Mittwoch, den 26. Juli 1893.
20. Jahrgang
JV 168
iildaerWZkitlliig
Erscheint täglich. Sonn« und Feiertage onigenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 16 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, vierteljährlicher Abonnementsprei« ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auSwtttS 1 Mark 60 Pfennig.
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Fuldaer Zeitung
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Praktisch-soziale Kurse
veranstaltet der Volksverein für da? katholische Deutsch- land in diesem Jahre je einen in Bamberg und Neisse. Eist-rer wird in den acht Tagen vom 21. bis 26. August, der zweite vom 4 bis 8. Skptember stattfinden. Im Vordergründe der Erörterungen stehen: Encyklika über die Arbeiterstage; Sozialismus; Arbeiterfrage, Arbeiterschutz, Arbeit rrversicherung, Arbeiter- Wohlfahrts - Einrichtungen; Gewerbegerichte; Agrarfrage, insbesondere Bauernvereine; Seelsorge und Sozialdemokratie. Täglich werden am Vormittage zwei Borträge von je einer Stunde abgehalten. Nachmittags find Referate mit Diskussion vorgesehen über: Arbeiter- und Fachvereine; Vereine für jugendliche Arbeiter; HauShaltungSschulen; Ländliche DarlehnS- kaffen; Charitas und Bekämpfung der Sozialdemokratie. Besuche der am Orte lvorfiadlichen WohlfahrtSeinrich- tungen und sonstigen sozialen Anstalten werden sich anschließen. Als Vortragende sind für Bamberg gewonnen u. A. die Herren Prof. Dr. Hitze, M.-Älad- bach; Dr. Jäger, Speyer; Prof. Dr. Schädler, Landau; P. Cyprian, Altötting; Bemfiziat Hauser, Augsburg. Vorträge in Neisse übernahmen die Herren Prof. Dr. Hitze, Prof. Dr. Schädler, Fchr. v. Hnene, Prof. Dr. Nickel-Neisse, Dr. Pieper-M.-Gladbach u. «. m. Beide Kursus wollen in erster Linie die unmittelbar praktischen Fragen berücksichtigen, jedoch unter stetiger prinzipieller Begründung. Nachdem der erste praktisch-soziale Kursus im vorigen Jahre zu M.-Glad- dach unter der Theilnahme aller gebildeten Stände mit so großem Erfolge abgehalten wurde, steht den beiden diesjährigen Kursen voraussichtlich ein sehr zahlreicher Besuch bevor. Anmeldungen, die man recht bald bewerkstelligen wolle» sowie Bestellungen von Wohnungen sind za richten nach Bamberg an Herrn Domprediger ©enger, nach Neisse an Herrn Ober- kaplan Stull.
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Juli.
• Die Erklärungen des preußischen KriegSministerS über die Manöver und die Fntternoth haben in den betroffenen LandeStheilen keineswegs befriedigt. Es ist darüber eine tiefgehende Bewegung entstanden, die sich in allerlei Kundgebungen zum Zweck einer Besei-
EMich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim,
(73. Fortsetzung.)
72.
Lucian ergriff die Hände seiner Verlobten und preßte fie an seine Lippen. Dann fuhr er fort:
„Du siehst also, tote thöcicht Dein Traum war! Ich habe jetzt den Titel Fabrik-Direktor und zwölf- tausend Frauken Gehalt!"
„Zwölftausend Franken!" wiederholte Lucie, die ihren Ohren nicht traute. „Aber dies ist ja ein ganzer Vermögen!"
„Wenn auch nicht das Vermögen selbst, so doch wenigstens ein schwacher Anfang. Mit morgen trete ich mein neuer Amt an - binnen einem Jahre wird meine Keine Lucie meine Frau fein; binnen fünf oder sechs Jahre, wenn er Gott will, werden wir, hoffe ich, wohl einige dreißigtausend Franken bei Seite gelegt haben, damit ich dann selbstständig werde und die Werkstätten meiner armen BatrrS auf dem Terrain in Alfortville, das mir zugehört, wieder aufbauen kann."
