Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(72. Fortsetzung.)
„Hören Sie, Fräulein Lucie," begann sie also. „Sie sind Näherin und Sie haben mir einmal gesagt, das Sie für mich arbeiten wollten, wenn ich er wünschte."
„Gewiß, recht gern. Bedürfen Sie meiner
„9a.“
„Gut, ich stehe zu Diensten"
„Soeben," fuhr Johanna fort, „tarn ich an einem großen Laden in Kleiderstoffen vorbei. Im Schaufenster waren einige billige Stoffe ausgelegt und ich habe einen kleinen Rest für wenig Geld erstanden."
„Ah, ich soll Ihnen also ein Kleid mach«?"
„Ja. wofern Sie mir diesen Dienst erweisen wollten?"
„Gewiß, recht gern, Sie haben den Stoff gewiß da schon mitgebracht?„
„Ja, hier ist er," antwortete Johanna, indem sie auf ihr Packet deutete.
„Gut, legen Sie es dahin. Ich will Ihnen so- gleich Maß nehmen. Können Sie ein wenig warten?"
„O ja, mein zweiter Ruvdgang ist beendet und ich bin frei bis morgen früh. Sie brauchen sich also einerwegS zu beeilen."
Srlcheint tSglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechend« Rabatt, vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
..................... 1111 । """
ZUM Silberkrach.
Die Regierung Englisch-Indien- hat vor einigen Wochen einen folgenschweren finanzpolitischen Schritt gethan, nämlich die freie Silberprägung an den englisch-indischen Münzstätten aufgehoben und den Preis der Rupie auf 1 Schilling 4 Pence fixirt. Zur Freude der Goldwährungsleute ist in Folge dieses die Goldwährung vorbeieitenden Schrittes der Silberpreis in der ganzen Welt ganz wesentlich weiter gesunken, so daß bereit- große amerikanische Silberbergwerke dieserhalb ihren Betrieb eingestellt haben. Rach und nach Hat die Panik etwas nachgelassen, allein nichtsdestoweniger sehen die „Goldleate" freudig in die Zukunft, obwohl sie wissen müßten, daß der Goldvorrath lange nicht hinreicht, um allen Staaten die Einführung der theueren Goldwährung zu gestatten, -obwohl ihnen endlich bekannt sein muß, daß bei allgemeiner Einführung der Goldwährung ohne genügender Gold wir einer grenzenlosen Papiergeldwirthschaft entgegen gehen.
Die Ursache der Maßnahme der indischen Regierung ruht in England. Gladstone weiß, daß eine rege Dopst lwährungr Partei besteht, der sogar der hochwürdigste Erzbischof Walsh von Dublin ange- hört. Um dieser den Wind aus den Segeln zu nehmen und zugleich bei den HandelStreibendcn und Industriellen Englands lieb' Kind zu machen, Hot man Indien die Nachtheile der englischen Goldwährung aufgebunden, ohne dem Lande die Bortheile — wirkliches Gold — zuzugeben. Ganz offen sagt diesbezüglich ein ManchesterlicheS Blatt: „Die Kaufmannschaft und Industrie können mit der Regelung der indischen Währung zufrieden sein. Wohl hätte ihr ein weiteres Sinken des RupienwertheS billigere Einfuhren aus Indien gebracht, aber diesen billigeren Einfuhren wären schlechtere Preise für die Ausfuhren nach Indien gegenübergestanden. Und von diesen schlechteren Preisen für ihre Ausfuhr war die Kaufmannschaft stets hart getroffen, während die Billigkeit der Einfuhren ihr wenig verschlug, um so weniger, als beim Sinken des Rupien- LnrseS durchaus nicht der größere Theil der daraus resultirenden Gewinns in ihre Taschen, sondern weitaus daS meiste in die der indischen Zwischenhändler floß."
Damit haben die diese Auslastungen abdruckenden manchesterlichen Blätter daS wichtige Zugefiändniß gemacht, daß die theuere Goldwährung zumScha- dm der Produktivstäude der betr. Länder die Einfuhr aus den Ländern mit billigerer Währung (Silber- oder Papierwährung) erleichtert, dagegen die Ausfuhr nach letzteren erschwert, vor allem aber die Löhne drückt! Um Indien- Handel und Produktion zu schädigen, der Englands aber zu nützen, haben die skrupellosen Engländer die Demonetisirung der Silbers in Indien in- Werk gesetzt. Wie dieses Experimmt in Englisch-Jn- bien wirken wird, ist unberechenbar, sicher dm englischen Herrschenden sehr gleichgiltig. Dort hat man bis jetzt von einer Silberentwerthung nichts gewußt. Silber, Geld und Gold war vertheuert. J.tzt ist mit einem Schlage Silber entwerthet, und die Indier be»
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Juli.
