­politik. Möge die Zeit nicht mehr ferne fein, wo sich dieser Wunsch zur That machen läßt!

Bon P. Albert Maria Weiß. O. Pr.

(Schluß.)

Am allerwenigsten aber können wir zu dem Versuche schwei­gen, den KleruS von der Politik auszuschließen, wenn Polittk im dritten Sinne verstanden wird. Im vorigen Falle handelt eS sich zunächst nur um die Rechte, die der einzelne Geistliche der Oeffentlichkeit zu beanspruchen hat. Diese kann jeder für seine Person als Märtyrer des Friedens preisgeben. Er handelt dann nach dem Rothe des Herrn: Will Jemand mit Dir um den Rock streiten, so lasse ihm auch den Mantel, und nöthigt er Dich, ihm Spanndienste für eine Meile zu leisten, so thue fie ihm lieber pr zwei Meilen. (Matth. 6, 40, 41.) Aber in dem Falle, von dem nun die Rede ist, stehen nicht die Rechte der einzelnen Per­sonen, sondern die Pflichten des ganzen Standes auf dem Spiele. Hier iväre eine Berzichtleistung auf das Recht des KleruS, in Sachen der Politik ein Wort rnitzu- fprechen, nicht bloß keine Tugend, sondern ein sündhafter Berrath an unserer Standespflicht, in manchen Fällen sogar am Depositum fidei. Aus diesem Gebiete in den Ruf einstimmen: Hinaus mit dem Klerus aus der Poli­tik! hieße gerade so viel, als sagen: Kirche, Glaube, Christen» thurn haben mit der Einrichtung und mit der Leitung der Welt nichts zu schaffen.

Die Sache ist klar. ES handelt sich in Angelegenheiten der inneren und der äußeren, zumal der sogenannten hohen Polftik, allerdings tausendmal um höchst kleinliche und gleichgiltige Dinge, ja oft um bloße Form- und Ettketten-Stteittgkeiien. Aber öfter, als man glaubt, kommen dabei auch Fragen in Bettacht, die mehr oder minder enge die richttge Auffassung vom Wesen und von der Aufgabe des Staates berühren, und nicht selten stehen dabei die wichtigsten Grundsätze des rechtlichen, des fittlichen, des religiösen Lebens selbst auf dem Spiele. Wir könnten den Poli­tiker und den Staatsmann, der uns daS abstreften wollte, nur aufs Tiefste bedauern. Denn wir müßten dann den Beweis dafür erblicken, daß er selbst zu den Handwerkern und Maschinen- arbeiteni, nicht aber zu den Meistern seines Faches gehöre, da ihm der wahre Sinn und die Tragweite der von ihm vertretenen Kunst oder Wissenschaft — denn Beides kann die Polftik sein — so ganz und gar verborgen sein müßte. Ist dem aber so, wie mir eben sagten, dann hat die Kirche nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht, ihr Augenmerk auf da» von unS be­zeichnete Gebiet zu werfen. Denn die Grundfragen des Rechtes, und zwar nicht bloß die des PnvatrechteS, sondern auch die deS öffentlichen und insbesondere deS Staatsrechtes, unterstehen wegen chreS unlösbaren und engen Zusammenhanges mit den Lehren der Moral, den zu leugnen keiner Wiffenschast gelingen wird, der Oberaufsicht der Kirche nicht minder als die Sittenlehre und die religiöse Wahrheit selbst. Die Kirche kann sich dieser Auf­gabe nicht eMziehen, denn fie hat fie von Christus selbst empfan­gen. Wollte sie darauf Verzicht leisten, so müßte sie einfach ihre Pflicht verleugnen, ihrer Bestimmung untreu werden und sich selbst preiSgeben.

Darüber kann also für den, welcher die Kirche anerkennt und chre Aufgabe erfaßt hat, kein Zweifel bestehen, daß sie Politik in dem eben bezeichneten Sinne nicht bloß treiben darf, sondern muß. Nun ist aber auch der Ausdruck, den wir soeben gebrauchten, wieder doppeldeuttg. Man sagt nicht bloß vom Staatsmanne, der die Geschicke eines Volkes leitet, und vom Ab­geordneten, der einen Gesetzentwurf durch seine Abpnnnung durch­führen HLst, daß er Politik treibe, sondern auch vom StaatSrechtS- lehrer, der auf dem Katheder Vorlesungen über Völkerrecht und BerfaffungSkunde hätt, und von dem Publizisten, der die große Leserwelt über die Bedeutung und die Tragweite einer neuen Gesetz-Borlage aufzuklären sucht.

