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20. Jahrgang

Donnerstag, den 27. Juli 1893.

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FuldaerWZeitling

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«ebst der illustrirten Sonntagsbeilage,Sterne und Blume«' von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von -er Expedition „Harmonie" zum Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegenge- nommen.

Für die Monate August und September werden Abonnements ans die

Endlich entlarvt!

Roma» von R. von Wollersheim.

(74. Forttrtzung.)

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Johanna Portier hatte inzwischen aller Nöthige eingekauft, und so saßen bald alle drei in der heitersten Stimmung um den kleinen Tisch herum. Lucie ahnte natürlich nicht im Entferntesten, daß fie ihrer leiblichen Mutter gegenüber saß und ebenso wenig Lucian, daß die Frau, mit welcher er aus einer Schüssel aß, die Frau sei, die man der Ermordung seiner VaterS an- geklagt hatte!

In der Thal, ein sonderbarer Spiel der Zufalls.

Außerdem hatte noch am nämlichen Morgen der junge Mann in der tue Murillo mit dem wirllichen Mörder seines BaterS gefrühstückt!

Wir brauchen kaum zu sagen, daß dar einfache Mahl in der bescheidenen Wohnung der Näherin so fröhlich als möglich war und sich bis spät in den Abend hinzog.

Am folgenden Morgen trat Lucian, wie verabredet, feine neue Stellung bei Paul Harmant an.

Im Verein mit Mary, welche offenbar alle mög- lichen Vorwände suchte, um in seiner Nähe zu sein, wurde dar große Gemach neben dem Bibliothekzimmer neu eingerichtet, dann warb er mehrere Zeichner an, welche er als tüchtige Kräfte kannte und suchte sich

Erfcheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — In?erste kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprech^« Ra6tttt. vierteljährlicher Abonne mentsprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psenmg.

Neu-Ulm folgenden Beleg: Nachdem am Samstag Abend, den 15. d. M.. die Annahme der Militärvor­lage von Berlin nach München gemeldet war, traf am Sonntag, ben 16. d. M., der Drahtbefehl hier ein, mit dem Umbau der FriedenSkaserne sofort zu begmuen. DaS geschah am Montag, den 17., da sämmt- liche Arbeiten längst schon vergeben waren. Bis 1. Oktober d. I. dürste daS Kasernement bezogen werden können.

• Znn deutsch-russischen Handelsverträge wird offiziös vom Wolff'schen Telegraphenbureau die Mit­theilung verbreitet, daß die deutsche Regierung -boS russische Angebot, die Handelsvertrags-Verhandlungen iu Berlin fortzusetzen, unter Vorbehalt näherer Verab­redung über den Zeitpunkt angenommen und dabei er­klärt habe, daß sie, wenn auch zu einzelnen Modi­fikationen bereit, doch im Wesentlichen an den Forderungen festhalten müffe, welche die im März d. I. überreichte Liste der deutscherseits bean­spruchten Ermäßigungen deS russischen Zolltarifs ent­hielt. — Nach dem russischen ,Grashdanrn werden die neuen Verhandlungen erst im Oktober stattfiaden.

* Den Nationalliberalen ist daS Telegramm des Kaisers a« de» Abg. v. KoScielSki gar nicht recht. Daß die Polen, die Reichsfeinde, anderen Reichsange­hörigen, ja sogar allen als Muster vorgestellt worden, wider pcicht so sehr den Traditionen auS der BiSmarck'« scheu Zeit, daß sie durch alle möglichen AurlegungS- künste die Bedeutung deS ihnen fatalen Telegramms abzuschwächen suchen. Die Worte: „Ich danke Ihnen und Ihren Landsleuten sür Ihre Treue zu mir und meinem Hause; sie sei ein Vorbild für Alle" faßt der ,Hann. Cour/ dahin auf, daß daS „Vorbild für Alle" nur „für alle übrige» Preußen polnischer Zange" be- deute. „Jede andere Jaterpretation, so sagt er, als ob bie Treue der Polen ben Deutschen als Vorbild hin­gestellt würde, ist selbstverständlich als völlig unmög­lich auf dar nachdrücklichste abzulehnen." Wer den Worten des Kaisers nicht Gewalt anthut, wird zu einer andere» Auffassung kommen.

* Die Echorlemer'fche Aktion, welche bei ben Wahlen so gründlich verunglückt ist, soll jetzt publi­zistisch fortgesetzt werden. Dem .Wests.Merkur' wird von befreundeter Seite ein Circular mitge- theilt, aus welchem folgende Sätze weitere Kreise intet» essiren dürften.

