JW 165 __Samstag, den 22. IM 1893« 20. Jahrgang
MdaerMZeitilüg
i — täglich, Sonn- und geiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 16 $f„ bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
I »KertekMrKcher Abonnementspreis ohne Bringerloh» und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auSwSM 1 Mark SO WWSWSWSWSSWSSSSSSSWWWWSSSS>SSSSSSSSSSWSS^MSVSvVSWSSSSS^WWWSSWSWWWSSWMWSWSSSSSWSSSWWWSS^^^^^^^M»WW»M^^I^»
| gesehen. Sonst nennt man daS, was jetzt die Polen । treiben, äo-ut-äss-Politik, politische Handels- Geschäfte. SolchePolitik wird gern dem Centrum vorgeworfen, wiewohl es nie wider feine Ueberzeugung Ja gesagt hat, um auf anderen Gebieten Zugeständnisse zu erreichen. Jetzt wird den Polen zu dieser Politik stürmischer Beifall gespendet. Die Beifallspender »erben aber einen weiteren Dank nicht haben. Ja, im Grunde werden sie die Polen nur noch mehr geringschätzen. Warum soll man Leuten dankbar sein, die bekennen, daß fie dieses nur thun, um Dank einzuheimsen? Gewiß trieben auch die Konservativen rc. äo-ut-äos-Politik. Sie bewilligten die Militärvorlage, um Byrtheile für die Großgrundbesitzer oder, wie sie vorsichtiger sagen, die Landwirthschaft, zu gewinnen. Aber sie hüllen sich dabei doch in den Mantel der Patriotismus. Die Polen sind auf dem besten Wege, sich zwischen zwei Stühle zu setzen. Bei den alten Kartell-Parteien werden sie sich durch ihre Liebedienerei keine Freundschaft erwerben, aber die Unterstützung, die dar Centrum chreu berechtigten Forderungen gewährte, werden fie bald verscherzt haben. Sie haben sich bei den Wahlen in Westpreußen den deutschen Katholiken gegenüber derart benommen, daß deren Geduld nachgerade zu Ende I sein dürfte. Ist ihnen die Unterstützung der Gouver-
nemeutalen werthvoller, als die der CentrumSpartei, so mögen fie es versuchen, wie weit sie damit kommen.
Endlich entlarvt!
Roman von R. von Wollersheim.
(70. Fortsetzung.)
Das Ergebniß dieser ersten Prüfung schien für den Bittsteller durchaus günstig zu sein, dmn die gezwungen scheinenden Gesichtszüge des Millionärs erheiterten sich.
„Sie haben ein Empfehlungsschreiben von Herrn Georg Darier?" frug er ihn im wohlwollenden Tone.
„3a, hier ist es."
Damit überreichte er das Papier dem Industriellen.
Derselbe nahm eS in Empfang und fuhr alsdann fort:
„Sie sind zu gleicher Zeit ganz besonders durch meine Tochter empfohlen, welche Sie während meiner Abwesenheit empfangen hat. Ich will Ihnen deshalb gewiß gerne gefällig sein, aber Geschäfte sind nun einmal Geschäfte, dies wissen Sie ebenso wohl als ich, und ich kann keine Entscheidung treffen, ehe ich weiter mit Ihnen gesprochen habe."
„Versteht sich von selbst. Die Unterredung, welche Sie mir gütigst bewilligt haben, war vorderhand dar höchste Ziel meiner Wünsche, denn dieStelle, um welche ich mich bewerbe, kann nicht von einer bloßen Vergünstigung abhängig sein."
„Ich will Dich allein mit Herrn Lucian lassen, nd ich will daS Resultat eurer Unterredung hier Nebenan abwarten," sagte jetzt Mary.
„Ja, ich habe außerdem besondere Studien in der Mechanik, soweit sie bei Eisenbahnen Anwendung findet, gemacht. Es ist dies ja eine Frage, welche wenigstens gemäß einiger Zeitungsartikel Ihre persönliche Aufmerksamkeit in hohem Grade erregt hat. Ich habe mich indeß nicht mit der Theorie begnügt, sondern die Sache auch praktisch durchgemacht, und ich kann wie ein gewöhnlicher Arbeiter ben Arbeitern zeigen, wie man ein,Stück schmiedet und eS angepaßt."
„DaS beweist allerdings, daß Sie nicht ohne große Kenntnisse find, und ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Ich brauche Sie deshalb wohl kaum zu fragen, ob Sie Zeichner find?"
„Wenn ich dies nicht wäre, würde ich er nicht gewagt haben, mich Ihnen vorzustellen. Da ich keine andere Stellung hatte, so habe ich die Zeichnungen für die Firma Simons u. Cie. in St. Quentin besorgt, war ich auch noch heute thue."
„Ah!" sagte Paul Harmaut, indem er abermals den jungen Mann scharf ansah, „Sie machen die Zeichnungen für Simons u. Cie.?"
Ja."
"®ie alt sind Sie?"
„Siebenundzwanzig Jahre."
„Sie wohnen in Paris?"
„3a."
