Beilage zu Nr. 166 der „Fuldaer Zeitung".
________ Sonntag, den 23. Juli 1893. ' "
„Aber Sie wanken ja etwas?"
„EL ist die Freude. Ich wünschte so sehnlichst, daß mein Vater Ihrer Bitte willfahrte. Verzeihen Sie mir diese Schwäche, es ist jetzt vorbei."
Das junge Mädchen war jetzt wirklich, wenigstens anscheinend, ruhiger geworden.
Lucian fuhr jetzt beruhigt fort:
„Es erübrigt mir nur noch, Ihnen meinen wärmsten Dank für Ihre freundliche Unterstützung auszusprechen. Ihnen habe ich meinen Erfolg zu verdanken. Ich werde dies nie vergessen und Ihnen mein ganzes Leben dank« bar sein!"
auf dem Holtz-Wege sein! Und so fügt sich noch mancher Stein, Hornstein, Kalkstein, Wellstein undHammer- stein zum Bau des Reichstages zusammen. Lächerlich ist eS, von einer mangelhaften Vertretung des Mittelstandes zu reden. Die vielen Schmidt, Schneider, Fischer, Förster, Guer- ber, Metzger, Schwertfeger, Köhler, Zimmermann, (westfälisch Timmermann) können uns eines Bessern belehren, jeder Richter bestätigt uns das. Was thut's, das der Zangenmeister dies Mal fehlt? Gewiß sind ja Bassermann'sche Gestalten vertreten; muß man aber darum gleich in's Horn stoßen? Ein LangerhanS wird Fritzen, Moritz, Leonhardt und Lorenzen schon einigen, wenn man auch Hintzen im neuen Reichstage vermißt. Und sollte ein Neckermann den Scherz nicht zu weit treiben, sollte man in der Debatte zu Beil greifen (Stöcker gibt's nichts mehr!),*) wenn der Gegner einen zu fehr in die Klemm bringt, sollte Krupp seine Geschütze auffahren, weil man nicht wie er Will — was schadet es? Bei etwaigen Verwundungen durch die Oppositionsparteien oder durch die Wilden (übrigens ist ein Roth er auch .bei den Konservativen), hat man genug Verbandswatte zur Verfügung; der Reichstag hat ja ein ganzes Wattendorf.**)
Ganz harmlos ist dieser Reichstag nicht, da man den Harm wredergewählt hat. In der That — einer Gesellschaft, wo Fuchs und Geyer in den Oppositions-Reihen sitzen, wo man in die Nähe des Erster» sogar Fu sänge In gesetzt hat, wo selbst die Konservativen einen Sperber haben, ist nicht zu trauen. Un- willkürlich sucht man nach freundlichen Bildern, fragt sich, ob für die materiellen Bedürfnisse des Volkes gut gesorgt wird. Nun, da ist nicht zu klagen. Die Wilden bringen einen Hahn — Feinschmecker hätten lieber ein Hänel, was aber nebst dem H ä h n l e ausgeschieden ist; auchHuene gibt'S nicht mehr. Doch bringen die Elsässer ein Küchly in ihrer anmuthigen Mundart. Die Konservativen, die nicht mehr wie früher einen Hahn stellen können, bringen einen Steppuhn mit, den bekannten seltenen ornithologischen Gast Deutschlands; dazu einen Rettig. Da das Centrum nebst einem Haas einen Krebs und ein Lama lkjxrt, vermißt man sehr den freisinnigen Koch, der nebst seinem Gutfleisch ausgeschieden ist. Wie bisher, erhöht der Singer die Freunden des Mahles; wer nach Fischspeisen verlangt, mag sich einen Aal bei dem Ahlwardt bestellen. Die Anti-Semiten haben auch ein Hirsche! mitgebracht. Alle Altersstufen, derBueb und der G re iß sind vertreten, sie werden sich schon vertragen; die Jungfer, ein altes Streit-Object für das Mannsvolk, ist ausgeschieden. Nach dem Mahle wird em Anker Bock, für schwächere Constitutionen Böckel verzapft. Der Dohrn der Zwietracht sticht nicht mehr, der Funck' der Eifersucht ist erloschen. Einträchtig sitzt der Sachse, Hesse und Böhme neben dem Preiß (merkwürdiger Weife einem Elsässer), dem national-liberalen Bayerlein und Frank und dem Brandenburg, Schönlank, Lüttich und Bamberger. Es sind eben alle Lender deutscher Zunge vertreten: was Wunder, daß die Stuttgarter chr Siegle und die Kehlheimer ihr