In einer engeren vertraulichen Versammlung von Mit­gliedern der Westsälischeu Centrumspartei (in Münster am 15. d. Mts.) wurde festgestellt, daß das schon lange empfundene Bedürfniß einer angemessenen Vertretung der Interessen der produktiven Stände, insbesondere auch der Laudwirthschast, neuerdings besonders hervorgetreteu ist. ES wurde beschlossen, eine Aktiengesellschaft zu gründen, um mit deren Mitteln, entweder im Anschluß an bestehende Organe oder durch Grün­dung einer neuen Zeitung, im'letzteren Falle selbstredend unter strenger Festhaltung und auf dem Bodeu.der alten bewährten Grundsätze der CentrumSpartei^ bezüglich der religiös-polittschen und christlich-sozialen Fragen, dem beregten Uebelstande abzu­helfen. Es würde in diesem Falle ein täglich ein bis zweimal erscheinendes Volksblatt zu einem mäßigen AbonnementS- preise ins Leben gerufen werden, daS auf dem Standpunkte des ebenso selbst eine neue Wohnung in dem Viertel bc8 ParkS Monc ari.

Er fand denn auch drei kleine Zimmer auf dem vierten Stocke einer Hauser in ber tue Miromeseil, wo er bann zwei Tage später einzog, währenb ebenso zu gleicher Zeit Johanna Portier neben Lucie ihre Woh­nung nahm.

Lucian, welcher bie Hände voll auf zu thun hatte, hatte feit sein m Wegzuge vom Quai Bourbon noch keine Zeit finden können, um seine Braut einmal zu besuchen.

Ungeduldig harrte fie also des Sonntags, und als er gekommen war, war eS ein Tag unendlichen Glückes ebensowohl für bie beiben jungen Leute als für Jo­hanna.

Der Eintritt deS Sohnes Julins Labrone'S in daS Geschäft des Millionärs hatte einige Abwechselung in daS sonst eintönige L ben Mary'S gebracht.

Seit dem Tage, wo Lucian sozusagen bet ständige Gast in dem Hause der tue Mutlllo geworden war, schien eS, als ob die junge Kranke sich wesentlich ge­bessert habe.

Diese plötzliche Veränderung in ihrem Befinden war ben scharfblickenden Augen der ehemaligen Werk­meisters natürlich nicht entgangen.

Er schloß hieraus, daß er sich nicht getäuscht hatte, als er in dem Herzen Mai y'S eint auf keimende Zu­neigung zu dem Sohne des Mechanikers von Alfort-

Deutsches Reich.

Berlin, 25 Juli.

* DaS Kaisetpaar, welches gestern in Kiel ein» getroffen ist, gedenkt dort zwei Tage zu bleiben, worauf M bann bet Kaiser nach E,gl and begibt.

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht die Verleihung deS Schwarzen AblerorbenS an den preuß. Minister- p äsidenten Grafen Eulenburg, die Ernennung des bis­herigen deutschen Gesandten in Persien Fihrn. Schenck zu Schweinsberg zum Gesandten in China und die Berufung deS Staatssekretärs deS Reichsjustizamts Rieberding mit der Stellvertretung der Reichr- LanzletS im Bereich der Justizverwaltung, soweit sich diese in der eigenen und unmittelbaren Verwaltung des Reichs befindet.

* Die vorn Finanzminister Mquel g plante „ReichS- steuerreform", wonach die Franckenstein'sche Klausel beseitigt werden soll, hat bis jetzt wenig Aussicht auf Zustimmung gefunden. Selbst bie .Kreuzztg.' gesteht, daß mit diesem Rcformplan das Cent rum schwer zu haben sei, und bie .Freis. Ztg.' des Abg. Richter er» klärt: „Für die Beseitigung der clausula gründen» stein rst unter ben obwaltenden Verhältnissen weder die Cmtrumspartei, noch bie Linke beS Reichstags zu haben." Woher will benn Herr Miquel bezw. bie ReichSregieruug die Majorität für ihre Steuerreform- Pläne hernehmen? Auf da» Centrum kann sie dabei nicht rechnen. Dasselbe ist bei ber Steuer» urb Wahl­rechtsreform im preußische» Abgeordnetenhaus so schnöbe betrogen worden, daß eS jetzt siebenfache Vorsicht ge- brauchen wird und — anwenden muß. Nachdem daS Vertrauen deS CentrumS im Abgeordnetenhause in so arger Weise mißbraucht tootben ist — inwieweit Finanzminister Miquel persönlich baran beteiligt ist, lassen wir dahingestellt — verlangen eS die Ceu» Irumswähler im Deutschen Reiche, daß in keiner Weise mehr das „Vertrauen" irgendwie einen bestim­menden Einfluß auf die Haltung und Abstimmung deS CentrumS auSübe. Ist daS Centrum, — Dank der Vertrauensseligkeit des Frhrn. v. Huene — bei der Steuer- und Wahlreform im Abgeordnetenhaus einmal „.ju spät aufgestaydm". so wird eS sich jetzt nm so vorsichtiger vor einet neuen Ueberrumpelung hüten.