* Die Schlußworte de- Kaisers bei der Eröffnung der Reichstages am 4. Juli werdm, Währmd sie in dem ursprünglichen stenographischen Bericht über die Eröffnungsitzung gesehlt hatten, jetzt in einem neuen, vom ReichStagSbureau herauSgegebmen Bericht in folgmder Form wiedergegeben „Und nun, meine Herren, gehen Sie hin; unser alter Gott sehe auf Sie herab und leihe Ihnen seine» Segen zum Zustande« bringen einer ehrlichen Werkes zum Wohle unseres Vaterlandes!" Das Amen am Schluffe der Rede ist in dem revidirtm Bericht also fortgeblieben.
* Der BuudeSrath hielt heute eine Sitzung ab. Mit Ablauf der nächsten Woche tritt der BundeSrath seine diesjährigen Sommerferien an.
* Die Frage, wie die neue« Militärkosteu gedeckt werden sollen, kann ohne das Centrum kaum gelöst werden. Erklärt das Centrum in Konseqnmz seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Militär« Vorlage, daß eS nicht verpflichtet ist, für neue (Steuern zu stimmen, wo eS die neuen Militärforderungen abgelehnt hat, dann kann eS alle Steuervorschläge der Regierung ablchnen und die Regierung kann sehen, wo sie bei den „Freundm der Militärvorlage" eine Mehrheit von Steuer-Freunden findet. Die Schwierigkeiten der Deckungsfrage Beginnen jetzt schon- Der Staatssekretär deS Reichsschatzamts Frhr. v. M a l tz a h n« Gültz, dessen Steuerpläne so wenig Anklang gefunden habm, hat den Kaiser bereit- um seine Entlassung gebeten und wird im Herbst sicher seinen Poften ver« lasten. Inzwischen aber ist Finanzminister Miquel damit betraut, neue Steuerpläne ausfindig zu mach«. In erster Linie soll eine Tabaksteuer geplant sein. Am 6. August werdm, wie bekannt, in Frankfurt a. M. die Finanzminister der Einzelstaatm mit dem Herrn Miquel zusammentreten und das von Letzterem entworfene Programm einer „Reichs-Steuerreform" beratheu. Herr Miquel ist für solche Dinge der rechte Mann. Braucht die Militärverwaltung auch „nut" 55 Millionen Mark jährlich mehr, so wird er mit seiner Reform schon das Doppelte herauSzuschlagen versteh« — auch „für künftige Fälle", denn diese Militärvor- läge wird ja leider noch nicht die letzte sein. Die russische Regierung will ja schon die Annahme der deutschen Militärvorlage mit der Errichtung von zwei neuen Armeekorps beantworten, so daß die Schraube ohne Ende in Thätigkeit bleiben kann, bis die Krieg»« rüsturgen in Europa einen Staat nach dem andem bankerott gemacht haben.
* Eine am Freitag von der christlich-sozialen Partei in Berlin einberufene Versammlung in welcher sich Hosprediger Stöcker mit dem Antisemitismus Böcke!« scher und Ahlwardt' scher Richtung auSeinandersetzte, nahm einen selbst für Berliner Gewohnheiten stürmischen Verlauf. Herr Stöcker mußte wiederholt seine Rede unterbrechen und die Versammlung vertagt werd«, weil der Sturm zu toll wurde.
• Die norddeutschen Privatbahnen lehntm nach
mich, als ich noch ein kleines Kind war, dem Findelhause übergeben."
„In Paris?" stammelte Johanna mit zittemd« Stimme.
Lucie war allzusehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, um die Erregung Johanna'- zu gewahren.
„Ja in Paris," versetzte sie cäso.
„Ist dies schon lange her?"
„Ein und zwanzig Jahre."
„<iin und' zwanzig Jahre!" wiederholte Johanna, welcher dieses Datum so viele schmerzliche Erinnerung« in'S Gedächtniß zurückrief. „Und wie alt find Sie Ktzt?"
„Zwei und zwanzig Jahre muß ich wohl alt sein, wenigstmS wie man mir gesagt hat."
„Wissen Sie vielleicht, wo Ihr erster Lebensiahr verfloffen ist bis zu dem Zeitpunkte, wo man Sie dem Findelhause übergeben hat?"
9lput"
"Wissen Sie dmn vielleicht, ob Ihre Eltem Sie ausgesetzt oder ob eS Freunde im Auftrag Ihrer Elte« lethan haben?"
„Darüber weiß ich nicht daS Geringste."