„Sind Sie geborener Pariser?"
weg. Denn nachdem er fich für kurze Zeit entfernt hatte, stürmte er plötzlich in die Fraktton hinein und erklärte, die Situation habe sich nicht geändert, Caprivi wolle sich in Verhandlungen einlassen Dar war nicht richtig, denn nicht der Kanzler wollte Verhandlungen anknüpfen, sondern Herr von KoScielski erbat sich bei dessen Adjutanten eine sofortige Audienz für eine polnische Deputation. Die Fraktion, die von dem Sachverhalt nichts wnßt, wählte eine aus dem Fürsten Radziwill, dem Prälaten Jabs- zewski und Herrn v. Polczynski bestehende Deputation. Die Dkputirten kehrten mit langen Gesichtern zurück, denn der Kanzler sagte ihnen zwar, daß der Kaiser auf die polnischen Stimmen rechne und daß er, Caprivi, als Mensch, nicht als Beamter, Mitleid mit ihnen habe, erklärte fich aber nicht bereit, irgendwelche Konzessionen bezüglich der Schule und dergleichen zu machen. Trotz dieses vollständigen Nichts begannen die Mei-
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Juli.
(♦) Unter der Benennung „Wirthfchastliche Bereinigung" hat sich, wi- bekannt, im Reichstag eine Anzahl von etwa 100 Mitgliedern zusammengefunden, welche eS sich zur Aufgabe machen will, die Interessen der Landwirthschaft und des Gewerbestandes wahrzunehmen. Wie schwierig es jedoch sein dürste, die wider- streitenden Interessen des Gewerbestandes, der Sanem und der Großgrundbesitzer in Einklang zu bringen, hat sich gleich bei der ersten Verhandlung, über welche wir in der Sage sind, ausführlichen Bericht auf Gmnd uuS geworbener Informationen zu erstatten, gezeigt. In dieser sollte nach Erledigung der Vorstandswahl über einen von der süddeutschen Bolkspartei im Reichstage eingebrachten Antrag auf zeitweilige Außerkraftsetzung der Zölle für Futtermittel berathen werden. Während sich nun die Großgrundbesitzer der östlichen Provinzen meistmS entschieden gegen eine solche AuSnahmemaß- regel aussprachen, indem sie eS für beffer hielten, unter allen Umständen an den einmal eingeführten Zöllen festznhalten, waren die Vertreter der Landwirthschaft ans Süd- und Westdeutschland, die mehr dem Mittelstände der Gmndbesitzer angehören, ganz entgegengesetzter Ansicht und glaubten eine zeitweilige Aufhebung des MaiSzolleS jedenfalls befürworten zu können. Schließlich gelang eS der eindringlichen Mahnung des konfervativen Abgeordneten Lutz, hier alle Sonder - Interessen bei Seite zu setzen, einen Anttag
I zur Annahme zu bringen, welcher die Rückerstattung des MaiSzolleS für die Bezüge der landwirthschaftlichm Vereine, Bauernvereine, KreiSausschüsse rc. in den Noth- standS-Gegenden für die Zeit bis zum 1. April 1894 bezweckt. Da dieser Antrag jedoch toegeo Schluß der Reichstags - Session nicht mehr rechtzeitig im Plenum eingebracht werden konnte, soll er den verbündeten Regierungen zur Berücksichtigung überwiesen werden. Gleichzeitig gelangte in dieser Versammlung ein Antrag der Grafen Herbert Bismarck auf zeitweilige Aufhebung der Zölle für künstlichen Dünger zur Annahme; auch dieser Antrag wird jedoch erst in der Winter-Session der Reichstages zur Erledigung im Plenum gelangen. Die CenttumSpartei hat sich dieser „Wirthschastlichm Bereinigung" nicht angeschlossen, weil sie solche als mehr den Interessen der Groß-Industrie und des Großgrundbesitzes dienend ansieht, während eS dem Programm des CentrumS entspricht, für alle Berufs- klaffen gleichmäßig einzutreten, insbesondere aber für die weniger Leistungsfähigen, für den mittleren und kleineren Grundbesitz, für den Arbeiter- und Handwerkerstand. DaS Centrum hat deshalb auch bereits in dieser kurzen Session folgende Anträge eingebracht: 1) Auf Abänderung des Jnvaliditäts- und AlterSver- sicherungS-SesetzeS, 2) auf Einführung des Befähigung--
Dir uolnifohe Malt!ervalitik I nungeu za schwanken, und als im letzten Augenblicke
ZVMrrMlllK. Prälat v. Jadszewski durch einen Eilboten ein Schrei-
* Die Militärvorlage ist also nun im deutschen boten des Erzbischofs von Posen erhielt, hob man ben
Reichstage definitiv angenommen, aber man frage nur Beschluß auf — unbekümmert um die sechs abwesenden
nicht wie. Aeu^lich war die Scenerie allerdings I Abgeordneten — und gemäß einem neuen Beschlüsse, feierlich und ungewöhnlich. Kaiser Wilhelm erschien gab Prälat v. Jadszewski die bekannte Erklärung ab.
selbst im Reichstage und nahm die Botschaft des So weit der ,Goniec Wilkopolki'.