S i g l auf den Freundschaftsbund drücken. Der L i e b k n e ch t umarmt den Anti-Semiten Liebermann, dem sich von der- elben Fraktion sogar ein Lieber zugesellt; sein Namensvetter vom Centrum ist mir aber doch — Lieber. Daß bei den Sozial-Demokraten neben einem Kühn auch ein Reißaus itzt, darüber kann höchstens ein Grillenberger sich Sorge machen. An dem armen Wurm wird hoffentlich Niemand einen Zorn (v. Bulach) auslaffen. Das Postwesen ist in guten fänden; der konservative Stephanus ist nebst dem gleich- alls ausgeschiedenen freisinnigen Stephan durch einen reichsparteilichen Stephan ersetzt worden, der für die Briefe des Reichstages einen Kröger beschäftigt. Die Rohrpost wird durch Roer en geleitet, gewiß eine große Erleichterung bei der jetzt herrschenden Hitze, wo so Mancher zum Krügler geht und ein Pichler wird. Das Centrum wird die Partie gewinnen; noch hat es den Wenzel in der Hand, und der Riß ist verschwunden. Allerdings hat es den Wonnemonat M e y in Dan- «g nicht durchbringen können; er erlag seinem natürlich stärkeren Komparativ Mayer, der in mehreren Fraktionen Namensvettern hat Die Sozialisten steigern noch weiter: Meist; ihre abermalige Steigerung Meister ist sprachwidrig.
Kann man sagen, der Bauern-Bund sei schlecht vertreten? Ackermann und Haberland sind ja ausgeschieden, der Pflüger ist aber geblieben; wenn das Bäurle nur mit den zwei Rittern, dem Hofmann und Herzog sich verträgt dann sind Groß- und Klein Grundbesitz geeinigt. Die National- Liberalen kommen übrigens den Großbauern sehr entgegen da sie zu dem Berbrüdernngsmahl besondere Schulze-Hennen mitbrmgen. Dennoch wird man sich vielleicht bei die Köpp oder Schöpf kriegen und sich um des Kaisers Barth streiten; nicht Jeder weiß ja, daß es ein Roth bart ist. Auf erleichterte Getrerde-Einfuhr werden die Müller (auch Möller) bringen, bte man in den meisten Fraktionen findet. Fürst Bismarck, der Ausgeschiedene lebt in seinem neu gewählten Sohne wieder -------- auf; aus alter Liebe für den eisernen Kanzler haben sogar die Mary verließ rasch den Salon, befahl dem Kammer« einen Herbert gewählt. Daß auch der Zukunsts-
------ . 1-7 , ' 1 1 i staat nicht ohne seinen V ogtherrn sein kann, ist für den Ver
schön, schön, ich will die näheren Weisungen geben. Entschuldigen Sie, daß ich Sie einen Augen« blick allein lasse."
. sagte sie leise zu sich selbst, .ich fühle es, daß ich ihn liebe ..."
„Dann frühstücken Sie also wohl mit uns?"
„Ja, Ihr Herr Vater hat mir aufgetragen, Ihnen dies mitzutheilen."
Harmant befand sich noch in derselben Stellung, in welcher wir ihn zurückgelasien hatten.
Als er feine Tochter eintreten sah, erhob er sich. ^.r?.un"' lagt- er dann, „hast Du mit Deinem Schützlinge gesprochen, meine Liebe? Bist Du nun zufrieden?"
Mary schlang ihre Arme um den Hals ihres Vaters und rief aus:
„Ja, gewiß bin ich zufrieden, Väterchen, sehr zu- fneben, zufriedener als Du glaubst! Ich liebe Dich so sehr!"
Der Millionär betrachtete sein Kind, dessen reizen« des Gesicht mit Freuden thränen benetzt war.
Seine Stirn legte sich in Falten — ein plötzlicher Gedanke blitzte ihm durch den Kopf, und er konnte sich einer gewissen dunklen Furcht nicht erwehren.
Er zitterte bei dem Gedanken, daß er vielleicht die Ursache der Thränen des jungen Mädchens begriffen
*) Jrrthuml Stöcker (Siegen) ist zwar gegangen, aber Stöcker (Kronach) ist geblieben. Die Red.
**) Aul Die Red. (Köln. Bolksztg.)
Lucian hatte inzwischen den Salon betreten, in welchem sich Mary befinden sollte.
Das junge Mädchen hatte milder größten Spannung auf das Resultat der Unterredung zwischen Lucian und ihrem Vater gewartet.