Johanna Portier zitterte bei diesen Worten, ebenso wie auch am nämlichen Morgen der falsche Paul Har- mant gezittert hatte.
„Ihr Vater wohnte in Alfortville?" frug sie mit unsicherer Stimme.
„Ja, Mutter Lison."
tigung oder Milderung der bevorstehenden Kalamität äußert. Ueberall im Westen und Süden Petition»! man um Aufhebung der Manöver. Inwieweit diese berechtigten Wünsche der bedrängten Landschaften noch Beachtung finden werden, muß dahingestellt bleiben. ES wäre aber sehr in hohem Grade wünscheuswerth — so meint sogar die ,Natlib. Korresp.' —, daß nicht immer neue Mißstimmung im Lande erregt wird durch Maßregeln, deren zwingende Nothwendigkeit nicht anerkannt werden kann. — Sehr wahr!
* Die Nothweudigkeit der Manöver sucht die ,Nordd. Allg. Zig.' darzuthun. DaS Blatt meint, bei den Wünschen, die den Ausfall der Manöver in einzelnen LandeStheilen betreffen, sei vielfach ersichtlich geworden, daß in weiten Kreisen der Werth der Manöver für die Ausbildung der Truppen und Truppenführer unterschätzt werde. Sodann wird die Bedeutsamkeit der Manöver für die Ausbildung der Truppen geschildert. Jeder Ausfall derselben füge der Armee beträchtlichen Schaden zu. Das entstehende Manko an Ausbildung könne durch keine wie immer geartete sonstige Arbeit beglichen werden, und zum Schluß heißt es dann:
„Mchtsdestoweniger würde nichts so unrichtig sein, als an« zunehmen, die Heeresleitungen ließen nicht in dem Falle unter allen Umständen die im Vorstehenden berührten Rücksichten zurücktreten gegen diejenigen auf daS Gesammtwohl der Bevölkerung, sei eS im ganzen Baterlande ober einzelnen Theilen desselben, wenn wirklich eingetretene oder zu befürchtende Nothstände das Ausfallen der Manöver ober bereit Verschiebung nahe legten. Die Veränderungen, welche in den diesbezüglichen Dispositionen mit Rücksicht aus die drohende Gefahr der Verschleppung der Cholera im vorigen Jahre getroffen wurden, beweisen zur Genüge, wie weit in s lchen Fällen die Armeelettung im Concedireu zu gehen bereit ist. Im Uebrigen aber wird bei der Begründung der mehrfach besprochenen Wünsche zu wenig daran gedacht, daß kein verantwortliches Glied der Armeeleitung seine letzte Entscheidung bezüglich der Manöver trifft, ohne mit derjenigen Instanz der Civilverwaltung sich ins Benehmen und in Einver- ständniß gesetzt zu haben, von der auch die Parteien, welche bei lebet Gelegenheit ein Uecergreifen bes Militarismus konstatiren möchten, nicht in Abrebe stellen können, baß in ihr bie Sorge für die Wohlfahrt aller Bürger konzentrirt sei, nämlich mit bem Minister bes Innern."
Die Wichtigkeit der Manöver an sich wird wohl von keiner Seite ernsthaft bestritten werden. Jrn vorliegenden Falle aber handelt es sich um den Ausfall der Manöver in diesem Jahre, speziell in den von einem Rothstand betroffenen Gegenden. Anzuerken- nm ist, daß das offic-öse Blatt betont, die Frage werde im Einverständniß mit den Civilbehörden erörtert. Der Schlußsatz freilich, in dem Minister des Innern sei die Sorge für die Wohlfahrt aller Bürger concentrirt, wird einiges Kopfschütteln erregen. Es wird sich nach wie vor empfehlen, daß sich auch noch andere Leute um die Wohlfahrt kümmern.