Handett es sich nun darum, durch die That in den Gang der polittschen Ereignisse einzugreifen, also, wie man gewöhnlich sagt, praktisch Polittk zu treiben, so ist klar, baß dies nicht dem nächsten besten Mitgliede des Klerus zusteht, zumal wenn sich Fragen aufdrängen, welche für die Kirche im Großen und Gan-

Deutsches Keich.

Berlin, 27. Juli.

* Der Kaiser ist heute Vormittag von Kiel an- an Bord der „Hohenzollmn" nach England abgereist.

* Fürst vi-marck wird die Reise nach Kisfingerr voraussichtlich am Sonnabend Vormittag antreten vnd am Abmd jmeS Tage- in Kissing« eintreff eit. Die Fahrt geht diesmal über Hannover, Eisenach und Meiningen, wo festliche Empfänge stattfindm.

* Der Nordpolforscher Dr. Frithjof Nansen ist am Sonnabmd mit seinem Schiffe „Fram" von Bardö nach Nowaja-Semlja abgesegelt. Die letztm Nachrichten au- dem Weißen Meere meldm vie Ei-, doch vermuthet Nansm, daß der frische Wind hierin Beränderungm gebracht hat. Ueber die Eisverhält« yiffe bei dm Reusibirischm Inseln sind gute Nach­richten eingelaufen. (Sitten schwierigen Punkt bildet da- wegm seiner Ei-verhältniffe berüchtigte Karische Meer. Kommt Nansen glücklich durch diese- hindurch, dann hofft er Ende August an der Westküste der Nm* sibirischen Inseln zu sein. Bon dort geht e- nord­wärts, und trifft man Land, folgt man diesem an der Westküste, worauf das Schiff „Fram" dann in'S ®8 hineinforcirt wird, mittels welchen sich Nass« über dm Pol treibm lassen will. In Jngorschar auf No- waja Semlja überbringt die Jacht „Urania" 50 Ton- Hohlen. Bon diesem Ort wird dann die letzte Nach­richt von dm Expeditton zu erwartm fein.

* Ueber die Persönlichkeit de- in- Seminar zu

„Vielleicht liebt m mich, abm ohne Bermögm und al- untmgeordnetn Beamte meine- Batm- wagt m nicht, seine Augm zu mir zu «heben. Er kämpft gegen sich selbst und verbirgt vor mir eine Liebe, welche et al- hoffnungslos anfieht. So vmhält es sich ganz gewiß, es kann nicht anders sein."

Dann setzte fie hinzu:

„DaS Beste wird sein, ihn üb« feine» Jrrthum zu belehren, m muß wiffm, daß « hoffen darf und daß ich, wmn m will .... und wenn er eS wagt, feine Frau werde. Lucian zu gehör« ist mein Leben — wenn ich ihm nicht gehörm darf, dann muß ich stnbm."

In dies« Stimmung befand sich daS junge Mäd- chm, als die Kamm«ftau meldete, daß das Frühstück aufgettagm fei.

Der Sonntag gehörte im Haufe Harmant'S voll­ständig dm Ruhe an.

Dm reiche Jnbufttielle, ermüdet von dm Arbeit« dm Woche, bmutzte dies« Tag, um feine Geschäfte auf einige Stunden zu vmgeffen.

War dm Nachmittag schön, so fuhr m mit Mary «'S Bouloguer Gehölz und »«brachte dann auch mit ihr dm Abend.

D« Elende fand thatsächlich keinen größer« Genuß, als mit seinem Kinde zusammen zu fein.

Endlich entlarvt!

Roman vou R. von Wollersheim.

(76. Fortsetzung.)

Am Morgen des nämlichen Sonntag-, an welchem Lucian bei feinem Frmnde Georg Dari« gefrühstück hatte, hatte Mary sich später al- gewöhnlich von ihrem Lag« «hoben.

Die Tochter deS Millionär- war heute ungewöhn­lich düster und traurig gestimmt.

Sie blieb bi- zur Stunde der Frühstücks auf ihrem Zimm«, ihre Gedanken »eiltet bei Lucian, dessen sichtliche Kälte ihr gegenüb« ihr ebmso vmletzend als unbegreiflich erschien.

Mary litt in dm That.

Die Liebe hatte in ihrem jungfräulichen Herzen große Fortschritte gemacht.

Mary, die junge Kranke, mit ihrem freien Wesen, daS verdorbene und verhätschelte Kind, aufgewachsm mitt« in ungezwungenen Sitten und Gebräuchen und in echt amerikanischer Freiheit, hatte eS so eingerichtet, daß Lucian, wmn m ander- nicht ganz mit Blindheit geschlagen war, eS merken mußte, mit welch« Gluth fie ihn liebte.

We-Halb mochte « nur, f» dachte sie, diese ihre Zuneigung nicht bemmkm ob« gar absichtlich unbe­achtet lass«?