Als sie ihn mit strahlendem Gesichte zurückkommen sah, ging sie auf ihm entgegen und rief ihm zu:
„Nun, wie hat es gegangen, sprechen Sie schnell!"
„Oh, sehr gut."
„Mein Vater hat Ihnen die Stelle gegeben?"
„Ja, von heute ab gehöre ich zu dem Personal des neuen Etablissements, und ich führe bett Tite „Direktor."
^abe, aber suchte so gut als möglich ben Schmerz zu überwinden.
„Nun, gehen wir frühstücken", sagte er dann.
„Ja, Vater, gehen wir frühstücken, und wenn eS Dir recht ist, will ich euch Beide sogleich nach Courbe- voie begleiten."
„Du wünschest eS?"
„Gewiß."
„Gut also."
Vater und Tochter begaben sich nunmehr zu Lucian, und alle drei gingen dann in den Speisesaal. (Forts, f.)
Dann fuhr sie, ihre Bewegung beherrschend fort:
"Sie werden also nächstens Ihre Thätigkeit bei uns beginnen?"
Der neue Reichstag.
Von Hieronymus Kannegießer.
Motto: Nichts für ungut!
t , In den Zeitungen der verschiedensten politischen Parteien habe ich trefstnnige Studien über das voraussichtliche Wirken des Parlaments gefunden, das für die nächsten 5 Jahre die Schicksale des deutschen Volkes in den Händen hat. Sonderbarer Weise ist anscheinend nach Niemand auf den eben so einfachen, als fruchtbaren Gedanken gekommen, die Reichsboten etwas auf ihre Namen zu prüfen und daraus recht sichere Schlüsse für die Zukunft zu bauen.
Md K8a6 sich »K alsdann in das Bibliothekzimmer, UM ihren Vater I Heyl aus der Wahl eines Engels erwartet; mögen sie Nicht abzuholen. 1 h-~ -- - ' -
Mary reichte ihm die Hand.
„Wir werden sehen, ob Sie eS nicht vergessen!" sagte sie lachend.
Der Sohn Julius LabroneS nahm die kleine Hand, welche Mary ihm entgegen hielt, und führte sie ehrfurchtsvoll au seine Lippen.
Wie ein elektrischer Strom durchzuckte eS das junge Mädchen.
"Nem . . . nein . . . . daS darf nicht geschehen! Es wird nicht geschehen.
„Dieser junge Mann wird mich nicht mehr verlassen, er muß bei mir bleiben, damit ich sein ganzes Thun und Lassen überwache, seine Gedanken zu er- rathen suche und ihn nötigenfalls bei Seite schaffe, wie ich auch seinen Vater beseitigt habe, falls er verbuchen sollte, daß der reiche Fabrikbesitzer Paul Har- maud Niemand anders ist als Jakob Garand, der Mörder und Sronbftifter!“
Nach diesem Selbstgespräche ließ sich der Millionär, welcher abermals, wenn nöthig, zu einem neuen Verbrechen bereit war, auf feinen Sitz niederfallen und versank wiederum in ein dumpfes Brüten.
Mary war nicht fähig, die Erregung völlig zu be- herrschen, welche sich ihrer bemächtigte, und kaum int Stande, sich aufrecht zu erhalten, so daß sie sich auf einen Stuhl stützen mußte.
„Sind Sie unwohl?" fragte Lucian bestürzt, indem er hmzusprang, um ihr beizustehen.
"ö «em . . . nein", stammelte sie. „Ich bin so glücklich.
„Genuß, ich habe eine solche Summe nicht erwartet." „Sie nehmen also mit einem Worte an?"
„Mit der größten Bereitwilligkeit."
70.
„Gut also," fuhr der falsche Paul Harmant fort. Bon morgen an werden Sie also hier die AuSmöbli- rnng eines großen Raumes neben diesem Bibliothek- ^mmer überwachen, in welchem zwölf Zeichner Platz finden. Heute will ich die Baulichkeiten in Courbevoie besichtigen, ich wünsche, daß Sie mich dorthin beglei- ten, damit Sie Alles persönlich in Augenschein nehmen."
„Ich will eben frühstücken gehen und dann zurück« kommen."
„Ich gebe Ihnen darin Beifall, daß Sie Ihren Vater rächen wollen, aber ich bezweifle, daß eS Ihnen gelmgen wird. Kehren wir jetzt wieder zu unserer Angelegenheit zurück. Augenblicklich sind Sie ohne Familie, ohne Stellung und ohne Mittel."