* Während Abg. Frhr. v. Stumm noch bei der ersten Berathung der Militärvorlage behauptet hatte, daß in Frankreich im Jahre 1892 230,000 Mann eingestellt seien, berichtet jetzt das Fachblatt Progres militant' vom 28. Juni, wie wir der .Köln. Ztg.' entnehmen, daß die Zahl der für tauglich befundene« sich in Frankreich 1892 um 20,000 Mann gegen
„Wie hieß ihr Vater?"
„Er hieß JlckiuS Labrone, und er ist vor einundzwanzig Iahten mitten in seiner brennenden Fabrik von Mörderhand gestorben."
Johanna fühlte, tote ihre Kniee schlotterten.
Cine unnennbare Angst hatte sich ihrer bemächtigt. Sie, die unschuldig war, aber d?S dreifachen Ber- brechens der Brandstiftung, bei Mordes und des Diebstahls angeklagt und für schuldig befmtben worden war — sie sah sich mit einem Male dem Sohne Julius Labrone'» gegenüber, der, wenigstens nach der Meinung der menfchlichen Gerechtigkeit, ihr Opfer war!
Wenn der junge Mann ihrm witklichm Namen wtdeckte, so mußte er sie für schuldig haltm und verwünschen.
„Der Tod meines armen Vater- hat seiner Zeit viel Aufsehen gemacht," fuhr Lucian, sich au Johanna wmdend, fort.
„Haben Sie auch davon sprechen hörm."
„Ja," antwortete Johanna.
„Eine Frau ist damals angeklagt und für schuldig befunden worden, vielleicht erinnern Sie sich dessen?"
„Ja, ich erinnere mich."
„Die Jury hat zwar gesprochen," meinte Lucian weiter, „aber war diese Frau auch wirklich eine Verbrecherin ? Ist sie vielleicht nicht das Opfer des Zu- sammmtreffenS zufälliger Umstände oder eines JrrthnmS feiten» der Richter gewesen? Die ganze Sache ist mir
das Vorjahr vermindert hat. Dieselbe hat im Jahre 1891 271,562, im Jahre 1892 dagegen nur 251,541 Mann betragen. AuSgehobm wnrdm 181,372 Mann, es traten freiwillig ein 31,795, sodaß die Ge- sammtzahl bet in daS aktive Heer Eingestelltm mir 213,167 Mann beträgt, lieber bie KriegStüchtigkeit unb bie allgemeine Beschaffenheit biefer jungen Krieger hat sich vor einigen Wochen ein gewiß unverdächtiger Zeuge, nämlich ein Korrespondent der .Kölner Ztg/ ausgesprochen, deffen Mittheilungen von besondere« Interesse sein dürften. ES hieß da u. A.:
„Im französischen Volke (?) herrscht eine wahre Sucht nach lebendem Material für beu Krieg; ber letzte Mann und daS letzte Zugthier ist dienstpflichtig. Nichts ist ein stärkerer Beweis für beu Werth, ben man hier ber Zahl beilegt, als bie Art und Weise, wie man bie Regimenter vollzählig zu machen sucht. Da ber letzte fehlerfreie Manu genommen ist, sieht mau sich ge- nöthigt, selbst Krüppel in bie Kompagnien einzustellen. Trainsoldaten die einen ansehnlichen Höcker aufzuweisen haben, sind keine Seltenheit. Ohne besonders Acht zu geben, habe ich mehrere derart verunstaltete Infanteristen gesehen, sowie zwei die in Folge ber Verkürzung eines Seines leicht hinkten, der Mangel eines Fingers macht ebenso wenig dienstuntauglich. Infanteristen, bie sogar int Civilkleibe durch ihre Zwerghaftigkeit auffallen würden, sind häufig genug zu sehen; ihr Anblick ist von komischer Wirkung, da ihnen daS Seitengewehr wie ein Schleppsäbel bis zu den Fersen hinabhängt. Zwar ist eine bestimmte Größe und, was uns Deutschen merkwürdig scheint, ein bestimmtes Gewicht für die Aufnahme in das Heer vorgeschrieben; diese Vorschrift wird aber schon lange nicht mehr eingehalten. Moralische Befähigung wird noch weniger verlangt, als körperliche; der jugendliche Verbrecher wird unbeanstandet ber Ehre gewürbigt, französischer Soldat zu fein. Möglichst viel Solbateu, koste eS, waS eS wolle; auch ein Zwerg und ein Krüppel können ihre Gewehre abschießen, unb bie Kugel thut genau dieselbe Wirkung, wie die einer soldatischen Prachtgestalt "
Em besserer Argument gegen bie Franzofenfurcht, mit welcher bie militärfromme beutfche Presse in bet letzten Zeit wiebet zu Gunsten bet Militärvotlage gearbeitet hat, ließe sich wohl nicht ansfinben, als eS in vorstehenden Sätzen ber Mitarbeiter emeS bet — jcht — militärfrommste« Organe liefert.