„Aber man wird eS im Findelhause wiffm." „Vielleicht weiß man eS dort; übrigens hat mav eS mir keinesfalls mitgetheilt."
sitzen viele Milliarden — wie das wirkt, wie der ganze Handel und Verkehr im Osten stockt, darüber werden uns erst langsam Nachrichten zugehen. Bricht eine Panik in den Bazaren ans, fordert alle Welt dort Gold, dann ist es sehr fraglich, ob die dekretirte Festsetzung von 1 Schilling 4 Per ce für die Rupie sich haltbar erweist und der Asiate zwischen geprägtem und ungeprägtem Silber unterscheidm lernt. Wahrscheinlich ist, daß wie in Oesterreich sehr bald ein Agio entsteht, welcher die willkürliche Festsetzung über den Haufen wirft.
Der direkte Schaden, dm die Absetzung des weißen Metalls, seS Silber-, über olle civilirte Staaten gebracht hat, ist unberechenbar, noch weniger berechenbar aber die gründliche Untergrabung der ehrlichen Produktion. Und Alle- da- wegen der Profit« wuth einer Anz hl von GroßbankierS und Großgoldhändler, in bereit Interesse allein die theure Goldwährung, die daS Kipp« und Wippen erleichtert, liegt!! BiS jetzt haben die GoldwährungSleute als durchsichtiges Feigenblatt, mit dem sie ihr« Eigennutz bedeckten, vorgehalten, die Produktion des Silbers sei so in'S Riesenhafte gewachsen, daß daraus die Entwerthung dieses Metalls abzuleiten sei. Vergeblich wurde den Leutchen mittelst unanfechtbarer Zahlm da- Gegmtheil vorgehalten. Nun haben die Goldfanatiker selbst dieses „Feigenblatt", mit dem sie ihre Blöße bedeckt«, weggeworfen. So wird z. B. im Berliner .Börsen- Courier' und anderen Blättern mit Naivetät und Offenheit, die erstaunlich, zugestanden, daß die Demonetisirung deS Silber- in Indien und vielleicht später in Amerika einen großen Preissturz des Silbers herbeiführm müsse. Man kann diesen Blättern nur dankbar für diese- Zu- geständniß fein. Seit 1873 prägt Deutschland kein Silber mehr — außer geringe Quantitäten für Scheidemünze — der lateinische Münzbund mußte, um sein Gold zu behalten, diesem Beispiel folgen und — nun kommt auch noch Indien, welche- da- weiße Metall vervehmt! Kein Wunder, wenn e- dadurch um fast 50% im Preise gefallen ist, um so einen Schaden an dem Rational-Bcrmögen der «Staat« anzurichten, der dem großer verlorener Kriege gleicht.
Man fragt: Was werd« nun die Bereinigten Staaten von Nordamerika thun, welche durch die Shermun-Bill verpflichtet sind, nicht unbedeutende Silbermassen monatlich anzukaufm? Wenn die große Union recht beratheu ist, so wird sie als abgeschlossene« WirthschastS-Gebiet zur Doppelwährung übergehen und sich fo die Bortheile aller Länder mit billigerer Währung sichern: Die Erschwerung der Einfuhr aus den Ländern mit der theueren Goldwährung, dagegen die Erleichterung der Ausfuhr nach dies« Ländern! Amerika'- Industrie und Landwirthschast, die heute schon der der alten Länder überlegen sind, würde dadurch ein Siegeslauf durch die ganze Welt gesichert sein. Unter diesen Umständen liegt eine baldige Wiedereröffnung der Brüsseler Münz-Konferenz im Interesse aller Kulturstaaten und eS wäre wünschenSwerth, daß dort endlich eine Einigung über die Nothwendigkeit der baldigsten Rewonetistrung des Silbers erzielt wird.
„Ich arbeite gern rasch."
Mit fieberhafter Geschwindigkeit handhabte Lucie ihre Nadel, während sie zu geicher Zeit verstohlen nach der Thüre blickte und aufmerksam auf daS geringste Geräusch aus der Treppe horchte.
Johanna begriff wohl, daß daS junge Mädchm etwas erregt sei, konnte indeß die Veranlassung hierzu nicht ahmn.
AuS diesem Grunde und auS der leichterklärlichm Neugier, etwas auS dem Vorleben deS jungen Mädchens zu erfahren, knüpfte sie also mit der gleichgültigsten Miene von der Welt em Gespräch mit ihr an.
„Sie sind gewiß schon lange Näherin?" frng sie also.
„Beinahe sechs Jahre, Madame Lison," antwortete Lucie.
„Sie habm hier in Paris das Nähen gelernt?"
„Die Wahrheit zu sagen ja. Indeß habe ich überhaupt angefangen zu lerne» im Hospital, wo ich erzogen worden bin."
Als Johanna diese Worte so unvermuthet hörte, zitterte sie am ganz« Leibe.
„Sie sind im Hospital erzogen worden?" frug sie also lebhaft.
„Ja, Madame Lison," erwiderte Lucie traurig. „Ich habe Vater und Mutter nie gekannt. Man hat
uldaerMZeitiliig
JM 167
Dienstag, den 25. Juli 1893.
20. Jahrgang