* Mit welcher Geschwindigkeit die zur Durchführ­ung der Militarvorlage nothwendigm Neubauten hergestellt werden, dafür bringt die .Franks. Ztg.' auS

: Centrums stehend, vorwiegend auch den besonderen Ange­legenheiten der Provinz Westfalen seine Aufmerksamkeit widmen soll, um energisch die Interessen der heimischen Landwirthschaft, der Industrie, des kleinen Gewerbes und Handwerkes zu ver­treten. Das Aktienkapttal ist zunächst auf mindestens 100,000 Mark, bestehend aus 100 Aktien ä 1000 Mark festgesetzt . . . Münster, den 17.Juli 1893. gez.Dr.Frhr. von Schorlemer- Alst. Dr. Federath, k. Landrath zu Brilon. Gunst, Gutsbe­sitzer zu Hembsen. Jaspers, General-Sekretär des Wests. Baueru- BereinS. gerb. Graf von Merveldt, Erbmarschall und Schloß- Hauptmann zu Münster. Stamm, Amtmann zu Ostbevern. Schulze Welberg, Gutsbesitzer zu Darup.

Das ist, sagt die .Germania', genau die gort» i setzung ber Schorlemer'scheu Aktion bei den Wahlen. ; Auch ba wurde „bezüglich ber religiös-politische» und ■ christlich-soziale» gragen“ bie Uebereinftimmung ! mit dem Cmtrum proklamirt, i» wirthschaftlicher Be- ziehang aber so getha», als müffe und könne man etwas Besonderer leisten, und — militär-politisch freie Hand gefordert, als hätten die Wähler hier gar nicht das Recht, sich der Gesinnung ihres Abgeordnete» zu versichern. Und das Letztere, freie Hanb in der Militärvorlage, war damals die Hauptsache für Herm Schorlemer, und jetzt ist ihm die von ihm gewünscht« politische Richtung die Hauptsache; denn religiös- politisch und sozial-politisch will er ja nichts Andere- als das Centrum, und seine wirthschafkS - politische» Klage» gegen daS C-ntrnm find als unwahr er­wiesen worden. Das C-ntrum hat in ber That bie Interessen der produktiven Stände mit Elfer und Ber- ständuiß vertreten, dte einzige Klage, die Herr von Schorlemer hervorhob, die Annahme der Handels­verträge, traf ihn in erster Linie, da er noch vor dem Centrum sich für die Annahme ausgesprochen hatte. Auch die Cmtrumspresse ist für die Interesse» der produktive» Stände immer eingetreten, und diese Stände würden sich selbst schädigen, wenn fie, statt die schon so zahlreichen verschiedenen CentrumS - Organe für sich i» Anspruch z» nehmen, dieselbe» mit sachver­ständige» Auseinandersetzungen und Anregungen zu unterstützen u. dgl., sich nur auf ein neues oder einige Organe beschränken und dadurch ben Einfluß der pro­duktiven Stände auf die öffentliche Meinung sogar minbern wollten. DaS liegt Aller so sehr auf der Hand, daß eS gar nicht zweifelhaft ist, wir haben er bei dem neuen Plane mit einer politischen, nicht mit einer wirthschaf tlich en Aktion zu thun; Herrn v. Schorlemer und seinen grennben gefällt Manche- in der Politik beS CentrumS nicht, dagegen wollen sie ein Organ haben, die Wirthschastlichm Gesichtspunkte solle» dazu Vorspann leisten.

♦ Die .Oberlausitzer Zeitung' berichtet: Laut einem hierher gelangten Schreiben lebt Emin Pascha noch unter befreundeten Arabern, ist aber total erblinbet. Er erwartet dort di« nöthigen Mittel, um bie Reise nach ber Küste anzutreten, für welche er ein« Dauer von sechs Monaten in Aussicht nimmt.

* München, 22. Juli. Boy ben 159 gewählten bayerischen Abgeordneten (einer ist doppelt gewählt) gehöre» »icht weniger als 57 der Laudwirthschast an, d. h. al- C tönernen, Wirthe, Brauer, Posthalter und tiiHe entdeckt zu habe» glaubte — eine Wahrnehmung, die er nicht ohne einen gewissen Schrecken gemacht hatte, denn er war sich über die geigen dieser Lieb« durchaus klar, und so sah er mit eher gewiff en Angst dem Augenblicke entgegen, wo seine Tochter, deren Charakter er nur allzu gut kannte, ihm ihre Liebe z» Lucian eingestehen werde.

Währmd eines Monates ging in dem Verhältnisse unserer Persönlichkeiten keine bemerkenswerthe Berände» rnng vor sich.

Mary verliebt« sich indeß mit jedem Tage immer mehr in Lucian Labrvne, welcher wiederum auch seinerseits immer deutlicher die außergewöhnliche Auf­merksamkeit de» jungen MädchmS ihm gegenüber wohl bemerkte. ...

Diese Aufmerksamkeiten und diese Li-benSwürdig» feit des jungen Mädchens, über welche Sucian gar nicht mehr im Zweifel sein konnte, warm ihm natür­lich durchaus unangenehm, beim er liebte Lucie leiben» schaftlich unb alle Millionen der ganzm Welt hättm biese Liebe nicht zu ersticken vermocht.

Er bachte, baß die demnächstige Eröffnung der gabrik in Courbevoi den Verkehr zwischen ihm unb gräulein Harmant, wenn nicht ganz unterbrechen, so doch wmigstenS erheblich beschränken werde.

„Wenn sie mich gleichsam nur auS der gerne er­blicken wird," dachte er, „wird sich dies Alles schon mit der Zeit verlieren."