• Da bie erhöhte Friedenspräsenzstärke de» Heere» bereits am 1. Oktober b. I. zur Durchführung gelangen soll, so müffen bie nothwenbigen Bauten von Baracken, Stallungen, Reitbahnen, Menageanstalten, ferner bie Anlage von Schießständen, bie Erweiterung bezto. Errichtung von Garnisonlazaretheu unb alle anberen Einrichtungen unverzüglich in Angriff genommen werben. Namentlich müssen bie Baracken bi» zu« Einrücken ber neuen Rekruten im November vollkommen bewohnbar hergerichtet werben. Dieselben, für bie da» sogen. Pavillonsystem vorgeschrieben ist, werben in Backsteinen ansgeführt unb sollen nur außer bem Erdgeschoß noch ein einziger Stockwerk enthalten.
* lieber bie Durchführung bei Sonntagsruhe iw Industrie und Handwerk sollten bekannllich schon im Juli Besprechungen mit ben Vertretern ber Interessentenkreise stattfinben. ES hat sich jedoch, wie bie offiziösen Perl. Pol. Nachrichten' melden, heran»- gestellt, baß eS zweckmäßiger wäre, zunächst bie einzelnen Berufszweige über bie regierungsseitig geplanten wenigstens räthselhaft unb sehr gern möchte ich bie» Dunkel, in welches Aller gehüllt ist, lichten."
„Sie glauben also wohl an bie Unschuld ber Bet- urtheilten?" frug Johanna begierig.
„Ich glaube eS nicht, ich zweifle nur, allerbing» fo lange, bis ich ben Mann sehen werbe, ber, wie man behauptet, ein Opfer seines HeldenmutheS geworben ist, ber aber nach meiner Ansicht eine schmähliche Komödie gespielt hat, um ungehindert fliehen unb daS gestohlene Gut ruhig genießen zu können."
Beinahe hätte sich Johanna verrathen.
Scho« hatte fie ben Ramm Jakob Garant» auf bet Zunge, aber sie vermochte eS noch zur rechtm Zeit, sich zu beherrfchm und zu fchweigm.
Konnte sie etwa fagen: , ,
, Ja, der wahre Schuldige, der einzige Schuldige ist Jakob Garand, unb ich, Johanna Portier, ich bin ungerechter Weife verurtheilt toorben wegen be» Bei- brechens eines Anbern, unb ich bin aus dem Gefäng- niffe von Clermont entfiohm?"
Sie konnte dies nie unb nimmer fagen, beim e» war nicht genug, bies zu behaupten, fie mußte eS auch beweisen.
Unb gerade bie Beweise für ihre Behauptung fehlte« ihr jcht ebenso sehr wie bamal», als fie vet- urtheilt wurde.
Gleichwohl unb trotz ber dringenden Nothwendig-