„So ist eS."
wünschen in meinem Geschäfte eine Stelle, welche Ihnen nicht bloS die Gegenwart, sondern auch die Zukunft sichert?"
„Natürlich!"
„Nun «wohl, ich gebe Ihnen hiermit diese Stelle." „Ah, mein Herr!" sagte Lucian hocherfreut, indem er aus Dankbarkeit die Hände Jakob Garand'S drückte
Diese Hände waren eisig kalt.
Der Millionär entzog sich feinen Dankesbezeugun- gen und fuhr fort:
''S«- sind gewiß befähigt genug zu diesem Posten; übrigens haben Sie den Beweis hierfür abgelegt, indem die Firma Siemens & Co. Sie engagirt bat. Sie sollen mein Stellvertreter fein und Ihr Titel als Direktor wird Ihnen schon die nöthige Autorität über Arbeiter verleihen. Ich überlasse er Ihnen, Zeichner, Werkmeister und Arbeiter für mein Geschäft zu suchen. Nur verlieren Sie keine Zeit, denn ich wünsche, daß das Zeichen - Atelier, welches einstweilen in meinem Hause untergebracht werden soll, binnen drei Tagen w s Leben tritt. Ich habe von meiner Reise eine Reihe Auftrage mttgebracht, welche in kürzester Zeit erledigt werden sollen. Ich werde Ihrer Dienste oft bedürfen, deshalb werden Sie Ihre Wohnung möglichst nahe bei meinem Hause nehmen müssen."
„Es soll geschehen."
„Ich will Ihnen einstweilen als Anfangs-Gehalt 12,000 Franken per Jahr geben. Sind Sie damit zufrieden?"
„Ja, bereits morgen, Fräulein."
„Aber die Baulichkeiten sind ja noch nicht vollendet."
„Einstweilen werde ich hier im Haufe die Leitung eines Zeichenateliers übernehmen, welches Ihr Herr Vater provisorisch hier einzurichten gedenkt."
„Und war gedenken Sie heute zu beginnen?"
„Heute begebe ich mich mit Herrn Harmant nach Courbevoie."
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(71. Fortsetzung.)
Lebhaft erregt war der Millionär inzwischen auf* gestanden. Einige Minuten lang schritt er hastig indem Gemache auf und ab, blieb dann plötzlich stehen und sagte:
„Sie können mit nnS frühstücken."
"®ie sind zu gütig, mein Herr . . . Dank Ihrer Güte leuchtet mir eine bessere Zukunft, die für mich viS letzt so dunkel und trostlos war. Wie soll ich danken für Alles, was Sie für mich thnn?"
»Sie müssen Ihre DankeSbezeugnngen meiner Tochter und Ihrem Freunde Georg Darier abstatten," ver- fetzte der Millionär. „Sie wissen den Weg zum Salon?"
„Ja."
„Gehen Sie zu Mary und erwarten mich bei ihr. Theilen Sie ihr mit, daß ich in fünf Minuten erschei- neu werde und daß Sie mit uns frühstücken werden."
Während der falsche Paul Harmant dies sagte, hatte er die Thür des Bibliothekzimmer geöffnet.
Freudetrunken verließ Lucian das Gemach und schritt auf den Salon zu.
Jakob Garand schloß die Thür hinter dem jungen Manne und ließ sich dann erschöpft und wie gebrochen auf einen Stuhl fallen.
(Einige Sekunden lang schien er äußerst niederge- Wagen zu fein, dann richtete er hastig dm Kopf empor.
Sem Gesicht war purpurroth und seine Augen stierten irr umher.
Er nahm seine Stirn in beide Hände und murmelte bann mit erstickter Stimme:
„Lucian Labrone — der Sohn des von mir gemordeten Mannes! Ein Kind, welches reich hätte sein önnen, ist durch mein Verbrechen so zu sagen dem Eimde preisgegeben und kommt zu mir, um mich um «trbeit zu bitten! Und meine Tochter nimmt sich feiner £ m <”ter .'£rcmSchutze kommt er zu mit! Ist e8 Borschung?""d' “ 'st er die
<irm.n?Uciao^o6^e A diesem Haufe - Lucian Labrone
* (4e Schadlosigkeit Johanna'S und an die nÄ ?ofr6 SEd'S ! Lucian Labrone will heute
Sahrm seinen Vater rächen durch öffentlichen Skandal, welcher mein Kind ebenso sehr M"n würde als mich selbst und der das so mühsam ^gebaute mit einem Male niederreißen würde!"