Reichskanzlers entgegen, allein das ändert nichts an Mögen auch in dieser Darstellung Einzelheiten der Thatsache, daß die Majorität eine sehr prekäre nicht ganz genau sein, so viel steht fest, daß die Zu-
(16 Stimmen) war, und daß sie auf eine recht eigen- stimmung der Polen zur Vorlage keineswegs ein Pro- thümliche Weise zu Stande gekommen ist. Da es bukt ber Spontaneität und allseitiger freudiger Eineigentlich nur die Polen waren, die die Annahme I müthigkeit gewesen. So also haben die Polen bei der Vorlage ermöglichten, so möge eine Darstellung der deutschen Reichstages eine Frage entschieden, auf deren Vorgeschichte der bekannten Erklärung Dr. Jabs- Lösung ganz Europa gespannt war! Möge tiefer Be- zewski's aus polnischer Quelle hier Platz finben. I weis ihrer patriotischen Gesinnung bei der deutschen DaS Posener Blatt ,@oniec' bringt nämlich hierüber I Reichsregierung die gebührende Würdigung finden, folgende Aufschlüsse: „DaS von Jadszewski gebrauchte Was bisher keine Partei zu sagen gewagt hat, die Wort „eiumüthig" fbezieht fich nur auf die Ab- Polen bekannten es unzweideutig: fie waren nicht von lehnung einer materiellen Besprechung ber Vorlage, ber Nothwendigkeit ber Militärvorlage überzeugt; sie nicht aber auf den Beschluß, für die Militärvorlage stimmten aber doch für diese enorme Belastung des zu stimmen; Einmüthigkeit in letzterer Beziehung war Volkes, weil fie sich als Dank besondere Bortheile für nicht vorhanden, eS war sogar bis zum letzten Stegen- ihre polnischen Landsleute versprechen. Sie hoffen, die blicke gar nicht die Rede von der Abgabe einer solchen polenfeindliche Politik, insbesondere auf dem Schulze- Erklärung, und sechs Abgeordnete wußten nichts da- biete, werde sich ändern. Der preußische Kultusmini- davon. Mittwoch und Donnerstag verreisten sechs ster hat in der letzten Landtags-Session alles eher ge- Abgeordnete, da sie gewiß waren, daß die von ihnen I zeigt als Neigung, den Wünschen der Polen gerecht zu beschlossene Erklämng, die polnische Fraktion werde werden. Die Hoffnung der Polen beruht auf dem nur bedingungsweise für die Militärvorlage stimmen, Kaiser persönlich. Herr v. Koscielski hat allerdings nn Plenum vom Abgeordneten Cegielski abgegeben für feine Bewilligungslust allerlei Auszeichnungen erwürbe. Dem Herrn v. Koscielski gefiel biefe Er- fahren; aber daß ber Gang der Politik dadurch anders klärung nicht, und er begann am nächsten Tage im geworden fei, daß einzelne polnische Parlamentarier sich „Kaiferhofe" mit dem Fürsten Radziwill und Herrn oben beliebt zu machen wußten, hat man birher nicht v. KomierowSki darüber zu berathen, wie eine Aende« " ~ ~ .....
rang derselben herbeigeführt werben könne.
Die Erörterung in der Fraktion nahm viel Zeit in Anspruch, und als endlich erttärt wurde, daß man die einmal beschlossene Erklärung ohne Wissen der uichtanwesenden sechs Abgeordneten nicht ändern könne, da verfiel Herr von Koscielski auf einen neuen AuS-
„®ut, meine Theure."
Das junge Mädchen verließ also das Zimmer, nicht ohne Lucian einen ermuthigenden Blick zuzuwerfen.
Paul Harman t deutete nunmehr mit der Hand auf i einen Sitz, und Lucian, besten Erregung um so mehr wuchs, je näher der entscheidende Moment heranrückte, ließ sich Harmant gegenüber nieder.
„Die Stelle, welche Sie zu erhalten wünschen," begann Harmant, „ist die Stelle einer ArbeitSbirektorS in meinen Ateliers, dies wissen Sie jedenfalls."
„Ja, ich weiß es, und Sie können glauben, daß ich die hohe Bedeutung dieses Postens nicht verkenne und sehr wohl weiß, welche Anforderungen derselbe an feinen Inhaber stellt."
„Ich bitte Sie indeß, fuhr Lucian fort," daß Sie die Güte haben wollen, ehe wir unsere Unterredung fortsetzen, nähere Kenntniß von dem EmpfchlungS- djreiben zu nehmen, das Ihnen zu überreichen ich die Ehre batte. Es hat Jemand geschrieben, welcher mich ehr gut kennt und welcher außerdem jede Bürgschaft ür mich übernimmt."
Harmant faltete also das Schreiben auseinander und laS die ersten Sätze desselben. Dann legte er es, ohne eS zu Ende zu lesen, offen vor sich hin und sagte:
„Georg Darier empfiehlt Sie mir mit ber Ueberzeugung eines Mannes, welcher Ihrer Befähigung burch- I aus gewiß ist. Sie hoben Ihre Borbilbung in ber Ge-
| Werbeschule genossen?" I